Die Magie der Langsamkeit

Am Anfang ihrer Geschichte waren Zugstrecken nichts anderes als lebenswichtige Verkehrsverbindungen. Heute fasziniert die Magie der Langsamkeit.

Eine Reise mit dem Rovos Rail versprüht die Atmosphäre einer vergangenen Ära. Der "Pride of Africa", so sein Slogan, bietet Reisen zwischen 48 Stunden und 14 Tagen auf sechs verschiedenen Strecken und verbindet einige der großartigsten Ziele Afrikas miteinander.

Ein Großteil der Reisegesellschaft hat sich bereits in der von Kronleuchtern erhellten Empfangshalle des Rovos Rail eingefunden. Südafrikanischer Schaumwein und Sandwiches, Tee und Gebäck werden gereicht. Ein Duo aus Violine und Gitarre untermalt dezent mit klassischer Musik die angeregten Gespräche der Gäste, die in den Sofas und Sesseln versinken. Rohan Vos, der Eigentümer des Zuges, lässt es sich nicht nehmen, jeden Gast persönlich zu verabschieden und eine spannende, interessante Reise zu wünschen.

Wie spannend konnten wir zu diesem Zeitpunkt nicht einmal erahnen. 58 Gäste aus Südafrika, Neuseeland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben die Reise gebucht. Es ist 11 Uhr. Wir gehen Richtung Bahnsteig 23, wo der Nostalgiezug bereits wartet. Mit seinen dunkelgrün lackierten, glänzenden Waggons und seinem Summen verbreitet er dieses Gefühl eines unmittelbar bevorstehenden Abenteuers.

Reiseverzögerung mit kulinarischen Überraschungen

Für einen Zug ist das Platzangebot riesig. Mein Koffer steht bereits in der Ecke. Trotzdem kann man sich mühelos bewegen. Je nach Kategorie messen die mahagonigetäfelten Kabinen zwischen sieben und 16 Quadratmetern. Das bequeme Bett in seinem opulenten King-Size-Format nimmt fast ein Drittel der Kabine ein. Und auch das Bad ist erstaunlich geräumig. Es ist 13 Uhr. Wir stehen immer noch im Bahnhof von Kapstadt. Die elektrische Lokomotive, die von der staatlichen Bahn gestellt wird, hat technische Probleme. Lunch wird serviert. Es gibt gegrillte Prawns auf Salat mit Koriander-Ingwer Dressing und traditionelles südafrikanisches "Bobotie", mit Curry gewürzter Hackfleischauflauf, köstlich, dazu kühlen Thelema Sutherland Rhine Riesling aus Stellenbosch. Die Zeit vergeht wie im Flug.

Um 15 Uhr schauen wir immer noch auf den mal mehr, mal weniger belebten Bahnsteig. In Europa haben wir die Uhren, in Afrika haben sie Zeit. Mit einem energischen Ruck setzt sich der Zug gegen 17 Uhr endlich in Bewegung, rollt majestätisch aus dem Bahnhof Richtung Winelands. Nach sechs Stunden kam man endlich zu der Erkenntnis, dass der Schaden doch größer sei und eine Ersatzlokomotive wurde organisiert. Leider wird es kurze Zeit später bereits dunkel.

Als wir die malerische Weinregion erreichen, ist nichts mehr zu sehen, ebenso wie bei der anschließenden malerischen Passfahrt. Später durchfährt der Zug die verschiedenen Tunnel der Hexriver-Berge. Doch da wäre es sowieso dunkel gewesen. Auf meine Tasse Earl Grey Tea im eleganten Hotel Lord Milner muss ich leider verzichten, da der geplante Ausflug in das koloniale Städtchen Matjiesfontein mit seinen viktorianischen Gebäuden aus Zeitmangel ausfallen muss.

Reisen und Luxus in Symbiose.
Reisen und Luxus in Symbiose.

 

Immer noch ein kleines Abenteuer

Wir gehen gleich über zum stilvoll zelebrierten Dinner im Speisewagen, der mit seiner mahagonigeschnitzten Decke, den Säulen und Bögen, den Messinglampen und Deckenventilatoren eine herrlich viktorianische Atmosphäre verbreitet. Der Service ist erstklassig. Nach dem Essen begeistert uns Gareth van Wyk, der junge, sympathische Train Manager, bei einem Glas Meerlust Rubicon 2008 aus Stellenbosch mit seinen Geschichten. Unsere sechs Stunden Verspätung heute seien nichts gegen einen liegengebliebenen Zug in den Zuckerfeldern vor Durban, erzählt er uns. Damals mussten Limousinen bestellt werden, damit die Gäste noch rechtzeitig ihre Flüge nach Europa erreichten oder, bei wem Zeit keine Rolle spielte, der konnte einfach weiter die exzellenten Margaritas genießen, wie das südafrikanische Paar aus Johannisburg, das noch heute von den sagenhaften Cocktails schwärmt.

Auf der legendären Fahrt nach Daressalam seinerzeit hatte man am Schluss sogar zwei Tage Verspätung und es musste eine Cessna organisiert werden, um rechtzeitig den Flughafen zu erreichen. Auf der 200 Kilometer langen Fahrt zum nächsten Airstrip gab es dann noch zwei platte Reifen, Begegnungen mit Löwen und Nashörnern und als man endlich ankam, war es bereits dunkel, und es stellte sich heraus, dass der Pilot keine Nachtflug-Erlaubnis hatte. Also musste ein neuer Pilot angefordert werden.

Aber auch hier Ende gut, alles gut: die Gäste hatten ihre Story fürs Leben "und ich habe meinen PHD in life gemacht", fügt Gareth lachend hinzu. Afrika ist immer noch Abenteuer pur, so wie es Hemingway schon seinerzeit faszinierte. Eigentlich soll der Zug fahrplanmäßig nachts auf Nebengleisen halten, um eine uneingeschränkte Nachtruhe zu genießen. Doch in unserem Fall ist der Zugfahrer auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Als alle zu Bett gegangen sind, gibt er Gas.

Der Zug rattert, rumpelt und schlingert durch atemberaubende Landschaften

Der Zug rattert, rumpelt, schlingert. Ich finde es cool, in den Schlaf gerüttelt zu werden, andere Passagiere weniger. Am nächsten Morgen erwache ich in einer neuen Welt: trockene rote Erde, Gestrüpp, Hügel. Dazu ein grandioser Sonnenaufgang in dieser trockenen Halbwüstenlandschaft: der Großen Karoo. Südafrika fasziniert immer wieder mit dem Reiz endloser Horizonte. Hunderte von Kilometern nur Steine, Berge in Kegelform, Hügelketten am Horizont. Im Stil vergangener Zeiten gleitet man durch die afrikanische Landschaft. Komfort bedeutet im Rovos Rail nicht High-Tech, sondern nostalgischen Luxus und elegante Behaglichkeit.

Es gilt die touristische Maxime früherer Zeiten: Nicht das Ankommen ist wichtig, sondern die Reise. In 48 Stunden durchquert der Zug fast ganz Südafrika. Die Geschichte von Kimberley ist die Geschichte der Diamanten. Ende des 19. Jahrhunderts erlebte der Ort einen wahren Diamantenrausch. Noch heute hat De Beers, das von Cecil Rhodes gegründete Diamantenimperium, sein Headquarter in der Stockdale Street, wo einmal im Jahr die Direktoren und Aktionäre aus aller Welt zur Jahresversammlung anreisen. Wir werfen einen Blick in das Big Hole, das größte Loch, das Menschen je gegraben haben und einst die größte Diamantenmine der Welt. Später fahren wir mit einem Fahrstuhl hinab in eine Mine.

13 Personen stehen dicht an dicht. Der Aufzug ächzt und quietscht, bleibt plötzlich stehen. Das Licht geht aus. Es ist dunkel. Einen Moment lang denken wir noch, das gehöre zur Dramaturgie der Führung bis uns klar wird, wir stecken fest. Nach einer gefühlten Ewigkeit hören wir Stimmen. Schlüssel sollen geholt werden. Es scheint kein Notaggregat zu geben. De Beers hat es eingespart, heißt es, nachdem das alte nicht mehr funktionierte.

Speiseabteil des Zugs.
Speiseabteil des Zugs.

 

Wir warten. Die Stimmung fällt, die Temperatur steigt, liegt inzwischen bei gefühlten 40 Grad. Mit einer Handkurbel wird der Aufzug später nach unten gekurbelt und durch einen dunklen Tunnel tasten wir uns im Schein von zwei Mini-Maglites nach oben, wo bereits bewaffnete Sicherheitsleute warten. Ihr Auto steht mit laufendem Blaulicht noch vor der Tür. Man weiß ja nie, schließlich handelt es sich um einen außergewöhnlichen Störfall. Nein, Diamanten haben wir nicht gesehen noch mitgebracht, doch dafür eine spannende Geschichte zum Erzählen.

Auf einen G&T im Lounge-Wagen

Auf diesen Schreck gibt es zurück im Zug erst einmal einen ordentlichen Gin & Tonic. Treffpunkt zu jeder Tageszeit ist der Lounge-Wagen mit seinen weichen Sofas und Sesseln, mit seiner kleinen vielversprechenden Bar und Aussichts-Plattform am Zug-Ende. Während der Himmel orangefarben zu glühen beginnt, leuchten bereits die ersten Sterne. Der Zug rollt weiter. Bäume gleiten wie schwarze Silhouetten vorbei. Der tiefe Gong ruft dann zum viergängigen Dinner.
Küchenchef Masilo vollbringt wahre Wunder in der winzigen Bordküche. Gegrillter Cape Rock Lobster und zartes Karoo Lamm sind Gaumengenuss auf höchstem Niveau. Am dritten Tag nähern wir uns dann gegen Mittag unserem Ziel. Fröhlich winken die Kinder der Townships am Stadtrand von Pretoria. Auf den letzten Kilometern ein weiteres Highlight: die Lokomotive wird noch einmal gewechselt. Wir werden jetzt von Shaun gezogen. Es dampft und blubbert. Weiß-graue Wölkchen steigen in den blauen Himmel und das Herz jedes Eisenbahnfreaks schlägt höher.

A Long Walk to Freedom

Vier Dampflok-Oldtimer, die er nach seinen Kindern Bianca, Brenda, Shaun und Tiffany benannt hat, sind Rohan Vos ganzer Stolz. Doch unter Umweltaspekten dürfen sie nur noch auf seinem Privatgelände fahren. Pünktlich um 12 Uhr laufen wir in den schönen alten Privatbahnhof von Rovos Rail im Capital Park, Pretoria ein. 1600 Kilometer liegen hinter uns. Schade – eine unvergessliche Reise geht zu Ende. Wer zwischen Rück- oder Weiterflug noch Zeit hat, sollte als krönenden Abschluss eine Nacht im Saxon Boutique Hotel Villas and Spa in Johannisburg’s Nobelvorort Sandhurst verbringen. Nelson Mandela schrieb hier seine berühmte Autobiographie "A Long Walk to Freedom" zu Ende.

Für mich ist es eines der schönsten Stadthotels und mit dem Restaurant 500 auch neuer kulinarischer Hotspot der Millionenmetropole. Chef David Higgs hat sich vorgenommen, Fine Dining nach Johannisburg zu bringen und die Gourmets, die sonst am Wochenende eher nach Kapstadt flogen, sind begeistert. Seine Kreationen sind himmlisch. Nur neun Tische stehen in der ehemaligen Owner Suite. Das Ambiente ist herrlich entspannt. Das Interieur edel und dezent alles in Schwarz. Der Focus liegt ganz auf den Gerichten, die erst am Tisch vollständig zubereitet werden.

KULINARIKER-Tipp: Tischreservierungen mindestens einen Monat im Voraus!

Weitere Informationen finden Sie unter www.rovos.com, www.lhw.com/saxonsouthafrica und www.flysaa.com 

Fotos: Heike Neuenburg, Rovos

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Zuletzt bearbeitet am 20/08/2016

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