Alta Murgia (Teil 1): Im Reich des "Puer Apuliae" und "Padre Peppe"

Altamura, Gravina in Puglia, schließlich das einzigartige Oktaeder des weltberühmten Castle del Monte: Es war Stauferkaiser Friedrich II. (1194 – 1250), der dem Landstrich der Alta Murgia östlich und südöstlich von Bari, der Hauptstad Apuliens, seinen Stempel aufdrückte...

Sieht man einmal von Sizilien ab, hat sich Friedrich der Zweite, hier in dem am Stiefelabsatz Italiens endenden Apulien am wohlsten gefühlt. Zurecht avancierte er daher, obschon in Jesi in den italienischen Marken geboren, zum "Puer Apuliae", zum berühmtesten "Sohn Apuliens". Ganz nebenbei wurde er auch noch durch Diplomatie König von Jerusalem, führte die Verwaltung in seinem damaligen Römischen Kaiserreich ein, beförderte die Wissenschaft etwa durch die Gründung der Universität Neapel und hinterließ der Nachwelt höchstpersönlich ein Werk über die Falkenjagd. Dass der vielseitig begabte, auch das "Staunen der Welt" ("stupor mundi") Genannte nicht mit dem Papsttum konnte, ist eine andere Geschichte. Dies tut seinem Ruhm indes in Apulien keinen Abbruch. Warum, erfährt man z. B. im uralten, gar nicht so kleinen Städtchen Altamura, wo ihm nur einer, Padre Peppe, den historischen Rang streitig macht.

45 km von Bari liegt Altamura am Nordrand der unwirtlichen Hochebene der Alta Murgia, hart an der Grenze zur Nachbarregion Basilikata. Mindestens seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. war diese Anhöhe der Murgia besiedelt. Doch als Friedrich II hier um 1230 erschien, war Altamura, der Ort der "hohen Mauer", nahezu eine Geisterstadt. Dennoch entschied der Kaiser umgehend per Dekret, Altamura nicht nur wieder aufzubauen, sondern sie sogar zu einem multikulturellen urbanen Zentrum seines süditalienischen Reiches zu machen. Zuvor war Altamura schon im 10. Jh. n. Chr. aufgegeben worden, nachdem Sarazenen sie geplündert hatten.

Doch einiges an Resten fand der Staufer dennoch schon vor: Denn Altamura datierte mindestens bis in die Bronzezeit zurück und war stets dicht besiedelt. Vom 6. bis zum 3. Jh. v. Chr. entstand hier gewaltige Megalithen, und ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. hatten die die Alta Murgia und das Vorland zum Meer hin besiedelnden Peuketier eine gewaltige megalithische Stadtmauer errichtet. Die antike Stadt der Magna Grecia und der Zeiten Roms wuchs stetig und war bedeutend genug, um in der Tabula Peuteringiana verzeichnet zu werden. Der erste Name dieser antiken Stadt ist indes ungewiss: Er könnte Sublupatia, Lupatia, Altilia, Petilia oder ein ganz anderer gewesen sein. Wie auch immer, die Alta Murgia, in der vor 70 bis 80 Mio. Jahren mindestens 200 in fünf Gruppen versammelte Dinosaurier grasten, wie ihre 1999 entdeckten Spuren beweisen, erhielt mit dem kaiserlichen Entscheid ein neues Zentrum.

In der Kathedrale Santa Maria Assunta...
In der Kathedrale Santa Maria Assunta...

 

Wichtigstes Bauwerk war die von 1232 bis 1254 erbaute berühmte romanische Kathedrale Santa Maria Assunta. Sie entstand wohl am Ort eines antiken römischen Tempels, der für die einen den Zwillinge Castor und Pollux, für andere Historiker dem doppelgesichtigen Gott Janus geweiht war. Bis heute thront ein Januskopf auf dem Dachfirst der Kathedrale. Wer zu ihr möchte, muss allerdings erst einmal Altamuras Hauptstraße im mächtigen Mauerring, den Corso Federico II Di Svevia entlangspazieren.

Erst einmal fällt dabei eine andere Kirchenfassade auf. Es ist die Hauptfassade der wohl romanisch ab 1232 begonnenen, dann im gotischen Stil erst 1574 bis 1576 vollendeten Kirche Chiesa di San Nicola dei Greci (Kirche des Hl. Nikolaus der Griechen). Auch hier hatte der Kaiser seine Hände im Spiel – nicht nur bei der Finanzierung der zahlreichen Basreliefs am Portal. Sie zeigen auf der einen Portalseite Szenen aus der Genesis und dem Alten Testament, etwa die Darstellung der Hölle, das Basrelief "Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies", die "Versuchung von Adam und Eva am Baum der Erkenntnis im Paradies", eine Bibelszene (Adam und Eva beten nackt und kniend im Paradies) oder aus dem Alten Testament "Kain ermordet Abel". Gegenüber blieben Szenen des Neuen Testaments, etwa die Geburt Jesu in Bethlehem mit Maria, Josef, Ochse, Esel, darüber musizierende Hirten mit Hund erhalten.

Den Bau der Kirche des Hl. Nikolaus der Griechen veranlasste Friedrich II. von Hohenstaufen 1232 vor allem, um der neu zugezogenen griechischen Bevölkerung in der Stadt ein Gotteshaus zu geben. Und auch den neu nach Altamura ziehenden Juden gab der Staufer Religions- und Geschäftsfreiheit. Der griechische religiöse Ritus wurde hier bis 1601 praktiziert. Zuvor schuf 1574 bis 1576 Mastro (Meister) Cola de Gessa das Portal der Kirche mit diesen Szenen des Alten und Neuen Testaments. Im Inneren wurde die Kirche dann später im Barockstil umgestaltet.

Dass Altamura im 13. Jh. mächtig aufblühte, beweist dann nur wenige 100 m weiter auf dem von quirligem Leben und zahlreichen Geschäften und Restaurants geprägten Kaisercorso die Kathedrale von Altamura. Denn nach der ersten Bauphase 1232 bis 1254 war schon 1330 wieder genug Geld da, um weitere Ausbauten und Restaurierungen anzugehen, die 1521 bis 1547 erneut stattfanden. Es ist unklar, ob das gotische Hauptportal der Kathedrale damals zur Seite der heutigen Hauptfassade verbracht wurde. Glasklar ist hingegen, dass 1248 Friedrich II. den Papst Innozenz IV. zwang, diese neue Kathedrale zur "Palatinkirche", zur kaiserlichen Palastkirche zu erklären. Diesen Status behielt Altamuras Kathedrale bis zu den Lateranverträgen von 1929. Erst danach konnte der Papst einen Bischof von Altamura ernennen.

Fresken an der Fassade der Kathedrale.
Fresken an der Fassade der Kathedrale.

 

Bis heute sind die vermutlich an den Corso versetzte Hauptfassade mit den sie einrahmenden Zwillingstürmen eine besondere Pracht – und natürlich bewundertes Relikt kaiserlicher Macht. Doch hier endete sie auch. Ein Löwe zur Linken repräsentiert das zeitliche Ende jedweder weltlicher, der Löwe zur Rechten des Hauptportals die unendliche Herrschaft der Religion und Gottes, repräsentiert in diesem Fall der katholischen Kirche. Und die Lünette über dem Hauptportal zeigt natürlich die Jungfrau Maria mit Kind auf Thron, flankiert von zwei Engeln. Aber als dies Hauptportal vermutlich 1356 bis 1374 entstand, hatte Friedrich II. schon lange das Zeitliche gesegnet.

Auch die Portalreliefs entstanden in dieser Zeit, z. B. eine Bibelszene aus dem Neuen Testament (Jesus diskutiert mit den Schriftgelehrten) oder auch eine Judasdarstellung, abgerückt vom Rest der Apostel am Tischrand des Letzten Abendmahls. Im Inneren erinnern noch mächtige Triforen an die erste Bauphase des 13. Jahrhunderts, jüngeren Datums sind die prächtige Decke, barocke Seitenaltäre und der 1736 bis 1793 errichtete Hauptaltar. Eine Tafel mit lateinischer Inschrift berichtet sogar, dass Teile der Kirche 1316 einstürzten. Draußen imponiert zudem der erst 1858 errichtete Uhrenturm. Das Schöne am Besuch der Kathedrale von Altamura sind die vielen freiwilligen Helfer, die Besucher mit aufrichtiger Freude durch diese Kirchenpracht führen und alles bis ins kleinste Detail erklären können. Der Besuch des Doms lohnt also – auch, weil dann gleich nebenan die verdiente Belohnung wartet.

Denn Altamura ist natürlich auch kulinarisch eine Reise wert. Da wäre erst einmal das berühmte, flache wie hohe Pane di Altamura zu nennen: Dies Brot von Altamura ist seit 2005 sogar als DOP geschützt. Das Mehl muss von nahebei aus der Alta Murgia stammen, dazu kommen nur Wasser und Naturhefe. Dann geht es in den Ofen und ist besonders frühmorgens sehr schmackhaft. Eine Spezialität mit Altamura-Brot sind die hier im Dialekt "ciallédde" genannten "cialde": Brot mit Tomaten, Zwiebeln, einer Spitze Knoblauch sowie je nach Gusto Kartoffel, Ei, und Salate, immer aber mit Oliven. Dann glänzt Altamura mit frischer, hausgemachter Pasta, mit sagenhaftem frischen Gemüse aus der Alta Murgia, mit frischem Lamm- und Rindfleisch und daraus sich ergebenden Gerichten und mit einer Riesenauswahl an süßen Leckereien. Die findet man z. B. gleich linkerhand der Kathedrale im Caffé Ronchi.

Das Caffé Ronchi...
Das Caffé Ronchi...

 

Altamuras ehrwürdiges Hauptcafé mit Bar bietet natürlich auch eine riesige Auswahl an hausgemachter superleckerer Eiscreme – und die berühmteste Spezialität von Altamura, die hier sogar ihren Ursprung nahm. Denn das Café Ronchi wird von den "Figli Striccoli" betreiben, jenen Kindern, Enkeln, Ur- und Ururenkeln jener Striccoli, die hier 1832 erstmals dem geneigten Publikum ein besonderes alkoholisches Elixier anboten. Sein Name: "Padre Peppe". Denn die Striccoli hatten 1832 ein uraltes Rezept ausgegraben, das ein Kapuzinermönch namens Giuseppe "Peppe" Ronchi zwei bis drei Jahrzehnte zuvor der Nachwelt hinterlassen hatte. Ihm zu Ehren nannten sie diesen Likör "Padre Peppe", und ihr Café nach seinem Nachnamen dazu.

Dieser leckere Wunderlikör wird aus grünen Walnüssen gewonnen die mit weiteren Gewürzen in Alkohol gelangen. Vier Jahre dauert der Entstehungsprozess, um all die Düfte und Aromen und die Farbe zu entfalten, die den "Padre Peppe" auszeichnen. Er ist dunkel, intensiv, subtil bitter und hat bei 42 Grad Alkoholgehalt auch eine angenehm würzige Note mit Walnussaromen. Ein Hit, vor allem als Digestif, mit dem auch Kaiser Friedrich II. locker über jede hohe Mauer gelangt wäre! Und folgt man der Tradition, empfahl der gute Padre Peppe Anfang des 19. Jahrhunderts, die grünen Walnüsse nur am 24. Juni, dem Tag Johannes des Täufers, samt Zimt, Muskat, Kaffee (!) und Gewürzen in Alkohol einzulegen. Dann gelingt der herrlich kastanienbraune Tropfen fast wie von selbst.

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 24/09/2020

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