Grünes Juwel mit großer Charme-Offensive: Pistoia 2017 (Teil 1)

Längst noch nicht überall hat es sich herumgesprochen: Das gerade 90.000 Einwohner zählende toskanische Pistoia ist nicht nur Italiens Kulturhauptstadt 2017 – sie rückte auch unter die Top Ten der weltweit heißesten Reisezeile des Jahres vor.

Dabei hat Pistoia nicht nur in diesem besonderen Jahr seinen wunderbaren mittelalterlichen Stadtkern zu bieten: Den gibt es immer zu bestaunen – mit Dom San Zeno samt dortigem Silberaltar, dem Baptisterium gegenüber und dem Palazzo della Podestá, dem alten Rathaus rechterhand der riesigen Taufkapelle. Dazu großartige Kunstschätze wie Giovanni Pisanos bis 1301 geschaffene, mit Löwe, Greif und Adler geschmückte, auf sieben roten Porphyrsäulen ruhende Kanzel (1298 – 1301) in der Kirche Sant´Andrea .oder – moderner – die Werkschau zum 1901 in Pistoia geborenen, 1980 verstorbenen Bildhauer Marino Marini in der einstigen Ordenskirche Sant‘ Antonio dei Frati del Tau: Dort, rund um den Hortensienkreuzgang, wirken Marinis berühmten Reiter- und voluminösen weiblichen Pomona-Figuren besonders eindrucksvoll.

Doch Pistoia hat weitaus mehr zu bieten, präsentiert sich vor allem nicht alt, vielmehr sehr jung und zukunftsorientiert – und behauptet sich mühelos auch als vorzügliche kulinarische Destination.

Gut, dass, eingeklemmt zwischen der Tourismusinformation im Erdgeschoss des Domkapitelmuseums und des Baptisteriums, in der äußersten Ecke des Domplatzes Pistoias beste Eisdiele öffnet. Ruhe und Muße darf man hier allerdings weniger erwarten, denn die Gelateria Mani ist ständig von Menschentrauben umlagert. Mit ihrem Logo, zwei schwarzen Handabdrücken an der Wand, wirkt sie auf den ersten Blick eher wie ein Graffiti-Objekt der 2000er Jahre – aber ändert nichts an der verführerischen Auswahl (Viale Adua 66 c; tgl. 10.00 – 21.30 Uhr).

Gut möglich auch, dass mancher bei dem Logo auch an eine kriminelle Verschwörung denkt. Schließlich sollen "schwarze Hände" einmal den ersten Weltkrieg mit ausgelöst haben. Und auch entsprechende Kinderkrimi-Reihen sind bekannt. Und Eisschlecker werden auch einen schwarzen Marmorkopf am ebenfalls am Domplatz aufragenden neuen Rathaus entdecken. An diesem Palazzo Comunale wird das Marmorhaupt von einem ausgestreckten eisernen Arm überragt, in dessen Hand sich eine Keule befindet.

Der Herr, an den hier erinnert wird, war Filippo Tedici: Er verriet Pistoia 1325 zum Vorteil der Nachbargroßmacht Luccas, wurde gestellt und geköpft, sein Haupt zur Abschreckung auf einer Lanzenspitze durch die Stadt getragen. Der Schlüsselring am Arm über ihm – Sinnbild der Macht des Stadtrates - kam erst 1399 hinzu. Damals wurde eine Generalamnestie erlassen – alle Missetäter durften Pistoias Gefängnis verlassen.

Panorama von Pistoia.
Panorama von Pistoia.

 

Richtig schön gruselig könnte es Stadtbesuchern auch nach dem Besuch des großartigen Centro di Arti Visive Contemporanee im Palazzo Fabroni ergehen, wo zeitgenössische Kunst von 1946 bis heute gezeigt wird – vor allem aus den Bereichen Pop und Minimal Art und Werke der Arte Povera. Denn an der nächsten Ecke der Via Sant`Andrea taucht die Via Abbi Pazienza auf. Pistoias Altstagasse besitzt den verrücktesten Straßennamen Italiens: An dieser "Habe Geduld"-Straße kam e0s im Mittelalter immer wieder zu blutigen politischen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser- und Papsttreuen, Ghibellinen und Guelfen.

Einmal soll ein auf Blutarche Sinnender einem Feind mit dem Messer aufgelauert haben. Doch nicht der Verhasste erschien, sondern ein guter Freund. Der fiel dem angehenden Meuchelmörder in den zum Stich erhobenen Arm, schaute ihm streng in die Augen, meinte dann aber nur: "Abbi pazienza!" "Habe Geduld, deine Stunde kommt noch!

Überhaupt könnten Tatortfreunde in Pistoia auf ihre Kosten kommen. Da gibt es auch noch die Via Can Bianco, wo ein bellender Hund nächtens Feinde vertrieb. Und es gibt die zum Ospedale del Ceppo führende Via delle Pappe. Die heißt so, weil hier einst an Angehörige von Kranken zweifelhafte Medikamente und Kräuter verkauft wurden. Heute sitzt man hier gemütlich in sehr guten Bars und Restaurants. Das längst geschlossene Krankenhaus, das 1277 als Ospedale del Ceppo an der Piazza Giovanni XXIII gegründet wurde, hat sich derweil zum Zentrum der Kulturjahraktivitäten gemausert. Der Majolika-Fries und die Schätze im uralten Pilgerhospiz selbst, dazu das zum Zen-Garten gewandelte "therapeutische Grün" des Giardino del Padiglione di Emodialisi, des Dialyse-Pavillons, und vor allem eine unterirdische Attraktion locken: Die rührige Kooperative "Pistoia Sotterranea" führt in Pistoias Unterwelt, zu archäologischen Entdeckungen der römischen Gründungszeit und durch einen 650 Metre langen Stollen, der gerüchteweise einst bis zur Festung, der Fortezza Santa Barbara führte. Demnächst wird weiter gebuddelt, dann wird der Tunnel mit 1800 Meter zur längsten unteririschen Passage Italiens.

Erfreulich, dass anschließend im Ristorante "Il Ceppo" (Piazza Giovanni XXIII 4; www.ilcepporistorantecocktaillab.it) an der Bar leckere Cocktails kredenzt werden und bei Tisch frische Pasta und toskanisch-umbrische Gerichte serviert werden. Ein Hit ist der Sonntagsbrunch bis 15.00 Uhr. Danach kann man sich immer noch zu Pistoias aktuell berühmtestem Kunstwerk aufmachen: Die weiße, glasierte Skulpturengruppe *"Visitazione" (Mariä Heimsuchung) von Luca della Robbia (1445) ist die älteste in dieser Technik überhaupt, reiste als Werbung für das Kulturhauptstadtjahr sogar in die USA und wird ab Juli 2017 in der Kirche San Leone, Piazza S. Leone 2 gezeigt.

Information: www.pistoia17.it

 

 

Fotos: Jürgen Sorges, Lorenzo Enrico Gori

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 21/07/2017

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.