Das Fischerdorf Viinistu am Finnischen Meerbusen

Um von Tallinn an die schönsten und auch überraschendsten Ecken des Finnischen Meerbusens zu kommen ist es fast ein Katzensprung. Über die E10 Richtung Narva und dann nach ca. 50 km abbiegen in Richtung Norden über die Route 85 erreicht man bald Loksa...

Der Name der Gemeinde Loksa vald klingt vielversprechend, wir sind schon mitten im Lahemaa National Park. Auf dem Weg lohnt ein Stop an einem der Zugänge zum 7000 Jahre alten Viru Hochmoor (estnisch Viru-rab). Über den gut ausgebauten Viru-Nature Bog-Trail, der insgesamt 3,5 km lang ist, gelangt man schon nach 1,4 km zum ersten Aussichtspunkt. Er beschert einen hervorragenden Überblick über die Seen- Wald- und Moor-Landschaft.

Ein Stück weiter auf der Route 85 winkt das "Kohvik Forel", das "Café Forelle" mit großem Parkplatz am Wegesrand. Bis zum Fischerdorf Viinistu, im Kreis Harju, auf der Halbinsel Pärispea am Finnischen Golf sind es dann noch 11 km. Finnische Fischer siedelten sich hier an wie der urkundliche deutsche Namen Finnisdorf verrät. 1643 wohnten insgesamt 24 estnische, finnische, schwedische und russische Fischerfamilien vor Ort. Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts frischten neben der Fischerei das Schmugglergeschäft, vor allem von Alkohol nach Finnland, die Kassen auf.

Jaan Manitzki.
Jaan Manitzki.

 

Aus dem alten Fischerhafen ist heute ein beliebter Jachthafen geworden. Doch der Clou Viinistus ist ein Konglomerat faszinierender kultureller Aktivitäten, die Jaan Manitzki, 1942 in Viinistu geboren, hier aufbaute. Nachdem er 1998 die alte Fischfabrik gekauft hatte, die unter sowjetischer Besetzung Estlands im Kontext der Industrialisierung des nahen Loksas in Viinistu in Betrieb gewesen war, begann Manitzki neu und modern Fisch zu produzieren.

Jaan Manitzki ging 1943 mit seinen Eltern ins Exil nach Schweden, wo er ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde. So managte er eine Zeitlang die schwedische Popmusikband ABBA (1978 bis 1988). 1989-1991 war er in Brüssel Berater für das European Institute für Advanced Studies in Management (Europäische Institut für Höhere Studien im Management). Anschließend ging er in sein Heimatland Estland zurück und wurde als Parteiloser 1992 erster Außenminister der wieder unabhängigen Republik Estland. Bald verließ er die offizielle Politik und widmete sich als Geschäftsmann den Geschicken seines Landes. Eben den wunderbaren Projekten in Viinistu.

Als Kunstmäzen sammelte er estnische Kunst um dieser bis auf Ausnahmen international wenig beachteten Kunst mehr Aufmerksamkeit zu schenken und Gewicht zugeben. Im Prinzip sammelte er zunächst alles, sagt er, aber es gibt doch es Schwerpunkte: Die deutsch-baltischen Maler der "Düsseldorfer Schule", jene berühmte Düsseldorfer Malerschule an der Königlich Preußischen Kunstakademie, die im 19. Jahrhundert auch international Furore machte. Es gab enge Beziehungen zu baltischen und russischen Malern.

Ein Hauptgebiet war das Genre der Landschaftsmalerei. Damit ist der deutsch russische Maler Eugen Dücker oder auch Eugène Gustav Dücker vertreten: das Bild heißt "Tiskre Rand" (1872, Öl). Dücker wurde 1841 in Estland in eine deutsche Familie geboren, ging mit 17 Jahren nach St. Petersburg und wurde dort ausgebildet. Er starb 1916 in Düsseldorf.

Im Viinistu Art Museum.
Im Viinistu Art Museum.

 

Einen zweiten Schwerpunkt der Sammlung bildet die Künstlergruppe Pallas aus Tartu, die sich 1918 nach der Februar-Revolution 1917 in Russland gründete als das Klima liberaler wurde. So kamen Künstler aus dem Pariser Exil zurück. Star der Künstlervereinigung ist Konrad Mägi (1878 – 1925).

Mit Eisschollen am Meer wartet Aleksander Kims Radava (1893 – 1947) auf. Das Bild heißt "Kivine rand paadisadamaga" (1930, erneuert 1940, Öl). Der dritte Schwerpunkt der Sammlung ist zeitgenössische estnische Kunst. Ein großer Teil der Ausstellungsräume des Kunstmuseums Viinistu sind die umgebauten früheren Wassertanks der Fabrik, das schafft eine besondere Atmosphäre.

Im Kunstkatalog "Viinistu – A Haven for Art" (Viinistu – ein Hafen für Kunst") sind die Gemälde, Skulpturen und Kunstwerke der großartigen Sammlung abgebildet, beschrieben und erklärt, er kostet 25 €.

Das Viinistu Kultur- und Konferenzzentrum (Viinistu kultuuri- ja konverentsikeskus) umfasst neben dem Kunstmuseum einen Konzertsaal. Er ist in den Räumen des umgebauten ehemaligen Kesselhauses der Fischfabrik entstanden. Saisonal wurde ein Open Air-Theater ins Leben gerufen, es gibt aber auch Theatersäle in der alten Kantine, wo Aufführungen und Performances stattfinden.

Im Hotel Viinistu haben bis zu 100 Gästen Platz, es gibt 4 Familienzimmer und 20 Doppelzimmer. Eine ganze Reihe der Zimmer verfügen über einen großen Balkon zum Wasser hin, da lässt sich sogar ein offenes Zelt aufschlagen und nachts der Sternenhimmel und frühmorgens der Sonnenaufgang genießen, schwärmt Jaan Manitzki.

Das Strandrestaurant in Viinistu.
Das Strandrestaurant in Viinistu.

 

Das Strandrestaurant pflegt eine gute Zusammenarbeit mit den lokalen Fischern. Frischer Fisch aus den nah liegenden Buchten kommt auf den Tisch, z.B. Hering und Zander, auch hausgeräucherter und eingelegter Fisch ist regelmäßig auf der Speisekarte. Saisonal gibt es Weissfisch, der mit ein bisschen Salz, wie in alten Zeiten gegessen wird. Die große Terrasse mit Blick auf die Bucht und vorgelagerte Insel lädt zu Speis (Suppen, Salate, Fleisch- und Fischgerichte, Pasta, Kuchen, Eis, Desserts) und Trank (Kalt- und Heißgetränke, Bier, Wein, Sekt, Schnaps) ein und das zu moderaten Preisen.

Direkt vor dem Hotel am Hafen starten Bootsausflüge zu den vorgelagerten Inseln. Die Hauptinsel heißt Mohni (schwedisch Ekholmi), und hat einen Leuchtturm. Er dient ankommenden Booten als Orientierung zur Hafeneinfahrt, bis sie die Schornsteine der ehemaligen Fischfabrik von Viinistu sehen.

Gleich neben Mohni liegt die Minni-Insel Tiirukari, und etwas südlich von Viinistu gibt es noch die Insel Haldi, alle lassen sich einfach mit dem Boot ansteuern. Ebenfalls direkt vor dem Hotel am Hafen befindet sich der Fahrradverleih, von hier können Ausflüge in den größten Nationalpark Estlands Lahemaa Nationalpark unternommen werden.

Nationalpark Lahemaa

Ganze 72.500 ha groß (davon 29.900 ha Ostseegebiet) ist Estlands erster Nationalpark Lahemaa (estnisch Lahemaa rahvuspark), der 1971 unter Sowjetischer Herrschaft gegründet wurde. Er ist ganzjährig zugänglich, aber es gibt Zonen, die z.B. im Frühjahr zum Schutz der brütenden Vögel, gesperrt sind und einige die komplett Tabu sind. Außer den Forstbeamten darf diese Gebiete niemand betreten.

Mit dem Fahrrad kann man am Meer durch den Lahemaa Nationalpark fahren!
Mit dem Fahrrad kann man am Meer durch den Lahemaa Nationalpark fahren!

 

Errichtet zum Schutz der nordestnischen Landschaft und Natur gilt es bedrohte Arten wie das Moorschneehuhn, den Nerz und Luchs, den Braunbären, aber auch See- und Steinadler zu protegieren. Der Naturpark mit Kiefernbestand und Klippenwald ist ideales Habitat für Elche, Hirsche, Füchse, Wildschweine und auch für Wölfe. Wandern, Radfahren, Bootsausflüge, Schwimmen sind die Hauptattraktionen auf den vier Halbinseln Juminda, Pärispea, Käsmu und Vergi. An der Spitze der Halbinsel Pärispea führt eine 1,5 km lange Landzunge in Meer, sie besteht aus Steinen, auch großen Findlingen.

Am Ende ist eine kleine Insel, sie kann man nur bei Ebbe betreten. Hier liegt der nördlichste Punkt von Estlands Festland. In Purekkari Neem (Kap Purekkari nahe der Landzunge Purekkari) lassen sich im Lahemaa Puhkemaja (Lahemaa Ferienhaus) wunderbare Ferien verbringen. Es gibt Platz für bis zu 6 Gästen (2 Schlafzimmer, 3 Betten, 1 Bad). Das Ferienhaus ist mit Air-Condition, Kabel-TV, einer Feuerstelle im Haus und einer Sauna bestens ausgestattet. Bis zum Strand sind es nur 100 m.

Information:
Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Touristeninformationszentrum Tallinn: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visittallinn.ee/ger
Infozentren im Lahemaa Nationalpark: u. a. im Gutshof Sagadi sowie im Gutshof Palmse, www.lahemaa.ee

Im Nationalpark Lahemaa (Übernachten, Sightseeing, Essen und Trinken):
Kunstmuseum Viinistu, Ranna, Viinistu küla (Dorf Viinistu), Halbinsel Pärispea, 74701 Kuusalu vald (Gemeinde Kuusalu), Kreis Harju, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.viinistu.ee , Konferenzzentrum (This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.)

Hotel Viinistu (This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; Strandrestaurant (This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/en/viinistu-beach-restaurant ).
Lahemaa Puhkemaja (Lahemaa Ferienhaus), Lami talu, 74706 Pärispea küla (Dorf Pärispea), Purekkari Neem (Kap Purekkari, Landzunge Purekkari), Halbinsel Pärispea, Kuusalu vald (Gemeinde Kuusalu), Kreis Harju, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.puhkaeestis.ee/et/lahemaa-puhkemaja , www.airbnb.com/rooms/8892260?guests=1&s=i_idBIKZ , www.facebook.compg/lahemaapuhkemajaholidayhouse/ 

(Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 11/01/2020

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