Alta Murgia (Teil 2): Cola Cola und James Bond in Gravina in Puglia

Direkt an die Gemeindegrenzen von Altamura schließt sich Gravina in Puglia an. Das Städtchen mit 43.680 Einwohnern besitzt einen uralten Stadtkern, der auf sich auf einem schmalen, von Flussschluchten eingerahmten Felssporn erstreckt und hat sogar einen Papst hervorgebracht...

Hier in Gravina in Puglia, das bis 1863 tatsächlich nur Gravina hieß, ist auch der Sitz des Nationalparks Alta Murgia. Dieser Nationalpark ist ein Muss für alle Naturfreunde – und muss Ausnahme der urbanen Siedlungen, nahezu menschenleer. Längst vorbei sind die Zeiten, da hier große Schafsherden von Gehöft zu Gehöft zogen und sich einzelne Bauernhöfe nur mühsam vom Ackerbau ernähren konnten. Auch die Arbeit in so manchem Steinbruch ist zum Erliegen gekommen. Allenfalls ein wenig Tourismus behauptet sich in üppig wuchernder Natur, in der Radfahren, Wandern und vor allem Pferde-Trekking angesagt sind. Dies alles natürlich gepaart mit sagenhaft guter Küche.

Aber erst einmal geht es nach Gravina, dessen Namen manche ganz unprätentiös, aber wohl korrekt von "gravine", der schluchten- oder Canyon-ähnlichen Landschaftsoberfläche herleiten. Tatsächlich stammt der Name "gravina" von Lateinisch "grava", was "Fels" oder "Erosion des Flussufers" bedeutet. Schöner ist natürlich die Herleitung aus dem Lateinischen "Grana dat et vina" ("Bietet Getreide und Wein"). Zugeschrieben wird sie Stauferkaiser Friedrich II., dem Staunen der Welt. Der ließ sich auch in Gravina ein Kastell erbauen, dessen Ruinen man am Ortsausgang von Gravina in Richtung Nationalpark Alta Murgia bewundern kann. Friedrich II, der "Puer Apuliae", der "Sohn Apuliens", schätzte Gravina sehr, erklärte Ort und Landschaft ringsum flugs zum "Giardino di delizie", zum Garten der Köstlichkeiten. Dies stimmt bis heute. Ob allerdings der riesige Hahn am Ortseingang von Gravina dazugehört, wird sich erst später erweisen. Erst einmal geht es zu einer alten Brücke, die demnächst, im Dezember 2020, die Welt in Atem halten wird.

Die historische Brücke in Gravina...
Die historische Brücke in Gravina...

 

Der alte Stadtkern von Gravina in Puglia besitzt eine schön hergerichtete Aussichtsterrasse, von der aus die historische Brücke, ein Viadukt und Aquädukt, Madonna della Stella, der Ponte Viadotto Acquedotto Madonna della Stella bestens zu bestaunen ist. Antik ist die Brücke nicht. Sie entstand zwischen 1686 und 1781, ihr Baubeginn ist ungewiss. Ihre Ersterwähnung datiert auf 1686. Nach dem Erdbeben von 1722 ordnete die hier regierende Adelsfamilie Orsini 1743 die Rekonstruktion und den Ausbau des Viaduktes zum Aquädukt an. Nach der Fertigstellung 1781 querte die Brücke dann endlich das felsige Tal des Flusses Gravina, der damals noch Crapo genannt wurde. Am gegenüber liegenden Schluchtrand ragt die kleinen Kirche Madonna della Stella (Madonna des Sterns) auf, daher der Brückenname. 1855 wurde die Brücke durch Fluten beschädigt, aber schon 1860 wieder aufgebaut. Danach geschah nicht mehr viel. Mit einer Ausnahme: Gravianas Bewohner mussten weder ins Tal hinunter und wieder herauf auf die andere Seite und auch nicht langwierig auf Eseln außen rum, um auf die andere Seite zu gelangen.

Dann aber kamen der August und September 2019: Hier auf der Brücke wurden kurze Teile der 25. Edition des Hollywood-Film-Straßenfegers James Bond gedreht. Er trägt den Titel "No Time to die", "Keine Zeit zu sterben" und wurde erneut mit Hauptdarsteller Daniel Craig gedreht. Coronabedingt kommt der Blockbuster nun erst im Dezember 2020 in die Kinos. Und nur so viel sei verraten: "007" springt hier, bedrängt von einem herannahenden Auto und einem Motorrad, von der Sternenbrücke. Gewiss ist sicher auch, dass er irgendwie heil unten ankommt. Wie, wird aber erst im Winter verraten.

Gut erkennbar sind auch die Höhlen und davor teils antike Säulen am oberen Rand der gegenüber liegenden Schlucht des Flusses Gravina, die Gravina (Erosionstal) von Botromagno genannt wird; Gravina in Puglia ist eine sehr alte Stadt, die in der römischen Antike Silvium genannt wurde und ursprünglich tatsächlich gegenüber, in den Hügeln von Botromagno lag. Sogar die Via Appia führte durch Botromagno. Die Höhlen im Erosionstal datieren hingegen noch viel weiter, bis in neolithische Zeit zurück. Die ältesten Höhlen datieren auf 5950 v. Chr. Damit ist dies Höhlenkonglomerat, lange bewohnt, ähnlich hoch einzustufen wie die Höhlen im nahen Matera in der Basilikata, das 2019 als Kulturhauptstadt Europas auftrumpfte.

Überreste der Vergangenheit...
Überreste der Vergangenheit...

 

Erst kurz nach 305 v. Chr. wurde die antike griechische Siedlung eine römische Stadt. Wie allerdings um 200 n. Chr. ein Mongole oder gar Chinese nach Gravina kam, bleibt ein Rätsel. Dies Skelett aus dem Fernen Osten wurde in der Nekropole von Vagnari entdeckt. Weitere frühere Namen von Gravina in Puglia waren Sidis, Sylbion, Sidio, Petramagna und schließlich Botromagno. Natürlich baute Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen (gest. 1250) die Stadt und seinen Garten der Köstlichkeiten aus. Danach regierte die Adelsfamilie Orsini Gravina in Puglia von 1386 bis 1816. Dies nicht immer mit Fortune. Aufstände gegen die feudale Unterdrückung fanden von 1789 bis 1861 statt.

Ein besonderes Relikt vom Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts bewahrt in Gravina seit 1968 das Museo Fondazione Ettore Pomarici-Santomasi auf. Es ist nicht der ausgestopfte Bengal-Tiger im Innenhof, sondern ein Fresko mit der Darstellung eines Christus Pantokrator in byzantinischem Stil, das ursprünglich in der Felsenkrypta der Kirche San Vito Vecchio war. Die Reste der Kirche können bis heute auf privatem Grund im Stadtteil "Fornaci" von Gravina entdeckt werden. 1956 wurden Die Fresken aus der Felsenkrypta vom Staat Italien gekauft und restauriert. Auch am zentralen Platz der Altstadt mit prächtigem barocken Dorfbrunnen sind die Orsini präsent. Dort steht Kirche Santa Maria del Suffragio mit ihrem sogenannten Portal des Fegefeuers, dem Portale del Purgatorio. Es ist mit steinernen Bären, dem Wappentier der Orsini, sowie steinernen Skeletten geschmückt; Santa Maria del Suffragio wurde 1649 bis 1654 für die Familie Orsini für Totenmessen erbaut, die an die Seelen der Verstorbenen im Fegefeuer erinnern sollten. Die frühere Begräbniskirche der Orsini ist längst entwidmet und als Kirche entweiht. Dann geht es auch schon zum Laboratorio del Cola, der Cola Cola-Werkstatt.

Direkt am Weg vor dem Domplatz offeriert und spielt ein Mann aus Gravina, die einem Hahn sehr ähnelnde Figur eines Cola Cola aus Keramik. Es ist ein farbig bemaltes Instrument, dem man zwei verschiedene Töne entlocken kann. Der Cola Cola gilt heute als Symbol von Gravina und ist ein historisches populäres Musikinstrument, um unverheiratete Mädchen bzw. Frauen anzuziehen. Tatsächlich is diese Figur des Cola Cola ein der Flöte ähnelndes Musikinstrument mit monotonem Klang und in Form eines Hahns, hergestellt nur und ausschließlich in Gravina in Puglia. Aber sein Name erinnert auch an einen anderen Vogel, die Elster (italienisch: "gazza"). Die Elster war das Symbol der Stadt Sirmium, und so hieß Gravina bekanntlich in der Antike. Die Elster galt als Symbol für den Frühling und die Geburt der Erde. Ihr Fest wurde im Mai gefeiert. Das Instrument Cola Cola wurde hingegen von solchen jungen Männern gespielt, die junge, unverheiratete Mädchen oder Frauen auf sich aufmerksam zu machen. Im Fall eines Heiratsversprechens wurde die Figur überreicht. Es existieren sogar noch farbigere Cola Cola-Figuren aus Keramik für Schwangere.

Die farbigen Coca Cola-Figuren...
Die farbigen Coca Cola-Figuren...

 

Dass solche Cola Cola-Traditionen nie aus dem Ruder liefen, dafür sorgte auch ein Papst aus der Orsini-Familie, dem vor dem Dom eine 1918 enthüllte Statue errichtet wurde. Sie zeigt Papst Benedikt XIII., der 1724 bis 1730 im Vatikan regierte. Pietro Francesco Orsini wurde am 2. Februar 1649 in Gravina in Puglia geboren. 1675 wurde er Erzbischof von Manfredonia, 1680 auch Bischof von Cesena. 1686 wurde er Erzbischof von Benevent. Am 29. Mai 1724 wurde er zum Papst Benedikt XIII. gewählt. Er starb am 21. Februar 1730 in Rom. Die Statue wurde anlässlich des 900. Jubiläums der Gründung der Diözese Gravina enthüllt.

Nach so viel Geschichte und Kultur locken dann in Gravina zig Restaurants wie das "Tracce", das "Cucco" oder "Zia Rosa" mit erstklassiger lokaler und regionaler Küche der Alta Murgia – ein Muss.

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 24/09/2020

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