Weinwelten: Giglio, exquisit und "nur für Freunde"

Francesco Carfagna ist nicht irgendwer: Der Einsneunzig-Mann, ein Endsechziger mit unübersehbarer Statur, hat den Weinbau inmitten des Toskanischen Archipels wiederbelebt.

Auf der Insel Giglio startete er 1997 mit seiner Familie auf nur vier Hektar an den seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden von Terrassen durchzogenen, schwer zu bearbeitenden Steilhängen von Giglio. Manche attestieren der Insel sogar eine bis zu 3000 Jahre alte Weintradition. Sicher ist aber, dass die aufwändige Terrassierung der steilen Berghänge mit vulkanischem Ursprung den Sarazenen und damit dem frühen Mittelalter zu danken ist. Gut möglich auch, dass die antiken römischen Besitzer nicht nur Giglios, sondern des Toskanischen Archipels samt umliegender Festlandküste, die römische Senatorenfamilie der Ahenobarbi (auch: Aenobarbi), aus der u. a. Kaiser Nero entspross, hier Wein kletterte.

Schon der Weg zum Weingut lohnt

Eine Küstenvilla besaßen sie jedenfalls in Giglio Porto, dem Ankunftshafen für alle Giglio-Urlauber. Heute sind diese Villenreste teils vom Hotel Saraceno überbaut. Mosaiken und das antike Becken für die Fischzucht der antiken Gourmets sind aber ebenso noch erhalten wie Berichte über die von den Aenobarbi erstmals systematisch, wenn nicht wissenschaftlich aufbereitete Fischerei im Archipel.

Francesco Carfagna ist naturgemäß kein Aenobarbi, obschon er stimmgewaltig starke Präsenz zeigt und mit viel Sinn für Humor das alltägliche Inselleben bereichert. Jenseits von Giglio Castello, dem historisch stark befestigten, fest ummauerten Oberdorf der Insel, arbeitet er auf seinen nur mit Allradantrieb, zu Fuß oder mit Mountainbike zu erreichenden Weinhängen gleich 300 Meter hoch über dem Meeresspiegel. Allein die Aussicht von seiner Capanna, einer historischen, für Werkzeug und Weinbau hergerichteten, schlicht gemauerten Hütte, lohnt den Weg zu ihm auf das Weingut Altura.

Zweiter Grund: Don Francesco arbeitet bis heute rein biologisch. Blühende Blumenbüsche durchziehen seine Weinberge, Wildrosen und Artischocken dienen ihm wie eh und je als Indikatoren für mögliche Krankheitserreger. Doch Francescos größter Feind ist die Trockenheit. 2003 bis 2008 regnete es nicht, auch 2010 und 2011 tröpfelte es nur.

Ansonico-Wein mit 18 Prozent

Da war mit 2013 ein regenreiches Jahr mehr als willkommen. In solchen gesegneten Jahren bricht sich die Natur überbordend Bahn. Und der Bio-Wein? Natürlich schwört Francesco, denn den Titel "Don" würde er nicht mögen, obschon er ihm durchaus schmeicheln könnte, auf Giglios schon seit Jahrhunderten berühmten, bis zu satten 18 Prozent starken Ansonico-Wein. Und sein Wein wird am Ende, nach der Lese im August/September und der Reifung im Fass, nur minimalste Schwefelanteile aufweisen: weit, weit unter den erlaubten Werten.

Für Francesco ist vorbildliches Bio-Keltern einfach selbstverständlich und keineswegs ideologisch motiviert! Denn er beruft sich auf seinen Vater, von dem der einstige Terra ferma- (Festland)-Italiener alles erlernte und der ihm schon in Kindesjahren die Insel Giglio zum unvergesslichen Ferienerlebnis machte, und auf den Arzt und Philosophen Andrea Bacci (1524 – 1600). In dessen Spätwerk, einer ebenso monumentalen wie opulenten, 1595 in sieben Büchern edierten Geschichte des Weins (De naturali vinorum historia) erwähnte der zudem als Botanik-Professor an der römischen Universität La Sapienza (heute die größte Europas!) lehrende Universalgelehrte auch Giglios Weine. Und erhob damals – anders als heute – den roten sogar über den weißen Wein!

Auf Giglios querfeldein.
Auf Giglios querfeldein.

 

Ausschank im Tantris

Darüber hinaus gab Bacci Tipps zu Weinanbau und gesundheitsförderndem Weinkonsum und stellte italienische und nach Rom importierte ausländische Weine der Epoche vor. Bacci schrieb auch über Wasser und den Tiber, über Thermen und Geothermie. In ihm fand Francesco Carfagna sein Leitbild. Zwar produziert er vom weißen, den er Ansonaco "Altura" (IGT, 13,5 %) taufte, jährlich 9000 Flaschen. Doch gibt es auch 1500 Flaschen roten "Rosso Saverio", einen herrlichen Blend, den er nach Saverio, seinem Vater und Lehrmeister aus der Region Molise taufte. Ende der fünfziger Jahre kam Francesco erstmals auf die Insel, mit den Eltern. Seither hat ihn die Giglio-Faszination nicht mehr verlassen.

Wer das Glück hat, zum Festival Muscialgiglio Ende Juli auf der Insel zu sein, sollte keinesfalls das jährliche Open air-Konzert auf Francescos Gut Altura verpassen. In Deutschland werden seine raren Inselweine bisher nur an einem Ort entkorkt: im berühmten Münchner Gourmettempel Tantris, und zwar roter wie weißer. Der Sommelier des Nobelrestaurants war sofort überzeugt!

Salzhaltige Luft umweht die Inselweine

Heute gibt es – trotz aller Tradition, immerhin wieder drei größere, aktive Winzer auf Giglio. Allesamt versuchen sie seit der Jahrtausendwende, den einst großen alten Namen der vom Meer umspülten, von Winden und salzhaltiger Luft umwehten Inselweine wieder aufleben zu lassen. Extrem berühmt ist Giglio heute für den Weißwein aus der von den Gigliesen selbst so genannten Ansonaco-Traube.

Die Etiketten vermerken indes eher die Bezeichnung Ansonico, auch Ansonica. In jedem Fall ist der leckere Weiße, wie man auf Giglio schmunzelnd meint, "non per le signorine", nicht für Mädchen bzw. junge Damen. Der Grund ist schlicht: Der zu 90 % aus Ansonaco-Trauben und zehn Prozent Biancone-, Muskateller-, Malvasia- und Procanico-Reben gekelterte Wein erreicht mühelos bis 18 Prozent Alkoholgehalt. Gut, wenn man dies vorher weiß und sich so präpariert an der Hauptpiazza von Giglo Castello einfindet. Die Piazza Gloriosa zu Füßen der mauerumgürteten Altstadt des Bergdorfs in 405 Meter Höhe ist sechs Kilometer von Giglio Porto entfernt und mühelos per Inselbus erreichbar. Perbacco heißt die beste Weinbar am Platz, wo kurz vor 18 Uhr herrliche Cocktails und vor allem offene Inselweine, darunter auch die der Kooperative "Le Greppe" serviert werden.

"Oh, schmeckt, koste mal"

Dazu werden leckere, hausgemachte Häppchen gereicht. Natürlich ist das herzhafte und zum Altura-Wein perfekt passende Fingerfood umsonst! Tipp: Unbedingt ein Gläschen "Senti Oh" probieren! Der kalt servierte Wein heißt nicht umsonst "Oh, schmeckt, koste mal"! Sogar einige Tische stehen vor der Tür, um den frischen kühlen Wein vor der Kulisse des Dorflebens zu genießen. Natürlich lernt man bei einem Schwätzchen mit der Wirtin auch einiges dazu: So etwa, dass die Insel von den alten Griechen Aigylion bzw. Aegilion genannt wurde. Bei den Römern hieß sie dann Igilium – Ziegeninsel. Daraus wurde Gilio, später dann Giglio.

Überhaupt sollte man sich den Rundgang durch die Gassen des Oberdorfs, den Borgo, nicht entgehen lassen. Führungen bietet Marina Aldi an. Sie weiß, dass an der Piazza della Rocca Italiens Starviolinist Uto Ughi eine Wohnung hat. Sie kann über das Schicksal in den auf Giglio über Jahrhunderte betriebenen Pyrit-Minen ebenso berichten wie über den hochgeschätzten Musikus und Dichter Giuseppe Ivo Baffigi (gest. 1995). Als Peppino di Culisse bewahrte er Giglios musikalische Schätze für die Nachwelt. Und natürlich weiß sie auch alles über den Inselwein mit der berühmten salzigen Note. Vor allem aber muss sie über jene 2000 Piraten und Korsaren aus Tunis schmunzeln, die am 18. November 1799 letztmals versuchten, Giglio zu erobern.

Volltrunkene Piraten

Als wir oben auf der Burgfestung stehen, in der heute ein neues Museum auch das Schicksal der "Costa Concordia" dokumentiert, fällt der Blick auf das talwärts liegende alte Fischer- und Minendörfchen Campese, das heute vor allem von Tauchern aus aller Welt hochgeschätzt wird. Damals landeten die Freibeuter am alten Dorfwachtturm, dem Torre Campese, der 100 Jahre später nochmals berühmt wurde, als hier der Genueser Adlige, Abenteurer und Navigator Enrico Alberto d`Albertis (1846 – 1932) einzog. heute kann jedermann den Torre Campese als Urlaubsdomizil mieten. Damals aber fiel den Korsaren der Weinvorrat von Campese in die Hände. Flugs war es um den Wein (18 Prozent), aber auch um die Piraten geschehen.

Costa Concordia im Hintergrund.
Costa Concordia im Hintergrund.

 

Noch am gleichen Tag sorgten einige Kanonenschüsse von der Burg für die Vertreibung der Volltrunkenen – auf immer und ewig. Einige Beweise für die skurrilen Vorkommnisse bilden heute einen Teil des Kirchenschatz es von San Pietro Apostolo: In einer Seitenkapelle im Kirchenschiff sind neben Reliquien, Monstranzen und Gemälden auch zwei Säbel und eine Korsarenknarre Baujahr 1799 ausgestellt. Wer abends durch den Borgo streift, sollte in der Bar La Banda stoppen, deren Inneres noch der Charme des 19. Jahrhundert haucht. Die Bar wird auch schlicht "Scipione", nach dem Wirt genannt. Hier gibt´s zu Gitarrenklängen das Gläschen Ansonaco zum Freundschaftspreis, ebenso das Panficato Gigliese.

Knurrhahn und Co. – bei Santi

Allererste Wahl ist abends aber Santi Capitani, uneingeschränkter Star unter Giglios Köchen. Mit Ehefrau Silvana berät er im »Da Santi« auch Francesco Carfagna gern und lädt manchen Gast auch gleich in die Küche an den Herd. Dort kann man ihm bei der Zubereitung von Palamita (Bonito) mit Erbsen oder hausgemachter Linguine mit Meeresfrüchten ebenso bewundern wie bei der Zubereitung gleich riesiger, opulenter Platten mit Cappone – Knurrhahn. Das begeistert selbst die Einheimischen – wie zahllose italienische Gourmetkritiker Santi Captiani wird auch 2015 wieder einer der absoluten Stars auf der Slow Fish in Genua sein, die alle zwei Jahre Gourmets aus aller Welt anlockt und diesmal auch für Normalpublikum öffnet. Er ist in jedem Fall den Prinzipien von Slow Food aufs Engste verbunden.

Dies ist natürlich auch Francesco Carfagna, den man womöglich milde lächelnd auf der herrlichen Panoramaterrasse des Restaurants antrifft. Auch er wird nach Genau fahren und seinen Wein vorstellen. Aber den gibt`s, wie er sagt, dort wie überall sonst auch "nur für Freunde". Gut, dass ich mich nun auch zu diesen zählen darf… Denn alt wird bei Francesco eh kein Wein. Dafür hat er zu viele Freunde, und der Wein ist schlicht zu gut.

Weitere Information finden Sie unter www.isoladelgiglio.it und www.vignetoaltura.it

Fotos: Jürgen Sorges

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 20/08/2016

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.