Grünes Juwel mit großer Charme-Offensive: Pistoia 2017 (Teil 2)

Das eigentliche Herz Pistoias schlägt aber schon seit der Langobardenzeit an der wunderschönen Piazza della Sala, die 1453 zudem den markanten Zehbrunnen Pozzo del Leoncino erheilt…

Das schmucke Sandsteinlöwchen kam dann aber auch erst im 16. Jh. dazu. Und man lernt: Hier konnten die Pistoiesen durchaus auch sparsam wirtschaften. Auch in den umliegenden mittelalterlichen Altstadtgassen ist vom historischen Handel und Handwerk in den zahlreichen Ladenwerkstätten mit Steinbänken vor den Türen noch viel nachzuerleben. Das Herz schlägt aber auf der Piazza mit seinem täglichen Gemüsemarkt. Hier gibt es alles aus Pistoia und Umgebung, das noch auf Steinmühlen erzeugte geschützte Olivenöl aus Pistoia (mit leichtem Mandelgeschmack), Blumen und vor allem die Sorana-Bohne aus dem nahen Dörfchen Pescia, Kastanien, Pilze und Rohmilchkäse aus den Monti Pistoiesi, den mit sechs thematischen Wanderwegen erschlossenen Pistoieser Hügeln bis hinauf nach Abettone, Pistoias Skigebiet.

Aber es hat auch frische Delikatessen aus Apulien und Kalabrien und alles, was die Toskana beschert. Denn nicht nur zur Ausstellung "Toscana in bocca" (Toskana im Mund) Ende April 2017 präsentiert sich Pistoia als kulinarisches Schaufenster von Italiens Gourmetregion Numero Uno. Sogar wilder Fenchel (finocchio selvaggio) von der Insel Elba ist zu haben. Und etwas versetzt öffnet sogar eine historische Pferdemetzgerei (Macelleria Equina).

Kein Wunder auch, dass rund um die Piazza allerhand alternative Kulturangebote gemacht werden. Pistoia ist angesagt – viele verlassen das teure Florenz und suchen hier neue Möglichkeiten. Also gibt es Biotanz (biodanza), Bio-Massage oder auch Bio-Shiatsu und das ganze Gebiet wandelt sich abends zu Pistoias Nachtviertel: mit Hockern vor den Bars und Tischen vor den Traditions-Trattorie wie dem "I Salaioli", (Piazza della Sala 20) oder dem "Il Ballatoio" (Via del Lastrone).

Großartig isst man in der Trattoria dell`Abbondanza (Via dell`Abbondanza 10 – 14, www.trattoriadellabbondanza.it), wo Cristian und Francesco Ercolini mit Sommelier Samuele Gemignani auch den Pistoia-Klassiker Carcerato auftischen: Dies "Gefangenen-Mahl" schufen im Mittelalter von der Stadt unversorgte, hungernd einsitzende Schuldner aus Fleischresten, Innereien, Brot und Gemüse. Wem das reichlich sparsam erscheint: Das Gericht ersetzte die berühmte Magerkost "Brot und Wasser" und gelang nur, weil die örtlichen Metzger die Zutaten für die Einsitzenden stifteten. Heute wird das Gericht natürlich opulenter und mit Parmesan serviert.

Herausragende lokale Spezialitäten sind auch Eier-Macceroni mit Entensauce, die bei Pilgern beliebte Brotsuppe oder Pistoias berühmte Tomatensuppe. Auch die jahreszeitlich mit Pinienkernen oder Rosinen gefüllte Wurst "biroldo" ist den Test wert. In der Osteria/Enoteca Caciodivino (Via del Lastrone 13; www.cacio-divino.it) wird der Magen zudem mit Schinken, Salami oder Veggie-Crostoni mit mariniertem Gemüse verwöhnt. Es dürfen aber auch Sardinenfilets mit Trüffeln sein.

Frisch vom Markt: Zutaten für lokale Spezialitäten.
Frisch vom Markt: Zutaten für lokale Spezialitäten.

 

Als "Stadt des Blues" (Festival im Juni/Juli) ist Pistoia natürlich auch für spätere Stunden gerüstet. Immer gut beraten ist man mit den necci, Kastanienmehlküchlein mit Ricotta. Süßmäuler schwören auf die "Confetti" aus Pistoia. Die weißen Kalorienbomben werden auch "brignoccoluti" genannt und entstehen seit dem 14. Jh. per Hand in Kupferschalen.

Es grünt so grün: im "Schokoladental"…

Pistoia ist "grün", und dies nicht nur als Cittá Slow, die sich den Werten von Slow food verpflichtet fühlt. Zurecht erhielt Pistoia 2013 den renommierten Eden Award der europäischen Kommission für Engagement und ökologische Nachhaltigkeit
Die kinderfreundliche Stadt im fruchtbaren Ombrone-Tal ist seit über 150 Jahren auch für ihre Baumschulen berühmt: Auf 5200 ha gedeiht hier alles, was der Garten Eden Toskana zulässt.

Allen voran natürlich Zypressen, vor allem aber Ostbäume. Und da werden sogar alte Sorten nachgezüchtet, etwa Raritäten wie der nur auf den ersten Blick ausgestorbene Bitterorangenbaum Citrus aurantium. Über 85 % aller Bestände gehen in den weltweiten Export.

Wer 2017 in Pistoia auf moderne Kunst setzt, muss natürlich auch zu den Ausstellungen in der Bbilioteca San Giorgio nahe Pistoias Bahnhof: Hier wird z. B. Anselm Kiefers Installation "Die große Fracht" gezeigt (Via S. Pertini; www.sangiorgio.comune.pistoia.it). Ein Muss ist natürlich auch das UNESCO-Welterbe der Medici-Villa La Mágia im nahen Quarrata mit zeitgenössischen Skulpturen u. a. von Fabrizio Corneli, Anne und Patrick Poirier, Marco Bagnoli und Hidetoshi Nagasawa (www.villalamagia.com).

Schöner ist es natürlich, gleich mal aus der Stadt hinaus ins Grüne zu fahren. Das mondäne Heilbad Montecatini Terme liegt nur 12 km entfernt. Und dass nicht minder berühmte Monsummano Terme, deren Thermalgrotten Paradies, Fegefeuer und Hölle Giuseppe Verdi zum achten Weltwunder erklärte, liegt gleich nebenan. Bestens verknüpft ist alles dank des "Chocolate Valley" der Toskana. Zwischen Montecatini, Pistoia und Prato lässt es sich herrlich z. B. in Monsummano Terme schlemmen. Dort hat die Gelateria Filippo, Piazza del Popolo 175, das leckerste Schoko-Eis. Die Gourmets pilgern aber ins Schoko-Imperium Slitti (Via Francesca Sud 1268, www.slitti.it). In Montecatini Terme pilgern sie zur Gelateria "La Gomma" (Via Pistoiese 23). In Pistoia ist die absolute Numero Uno Bruno Corsini (Piazza San Francesco 42, www.brunocorsini.com). Und in Prato sind Konfekt und Torten von Luca Mannori der Hit (Via Lazzarini 2, www.pasticceriamannoriprato.it).

Information: www.pistoia17.it

 

 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 21/07/2017

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