Sagadi Manor: Radeln, Wald, Natur und Bären-Küche

Gerade 70 Menschen leben im Dörfchen Sagadi, Kilometer von Palmse entfernt. Berühmt ist der Ort dennoch: Denn das Gut Sagadi, deutsch Saggad, datiert bis auf 1444 zurück.

Sein heutiges bauliches Aussehen ist vor allem Gideon von Fock zu danken, der Sagadi 1687 erwarb. Es bleib bis 1919 in Familienbesitz. Ganzer Stolz der Anlage ist das ursprünglich 1749 – 1753 von Johan Nicolaus Vogel im Rokoko-Stil erbaute Gutshaus, das aber schon 1795 seine heutige, eher frühklassizistische Ausformung erhielt. Nochmals werkelte 1894 der Architekt Rudolf von Engelhardt am Ensemble. Ein Großteil des 20. Jh. diente das Gut als Schule, 1977 bis 1987 wurde es aufwendig für Ausstellungen und Konzerte restauriert.

Blickfang der aus insgesamt 20 Häusern bestehenden Großanlage ist aber nicht diese Fassade, auch nicht der wunderbare Park mit mehr als 100 Baumarten und schönem Teich. Es ist das historische Torhaus mit Uhrentürmchen, das zuerst einmal alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dann geht es auch schon linkerhand gleich zur Rezeption mit Hotel und Restaurant, vor allem aber zum Radverleih, wo bereits Monika Sooneste auf mich wartet. Denn vor die Gutsbesichtigung hat der Terminplan die Radtour zum fünf Kilometer entfernten uralten Fischerdöfchen Altja gesetzt, wo die Altja Korts, die historische Taverne von Altja mit einer deftigen Brotzeit lockt.

Einzigartige Aura

Vorher aber radeln wir zügig talwärts in Richtung Ostsee, legen einen Stopp an der historischen Forstwirtschafts-Ausstellung ein und bewundern das Wehr des Flüsschens Altja, das dem Dorf seinen Namen verlieh. Altja wurde mindestens seit 1465 gefischt – vermutlich aber schon sehr viel länger. Ein Riesentrumm von Findling kündet kaum 20 Meter vom Küstenstreifen in Höhe des Kap Altja von der letzten Eiszeit. Am Ufer reihen sich rekonstruierte historische Fischerhütten und Netzscheunen und belegen das alte Handwerk. Den Trumm umgibt bis heute eine einzigartige Aura, wird er doch mit einer frühen estnischen Fruchtbarkeitsgöttin in Verbindung gebracht, die einmal Kindersegen spendete.

In jedem Fall ist hier aber auch jener Meeresgott Ahti aktiv, der den Fischer mal wohlgesinnt war, aber auch schrecklich in die Netze fahren konnte. Auch das sonstige Dorf wurde beispielhaft restauriert. Rund um die zwei Vorzeige-Küstenhöfe Uustalu und Toomarahva lässt sich wunderbar die alte Holzbauweise der estnischen Höfe studieren. Altjas reetgedeckte alte Kneipe hingegen wartet mit einem Monstrum an Schaukel vor der Tür auf – ein Zeichen, dass hier Estlands Traditionen einmal groß geschrieben wurden. Überhaupt. Früher gab es hier, wo heute kaum 30 Menschen leben, drei Gasthöfe. Fischen macht durstig!

Mächtig viel Holz und Fischernetze zieren denn auch das Tavernen-Innere, wo wunderbare Seafood-Platten und zahlreiche lokale Spezialitäten zu äußerst vernünftigen Preisen serviert werden. Dann aber geht es auch schon zurück nach Sagadi, und wer nun nicht die fünf Kilometer retour bergauf strampeln möchte, kann auch den Kleinbus des gutes nehmen. Schöner aber wäre, wenn Sagadi 2017 auch Elektro-Bikes hätte, mit denen man den gesamten Nationalpark auch bei Gegenwind erfahren könnte. So wären auch die beiden weiteren Güter, das westlich liegende Palmse sowie das vier Kilometer östliche liegende Vihula, problem- und abgaslos erreichbar. Schon längst gibt es eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Gütern.

Kulinarische Festwoche

Beim Marketing, aber auch zur jährlichen "Lahemaa Tastes Week", die die kulinarischen Schätze des Parks präsentiert. Dabei setzt Gut Sagadi, das von der staatlichen Forstverwaltung Estlands RMK geführt wird und mit einem sehr gut besuchten Waldmuseum im Kutschenhaus des Gutes aufwartet, dass sich 2016 mit dem auch für Gäste wichtigen Thema Mücken beschäftigte, ein erstes Ausrufungszeichen.

Einmal die Waldplatte, bitte...
Einmal die Waldplatte, bitte...

 

In der Küche des Gutsrestaurants sorgt eine Dame, Maren Rits, mit ihrer Crew dafür, dass Sagadis Küche Erstklassiges auf den Tisch des Restaurants im ersten Stock zaubert. Hier setzt man ganz auf Wildgerichte: Allen voran ist es die vorzügliche "Waldplatte", die Natur in den Raum bringt. Elch-, Bären- und Wildschweinbraten versammeln sich auf ihr ebenso wie Pilzsalat, Steinpilz-Chutney mit Sauercreme, Preiselbeeren und Blaubeermarmelade. Dazu wird frischgebackenes Roggenbrot- und Schwarzbrot und Butter mit weißem Knoblauch gereicht. Ein Gedicht.

Aber Bär, Braunbär? Nein, kein Problem, wird mir bedeutet. Die jährlichen Abschussquoten werden eingehalten, die nötige tierärztliche Überprüfung ist abgesichert. Geschmacklich ist Bärenfleisch dann eher intensiver als etwa Elch oder Wildschwein – aber ein Erlebnis. Wer möchte, kann gleich ein ganzes Bärensteak ordern (39 €) oder auf ein Hirschsteak (19 €) ausweichen. Unbedingt empfehlenswert sind Marens grandiose Desserts.

Weitere Informationen:
Estnisches Fremdenverkehrsamt (Estonian Tourist Board/Enterprise Estonia), Kleine Reichenstr. 6, 20457 Hamburg, Tel. + 49 40 30 38 78 99, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de

Sagadi Manor (Gutshof Sagadi), Sagadi, 45403 Lääne-Viru, Estland, Tel. +372 676 78 88, www.visitestonia.com/de/gutshof-sagadi-das-hotel
Hotel (28 Zimmer, Sauna), Hostel (35 Zimmer, Sauna), Hotel EZ 60 €, DZ 80 €, Hostel EZ 15 €, mit Frühstück 23 €; Rest. tgl. 8.00 – 10.00, 12.00 – 22.00 Uhr.

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 22/12/2016

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