Flandern ruft: Auf zu Pieter, Paul und Michaelina

Belgien ist derzeit in top in den Weltnachrichten. Dafür sorgen die Erfolge der Fußballer bei der WM in Russland – aber nicht nur!

Ein Gutteil der kickenden "roten Teufel" – sie heißen so, seit ein Fußballreporter sie 1906 als "Teufel in roten Trikots" beschrieb - stammt aus Flandern. Und die von UNESCO-Welterbestätten übersäte, mit grandioser flämischer Küche aufwartende nordbelgische Region ist derzeit ebenfalls "State of the Art", sogar in mehrfacher Hinsicht. Da sind natürlich zum einen die Fußballstars, etwa Belgiens Rekordtorschütze Romelu Lukaku, der ebenso wie sein jüngerer Bruder Jordan Lukaku, auch belgischer Fußballnationalspieler, aus Antwerpen stammt.

Aber da sind in Antwerpen natürlich auch jene großen Meister ihres Fachs, auf die Flandern nun – und sogar bis 2020 – auf sich aufmerksam macht: Pieter Bruegel der Ältere, Jan van Eyck, Peter Paul Rubens – und eine über Jahrhunderte in völlige Vergessenheit geratene flämische Barockmalerin: Michaelina Wouter, auch als Michaelian Wouters bekannt (1620 – 1682, nach anderen Quellen 1614 – 1689), deren grandiose Werke nun im Barockjahr der Stadt wiederentdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Und da ist natürlich Brügge, das mit atemberaubenden modernen Kunstinstallationen noch bis zum 16. September 2018 zur diesjährigen Triennale der Kunst lädt. Nicht genug damit: Zum flämischen Feiertag am 4. Juli fand man in der Botschaft Belgiens in Berlin zu Sekt und Pommes auch ebenso freundschaftliche wie tröstende Worte für alle deutschen Fußballfans: Drehen Sie einfach die Deutschlandfahne um 90 Grad - und Sie erhalten die belgische! So lässt sich das Fußballfest wunderbar weiterfeiern – eventuell mit dem neuen Weltmeister Belgien und seinen Stars aus Flandern, was der sensationelle Sieg über Brasilien dann auch umgehend bewies. Also: Auf zu den Flämischen Meistern, die von 2018 bis 2020 ganz Flandern für Besucher erschließen helfen.

Flandern fährt groß, fast weltmeisterlich auf, um das neue Kunst- und Kulturprogramm der "Flämischen Meister 2018 bis 2020" zum Erfolg werden zu lassen. So ließ Antwerpen zum herausragenden Anlass eigens eine Museums-App erstellen (www.antwerpenmuseumapp.com). Antwerpens Barock und das Rahmenprogramm vermittelt die Webseite www.antwerpenbaroque2018.be. Nicht genug damit: mit der Baroque Festival Card (25 Euro) lässt sich Antwerpen bei kostenlosem Eintritt in Ausstellungen und Kirchen und Ermäßigungen beim Rahmenprogamm bestens erleben. Noch dazu locken Antwerpens Sommerbars mit Cocktails und erfrischenden Häppchen, etwa im Black Smoke, im Jardim, im Bocadero, der Skybar, der Bar Feliz, der Zomerfabriek (Sommerfabrik) oder der Zomerbar "Zomer van Antwerpen" (Sommerbar "Sommer von Antwerpen").

Gemälde von Elke Zijnmeug.
Gemälde von Elke Zijnmeug.

 

Und da ist natürlich die große Wiederentdeckung Michaelina Wautier: Die Zeitgenossin von Peter Paul Rubens, eventuell in Mons geboren und in Bergen im Hennegau aufgewachsen, lebte von ca. 1640 bis 1660 bei Brüssel. Sie hatte einen malende Bruder, Charles Woutier(s) und wohl auch eine Malereiausbildung in Italien. Zu ihren Lebzeiten war sie ein Star: Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich, damals Statthalter in den noch spanischen Niederlanden, zu denen Flandern/Brabant gehörte, erwarb während seiner Regentschaft (1637 bis 1656) gleich vier ihrer opulenten Gemälde. Eines steht bis September 2018 im Mittelpunkt der Ausstellung in Antwerpens MAS, dem "Museum aan de Stroom": Ihr erst im Mai 2018 wieder aufgetauchtes Gemälde "Elke zijn meug", ein bisher unbekanntes Werk der berühmten Barockmalerin. Ein Privatsammler hatte dies Werk in Köln zur Auktion angeboten. Doch stellte sich heraus, dass seine Zuschreibung an den Maler Jacob van Oost falsch war. Wie vielen weiteren Gemälden von Michaelina Woutier erging es auch diesem so: Nach ihrem Tod verschwand die zu Lebzeiten Hochgeachtete in der kulturellen Versenkung, Michaelinas Werke wurden anderen, auch ihrem Bruder zugeschrieben.

Erst 1905 wurde man wieder weltweit auf Michaelian aufmerksam. Der Brite Walter Shaw Sparrow veröffentlichte damals sein Standardwerk "Women Painters oft he World", from the time of Caterina Vigi, 1413 – 1463, to Rosa Bonheur and the present day". Sein Ziel war, mit der Darstellung von 300 Gemälden von über 200 Künstlerinnen zu zeigen, dass die europäische Malerei der Damenwelt keineswegs zweitklassig war – und ist. So wurden Michaelinas Woutiers "Portrait eines Mannes" von 1646 oder ihr auch "Triumph des Bacchus" genanntes monumentales "Bacchanal"(1650) wieder bekannt. Ganz nebenbei war sie eine der ersten Malerinnen weltweit, die ein Selbstportrait fertigten. Dies unternahm sie 1649.

In Frankreich dauerte es bis 1672, ehe dort Elisabeth-Sophie Chéron nachzog. Doch auch jenseits all dieser Selfie-Geschichte in Öl auf Leinwand darf man sie als resolute, eigenständige Persönlichkeit verstehen: etwa, weil sie als eine der ersten einen nackten Mann malte, aber auch, weil sie mit den "Zwei Mädchen als die Heiligen Agnes und Dorothea" einfach Meisterwerke schuf. All dies ist nun noch bis Anfang September auch in Antwerpens Rubenshaus in einer Woutier-Retrospektive zu entdecken.

Es ist eines der Highlights im Rahmen des Themenjahres "Antwerp Baroque 2018. Rubens inspires". Und weiterwerden bis 2020 folgen: natürlich zu Peter Paul Rubens, dessen Druckwerke im weltweit ältesten Druckereimuseum, Antwerpens Plantin-Moretus-Museum (UNESCO-Welterbe), gezeigt werden. Es werden dann bis 2020 auch Pieter Bruegel dem Älteren oder Jan van Eyck geehrt.

Anders geht aktuell Brügge vor, das mit der Triennale 2018 aufwartet, ebenfalls eine App bereitstellt (www.xplorebruges.be) und mit dem Urb Egg (Garten der Poortersloge) und dem Urb Sea ebenfalls zwei spezielle Cafés für Pausen suchende Enthusiasten der modernen Kunst bietet. Stadtspaziergänge, Führungen und Fahrradtouren erschließen die Werke und Installationen etwa von John Powers, Jaroslaw Kozakiewicz, Renato Nicolodi oder Wesley Meuris. Die Chance, Brügge auf einzigartige Art zu entdecken…

Palais Royal.
Palais Royal.

 

Schön auch, dass kontrapunktisch passend und diesmal mit innovativem Blick der alljährliche Höhepunkt im Musikkalender Brügges stattfindet. Das weltweit renommierte Concertgebouw Brügge: lädt zum "MAfestival", dem internationalen Festival für Alte Musik. Dazu zählen auch Fringe-Konzerte für junge, vielversprechende Ensembles. Thematisch ist diese 55. Ausgabe des MAfestivals auch eine Hommage an die Frau in der Musik (3. bis 12.8.18).

Natürlich wartet auch die Hauptstadt Brüssel im Sommer 2018 mit Spannendem auf: So ist wie in jedem Jahr die königliche Familie im Sommer verreist. Dann dürfen Besucher das prächtige Domizil der Royals in Brüssel besichtigen. In Belgien ist seit 1965 Tradition, dass der Königliche Palast nach dem Nationalfeiertag am 21. Juli für alle geöffnet wird. Das ist passend, denn die Fußball-WM zieht ja noch bis zum 15. Juli in den Bann.

Bis zum 22.9.18 haben dann alle die Chance, im neobarocken Schloss zu flanieren und das Dienstzimmer von König Philipp, Prunksäle und vieles mehr zu bewundern.

Zum Inventar des Königspalastes gehört auch die Sammlung belgischer Gegenwartskunst mit Werken etwa von Marthe Wéry (Malerei) oder Dirk Braekman (Fotografie). Einmal mehr gilt: Flandern und Belgien präsentieren sich als State of the Art.

Schließlich sorgt bereits ein weltweit bedeutendes Ereignis für Schlagzeilen. Im November 2018 jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Zwar ist es schade, dass es in diesem Jahr noch nicht mit der Anerkennung von Flanderns Kriegsgräberstätten geklappt hat. Doch auch ohne diesen Kulturnimbus gebührt den Millionen Opfern und besonders denen der drei fürchterlichen Flandernschlachten allerhöchste Aufmerksamkeit und tiefstes Gedenken.

Information:
Visit Flanders (Tourismus Flandern-Brüssel), Stolkgasse 25-45, 50667 Köln, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitflanders.de 
In Belgien: Toerisme Vlaanderen, Grasmarkt 61, B - 1000 Brussel

Ausstellungen, Attraktionen:
Ganz Flandern:
"Flämische Meister 2018 – 2020": www.flemishmasters.com 

Antwerpen:
MAS- Museum aan de Stroom, Hanzestedenplaats 1, Antwerpen; http://www.mas.be/de
Rubenshaus Antwerpen: Rubens Return; 1.6. bis 30.12.2018; www.rubenshuis.be 
Liebfrauenkathedrale Antwerpen: Werke von Rubens bis 31.12.2018
Plantin-Moretus-Museum Antwerpen: Rubens – Book Designer; 28.9.18 bis 6.1.19; www.museumplantinmoretus.be 

Brüssel:
Königlicher Palast, Brederodestraat 16, 1000 Brüssel, Belgien, Tel. +32 (0)2 551 34 00, www.brussels.be/visit-royal-palace ; 22. Juli bis 2. September 2018 Di-So 10 bis 17 Uhr;

Brügge:
Triennale Brügge: www.triennalebrugge.be 
Concertgebouw Brugge: www.mafestival.be 

Fotos: TysjeSeverens, Victoriano Moreno, Jean-Paul Remy

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 09/07/2018

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

Mit der Anmeldung zu unserem Newsletter erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen (s.l.) einverstanden. Eine Bestätigungsmail mit einem Aktivierungslink wird nach der Anmeldung an die angegebene Mailadresse versendet. __________________________
KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.