Rendezvous mit Kind vom Mars…

Zehn Kilometer südwestlich über Liberec, dem einstigen Reichenberg in Nordböhmen, ragt der Ještěd auf. Der 1012 Meter hohe Trum, hierzulande auch als Jeschken bekannt, gilt als Naherholungs- und Sportparadies schlechthin. Doch nicht allein Loipen- und Höhenjäger sind für die Liberecer wichtig. Ihr ganzer Stolz – und seit nun 15 Jahren unumschränktes Wahrzeichen der Stadt, ist ein seit 2001 allabendlich über Liberec hell strahlendes "Raumschiff", das Hotel Ještěd auf dem Gipfel auf dem engen Gipfelplateau des Jeschken.

Jürgen Sorges war vor Ort und hat erkundet warum gerade dieses Hotel einmalig ist, Architekturfans wie Historiker, Weltallenthusiasten wie Freunde des Retrostils der 1970er Jahre auf den Plan ruft und hierher eilen und die UNESCO überlegen lässt, es ins Weltkulturerbe aufzunehmen. Keine Frage: Am Ende hatte ihn das gesamte Ensemble in luftiger Lage, inklusive dem Restaurace "Nad oblaky", dem Hotelrestaurant "Über den Wolken" und der auch Rauchern freundlich gesinnten Bar Avion überzeugt.

Hundert-, gar Tausendfüßler…

Schon 1844 soll eine erste Hütte auf dem Ještěd gestanden haben. Da ragte auf dem Gipfel des Jeschken seit bereits seit sechs Jahren jener Rohanstein auf, der ursprünglich die Grenze zwischen den Besitzungen der Adelsfamilien Rohan und Clam-Gallas markierte und auch schon königlich sächsischer Triangulationspunkt der ersten Kategorie war. Heute ist die Inschrift auf der etwa 2 Meter hohen Granitstele nahezu verwittert – sie bleibt aber das älteste Bauwerk auf dem Gipfel. Abertausende sind seit 1838 zu ihr hinauf gepilgert, stiegen lange Jahre sogar auf einen 8 Meter hohen Aussichtsturm, der dann aber abgerissen werden musste.

Nicht wenige machten es sich zum Sport, regelmäßig den Jeschken hinaufzuklettern. Flugs war ein Club jener Hunderter geboren, die die dreistellige Gipfelerklimmung geschafft hatten. Dann folgten sogar Tausendfüßler: Den Rekord schaffte eine Dame, Frieda Mandelik, bis 1937: Sie stieg dem Jeschken 5000 Mal aufs Haupt. Ein anderer professioneller Bergfex, Rudolf Kauschka, schaffte 1922 sogar zwölf Aufstiege an einem Tag.

Auch heute gibt es wieder " Ještěd-Hunderter", voraussichtlich bald dann auch wieder die ersten "Ještěd-Tausender" des 21. Jahrhunderts. Schließlich ist Wandern angesagt, der europäische Fernwanderweg E 3 von Eisenach nach Budapest führt rot markiert über den Berggipfel, und zahlreiche Wanderwege der näheren Umgebung enden hier.

Aber es gibt ja schließlich auch PKW und Bahn, die Ještěd-Fans. Mühelos und sohlenschonend hierher transportieren. Etwa von Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe), aber auch von Görlitz. Dresdner nutzen die BAB 4 und die B 178n, um Liberec über Zittau und Löbau zu erreichen. Schließlich gibt es im Liberecer Vorort Horní Hanychov, der auch mal Oberhanichen hieß, nicht nur Parkplätze und Straßenbahnhaltestellen. Denn hier pendelt schon seit 1933 die Jeschkenseilbahn mit zwei Kabinen zwischen Tal- und Bergstation. 400 Höhenmeter Differenz auf 1188 Meter Streckenlänge bei einer Fahrtzeit von schlappen vier Minuten!

Hotel und Fernsehturm zugleich: Der Superwurf des Karel Hubáček

"Architektur ist die Kunst, den Raum zu organisieren. " Es war der berühmte Spezialist für Eisenbetonbau, Auguste Perret, der diesen Kernsatz hinterließ. Doch Frankreichs Wegbereiter der modernen Architektur (1874 – 1954), er wurde berühmt für den Wiederaufbau des zerstörten Le Havre nach dem 2. Weltkrieg, hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass da einer käme, um die Zielkoordinaten von "Raum" durch "Weltraum" zu ersetzen.

Genau dies aber gelang dem Prager Karel Hubáček (1924 – 2011), als er die Findungskommission für einen Neubau auf dem Jeschken überzeugte. Denn am 31. Januar 1963 war das alte Berghotel auf dem Jeschken abgebrannt. Der ganze Stolz des "Deutschen Gebirgsvereins für das Jeschken- und Isergebirge", er hatte das Haus samt 23 Meter hohem Aussichtsturm 1906 mit Schuldscheinen erbauen lassen, war nun endgültig und unwiderruflich dahin. Gefordert waren der Bau eines neuen Hotels, aber auch eines Fernsehturms für das analoge TV-Zeitalter. Für die Juroren völlig überraschend kombinierte Hubáček beides – und gewann den Wettbewerb.

Ende Juni 1966 fand die Grundsteinlegung statt. Dann wurde gebaut – bis zur Eröffnung 1973. Verspätungen gab es auch damals schon: Einerseits war dies der Politik geschuldet. Denn der im Bau befindliche Sendeturm wurde während der Niederschlagung des Prager Frühlings kurzerhand besetzt. Vom 21.8.1968 bis zum 27.8.1968 sendete hier eine Art Piratensender Durchhalteparolen für die verbliebenen Dubček-Anhänger.

Vor allem aber geriet Architekt Hubáček nach dem Ende des Prager Frühlings in die Kritik – und wurde für seine "kapitalistische Bauweise" gerügt. Denn der epochale Sensationsbau, geplant und realisiert inmitten der euphorischen Zeit des Wettlaufs zum Mond zwischen den zwei Supermächten USA und UdSSR, erforderte außergewöhnliche Anstrengungen und Baumaterialien, die das Standardprogramm der sozialistischen Wirtschaft der ČSSR nicht bewältigen konnte.

Und so wurde die futuristische "rotierende Hyperboloid-Konstruktion" zur Herausforderung für alle – auch für Statiker Zdeněk Patrman, der mit dem Architekten Karel Hubáček zusammenarbeitete. Neue Werkstoffe mussten entwickelt, die ins Innere verlegten Antennen durch einen neu zu entwickelnden Kunststoff geschützt werden. Am Ende bewerkstelligte den Bau der dafür nötigen riesigen Kunststoffstangen ausgerechnet eine Angelrutenfabrik. Es geht die Mär, dass für die überlangen Stäbe extra eine Fabrikwand durchbrochen werden musste.

Das Hotel Ještěd.
Das Hotel Ještěd.

 

Schon 1969 wurde Karel Hubáček für den Bau des Fernsehturms, dessen "humanisierte Architektur" und "kultiviertem Technizismus" mit dem weltweit renommierten Auguste-Perret-Preis ausgezeichnet. Doch zur Preisverleihung nach Buenos Aires durfte er ebenso wenig, wie er zur Eröffnung des Baus am 21.9.1973 geladen worden sein soll. Seien Anerkennung wie die des Statikers Zdeněk Patrman und des für seien H-förmigen Möbelkonstruktionen berühmt gewordenen Innenarchitekten Otakar Binar folgte erst sehr viel später. Zuvor schwankte der 94 Meter Turm aufgrund seiner exponierten, Wind und Wetter ausgesetzten Lage erst mal beträchtlich – und musste im Inneren mit einem 600 kg schweren Gegengewicht und Schwingungsdämpfern stabilisiert werden.

Schließlich aber wurden Hotel wie TV-Turm 1998 zum "Kulturdenkmal", im Jahr 2000 zum "Bauwerk des Jahrhunderts in der tschechischen Architektur" und 2006 zum "nationalen Kulturdenkmal" erklärt. Schon 2001 hatten die Bürger von Liberec jene nötigen 750 000 tschechischen Kronen gespendet, um sich und ihre Gäste fortan mit der nächtlichen Beleuchtung des steil über Liberec aufsteigenden Jeschkengipfels mit dem markanten, für viele einem Alien-Weltraumschiff aus Science Fiction-Romanen gleichenden " umgedrehten Trichter" zu erfreuen. Und natürlich waren Literatur und Film rasch zur Stelle.

2006 veröffentlichte Jaroslav Rudiš seinen Erfolgsroman "Grand Hotel", der das Berghotel Ještěd zentral thematisiert (deutsch: 2008 bei Luchterhand). Die Romanverfilmung war auf der Berlinale 2007 in der Regie von David Ondříček zu sehen. Stadt und Region Liberec haben das Berghotel als UNESCO-Welterbe-Kandidaten angemeldet.

Meteoriten und das "Kind vom Mars"

Bis diese weltweite Anerkennung geschafft ist, funktioniert der restaurierte Bau weiterhin: weniger als ausrangierter TV-Sendemast denn als gut besuchter Aussichtsturm mit spektakulärem Hotel und Restaurant. In der Lobby des Baus fällt der Blick auf die Wandinstallation "Fallender Meteorit" (1973) der Künstler Libensky und Brichtova.

Und auch der sich anschließende Treppenaufgang zum Panoramarestaurant ist ein Blickfang. Die wenigen Hotelzimmer über dem rundum verlaufenden Restaurant "Über den Wolken" (Restaurace "nad oblaky") mit 120 Sitzplätzen und der Bar Avion (50 Sitzplätze) sollte man frühzeitig buchen. Zwei der Zimmer sind bis heute komplett im Originaldesign von Otakar Binar gehalten, die anderen zitieren ihn. Im Hotelflurrundgang schwingen tropfenförmige, mit Schafsfell bezogene Sitzmöbel von der Decke, die eine Atmosphäre wie auf dem legendären TV-Raumschiff "Orion" vermitteln.

Eine Attraktion hier oben im Hotel ist aber auch das Treppengeländer: Seine Konstruktion besteht ausschließlich aus jenen Metallteilen, die als Schrott aus dem Schutt des abgebrannten Vorgängerbaus geborgen und neu zusammengeschweißt wurden – eine wirklich gute Recyclingidee!

Am überzeugendsten ist dann aber die aktuell etwas versteckt unterhalb des Rohansteins und des Gipfelplateaus aufgestellte, etwa einen Meter hohe Bronzestatue "Dítě z Marsu" ("Kind vom Mars"), die Jaroslav Rona 2003 schuf. Keine Frage, es handelt sich beim dem unbekleideten "Kind" mit den charakteristischen "Noppen" auf dem Haupt unübersehbar um ein Knäblein, das sich wie ein Baby mit zusammengeballten Fäustchen die Augen reibt. Und das ist die wohl passende Geste und Reaktion beim Bestaunen des nahen Berghotels.

Panorama pur: Mit Major Tom im Dreiländereck

Wer die gute böhmische Küche im Restaurant goutiert oder auf einen Becherovka oder die Neuedition Becherovka Lemon in der Bar Avion genießt, sollte ab 17, 18 Uhr kommen. Denn dann bietet das Spektakel des Sonnenuntergangs einmalige Aussichten auf die umliegenden Mittelgebirge – und wenig später den Sternenhimmel dazu.

Das schöne Rathaus der Stadt.
Das schöne Rathaus der Stadt.

 

Und, ganz nebenbei, können hier historisch Interessierte auch erfahren, dass der Jeschken auch schon früher ein "politischer Berg" war. Hier trafen sich am 7. August 1870 Menschen zu jenem ersten tábor lidu (Volks-Tábor), der 1878 die Gründung der tschechischen sozialdemokratischen Partei nach sich zog. Und am 23. August 1940 gab es gegen Mitternacht einen Knall. Da war ein in Lüneburg gestarteter Bomber Marke Heinkel He 111 gegen den Berg gerast.
Beinahe unschlagbar ist das einzigartige Berg-, Buchen- und Nadelwaldpanorama von der höchsten Erhebung des Jeschkenkamms weit hinaus ins Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen. Und natürlich leuchten im Reichenberger Talkessel auch die Lichter der 102.000 Einwohner-Regionalmetropole Liberec.

Aber von hier oben, auf dem Ještěd, schweift der Blick weit über das Isergebirge und gar zum Gipfel des Riesengebirges, der 1603 m hohen Sněžka, der Schneekoppe. Und er wandert immer wieder zum Firmament, auf das das 94 m hohe Bauwerk des futuristischen Hotelbaus wie eine Nadel zuläuft und so fast wie eine konisch zulaufende, in den Himmel pieksende Weltraumstartrampe wirkt. Hier auf dem Jeschken ist der richtige Ort für ebenso für von "Star Wars" Infizierte wie die in nostalgischer "Space oddity" Versunkenen oder für "Major Tom" (pardon, wir sind in Tschechien, hier natürlich Major Tomáš) Schwärmenden. Und: Man darf sogar Besuch aus dem All gewärtigen…

Vor der Reise:
Tschechische Zentrale für Tourismus (Czech Tourism), Wilhelmstr. 44, 10117 Berlin, Tel. 030 2 04 47 70, www.czechtourism.com

Vor Ort:
Liberec (Ex-Reichenberg): Stadtinformation Liberec, nám. Dr. E. Beneše (Dr. E. Beneš-Platz). 23, 46001 Liberec, Tel. +420 485 10 17 09; Juni – Sept. Mo. – Fr. 8.00 – 18.00, Sa., So. 9.00 – 12.00, Okt. – Mai Mo. – Fr. 8.00 – 17.00, Sa. 9.00 – 12.00 Uhr geöffnet; www.visitliberec.eu/de/, www.liberec.cz;

Skigebiet Ještěd: www.skijested.cz
Kabinenseilbahn Liberec – Horní Hanychov (Talstation) – Ještěd (Bergstation):April – Okt. Mo. 14.00 – 19.00, Di. – So. 9.00 – 19.00 Uhr; Nov. – März Mo. 14.00 – 18.00, Di. – So. 9.00 – 18.00 Uhr; ein Weg 99 CZK, Retourticket 149 CZK; Zugang zur Seilbahn: Vom Bhf. Liberec ab Straßenbahnhaltestelle Nádraží oder vom Bhf. Liberec-Horní Růžodol von der Straßenbahnhaltestelle Janův Důl mit Tramlinie 3 zur Endhaltestelle Horní Hanychov. Dann zehn Min. zu Fuß bis zur Talstation der Seilbahn (Gesamtzeit: 30 bis 40 Min.); Nahe der Talstation sind auch Parkplätze. www.cd.cz/de/vnitrostatni-cestovani/specialni-nabidky/-20006

Übernachten, Restaurants:
Hotel Ještěd (Jeschken), Horní Hanychov 153, 46007 Liberec 7, Tel. +420 485 10 42 91, http://jested.cz/de/; Restaurant "Über den Wolken" tgl. 10.00 – 24.00 Uhr geöffnet; 18 DZ, 1 Suite (gesamt: 51 Betten); 10 km von Liberec; DZ 2600 CZK/Nacht (ca. 97 €); Suite 3600 CZK pro Nacht (ca. 134 €)

Fotos: Fremdenverkehrsamt Liberec

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Zuletzt bearbeitet am 20/08/2016

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