"Entryways of Milan" – verborgene Hauseingänge in Mailand

Hereinspaziert! Die Einladung darf wörtlich genommen werden, denn selten ergibt sich die Option, hinter die verschlossenen Fassaden der italienischen Metropole zu blicken...

In Summe 144 visuelle Geheimnisse erwarten den Leser, aller erbaut in den Jahren zwischen 1920 und 1970. Auf der Grundlage der Arbeiten einiger der bedeutendsten Architekten Italiens und ihrer Zeit wie Giovanni Muzio, Gio Ponti oder Piero Portaluppi bietet der Band zudem erhellende Einsichten in die Architekturgeschichte und Funktion der ausgestalteten Räume.

Wenn Italien Weltmeister ist, dann gewiss in der Gestaltung optischer Oberflächen. Design counts, und warum auch nicht? Der erste Eindruck zählt - dies galt bereits vor 100 Jahren. Die Psychologen nennen dies "Primacy" Effekt, das menschliche Urteil gegenüber einer Sache wird ganz entscheidend vom ersten Eindruck mitbestimmt. Dabei wird leicht vergessen, dass hier auch ein "Recency" Effekt wirkt, also auch der letzte Eindruck einer Sache wirkt dominant, und hier zeigt sich der Clou der Architekten, muss doch jeder Gast eines jeden Gebäudes dieses durch den gleichen Hauseingang verlassen wie er dies auch betreten hat!

Den Hauseingängen kann sich demnach gar nicht genug gewidmet werden und dies schienen sich die Mailänder Architekten der Hauseingänge über ein halbes Jahrhundert lang mehr als zu Herzen genommen zu haben. Die Jahre 1920 bis 1970 waren die Blütezeit der Wertschätzung der Hausflure. Materialien und Formprinzipien entwickelten sich über die Jahrzehnte, die Liebe zum Detail aber blieb bestehen. Erst ab den frühen 1970er Jahren änderte sich die Perspektive und es wurde gespart.

Nach einem kurzen Vorwort durch den Herausgeber führt Fabrizio Ballabio ausführlich in die strukturellen Geheimnisse der Mailänder Hauseingänge ein. Der Text ist wissenschaftlich substantiiert und reich an ergänzenden Quellenangaben für all jene, die eine vertiefende Beschäftigung mit dem Thema wünschen. Dies trifft in noch stärkeren Maße auf den hervorragenden Beitrag von Daniel Sherer zu, der sich dem diskreten Charme der Paläste widmet. Penny Sparke weist auf die Bedeutung der Patiobegrünung hin; Pflanzen spielen bei der Struktur einer steinernen Aura eine nicht zu unterschätzende Rolle. Lisa Hockemeyer gibt Einblicke in das schmückende Keramikkunstwerk, mit dessen Hilfe viele der Hausflure ausgestaltet sind.

via Gabrio Serbelloni 10.
via Gabrio Serbelloni 10.

 

Da im Regelfall der Eingangsbereich der Häuser mit aufwendigen Steinformationen ausgelegt oder gestaltet ist, unterstützen die Autorinnen Angela Ehling und Grazia Signori die Gesteinskunde bei jedem vorgestellten Hauseingang. Materialauswahl und Beschaffenheit werden kurz beschrieben und liefern ergänzende, wertvolle Informationen. Der Band benennt Architekten der historischen Gebäude und die Lage der einzelnen Häuser mit samt den Adressen. Wer mag kann sich also auf Spurensuche begeben und versuchen, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen? Eine Stadtkarte mit dem Eintrag aller 144 Hauseingänge schließt daher den Bildband ab und bildet die Brücke für den Leser und seinen nächsten Besuch in Mailand.

Wie fasste es der Modedesigner Stefano Pilati zusammen: "This book isn’t just a journey through some of the many beautiful building entrances of Milan, but also an emotional overdose of colour, understated grandness, ultimately, a sense of chic."

Der vorliegende Bildband wendet sich nicht nur an die Freunde Mailands und norditalienischer Wohnarchitektur und –kultur. Ein jeder der einen Blick für Proportionen und schöne Formen hat wird beim Durchblättern wieder einmal an die gute alte Zeit erinnert werden. Ob früher alles besser war? Gut möglich...

Karl Kolbitz: Entryways of Milan, Taschen Verlag, Köln, ISBN 978-3-8365-6418-2

Weitere Informationen: www.taschen.com 

Fotos: Taschen

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Zuletzt bearbeitet am 08/07/2018

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