On the Road to Mandalay

"Dies ist Birma und es wird wie kein anderes Land sein, das du kennst…". Rudyard Kipling, britischer Weltenbummler von Format und Literaturnobelpreisträger des Jahres 1907, wusste wovon er sprach, als er sich auf Anhieb in das südostasiatische Land verliebte.

Sein Gedicht "Road to Mandalay" (1899) ist noch immer eine Inspirationsquelle für viele, die sich Myanmar (so nennt sich Birma offiziell seit 1989) nähern. Touristische Dienstleistungen, deren Infrastruktur gerade erst im Aufbau befindlich ist, spielen aber bislang eine untergeordnete Rolle. Und so ist die bis heute beste Art, das international sich erst langsam öffnende Land zu erkunden, wie bereits zu Kiplings Zeiten, eine Reise auf dem großen Fluss.

"Es tut sich was in unserem Land, es geht voran" freut sich Tun Tun, der Reiseführer, in flüssigem Deutsch, ohne Deutschland jemals für Studienzwecke besucht zu haben. Der kleine Mann mit dem großen Lächeln empfängt uns in Yangon (so der offizielle Name von Rangun seit 1989) und wird die Gruppe von zweiundvierzig Gästen in den kommenden zwölf Tagen auf der Flussreise begleiten.

Pionier und Marktführer zugleich ist Belmond mit seiner "Road to Mandalay", einem ehemaligen Rheindampfer, der seit 1995, damals noch für ‚Orient-Express‘, den Irrawaddy im Luxussegment befährt. Die alte Dachmarke hat sich seit Frühjahr 2014 erfolgreich in Belmond umbenannt, da das Portfolio zunehmend gewachsen ist und eine zu große Nähe aller Dienstleistungen der Marke zum historischen Zug vermieden werden sollte.

Um sich einen Überblick zu verschaffen genügt es, die Teilstrecken südlich und nördlich von Mandalay, der letzten Königsstadt in der Mitte Birmas, zu unterscheiden. "Nur dreimal jährlich zur Monsunzeit im Sommer befährt das Schiff den oberen Flusslauf von Mandalay bis hinauf nach Bhamo im nordöstlichen Hochland", begrüßt Tun Tun seine Gäste noch im Belmond ‚Governors’s Residence‘, der schönsten Oase Yangons, als alle sich zum Aufbruch nach Mandalay zusammengefunden haben. Das 420 Kilometer lange nördliche Teilstück des Flusses bedarf hoher Wasserstände und so kann in den Monaten August und September hier gekreuzt werden.

Belmond Road to Mandalay Exterior.
Belmond Road to Mandalay Exterior.

 

Die Reisen auf dem oberen Irrawaddy enden nach elf Tagen in Bagan, südwestlich von Mandalay gelegen. Während der Oberlauf in erster Linie durch seine Landschaft mit ihren engen Schluchten und vielen Dörfern interessant scheint, bilden die knapp 165 Kilometer des Weges zwischen Mandalay und Bagan den kulturhistorischen Höhepunkt einer Birmareise. Beide Städte waren Königsstädte und Zentren der buddhistischen Kloster- und Pagodenkultur des tief religiösen Landes.

Erfolgreiches Rebranding der Dachmarke

Eine Birmareise beginnt also zumeist in Yangon. Noch bevor Tun Tun seinen Pflichten als Reiseführer nachkommen kann, ist es empfehlenswert, individuell einige Tage in der alten Hauptstadt zu verweilen oder einen Ausflug zum goldenen Felsen, einem der drei größten Heiligtümer der Buddhisten im Land, zu unternehmen. Welche Metropole entspräche mehr den abendländischen Assoziationen der exotischen Welt Südostasiens als Yangon?

Die fünf Millionen Einwohner zählende Stadt ist bislang unberührt von der Einflussnahme westlicher Zivilisationsvorstellungen und konnte ihren historischen und authentischen Charme weitestgehend bewahren. Dampfende Garküchen brodeln an allen Ecken und Gemüsemärkte legen ihre frische Ware direkt auf den nicht asphaltierten Straßen aus, abgestimmt auf die Reifenspurbreite der Autos, die mühelos darüber rollen. Es fehlte die letzten Jahrzehnte schlichtweg das Geld, die Stadt gemäß dem Vorbild anderer asiatischer Metropolen zu entwickeln.

Yangon ist Tummelplatz eines 676.000 Quadratkilometer großen Landes, das in sieben Provinzen unterteilt und offiziell durch 134 Ethnien bewohnt wird. Neben den Birmesen spielen vor allem indisch- und chinesisch stämmige Gruppen eine herausragende Rolle des 51 Millionen Volkes mit seinen 104 verschiedenen Sprachen. Selbst die Kleidungsstile der Männer in ihren bodenlangen, bunten Wickelröcken, sogenannten Longyis, sind historisch und ein Spaziergang durch Downtown erinnert mit den kolonialen Prachtbauten an die englische Besatzung in der Zeit von 1885 bis 1948.

Shwedagon: Grösste Pagode der Welt in Yangon mit über 60 Tonnen purem Gold.
Shwedagon: Grösste Pagode der Welt in Yangon mit über 60 Tonnen purem Gold.

 

Yangon als authentischste Metropole Südostasiens

Einschiffung ist also nach einem gut einstündigen Flug in Mandalay. Die Reise flussaufwärts entlang der unzähligen Pagoden in Ufernähe ist ein elementares Erlebnis, alle Dörfer leben in sehr urtümlichen Strukturen. Eine elektrische Versorgung bildet die Ausnahme, steht oft nur wenige Stunden am Tage zur Verfügung und auch eine Kanalisation ist meist fremd. Umso selbstverständlicher aber die offenherzige Freundlichkeit der Bewohner gegenüber den Gästen.

Schulkinder in ihren grünen Longyis und weißen Hemden prägen das Bild der kleinen Gemeinden, die sich der Landwirtschaft, der Töpferei oder dem Holzhandel verpflichtet haben. "Mingalabar" heißt der Willkommensgruß zu jeder Tages- und Nachtzeit in der birmesischen Landessprache und schon die Kinder begrüßen, wie auch die Erwachsenen, die fremden Gäste des Schiffes mit diesen vier Silben und einem herzlichen Lächeln.

Am späten Nachmittag, wenn die tiefstehende Sonne sich meist in den goldenen Pagodentürmen zu spiegeln beginnt, eilen die Menschen zum Flussufer, um sich zu baden und ihre Wäsche zu waschen. "Es sind kollektive Rituale, die den sozialen Zusammenhang der Dorfgemeinschaften festigen" erklärt uns Steve, der Kreuzfahrtdirektor. Und immer wieder weisen in einzelnen Städten historische Kolonialbauten, wie der alte Bahnhof in Katha, auf die bewegte Vergangenheit, während der sich das Land so lange erfolglos gegen Besatzung und Fremdherrschaft wehrte.

Schulkinder brav in Reih und Glied bestaunen die Touristen.
Schulkinder brav in Reih und Glied bestaunen die Touristen.

 

George Orwell als britischer Polizist

George Orwell lebte im Jahr 1927 als britischer Polizist in Katha und auch sein Haus steht heute noch für eine Besichtigung zur Verfügung. Orwell publizierte seine Aufzeichnungen ‚Tage in Birma‘ im Jahr 1934 und die Depression der nativen Bevölkerung durch die Kolonialbesatzung war für ihn Anlass genug, seine Offizierslaufbahn im Jahr 1928 endgültig zu beenden, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen; Rikschas führen uns durch die Stadt, vorbei am historischen Tennisclub mit englischem Clubhaus aus dem Jahr 1924 bis hin zur alten Pagode, an deren Füssen sich der örtliche Bolzplatz erstreckt.

Jugendliche Mönche haben sich zum späten Nachmittag eingefunden und sich ihrer safranfarbenen Gewänder entledigt. Es scheint ums Ganze, zumindest aber um die Ehre zu gehen, so vehement kämpfen sie um Tore und Sieg. Weiter flussaufwärts stellt der Besuch der heiligen Insel Shwe Paw Kyun mit ihrem historischen Kloster und den über 700 Pagoden auf engstem Raum einen spirituellen Höhepunkt dar.

Nach der Passage des zweiten Fluss-Engpasses und des alten Klosters von Sinkhan aus dem Jahre 1929 erreichen wir Bhamo als Wendepunkt der Reise, 40 Kilometer westlich der chinesischen Grenze gelegen. Selbst zur Monsunzeit ist der Irrawaddy nur bis zu dieser wichtigsten Handelsstadt in der Katchin Provinz befahrbar. Das bunte Treiben in den Straßen der Großstadt zeigt bereits deutlich chinesische Einflüsse, viele der hier gehandelten Produkte kommen aus dem großen Nachbarland. Waren die Korbsessel und Liegestühle in den Dörfern bislang aus Bambus oder Rattan gefertigt, sind sie nun oft aus Plastik und ganz in der farbenfrohen Art, wie preisgünstige Varianten auch in überdimensionierten deutschen Baumärkten zu finden sind.

Flussabwärts geht die Reise schnell, der Weg führt nach Mingun, fast vis-à-vis von Mandalay gelegen. Der kleine Ort ist berühmt für die zweigrößte Glocke der Welt aus dem Jahr 1808. Selbst für die Weitwinkelobjektive moderner Fotoapparate ist das 90 Tonnen schwere Exponat eine Herausforderung, die gemeistert werden will. In Mandalay stehen der Königspalast und der Besuch von historisch bewahrten Kunsthandwerksstätten auf dem Programm. Die örtlichen Lackarbeiten in Form von Devotionalien gelten als die hochwertigsten der Welt.

Dorfleben am Fluss zum Nachmittag.
Dorfleben am Fluss zum Nachmittag.

 

Ein ähnliches Bild stellt sich in Amarapura dar, der "Stadt der Unsterblichen" aus dem 14. Jahrhundert. Zweimal war die Gemeinde Königsstadt des Landes, heute ist sie neben ihren Klöstern für ihre Seidenweberei berühmt. Wahrzeichen aber bleibt die mit 1,2 km Länge größte Teakholzbrücke der Welt aus dem Jahr 1851 über den Taungthaman See. Wir paddeln mit kleinen Ruderbooten zum Sonnenuntergang zwischen den Stelen der Brücke hindurch und beobachten die Kinder der umliegenden Dörfer bei deren scheinbar endlosen Spiel in ihrem nassen Paradies.

Auch Mönche spielen gerne Fußball

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses stoßen wir in Sagaing zum buddhistischen Zentrum des Landes vor. Zwischen den zum Wasser des Flusses hin gelegenen, grünen Hügeln des Ortes, wohnen über 5000 Mönche und Nonnen in einer Vielzahl von historischen Klöstern, die fremde Gäste selbst in ihren privaten Räumen herzlich willkommen heißen. Der Einblick in das tägliche Leben dieses Ordens mit einem Gespräch der 94-jährigen Äbtissin belegt uns, dass in Birma derzeit ca. 400.000 Mönche und 150.000 gläubige Nonnen leben.

Die Sonne steht wieder hoch, und schon aus der Ferne leuchten uns am Folgetrag die 42 Quadratkilometer weiten Tempelanlagen von Bagan in ihren Goldtönen zum Ende der Reise entgegen. Es steht an, die fast 3000 Pagoden und Klöster der alten Hauptstadt des Königreichs Birma in den Jahren 1044 bis 1287 zum Weltkulturerde der UNESCO zu erklären, sofern ein modernes Denkmalschutzverständnis der Entscheider vor Ort dies zulassen sollte. Die Wandmalereien in den Denkmälern des 11. bis 13. Jahrhunderts sind die ältesten Südostasiens. Der letzte Tag ist dem Besuch des berühmten Mount Popa gewidmet. Genau 777 Treppenstufen lohnen, erklommen zu werden, um zu einem weiteren kulturhistorischen Zentrum des Landes zu gelangen.

Birma wirkt elementar und beglückt. Tun Tun wünscht sich, einmal nach Deutschland kommen zu können; das Land, dessen Sprache er autodidaktisch und mit Hilfe von Tonbandkassetten gelernt hat. Ob es ihn ähnlich verzaubern würde, wie seine Heimat uns in seinen Bann zu ziehen versteht? Die Spontaneität und Freundlichkeit der Birmesen wird in ihrem Sprichwort deutlich, das gerade für uns europäischen Reisenden zu einem Vorbild und Leitstern werden kann: "Wenn Du jemanden ohne Lächeln triffst, schenk ihm Deines!"

Auch Mönchsnovizen lieben Fußball.
Auch Mönchsnovizen lieben Fußball.

 

KULINARIKER-Information:
Die Organisation einer Birmareise mit einzelnen Bausteinen bietet Windrose Finest Travel; ein Visum zur Einreise ist notwendig. Ab Deutschland fliegt Thaiairways günstig (ab Frankfurt im A 380) nonstop nach Bangkok und weiter bis Yangon.

Hotels:
Für das Vorprogramm in Yangon zur individuellen Vor- oder Nachbereitung der Flussreise bietet sich das koloniale Belmond Governor’s Residence als Ergänzung an. Das weitläufige Anwesen im Botschaftsviertel aus den späten 1920er Jahren bietet 48 Zimmer, einen Pool und hervorragende regionale und internationale Küche. Das Frühstücksbuffet ist das umfangreichste und beste des Landes. Alternativ kann das koloniale ‚The Strand‘ in Downtown mit seinen 31 Zimmern aus dem Jahr 1901 empfohlen werden.

Lese-Tipp:
Amitav Gosh: Der Glaspalast, Goldmann Verlag
George Orwell: Tage in Birma, Diogenes Verlag

Musik-Tipp:
Frank Sinatra: On the Road to Mandalay, Pegasus Entertainment

www.windrose.de
www.belmond.com
www.thaiair.de
www.hotelthestrand.com

Fotos: Frank Sistenich, Belmond, The Strand

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Zuletzt bearbeitet am 20/08/2016

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