Im Land der Peuketier (Teil 1)

Die uralte Kleinstadt Ruvo di Puglia bewahrt einzigartige Schätze und Tradition und Kultur Apuliens – und hält für jeden Gourmet ein "Mezza Pagnotta" der Extraklasse bereit...

Noch im Nationalpark Alta Murgia ("Hoch-Murgia") gelegen, ist das gerade 25300 Einwohner zählende Ruvo di Puglia ein häufig übersehenes Juwel in der Terra di Bari, dem fruchtbaren, seit Jahrtausenden besiedelten und kultivierten Land rund um Apuliens Landeshauptstadt Bari. Dabei liegt Ruvo, im örtlichen Dialekt "Reuve" genannt, nur 37 km nördlich von Bari und gerade 15 km vom Meer, wo an der Mole von Molfetta herrliche Fischrestaurants mit Panoramablick auf die Adria locken.

Eigentlich dürfte es kein Problem sein, vom internationalen Flughafen "Karol Woytila" in Bari hierher zu gelangen. Sogar ein Nahverkehrszug fährt täglich regelmäßig die Verbindung ab. Für die Einheimischen aber und natürlich für diejenigen, die Ruvo entdecken, ist sie die Stadt des Olivenöls und der Kunst. Umgeben von den Türmen der uralten Stadtmauer, besitzt Ruvo sogar ein kleines florierendes Tourismusbüro an der Via V. Veneto. Hier finden Stadtbesucher herausragend gutes Informationsmaterial, Karten der Alta Murgia, Stadtpläne und wunderbare, auch mit EU-Mitteln hergestellte Broschüren zu allen nur erdenklichen Erkundungsthemen.

Und natürlich ist Ruvo ein Hort kulinarischer Genüsse – denn die Bewohner schwören auf Qualität. Hier im historischen Ortskern wird der Ricotta noch täglich frisch zubereitet, etwa in der Seitenstraße zwischen Via Parini und Via Vanini. Hier steht man sogar nachmittags um 17 Uhr für frischgebackenes Brot an und schaut dem Bäcker am Ofen bei der Arbeit zu, wie im Panificio an der Via De Gaspari Ecke Piazza G. Matteotti.

Weinladen Il Vinaio...
Weinladen Il Vinaio...

 

Und hier findet man in der Pasticceria Berardi am Corso G. Jatta die wohl besten süßen Leckereien und Pralinen Apuliens und ein sagenhaft gutes Eis. Direkt gegenüber findet der tägliche Markt statt, gleich nebenan öffnet Weinhändler Daniele Roselli an Hausnummer 58 seinen Weinladen "Il Vinaio" ("Der Weinhändler"). Hier erhält man z. B. erlesene Weine des nahe dem Castle del Monte beheimateten Weingutes Torrevento, etwa den begehrten Solstizio.

Aber es gibt natürlich auch Weine aus der autochthonen lokalen Traube Nero di Troia, es hat den Aleatico und den herausragenden Aglianico del Volture, natürlich aus der Cantina di Venosa, dem Geburtsort von Dichter Horaz in de Basilikata. Und hier gibt es den unschlagbaren Primitivo di Manduria, z. B. vom Weingut Pichierri. Aber der Reihe nach…

Ruvo di Puglia mit seinem sich über 200 km² ausdehnenden Gemeindegebiet aus Olivenhainen, Weingärten und fruchtbarem Ackerland ist dank des Nationalparks auch ein besonderes Habitat für Flora und Fauna. Nur wenige Autominuten aus der Stadt heraus ist man in der Alta Murgia, genießt den Fernblick bis zur Adria und genießt die Stille in der Natur. Das Klima ist mediterran, mit heißen, trockenen Sommern und durchaus auch regnerischen Wintern.

Dies fanden schon die Menschen des Neolithikums attraktiv, die hier mindestens ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. siedelten. Der Name Ruvo indes ist jüngeren Datums und indoeuropäischer Herkunft. Er bedeutet in etwa "Ort der reißenden Wildbäche" die tatsächlich früher in dieser kalkhaltigen Karstlandschaft flossen. Die Bewohner von Ruvo hießen hingegen schon bei den Griechen "Rhyba", woraus die Römer "Riba und später "Rubi" machten.

Im Nationalmuseum Jatta...
Im Nationalmuseum Jatta...

 

Daraus entstand dann im Mittelalter "Rubo", schließlich Ruvo. In der Bronzezeit, um 1100 v. Chr. vertreiben dann die Peuketier, ein japygischer Stamm, der von der kroatischen Seite der Adria hierher übergesetzt hatte, die Urbevölkerung der Ausonier. Die Peuketier machten die Terra di Bari zu ihrem zentralen Siedlungsgebiet und gründeten dann Ruvo, das sie zu ihrem Hauptsitz machten. Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. kolonisierten dann die antiken Griechen dies Gebiet und bauten Ruvo zu einem prächtigen Handels- und Wohnsitz aus.

Das wir dies alles wissen, ist vor allem einem Menschen, Giovanni Jatta zu danken. Der Archäologe erfüllte sich ab 1832 seinen Traum und errichtete ein Privatmuseum, das sein Neffe gleichen Namens dann weiter ausbaute. Alle Schätze, die Giovanni Jatta seit Beginn des 19. Jahrhunderts zusammengetragen hatte, gelangten hierher – und wurden schließlich in Besitz des Staates überführt, mit der Auflage, sie künftigen Generationen kostenlos zu zeigen. Daher existiert heute in Ruvo an der Piazza G. Bovio das Nationalmuseum Jatta (Museo Archeologico Nazionale Jatta) mit einer einzigartigen Kollektion wertvollster griechischer Vasen, römischer Inschriften, Münzen und vielen mehr, das die Zeit zwischen dem 10. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert abdeckt.

Der Besuch ist ein Muss, allein schon des weltberühmten "Vaso di Talos", die Talos-Vase. Nicht mehr in Ruvo di Puglia sind indes die buntausgemalten Grabkammern reicher Peuketier und Griechen, die nun in Neapel sind. Das macht manche Stadtbewohner traurig, stört aber nicht das insgesamt freundlich melancholische Bild, dass Ruvo etwa an der Hauptpiazza Matteotti abgibt.

Dort findet man nicht selten sogar noch Open air-Vorstellungen des winzigen Teatro Nazionale dei Burattini, das Kindern, Vätern und Großmüttern allabendlich für einen Obolus von einem Euro wunderbare Legenden und Geschichten der Commedia dell`Arte via Marionettentheater näherbringt. Hier, eingerahmt auf der einen Seite von der zu Wohnungen umgebauten alten Burg von Ruvo und der sich anschließenden, im Inneren prächtig geschmückten Kirche SS. Redentore, auf der anderen Platzseite dominiert vom Rathaus, dem Palazzo Avitaja und linkerhand der Kirche des Stadtpatrons San Rocco, schlägt das Herz von Ruvo…

In Teil 2 unserer Reportage erfahren Sie mehr über das wunderbare Ruvo!

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 03/11/2020

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