Exotica: Von Sarkophagen und Schokolade

Der Versuch der renommierten Kunsthistorikern Judy Sund in ihrem Buch Exotic. A Fetish for the Foreign ("Exotica. Ein Fetisch für das Fremde") die frühesten Exotica, Kunst- und Kultobjekte, Luxusgüter, Genussmittel und kulturelle Praktiken ausfindig zu machen, um dann systematisch ihre Geschichte von der Antike und frühen Neuzeit - der ägyptischen, asiatischen, griechischen, römischen, amerikanischen Welt - bis heute zu erzählen, ist ein gigantisches Unternehmen...

Es erweist sich als recht tricky. Wie können die heiklen Fragen rund um das Verhältnis der westlichen Gesellschaften zu den ehemaligen Kolonien, die sich heute mit Fokus auf Raubkunst stellen, angemessen behandelt werden? Als erfahrene Autorin und Wissenschaftlerin im Umgang mit dieser vielschichtigen Problematik nimmt Sund, Professorin für moderne Europäische Kunst und Kunst der beiden Amerikas an der City University of New York, möglichen Kritikern gleich im Titel den Wind aus den Segeln. Hier sagt sie klipp und klar, dass Exotica an sich erst durch die Begegnung mit dem Westen entstehen. Es ist der westliche Blick, der in ihnen das Fremde, Schöne, Authentische und Ethnische sieht, der Obelisken oder Federkleider bestaunt, begehrt und sie besitzen will.

Zum Auftakt der Schau exotischer Gegenstände zeigt Sund die Abbildung eines zusammenklappbaren Stuhls aus Ebenholz mit Elfenbeinintarsien, eine als Grabbeigabe Tut-anch-amons (14. Jahrhundert), heute im Besitz des Ägyptischen Museums in Kairo. Fachkundig verweist sie im Eröffnungskapitel "Earliest Exotics" (Früheste Exotica) auf die exotischen Materialien und das nicht-lokale Design dieses Highlight: anstelle des lokalen aus Tierhaut bestehenden Sitzes des zeitgenössischen nubischen "Camping"-Hocker wird hier Ebenholz und Elfenbein eingesetzt, aber die Flecken des Leoparden werden nachgeahmt, auch die Quaste des Leopardenschwanzes aus Holz hängt an der Sitzfläche herunter, während die Füße des Stuhls mit typisch ägyptischen Entenköpfen verziert sind.

Wie "exotische Selbst-Stilisierung" als Fundament und Katalysator diente, Venedigs als prosperierende Handelsstadt und Machtzentrum zu etablieren, führt Exotic anschaulich vor, zum Beispiel an Ölgemälden der Piazza San Marco von Gentile Bellini, oder an Luxusgütern, einem mit Giraffen verzierten Trinkbechern (Emaille-Glas) aus dem 13. Jahrhundert, an exotischer Architektur – dem vom islamischen Dekor inspirierten Dogenpalast – sowie dem venezianischen Lebensstil: die noblesse trug Perlen, Damast und Seide.

Sund enthüllt wie exotische Genussmittel und Rezepturen, zum Beispiel Schokolade und Kaffee, die heute alltäglich sind, im Westen eingeführt wurden. Trinkschokolade genoss man zur Zeit der spanischen Eroberung in ganz Mexiko und Mittelamerika. Während einige Spanier den Geschmack für das bittere oft mit Chili gewürzte Getränk entwickelten, das die Azteken kalt und heiß konsumierten, übernahmen die Europäer eher die Tradition Meso-Amerikas: Schokolade "die zuckersüße Erfindung".

Judy Sund Exotic. A Fetish for the Foreign.
Judy Sund - Exotic. A Fetish for the Foreign.

 

Dass das Wissen der Natives um Kakao als Aphrodisiakum weiter gegeben wurde, offenbart sich in dem Kommentar unter der handkolorierten Gravour (1690-1710): "Dieser junge Kavalier und seine schöne Dame genießen es, gemeinsam Schokolade zu trinken. Das lebendige Funkeln ihrer Augen suggeriert den Eindruck, dass sie sich nach etwas noch Genüsslicherem sehnen".

Sund weiß zum Kapitel Schokolade Anekdotisches zu berichten: Madame de Sévigné, die spanische Prinzessin und erste Gattin Louis XIV führte Schokolade am Hof ein. Sie warnte ihre schwangere Tochter vor den Gefahren des Getränks: Laut der Geschichte einer Bekannten hatte diese in Folge der Gewohnheit Schokolade zu konsumieren ein schwarzes Baby zur Welt gebracht. Der Apotheker Sylvestre Dufour schrieb in "Neue und kuriose Abhandlungen zu Kaffee, Tee und Schokolade" (1685) Schokolade gesundheitsförderliche Wirkung zu. Auf dem Titelblatt seiner Schrift verkörpert ein bärtiger Araber mit Turban und einer Tasse in der Hand das damals nahezu unbekannte Getränk: Kaffee. Eine interessante und wenig bekannte Dimension des Kaffee, seine psychotropische Wirkung und Beitrag zur Stimulierung der Demokratie in Frankreich, die ihren Beginn in den Pariser Kaffeehäusern des 18. Jahrhunderts nahm, findet bei Sund allerdings keine Erwähnung.

Über die weite Verbreitung von Exotica und ihre massive Wirkung, die bis in den Alltag reichte, gibt das Buch für die Epoche des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts Aufschluss: bekannte Beispiele wie die Malerei Van Goghs, Henri Matisses und Paul Gaugains stehen im Zentrum. Phänomene des Massenexotismus, der Bildproduzierenden und Amüsier-Industrie vor allem aber der wichtige Bereich der Mode in globalen Zeiten haben in dem kunsthistorisch ausgerichteten Buch hingegen keinen Platz.

Der Kulturwissenschaftler Carlos Rincón erläutert 2001 in einem aufschlussreichen Text - "Exotisch/Exotismus" – Folgendes: Um Mode für das 21. Jahrhundert zu schaffen, bot die Haute Couture viel Exotisches an, ohne Sensationalismus zu schüren: den "Paradiesvogel" in Form farbiger Federumhänge, den an Massai-Stammeskunst inspirierten Look neben Chinoiserien. Mode – der look – ist bestimmend, eine der Modalitäten Identität auszuhandeln, zu untergraben, eine Möglichkeit individuelle und kulturelle Unterschiede anzunehmen.

Judy Sund Exotic. A Fetish for the Foreign. 215 Abbildungen, 271 S., London-New York: Phaidon Press 2019, 55,00 € ISBN 978 0 7148 7637 5

Fotos: Cover, Verlag Phaidon Press

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Zuletzt bearbeitet am 22/05/2019

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