Für "Foodies" in Dublin: Nolita und Fade Street Social

Nach der Krise im Gefolge des Bankenkollaps 2008/2009 hat sich Irland und allen voran Dublin wieder prächtig erholt. Dubliner Gastronomie mit Rückenwind: ein Rundgang..

New York, und doch Neapel: im Nolita

Schon die Wahl des Standortes ist exzellent: An der South Great Georges Street, direkt an Dublins Herz der kulinarischen Szene, der alten Markthalle, öffnet seit dem 16. März 2017 das Nolita. Mit Rückendeckung der finanzkräftigen Mercantile Group entstand hinter der edlen Fassade eines historischen Kaufmannshauses ein Riesenetablissements auf fast 130 Meter Länge und über zwei Etagen (mit Terrasse), die allein schon wegen ihres ebenso ausgefallenen wie eleganten Interieurs überzeugt.

Pate war hier die New Yorker Bar-Szene. Und tatsächlich referiert schon der Name des Lokals auf "Big Apple": Nolita, eigentlich "NoLiTa", steht für "North of Little Italy", eine Referenz an das New Yorker Viertel. Nun, tatsächlich ist auch ganz Italien aus Sicht eines New Yorkers möglicherweise "bella", aber auch eher "piccola", klein. Angesichts der sich vor den hochaufragenden Spiegelfassaden der einzelnen nach New Yorker Geschmack erbauten Bars geradezu Batterien an Getränken aufgetürmt, die allerdings am Ende trotz allen Faibles für Cocktails und Whiskeys auch nicht ohne die guten alten Zapfhähne für das exzellente irische Bier auskommen können. Schließlich sind wir in Dublin, der Guinness-Metropole schlechthin.

Das Herz des Restaurants schlägt ganz hinten im Trakt: Am und hinter dem massiven Pizzaofen, aus dem immer mal wieder ein Flämmchen schlägt. Hier ist das Reich von Chefkoch Paul Quinn, der sich in Südost-Irland schon im sternegekrönten Lady Helen Restaurant des Mount Julien Estate in Thomastown, County Kilkenny, einen Namen gemacht hat. Mit sicherer Hand hat er eine bemerkenswerte, hochmotivierte Crew zusammengestellt, die indes weniger New York, als italienische-irische Fusion-Kitchen im Sinne hat. Denn dass gleich fünf Italienerinnen und Italiener ihren Berufsweg hierher ins Lokal gefunden haben, ist ein Glücksfall und gelungenes Beispiel für ein funktionierendes Europa.

Das große Verdienst von Paul Quinn ist nicht nur die geschickte Auswahl und Zubereitung der Gerichte im Nolita. Es ist vor allem der Enthusiasmus der Crew, die geradezu ansteckend wirkt und der man auch in Zukunft einen solchen wünscht. Natürlich ist Paul Quinn auch auf alle Eventualitäten vorbereitet. Gleich 14 Allergene sind auf der Speisekarte gelistet und Gericht für Gericht verzeichnet. Das ist in Irland Vorschrift, also kein etwaiges Zeichen für eine besonders biointensive Philosophie.

Alles beginnt mit einem der Prosecco-Cocktails (9 €), wahlweise auch einem "Amalfi Aviator", den der Pizzabäcker aus Neapel mitbrachte: Amaretto, Kirschlikör, Orangen-Bitter, Zuckersirup und Zitronensaft – aktuell ein Renner zum Abheben! Es darf als Aperitif aber auch ein Live Lord sein: Gin, Johannisbeer-Sirup, Pfirsichpüree, Prosecco. Unter den Antipasti ragt der Tunfisch mit Himalaya-Salz (14 €) ebenso heraus wie die Bruschetta alla Siciliana, die stilecht auf phantastischem selbstgebackenem irischem Roggenbrot serviert wird.

Die reichhaltige Bar im Nolita: immer einen Stopp wert.
Die reichhaltige Bar im Nolita: immer einen Stopp wert.

 

Natürlich werden auch Pizzen aus dem Ofen gezogen, z. B. mit Rinderfilet (16 €) oder in griechischer Variante, mit Feta, Kalamata-Oliven und roter Zwiebel. Aus dem Holzofen stammt auch der knusprige Kabeljau (24 €) oder auch das wunderbar abgehangene Rib Eye Steak (ca. 350 g für 32 €), dazu kommen ein exquisiter Panzanella-Salat, Tagliatelle mit Rindfleischstreifen in Rotwein, Pangrattato und Parmesan (18 €). Unwiderstehlich dann die Desserts: z. die Espresso Zabaglione (6 €), Cannoli oder Eis und Sorbets. Wer mag, kann auch Menüs für 10 oder 20 Euro ordern und dazu Wein, z. B. einen Bernardo Farina Verdejo (4,5 €), einen Paniza Viura Chardonnay aus Spanien (7,5 € das Glas) oder eine Flasche Grotte sul Mare Falerio DOC aus Carminucci (Italien) bestellen, die Flasche für 34 €. Unter den Roten ragt der Tempranillo/Syrah aus Spanien (7,5 € das Glas) ebenso heraus wie der Montepulcianio d`Abruzzzo Torre dei Beati (Flasche 35 €) und der argentinische Malbec Andean Vineyards aus Mendoza (32 €). Und zu Bier ist gar nicht viel mehr zu melden als Folgendes: Wählen Sie unter Guinness, der neuen Submarke HopHouse 13, Smitwick`s, Dublin Amber, Open Gate, Bulmer`s und vielen mehr. Ireland and Italy – at their best!

In Dublins Markthalle: Fabelhafte Dublin Food Trails

Dublins neuer Food-Tempel ist die alte Markthalle gegenüber dem Nolita eher nicht. Dafür ist die Konkurrenz ringsum zu stark. Doch das Cocoa-Atelier (Drury Street) für Süßmäuler sowie "Lolly and Cook" direkt am Eingang von der Drury Street sind in jedem Fall zu empfehlen. Ansonsten dominiert Szene-Zeitgeistiges wie überall auf der Welt: Veganes bei "Yogism" zum Beispiel. Und es werden sogar Tarot-Karten gelegt. Da ist es gut, dass es Dublins "Fabelhafte Food Trails" gibt.

Eveleen und Pamela Coyle, renommierte Kochbuchautorinnen, kreierten diese Spaziergänge zu den Geheimnissen der Delikatessenlandschaft Dublins. Sie lieben und kennen die neue irische Küche im Detail und arbeiten mit Kochikonen wie Myrtle und Darina Allen (Ballymaloe House, Co. Cork), Conrad Gallagher, Colin O`Daly, Paul Cartwright oder Georgina Campbell. Auch Chief Guide Roisin Fallon - maßgeblich beteiligt am Aufbau der Biokost-Fundgrube Fallon & Byrne (9 Exchequer St; im Programm) – kennt Dublin wie ihre Westentasche. Dort gibt es auf vier Etagen "Essen im Himmel". Aber auch der Feinkostladen Donnybrook Fair in Ballsbridge oder Bäckereien, Straßenmärkte, familiär geführte Fischhandlungen oder traditionsreiche Metzgereien stehen auf dem Programm. Teilnehmer lernen z.B. den Feinkostladen Liston`s (Camden Street; www.listonsfoodstore.ie) oder das versteckt liegende Cake Café im Erdgeschoss des ersten Ökobaus in Dublin, dem Daintree Building (Pleasants Lane; http://thecakecafe.ie) kennen. Delikate Probehäppchen bietet dann das Muss für irischen Käse, Sheridan`s Cheesemongers (Southern Anne St).

Fade Street Social: Ran an die Steaks!

Direkt gegenüber von Market Bar und Market Restaurant hat sich 2016 ein in Dublin sehr bekannter Gastronom eingerichtet: Dylan McGrath! Der gebürtige Dubliner wuchs zwar in Belfast auf und verdiente sich dort im Jury`s Inn in Belfast und in Nordirlands einzigem Sterne-Restaurant Roscoffs die Sporen. Dann kehrte er nach Dublin zurück, arbeitete als Head Chef im Starrestaurant Mint, bevor er im August 2010 seine ersten eigenen Laden in Dublin mit dem "Rustic Stone" aufmachte (www.rusticstone.ie). Dort speist man beim "kreativen Genius" und talentiertesten irischen Chef, der nun natürlich auch durch zahlreiche TV-Auftritte inselweit bekannt ist, eher unkonventionell. Es folgten das "Taste at Rustic", die Brasserie Sixty6 und schließlich die Krönung: das Fade Street Social. Vorweg: Vegetarier und Lärmempfindliche können hier gleich aussteigen – denn dafür ist das Lokal nicht ausgerichtet. Stattdessen hat sich Dylan ein Konzept ausgedacht, dass dem Gefühl der Dubliner nah Gemeinschaft und kreativer Kochkunst für alle Rechnung trägt.

Gericht im Fade Street Social...
Gericht im Fade Street Social...

 

Herausgekommen ist eine Komposition aus Dreierlei: Erst einmal gibt es Tische vor der Tür, im Wintergarten-Ambiente, dann die lange Gastro- und Cocktail-Bar ("Wait to be seated!" im Erdgeschoss, schließlich das wunderbare, aber auch hallenähnliche Restaurant im Untergeschoss ("Wait tob e seated!") – samt mächtigem Holzkohleofen darüber und voll einsehbarer Küche. Hier heißt die Devise: Irishness, kombiniert mit den neusten Trends der modernen irischen Küche! Fabelhaft, doch muss man einiges beachten: Erstens: Wer zuerst kommt, futtert auch zuerst! Denn die tägliche Speisekarte für die Auswahl an Steaks erscheint auf zwei Großen Schiefertafeln. Da werden Prachtexemplare – gestaffelt nach Herkunft und Gewicht – von 220 Gramm bis hin zu 1,5 kg angeboten. Nach Bestellung wir die gewählte Grammzahl ausgestrichen – und ist fortan nicht mehr verfügbar!

Wer also Steaks möchte – oder auch Fulminantes vom Wildschwein, sollte früh kommen bzw. einen Tisch reservieren. Denn das ist nahezu obligatorisch. Denn das Fade Street Social, immerhin auf einer Fläche von 8000 m² eingerichtet, ist absolut in, auch schon um 18 Uhr komplett voll und wird von den Gästen der Irishness wegen überaus geschätzt! Das wiederum erhöht den Lärmpegel, dem man sich am besten gleich vorab ergibt – denn hier sind irische Abende mit viel Stimmung und Humor angesagt, gerne auch in Gruppen oder Kleingruppen, was dann auch die Bestellung von Steaks in Kilomonster-Portionen erklärt. Wer es partout ruhiger mag, geht einfach ins "Taste the rustic" (www.tasteatrustic.com).

Aber das Fade Street Social hat natürlich auch viele herausragende Gerichte a la carte. Schon unter den Starters befindet sich mit der nur vermeintlich schlichten Kohlsuppe mit White Pudding eine allerfeinste Delikatesse (8,50 €) – einfach wunderbar. Natürlich dürfen es auch Austern mit Lachscreme (11,95 €), Jakobsmuschel mit Räucherlachs (9 €) oder eine weitere herausragende Spezialität: Rinderzungen- Carpaccio mit Jakobsmuschel (10 €). Die Rubrik "Woodfired" referiert dann auf den Holzkohleofen: Doch weniger Pizze als Flammkuchen – dazu opulent belegt – gelangen frisch aus dem Ofen auf den Tisch (18 – 23 €). Restaurant-Managerin Mary Wedick empfiehlt zum Hauptgang Lamm, Rind oder Kaninchen (24 – 27 €), am besten schmeckt aber das Wexford Sirlion Steak, satte 330 Gramm für 32 €.

Wer es auf Wildschwein abzielt, sollte 13,50 € pro 100 Gramm parat haben. Das Tomahawk Steak – so noch nicht vom Blackboard gestrichen – ist ab 11,50 € pro 100 Gramm zu haben, die Denver Roll für 14,25 € das Dexter Steak für satte 17 € für je 100 Gramm. Gut, dass dazu auch Gemüse und Salate gereicht werden, natürlich auch Chunky Chips (6 €), junge Kartoffeln (5 €) oder Pilz-Ravioli (6,75 €). Dazu gibt es eine erlesene Weinkarte, Craft-Biere und Cocktails wie etwa "Bang Bang" (12 €) auf Wodka-Basis oder "Weg mit den Feen" (Away with the fairies; 11,50 €). Schwer angesagt in ganz Dublin sind auch alle Gin-Getränke, zu denen im Fade Street Social jene Irishness des Dublin um das Jahr 1900 auflebt, als alles an diesem Ort noch ein wenig illegal war, der Monto Red Light District genauso lebte wie die irische Form der sizilianischen Omerta. Die Hafen- und Brauerei-Arbeiter tranken damals vor allem billiges "Red biddy"-Bier. Am meisten schätzten sie aber jenes "Black Draught", das hier einmal der legendäre Harry Mushatt unters jubelnde, lärmende Volk brachte.

Molly Malone, Easter Rising, Little Museum

Wer mehr über jene Zeit des ebenso aufregenden wie abgrundtief armen Dublin erfahren möchte, sollte nur einige Gehminuten weiter zur Statue von Molly Malone gehen, die quasi als Dublins Stadthelden gilt, ob schon sie vermutlich gar nie gelebt hat. Dafür gelangt die Statue, wenn denn die drei neuen S-Bahnstationen der LUAS im Innenstadtbereich fertig gebaut sind, im Herbst 2017 wieder an ihrem alten Ort, am Zugang zur Fußgängerzone Grafton Street stehen. Günstig ist auch, 70 Meter von der Markthalle weg in der renommierten International Bar, 23 Wicklow Street, Lorcan Collins (This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.) zu treffen.

Statue aus der Strasse von Molly Malone.
Statue aus der Strasse von Molly Malone.

 

Der Historiker, nicht nur ausgewiesener Experte für den fehlgeschlagenen Osteraufstand 1916 in Dublin, führt von hier zu den Schauplätzen jenes Widerstandes gegen die britischen Kolonialherren, den die Iren – und allen voran die Dubliner – heute als Wiedergeburtsstunde ihrer Selbstständigkeit feiern. Seine Dreistundentour kennzeichnen weniger Anekdoten, als Wissen. Ein wenig viel Militärdetails sind dabei, aber natürlich auch Entspannendes wie die Episode über jene bitterarmen Jungs aus Dublins Norden, die damals ein Sportgeschäft nahe dem Hauptpostamt, dem Sitz der Aufständischen, plünderten, um dann in aller Seelenruhe und unter Gewehrfeuer auf der O`Connell-Street Golf zu spielen.

So etwas oder aber der Besuch des Little Museum an Dublins St Stephen`s Green 15, (www.littlemuseum.ie), wo man mit Witz und Gefühl in Dublins Geschichte eingeführt wird und sogar den für die Finanzkrise 2008 verantwortlichen Golfball ausgestellt sieht, ist die richtige Vorgeschichte für den Besuch des Fade Street Social – Irishness at it`s best. Übernachten sollte man dann in Ballsbridge, das natürlich nie in die Auseinandersetzungen einbezogen war. Auch das Pembroke Townhouse vermittelt einen Eindruck jener Zeit – wenn auch mehr von der anderen Seite der Medaille. Es steht in Dublins heutigem Diplomatenviertel und bietet die nötige Ruhe und jenes ausgezeichnete Frühstück, das auch die Kraft für überaus erlebnisreiche Tagestouren durch Dublin liefert.

Information:
Dublin: Visit Dublin Centre, 25 Suffolk Street, Dublin 2, Visit Dublin Centre, 14 Upper O’Connell Street, Dublin 1, sowie Dublin International Airport (Terminal 1 und Terminal 2), Tel. 1890 324 583 (in Irland), www.visitdublin.com
Irland Information/Tourism Ireland, www.ireland.com/de-de/
Fáilte Ireland, 88-95 Amiens Street, Dublin 1, www.failteireland.ie

Pembroke Townhouse B&B, 90 Pembroke Road, Dublin 4, Tel. +353 (0) 1 6 60 02 77, www.pembroketownhouse.ie; 41 DZ, 7 Suiten

Fade Street Social, 6 Fade Street, Dublin 2, Tel. +353 (0) 1 6 04 00 66, tgl. 12.30 – 22.30 Uhr; www.fadestreetsocial.com, www.dylanmcgrath.com
Nolita, 64 South Great Georges Street, Dublin 2, Tel. +353 (0)1 4 78 15 90, tgl. 12.00 – 0.00 Uhr; www.nolita.ie
Fabulous Food Trails, 44 Oakley Road, Raneleigh, Dublin 6, Tel. +353 (0)1 4 97 12 45, www.fabfoodtrails.ie
Dublin Food Trail (3 Std.) 55 €; auch: Dublin Coffee Crawl (50 €), Dublin Food & Fashion Trail (55 €), Dublin Neighbourhood Walks, Cork Food Trail (55 €), Cork Whiskey Tour

 

Impressionen:

 

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 02/09/2017

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