Klöster, Burgen, Biere, Schmuggler... (Teil 1)

Estlands als "Wilder Osten" apostrophierter Kreis Ida-Viru hat auch jenseits der pulsierenden Grenzstadt Narva einiges zu bieten. Da sind erst einmal die feinsandigen Ostseestrände mit ihren teils bis u 50 m hohen Klippen!

Und da lockt natürlich auch das riesige Binnenmeer des Peipussees, aus dem die Narva gen Mare Baltikum abfließt. Gerade im Hinterland locken historische Stätten, deren Architektur und Geschichte jederzeit einen Abstecher lohnen. Und natürlich kommt auch das Kulinarische nicht zu kurz. Dafür sorgen gerade im eher abgelegenen Hinterland viele kleine Privatinitiativen mit auch hohen gastronomischen Ansprüchen. Gerade erst hat der White Guide Nordic 116 estnische Lokale ins neue Jahresverzeichnis aufgenommen. Die große kulinarische Estland-Saga setzt sich also ungebremst fort, vom Global Masters Level absoluter Spitzenklasse und der Nummer Eins im Baltikum, die Chef`s Hall im Noa in Tallinn, bis zur schlichten, doch hochberechtigten Empfehlung.

Solche Geheimtipps am Wegesrand sind in Ida-Virumaa z. B. auch das Purtse kindluse restoran-kohvik, zu Deutsch das Burgcafé und Restaurant Purtse und das nahebei öffnende Tulivee Restoran. Erst einmal lockt aber ein altes Kloster – an einem noch älteren heiligen Ort.

Etwa 20 km südlich von Jõhvi, dem Hauptort des Kreises Ida-Virumaa, verwöhnen die 280 Einwohner des Dörfchens Kuremäe (Deutsch: Storchenberg) erst einmal die Naturfreunde: Gleich fünf Seen locken hier Wanderer und Angler an. Doch mehr Besucher zieht es zu einer religiösen Stätte: ins berühmte Nonnenkloster Pühtitsa, estnisch auch Kuremäe Klooster genannt.

Den ersten Höhepunkt erleben Besucher gleich rechterhand vom riesigen Klosterparkplatz einen Kilometer außerhalb des Dorfes: An der dortigen heiligen Klosterquelle zapfen Gläubige gleich kanisterweise wundertätiges Heilwasser ab. Mutmaßlich ist dies ein uralter estnischer Hain mit Opferquelle. Und "puhitsetud", "heilig, gesegnet", ist hier, hart an der EU-Außengrenze zu Russland und nur eine halbe Autostunde nördlich der wogenden Wellen des Peipussees, nahezu alles.

Im Hintergrund: das Nonnenkloster Pühtitsa.
Im Hintergrund: das Nonnenkloster Pühtitsa.

 

Vor allem ist dies aber das prächtige, für jedermann zu besichtigende Kirchenbau-Ensemble des Nonnenklosters Pühtitsa, deutsch Püchtitz. Und natürlich verdankt es seinen Namen eben diesem "Puhitsetud", der "heiligen, gesegneten" Quelle aus längst vergangener Zeit. Am Pfad zum Kirchenschiff der mit fünf Zwiebelkuppeln gekrönten grünen Türme der 1908 bis 1910 von Mikhail Preobrazhensky im neobyzantinischem Stil erbauten Konvent-Kathedrale stehen höchst gepflegte historischen Holzbauten des Dorfes: Ein Schild weist unübersehbar auf den nächsten Internet-Anschluss und den örtlichen Arzt ("Arst") hin.

Kuremäe/Storchenberg hat auch eine Bushaltestelle, die viele Pilger nutzen. Zudem hat das winzige Dorf immerhin ein Hostel mit Gaststätte und Eisladen. Das alte Schulhaus gegenüber wird aber nun privat genutzt. Hier öffnete einst Kuremäes Grundschule, die auf die erste Klosterschule von 1885 zurückgeht. Die war zwar wie auch das Kloster zur Mehrung und Vertiefung des russisch-orthodoxen Glaubens bestimmt, wurde aber auch von zahlreichen protestantischen Schülern besucht.

An der Klosterstraße mit weiteren Gaststätten und Läden taucht zur Rechten dann der alte Klosterfriedhof auf. Direkt am Zugang steht unter Nadelbäumen eine "Tsässon", eine kleine, tagsüber betreute russisch-orthodoxe Holzkapelle, deren Existenz an den Gründungsmythos des Klosters erinnert. Denn direkt neben ihr soll im 16. Jh. eine wunderbare Marienerscheinung stattgefunden haben. Eine heilige Ikone wurde am Fuße einer Eiche entdeckt, die bis heute im Klosterbesitz ist.

Umzäunt, steht die Eiche unter Denkmalschutz.
Umzäunt, steht die Eiche unter Denkmalschutz.

 

Und eine alte Eiche ragt hier tatsächlich noch meterhoch gen Firmament. Umzäunt, steht sie unter Denkmalschutz. Allerdings fehlen ihr heute Blätterdach und Krone, nur der Stamm blieb. Schon seit 1608 ist hier für diesen heiligen Ort Pühtitsa eine orthodoxe Gebetsstätte nachgewiesen. Doch schon weit früher hat hier ein Völkchen gebetet, von dem heute nur noch offiziell 73 Mitglieder existieren: Es sind die eng mit den Esten verwandten Woten, die sich selbst "Vadjalain" bzw. "Vadjakko" nennen, russisch als "Vodj" bekannt sind und nur noch im westlichen Teil des russischen Rayons Leningrad leben.

Der Stamm der Woten besaß diesen heiligen Ort ebenfalls. Doch 1440 bis 1450 sorgte die vom Deutschen Orden initiierte Zwangsumsiedlung dafür, dass 3000 Woten und Ischoren nach Lettland gingen. Kriege und die Zeitläufte sorgten dann dafür, dass die restlichen, im Deutschen auch Tschuden bzw. Narova- und Narva-Tschuden Mitglieder dieses fenno-ugrischen Volkes weiter im Osten siedelten.

Heute werden wotische Sprache und Kultur in Estlands Nationalmuseum in Tartu bewahrt. Beeindruckend sind dann die im Sonnenlicht glänzenden Metall-Grabkreuze auf dem Nonnenfriedhof. Am mächtigen Torturm geht es dann in das der Gottesmutter geweihte Kloster. Hier leben etwa 100 orthodoxe Nonnen, unterstützt von Laien, Gärtnern und Personal. Im Durchgang des Klosterturms erzählen wunderbaren Fresken erneut die Marienerscheinung samt Auffindung der wundertätigen Ikone, dazu lösen herrliche Engelsdarstellungen Entzücken aus.

Ein Hingucker sind zwei mächtige auf über sieben Meter Höhe gestapelte Holzscheithaufen...
Ein Hingucker sind zwei mächtige auf über sieben Meter Höhe gestapelte Holzscheithaufen...

 

Bei Beachtung der Kleiderordnung kann dann die Klosterkathedrale, eine von sechs Kirchen des Konvents, besichtigt werden. Auch Führungen finden statt. Im kleinen Laden gegenüber liegen Kerzen und Devotionalien aus. Beeindruckend ist, dass sämtliche Felder, Gärten, Häuser und der Park in außerordentlich gepflegten Zustand sind.

Ein Hingucker sind zwei mächtige, traditionell auf über sieben Meter Höhe gestapelte Holzscheithaufen am Wirtschaftshof. Beeindruckend ist auch die Geschichte des 1891 bis 1910 erbauten Klosters. Die schließt auch das eher dunkle Kapitel des Klosters im 2. Weltkrieg ein, als es als deutsches Kriegsgefangenlager für Angehörige der Roten Armee diente. Ideal ist, nach dem Besuch z. B. nach Kauksi ans Nordufer des Peipussees zu fahren und dort zu übernachten...

Information:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Tourismusinformation Ida-Virumaa: Ida-Viru Ettevõtluskeskus, Keskvaljak 4, 41531 Jõhvi, Kreis Ida-Viru (Virumaa), Tel. +372 339 56 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://idaviru.ee/en/
Tourismusinformationszentrum Jõhvi, Rakvere 13 A, 41531 Jõhvi, Kreis Ida-Viru (Virumaa), Tel. +372 337 05 68, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/en/johvi-tourist-information-centre , http://idaviru.ee/en/; 15.5. – 15.9. Mo bis Fr 10.00 – 17.00, Sa, So 10.00 – 15.00 Uhr geöffnet

Nonnenkloster Pühtitsa (ehem. Püchtitz), 41201 Kuremäe küla (Dorf), Gemeinde Alutaguse, Bezirk Ida-Virumaa, Tel. +372 337 07 15, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.orthodox.ee/Puhtitsa-Stavropegial-Dormition-Convent_eng.html , www.visitestonia.com/de/nonnenkloster-in-puchtitz-kloster-von-kuremae , www.puhtitsa.ee  (nur auf Russisch); tgl. 7.00 – 19.00 Uhr
Purtse Kindlus (Burg Purtse/Alt-Isenhof) mit Burgcafé/-restaurant, 43302 Purtse, Lüganuse Vald (Gemeinde Lüganuse), Kreis Ida-Viru (Virumaa), Tel. +372 514 67 74 (Janner Eskor), Tel. +372 517 45 48 (Sigrid Välbe), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://purtse.ee/en; http://idaviru.ee/en/purtse-castle-cafe/; 1.6. bis 31.8. Mo. – Do. 11.00 – 20.00, Fr., Sa. 11.00 – 21.00, So. 11.00 – 18.00, sonst nur Sa. 12.00 – 18.00, So. 12.00 – 21.00 Uhr; mit Burgbesichtigung
Purtse-Brauerei: Sepa, 43302 Purtse, Lüganuse Vald (Gemeinde Lüganuse, Tel. +372 506 37 71, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.purtsepruulikoda.ee/en/ , http://purtse.ee/en/5-kopikat-lounabuffee/
Tulivee Restaurant, Rannakohviku, Liimala (Nõmme 1), Liimala küla (Dorf), 43306 Lüganuse (Gemeinde) bei Purtse, Kreis Ida-Viru (Virumaa), Tel. +372 521 80 46, Tel. +372 505 86 95, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.tulivee.ee , www.tulivee.ee/en/tulivee/tulivee-restaurant/  (englisch); Öffnungszeiten: Mo – Do 12.00 – 22.00, Fr und Sa 12:00 – 23:00, So 12.00 – 20.00 Uhr

(Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 25/03/2020

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

Klicken Sie auf "Subscribe", um unseren Genuss-Newsletter zu abonnieren. Individuelle Angebote, News, Trends und spannende Geschichten auf einen Blick!

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.