Mittelalterliche Feuerzeremonien zum Klang der alten Glocken

Gewaltige sinfonische Musik ertönt aus großen Lautsprechern, beschallt die Straßen der kleinen Stadt Agnone in den Bergen der italienischen Region Molise. Ergreifende Melodien, Rhythmen und Harmonien begleiten ein spektakuläres Ereignis, das seit der Römerzeit jedes Jahr im Dezember wiederholt wird...

In schwarze Umhänge gehüllt und begleitet vom Jubel zahlreicher Zuschauer, ziehen Jungen, Jugendliche und Männer mit riesigen brennenden Fackeln auf ihren Schultern durch die Hauptstraße. Die Anstrengung, aber auch Stolz und Aufregung ist ihren Gesichtern anzusehen. Manche tragen einen Mund- und Nasenschutz, um der starken Rauchentwicklung ein wenig auszuweichen.

"N'Docciata" lautet die Bezeichnung für den Ritus. Die zwei bis drei Meter langen Fackeln werden aus Weißtannen gefertigt. Sie sind mit Bündeln aus trockenem Ginster gefüllt. Verstärkt durch Querpfähle können in Fächerform bis zu 24 solcher brennenden Scheite von einem einzigen Mann getragen werden. Ursprünglich sollen die Samniten diese Fackeln in der Nacht als Lichtquelle verwendet haben. Außerdem sollten sie die Hexen vertreiben. Später wurde die Tradition von den Bauern fortgeführt, die während der Weihnachtsnacht die Wege um die Kirchen erleuchteten. Inzwischen ist aus dem Heiden-Fest des Lichts ein Wettbewerb der schönsten und kompaktesten Fackeln entstanden, deren Reste zum Abschluss der Zeremonie bei einem riesigen Lagerfeuer auf der Piazza del Plebiscito verbrannt werden.

Die Glockengießerei Marinelli gilt weltweit als zweitältester Familienbetrieb / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber
Die Glockengießerei Marinelli gilt weltweit als zweitältester Familienbetrieb / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber

 

Nicht nur das Lichtfest ist erlebenswert, auch die Glockengießerei Marinelli in Agnone gehört zu den Attraktionen von Molise. Bei dem weltweit zweitältesten registrierten Familienbetrieb werden seit dem 13. Jahrhundert Glocken hergestellt. Mit Ettore Marinelli arbeitet bereits die 27. Generation in der traditionellen Werkstatt. Nach seinem Kunststudium in Paris und Neapel übernahm der 27-Jährige Ettore Marinelli den Beruf des Skulpteurs in dem Betrieb "mit päpstlichem Siegel". Ein Besuch der Gießerei wirkt wie ein Zeitreise. Seit fast 1000 Jahren hat sich bei dem Produktionsprozess kaum etwas verändert. Durch milchige Fenster dringt etwas Licht in die dunkle Werkstatt. Holzfeuer, die Haupt-Energiequelle der Gießerei, knistert in den Öfen und Kaminen. Das Wachs und der Lehm für die Gießform kommen aus der Umgebung von Agnone.

Insgesamt benötigt die Herstellung einer Glocke je nach Aufwand und Größe zwischen drei und zehn Monaten. Wenn das 1200 Grad Celsius flüssige Metall in die Form im Boden gegossen wird, beten der anwesende Geistliche und die Mitarbeiter laut. Während die Glocke abkühlt, werden Segenswünsche ausgesprochen. Die älteste Glocke der Marinellis stammt von 1339, der Glockenbau soll in Agnone aber bereits im Jahr 1000 begonnen haben. So ist es auch zur Tradition geworden, dass der Umzug "N'Docciata" auch immer einen Bezug zur Glockengießerei hat, denn die männlichen Familienmitglieder der Marinellis beteiligen sich selbstverständlich an dem Fackelzug, der mit den ersten Glockenschlägen der Kirche des Heiligen Antonius beginnt.

In Termoli werden die Fische noch nach alter Tradition mit Hilfe eines Trabuccos gefangen / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber
In Termoli werden die Fische noch nach alter Tradition mit Hilfe eines Trabuccos gefangen / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber

 

Glockengießerei unter dem Siegel des Papstes

Der kleine Ort Agnone ist aber nur ein kleines Beispiel für die vielen besonderen Schätze in der wenig bekannten Region Molise, die sich über den Apennin bis zum Adriatischen Meer ausdehnt. Wildromantische Naturlandschaften, Geschichte, Kunst, alte Traditionen und natürlich die Gastronomie laden zu Entdeckungsreisen ein. Zwischen dem Nationalpark Abruzzen, Latium, Molise und zahlreichen Naturschutzgebieten befinden sich verträumte Orte, Wintersportorte und archäologische Ausgrabungsstätten, wie die antike Stadt Sepino, die bisher wenig erforscht wurde.

Auch Termoli lohnt einen Besuch. Wegen seines klaren Wassers wurde es bereits mehrfach mit der Europäischen Blauen Flagge ausgezeichnet. Auf einer vorgelagerten Halbinsel befindet sich die von einer hohen Festungsmauer umgebene, zauberhafte Altstadt. Auf dem großen Domplatz dominiert die Fassade der romanischen Kathedrale San Basso, in der die Reliquien der beiden Schutzheiligen San Basso und San Timoteo aufbewahrt sind.
Erstklassige Fischrestaurants säumen die Promenade. Während eines Kochkurses im Salsedine ist zwischendurch der Blick auf ein funktionstüchtiges Trabucco, ein Pfahlbau zum Fischfang aus dem Jahr 1930 empfehlenswert. Es gibt nur noch wenige dieser Fangvorrichtungen an der adriatischen Küste, dessen Ursprung auf das 14. Jahrhundert zurückgeht. Genuss für die Augen und den Gaumen serviert das Küchenteam im Salsedine mit den sehr frischen Meeresfrüchten und einer Begleitung der Speisen mit regionalen Weinen, die Sommelier Elio D`Ambrosio ausgewählt hat.

Gleich neben der Wassermühle La Piana dei Mulini können mit etwas Glück weiße Trüffel gefunden werden / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber
Gleich neben der Wassermühle La Piana dei Mulini können mit etwas Glück weiße Trüffel gefunden werden / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber

 

Der Geruch der weißen Trüffel

"Molise kann gleich mit mehreren Leckerbissen punkten, denn 60 Prozent aller weißen Trüffel weltweit werden in der kleinen Region gefunden", bestätigt Archäologin Alessandra Capocafalo. Biologe Michele di Rienzo gehört zu den rund 6000 Trüffeljägern des Landes. Bei einer kleinen Testrunde dauert es gerade einmal fünf Minuten, bis er mit seinem Hund das erste Prachtexemplar im Park, gleich neben der Albergo Diffuso La Piana dei Mulini findet. So ist es fast selbstverständlich, dass in fast allen Restaurants Trüffel auf der Speisekarte stehen. Beispielsweise in der Albergo Diffuso BorgoTufi in Castel del Giudice oder auch im Rural Village le Sette Querce. Ob mit Blumenkohl und Ei, auf der Pizza oder in Kombination mit Ciabatta - der Geruch des weißen Trüffels zieht sich durch das Land. E

ine Rückbesinnung auf die klassischen Gerichte, auf traditionelle und modern interpretierte Produkte steht in Molise ohnehin im Fokus. Ob die Käserei der Azienda Agricola Multifunzionale, der Imkerei Apicultura Nazario Fania, der Olivenölproduktion Colonia Julia Venafrana oder der preisgekrönte Caseificio Di Nucci - Molise ist gespickt mit schmackhaften Locations. Zu den größten Wonnen dürfte ein Menü im Restaurant vom Rural Village le Sette Querce gehören. Steckenpferd des malerisch gelegenen Resorts sind die freilaufenden Esel. Sie grasen friedlich zwischen den ehemaligen Ställen, die der Inhaber und Architekt Rocco Peluso als geschmackvolle Ferienwohnungen umgebaut hat. "Als Kind bin ich 15 Kilometer auf einem Esel zur Schule geritten", erinnert er sich Rocco Peluso. Der gute Ruf seiner fast 90-Jährigen Mutter Filomena hat sich weit über die Grenzen des Landes herumgesprochen, denn sie steht immer noch regelmäßig in der Küche und stellt den Käse, die Frittate oder die Süßspeisen für die Gäste in traditioneller Handarbeit her. Auch in der romantischen Wassermühle Albergo Diffuso La Piana dei Mulini wird noch nach klassischen Rezepten gekocht. Während das leise Plätschern des Mühlenbachs im Hintergrund zu vernehmen ist, werden die schmackhaften Gerichte formvollendet serviert.

Im Restaurant der Albergo Diffuso BorgoTufi überrascht Küchenchef Marco Pasguare mit seiner innovativen Kochkunst / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber
Im Restaurant der Albergo Diffuso BorgoTufi überrascht Küchenchef Marco Pasguare mit seiner innovativen Kochkunst / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber

 

Im Restaurant der Albergo Diffuso BorgoTufi hat sich der junge Küchenchef Marco Pasguare einer eher innovativen Küche verschrieben. Er bereitet unter anderem Risotto mit Pecorino, Schweinfilet mit Äpfeln und schwarzem Kaviar zu oder kombiniert die Trüffel mit Blumenkohl. Einen ganz anderen Schwerpunkt findet der Gast im Restaurant Calice Rosso vom Hotel Domus vor. Hier verwendet die Küchenmannschaft gerne Produkte aus dem großen Heilpflanzen- und Kräutergarten neben dem Anwesen. Und noch ein weiteres Erlebnis für den Sehsinn bietet die grandiose Lage des Hotels mit einem Panoramablick auf das mittelalterliche Dorf Bagnoli del Trigno, das sich auf fast 800 Metern über dem Meeresspiegel an ein mächtiges Felsmassiv schmiegt. Das mag auch der Grund für seinen Spitznamen sein: "Perle von Molise".

Das mittelalterliche Dorf Bagnoli del Trigno wird auch gern als Perle von Molise bezeichnet / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber
Das mittelalterliche Dorf Bagnoli del Trigno wird auch gern als Perle von Molise bezeichnet / © Kulinariker.de, Foto: Carola Faber

 

 

Impressionen:

 

Informationen:

Unter dem touristischen Zusammenschluss "Moleasy" werden besondere Übernachtungsmöglichkeiten und verschiedene Aktivitäten zu Themen, wie Kunst, Kultur, Outdoor, Natur, Kulinarik, Archäologie angeboten.

Moleasy, www.moleasy.org 
Residenza Sveva, http://www.moleasy.org/residenza-sveva
La Piana dei Mulini, http://www.moleasy.org/la-piana-dei-mulini
Villagio Le Sette Querce, http://www.moleasy.org/le-sette-querce
Domus Hotel, http://www.moleasy.org/domus-hotel
Borgo Tufi, http://www.moleasy.org/borgotufi

Fotos: Carola Faber

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Zuletzt bearbeitet am 17/07/2020

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Autor

Carola Faber

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