Alta Murgia (Teil 3): Im Reich des "Puer Apuliae"

Der 2004 gegründete Parco Nazionale dell`Alta Murgia (Nationalpark Alta Murgia) wartet auf einer Fläche von 680,33 km² mit spektakulärer Natur, Einsamkeit, aber auch zig Attraktionen auf!

Dazu zählen zwischen Altamura und Andria, Gravina in Puglia oder Ruvo di Puglia spektakuläre Schluchten, Wälder und neuerdings auch wieder Olivenhaine, das Tal der Dinosaurier, Höhlen und archäologische Stätten, Nekropolen, Grotten und winzige Dörfer, die die Geschichte dieses Landstrichs auf ihre ganz eigene Art erzählen und in ihren Küchen zig Geheimnisse der Alta Murgia bewahren. Denn auch Flora und Fauna sind einzigartig. Absoluter Höhepunkt ist die "Krone Apuliens", das weltberühmte Castel del Monte, die geheimnisvollste und schönste Burg von Stauferkaiser Friedrich II. "Krone Apuliens", "Corona Apuliae", heißt sie übrigens nicht, weil auch die (angebliche) pugliesische Mafia beinahe so genannt wird. Und auch mit Covid-19 hat sie nichts zu tun. Sie liegt einfach auf der höchsten Erhebung weit und breit, besitzt daher eben auch den berühmten "Kaiserblick".

Nahe Gravina in Puglia präsentiert sich bereits der erste Höhepunkt im Parco Nazionale dell`Alta Murgia (Nationalpark Hohe Murgia): Es ist der historische Jazzo Pantano. Ein "Jazzo" ist eine spezielle historische Architektur, eine gemauerte Einfriedung zum Schutz und zur Übernachtung von Schafsherden mit ihren Hirten, die über Jahrhunderte in den Gebieten Murgia und Gargano in der italienischen Region Apulien errichtet wurden. Schäfer nutzten einen solchen Jazzo während der jährlichen Wanderung mit ihren Herden, der Transhumanz (transumanza).

Ein Jazzo wurde stets von allen benutzt, war also eine Gemeinschaftseinrichtung gegen Räuber wie Wölfe. Manche sind überdacht, andere nicht. Ein spezieller Bereich diente zum Melken. Der Name leitet sich vom lateinischen Wort "iaceo" ab. Oft wurde ein Jazzo an einem der Hauptwanderungswege der Hirten, den sogenannten "tratturi", angelegt. Der Jazzo Pantano ist der perfekte Einstieg in den Nationalpark Alta Murgia, der längst nicht nur Naturschutz-, sondern auch uraltes Siedlungsgebiet war und ist.

Die weitläufige Landschaft Apuliens...
Die weitläufige Landschaft Apuliens...

 

Hier war das Gebiet des Volkes der Peuketier, die um 1100 v. Chr. aus Illyrien von der gegenüberliegenden Küste der Adria nach Apulien kamen. Um 700 v. Chr. hatten die Peuketier mehrere Kulturen von heutiger archäologischer Evidenz in Apulien etabliert. Wichtigste Siedlungen waren Rubi (heute: Ruvo di Puglia) und Sannace (heute 5 km von Gioia del Colle). Weitere Zentren waren Canosa, Silvium (heute Gravina in Puglia) und Bitonto. Zwei weitere japygische Stämme, die Daunier und Messapier, siedelten damals nördlich bzw. südlich der Peuketier. Auf dem Weg ins Dorf Poggiorsini entdeckt man Wandbilder an einer früheren Casa Cantoniera, einem aufgegebenen Straßenwärterhaus direkt an der Landstraße. In diesen Wandbildern, reduzierten grafischen Darstellungen, wird die antike Kultur der Peuketier wieder lebendig. Geschaffen hat sie der örtliche apulische Künstler Paszcá (Pasquale Gadaleta, geboren 1988). Der in Ruvo di Puglia lebende Pasquale Gadaleta, Absolvent der renommierten Akademie der Schönen Künste in Mailand, nutzt die alte Zeichen des historischen Volkes für neue Interpretationen – und haucht so der Landschaft der Alta Murgia wieder neuen Atem ein.

Poggiorisini ist ein winziger Flecken in de Alta Murgia, besitzt aber heute dank EU-Mitteln sogar einen mit EU-Mitteln gebauten Radweg vom Bahnhof 2 km außerhalb bis hinein zur Hauptpiazza und der sich anschließenden herrlichen Panoramaterrasse mit weitem Blick in die Murgia bis hinein in die Basilikata. Das 1500-Einwohner-Dorf 85 km von Bari und 33 km von Andria entstand auf dem Plateau der Murgia angeblich ab 1129, ist aber wohl weitaus älter. Seinen Aufstieg verdankt es der Familie Orsini, die hier ein Gut besaß, ein Kastell und eine Kirche errichten ließ.

Frische Pasta im Ristorante Pizzeria Borgo Antico. Lecker!
Frische Pasta im Ristorante Pizzeria Borgo Antico. Lecker!

 

Vor einigen Jahrzehnten war Poggiorsini bekannt für eines der größten unterirdisch angelegten Munitionslager in Italien. Es soll noch genutzt werden, das Areal ist abgesperrt. Die NATO wollte hier in der sich entvölkernden Alta Murgia früher ihre Südflanke sichern. Heute darf man sich mehr aufs Kulinarische konzentrieren, etwa direkt an der Panoramaterrasse, an der Piazza Borgo Vecchio 1, im Ristorante Pizzeria Borgo Antico. Welch ein Fest! Frische Salate, frische, hausgemachte Pasta, eine opulente Fleisch- und Wurstplatte, frischestes Gemüse direkt von den Äckern ringsum. Hier wird das Wort vom "chilometro zero", der Null-Kilometer-Distanz zwischen "farm and fork", Hof und Gabel, tatsächlich Realität. Das Ganze zudem zu mehr als günstigen Preisen. Und den Blick auf die Murgia gibt es gratis dazu, denn es wird auch draußen serviert.

Dann, kurz vor Andria, taucht das Castel del Monte auf. Das Castel del Monte, die "Burg des Berges", entstand 1240 bis 1250 auf Anordnung von Stauferkaiser Friedrich II. Hohenstaufen. Und selbstverständlich ist es seit 1996 UNESCO-Weltkulturerbe. Die Burg und Zitadelle Castel del Monte steht auf einem 540 m hohen Hügel etwas oberhalb der alten Klosterkirche Santa Maria del Monte, so erklärt sich der Burgname. Das Kastell überragt das Hochland der Murge und trägt daher zurecht den Titel "Krone Apuliens" (Lateinisch: corona Apuliae). Am 29. Januar 1240 befahl Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen dem Justiziar des Gebietes Capitanata, Riccardo da Montefuscolo, diese Burg zu errichten. Sie gilt als schönste und mysteriöseste Burg von Friedrich II., der literarisch seither als "puer Apuliae" (Sohn Apuliens") gilt. Und Castle del Monte ist natürlich architektonisch auch ein Beweis für Friedrich II. als "stupor mundi", "Staunen der Welt".

Das auf oktogonalem Grundriss angelegte Gebäude war Teil des militärischen Befestigungssystems Friedrichs II., diente aber auch als Jagdschloss und für Festivitäten wie 1246: Damals heiratete hier Violante, natürliche Tochter von Friedrich II. und Bianca Lancia, den Fürsten von Caserta, Riccardo Sanseverino. Bis 1463 war der offizielle Name der Burg Castrum Sancta Maria de Monte, italienisch auch Castello di Santa Maria del Monte genannt. Nach 1253 diente die Burg als Gefängnis, in dem die Söhne von Manfredi und weitere Adlige gefangen gehalten wurden. 1528 wurde das Castel del Monte von französischen Truppen bombardiert und verwüstet. 1552 wurde es an den Fürsten aus dem nahen Ruvo di Puglia, Fabrizio Carafa, verkauft und als Bäckerei und Gefängnis genutzt. Große Teile der Dekoration, Marmor und Säulen, verschwanden im 18. Jh. spurlos.

Spaziergang durch Poggiorsini.
Spaziergang durch Poggiorsini.

 

1879 kaufte der Staat Italien die Burg und renovierte sie. Castel del Monte ist zudem auf der Ein-Cent-Euro-Münze Italiens abgebildet und wurde wiederholt als Drehort für Filme genutzt, zuletzt 2016 für den Hollywoodfilm "Wonder Woman". Und natürlich ranken sich zig Legenden und Interpretationen um diesen Bau, dem auch astronomische Bezüge nachgesagt werden. Aber schöner ist es, einfach durch die Anlage zu laufen, sie von außen zu umrunden, die Atmosphäre zu genießen und dann 5 km weiter einen Stopp im Weingut Torrevento einzulegen. Hier wird der geschützte Wein des Castle del Monte DOC hergestellt, etwa Primitivo oder Solstizio. Man kann ihn vor Ort probieren oder ihn gleich bei Daniele Roselle im Weinladen "Il vinaio" am Corso Giovanni Jatta 58 in Ruvo di Puglia erwerben. Dort findet sich zudem eine gute Auswahl weiterer Weine, die die Bewertung der Alta Murgia von Friedrich II. als "Garten der Köstlichkeiten" mühelos unter Beweis stellen.

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 28/09/2020

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