Entspannen an der "Baltischen Riviera"

Etwa 15 Euro kostet das Taxi von Narva die 14 Kilometer hinaus nach Narva-Jõesuu, das vielleicht unbekannteste Kur- und Seebad am gesamten Mare Baltikum. Dabei ist das die gerade 2600 Einwohner zählende Gemeinde nicht nur mit einem herrlichen, acht Kilometer langen, breiten Sandstrand gesegnet.

Das estnische Narva-Jõesuu kann man am elegantesten mit "Narvamünde" übersetzen – auch wenn der Vergleich mit dem deutschen Warnemünde etwas hinkt. Obschon: Wie das Seebad bei Rostock besitzt Narva-Jõesuu auch ein Hotelwahrzeichen: Seit 2008 öffnet das Spa-Hotel Meresuu mit großem Gesundheitszentrum, ein mächtiger weißer Klotz inmitten historischer, oft 100 Jahre alter Holzhäuser im russischen Stil, Wälder und neuerrichteter Villen im postsozialistischen neureichen Schlösschen-Stil, die sich aber dennoch ganz heimelig ins Ortsbild einfügen. Und natürlich sind es vom Hotel nur 150 Meter bis zum Strand.

Einziger FKK-Strand in Estland

An dem noch die Badewärter-Empore von sozialistischer Zeit kündet. Und natürlich besitzt "Narvamünde" wie Warnemünde einen FKK-Strand – den einzigen in ganz Estland. Wer hier an einem Sonn- oder Feiertag frühmorgens zum Strandspaziergang aufbricht, erlebt die Ostsee von ihrer schönsten Seite: Meereswogen, Strand, Dünen, Böschung, Kiefern- und Nadelwald, dazu das wunderbar wärmende Licht der aufgehenden Sonne.

Viele Strandbesucher kommen derzeit vor allem aus Narva selbst, denn es existiert noch immer ein großes Aufholbedürfnis, um die Schönheit des lange verschlossenen Ortes wieder zu entdecken. Dabei blickt Narva-Jõesuu auf eine lange Vergangenheit zurück, wurde schon vom Ordensmeister Wolter von Plettenberg erstmals 1503 als "Mündung an der Narova" schriftlich erwähnt, dürfte aber weit älter sein.

Tatsächlich entwickelte sich das Fischerdorf im 16. Jh. zuerst einmal als Lagerplatz für Holz, Sägewerke wurden gebaut, dann erste kleine Werften. Dann aber schaute Zar Peter der Große während seines zweiten, erfolgreichen Narva-Feldzugs 1704 hier vorbei. Tief beeindruckt vom Elend der Fischer nannte er den Ort "Hungerburg" - auf Deutsch! – und hätte dem so gebrandmarkten Dorf beinahe den finalen Garaus beschert.

Balkone, Balustraden und Springbrunnen

Doch irgendwie scheint sich Hungerburg berappelt zu haben, erhielt 1808 einen Leuchtturm und wurde gegen Ende des 19. Jh. gar zur heißbegehrtesten Sommerfrische der Petersburger und Moskowiter. Schon 1873 war Narva-Jõesuu Bade- und Erholungsort, seit 1894 offiziell Kurort. Man schied Bad Narva von Narva Port, dem Hafen, und Gäste zog es fortan an die werbewirksame "Riviera des Nordens" bzw. zur "Perle der Narva-Küste".

Badekarren am Kurpark.
Badekarren am Kurpark.

 

Ein herrlich restaurierter alter Badekarren an einem der Zugänge zu riesigen, noch immer gepflegten Kurpark erinnert noch an jene durchaus noch etwas prüde Zeit. Ab 1896 suchte man Gesundheit in der ersten Wasser- und Heilschlammanstalt, 1902 eröffnete das rasch berühmt Salzmann`sche Sanatorium, 1913 reisten 14 000 betuchte Kurgäste an! Schon 1874 war die nicht minder berühmte Villa Capriccio mit weißen Säulen und Portikus, Balkonen, Balustraden und Springbrunnen errichtet worden. Sie gehörte Narvas damaligem Bürgermeister Adolf Theodor Hahn, der sich um die Schaffung des Kurbades verdient gemacht hatte.

Die Villa wurde 1944 während der Kriegsereignisse so stark zerstört, dass sie 1969 endgültig einem neuen sowjetischen Erholungsheim weichen musste. Ebenfalls dem Krieg zum Opfer fielen die zwei Gotteshäuser von Narvamünde: Die bis 1893 erbaute orthodoxe Fürst-Wladimir und die 1900 eingeweihte evangelisch-lutherische Nikolaikirche. Es überlebten das Erholungsheim der Textilfabrik Kreenholm und zahlreiche kleinere, historische Holzbauten. Vor allem aber erinnert bis heute der Kursaal an die gute alte Zeit.

Narvamünde - freundlichen Menschen mit Geduldig und viel Humor

Auch wenn die Holztürmchen des erstmals 1882 erbauten repräsentativen Treffpunktes der illustren Narvamünde-Gäste nicht mehr zu finden sind und die Fassade dieses schlossähnlichen Baus eher als Ruine vor sich hin bröckelt, erzählt der Kursaal doch Geschichte – und wartet auf einem impulsgebenden Investor. Schon einmal, 1910, war hier alles abgebrannt – und wurde im Jugendstil bis 1912 zweistöckig wieder aufgebaut.

Auch der nach der Komplettzerstörung 1944 in den 1950er Jahren wiederaufgebaute Flügel des Kursaals fiel 1990 einem Feuer zum Opfer. Seither ist der Kursaal im Dornröschenschlaf versunken – wären da nicht einige Kulturbeflissene, die z. B. die Fassade mit historischen Fotos aus der Blütezeit und mit Foto-Konterfeis berühmter und weniger berühmter Kurgäste schmückten. Und wunderbarer, auch traurig stimmender Anblick.

Fassade des Kursaals.
Fassade des Kursaals.

 

Bis 1991 war Narva-Jõesuu übrigens für nahezu alle Bewohner von Narva tabu. Hier kurte vorwiegend die Nomenklatura aus Leningrad und Moskau, allenfalls noch speziell protegierte Kurgäste. Auch aus Gründen zur Vermeidung von Ruhestörung war es den Leuten aus Narva nicht vergönnt, die vor dem Kurort postierten Schranken samt Wachtmannschaften zu passieren.

Die einzige Ausnahme bildeten Verwandtenbesuche – oder natürlich ein Arbeitsplatz vor Ort. Vielleicht ist aber gerade dieser Umstand heute die große Chance für Narvamünde. Denn Vieles blieb so erhalten – Sanatorien, Holzvillen, Pensionen mit Charme – auch eine Zeitkapsel besonderer Art. Und nicht nur das kleine Ortsmuseum von Narva-Jõesuu, das seit 1994 Stadtrechte genießt, erzählt von der grandiosen wie von Katastrophen geprägten Lokalgeschichte. Es sind die in Narvamünde lebenden freundlichen Menschen, die Zeit für Gäste haben und alles geduldig und mit viel Humor erklären.

Weitere Information:
Estnisches Fremdenverkehrsamt (Estonian Tourist Board/Enterprise Estonia), Kleine Reichenstr. 6, 20457 Hamburg, Tel. + 49 40 30 38 78 99, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
Narva Tourist Information and Visitor Centre, Peetri plats 3, 20308 Narva, Estland, Tel.: +372 359 91 37, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://tourism.narva.ee/de?lang=3; 15.5. – 15.9. tgl. 10.00 – 17.30, 16.9. – 14.5.tgl. 10.00 – 16.00 Uhr

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 03/01/2017

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