Schmuckstück und Ort polnisch-deutscher Gastlichkeit: Kloster Zehden

Ganze drei Kilometer sind es bis zur polnisch-deutschen Grenze, wo bei Hohenwutzen nicht nur die Oderbrücke das polnische Cedynia, deutsch Zehden, mit dem brandenburgischen Kurort Bad Freienwalde verbindet, sondern auch ein großer unter den legendären Polenmärkten tagtäglich hunderte, wenn nicht tausende Besucher anzieht…

Aber nur fünf Fahrminuten weiter herrscht hier, in der einstigen Brandenburgischen Neumark und der heutigen Woiwodschaft Westpommern, absolute Idylle. Ganze 1600 Einwohner verlieren sich heute im einst so bedeutsamen Städtchen, in der heute zum Kreis Gryfino, früher Greifenhagen, gehörenden gesamten Stadt- und Landgemeinde leben immerhin 4300 Einwohner. Neugierige Besucher können das schmucke Rathaus bewundern und das kleine Regionalmuseum samt Tourismusinformation aufsuchen.

Am ehesten kommen sie aber wegen des polnischen Teils des Internationalparks Unteres Odertal, um in dieser einzigen Auenlandschaft die unberührte Natur zu genießen, Seeadler, Schwarzstörche und Kraniche zu bewundern. Wanderer, Radler und Kajakfahrer finden hier ihr Eldorado. Ausgerechnet hierher zog es aber auch Piotr Hrynkiewicz. Als Privatinvestor erwarb er 1997 das in Ruinen liegende Areal des ehemaligen Klosters Zehden. Mit seiner Gattin und in engster Zusammenarbeit mit dem Denkmalkonservator der Woiwodschaft sicherte er die erhaltenen Mauerreste des 1266 gegründeten, über 300 Jahre höchst bedeutsamen Zisterzienserinnenklosters und restaurierte den einzig erhaltenen Westflügel des Klosters. Nach Millioneninvestitionen war es 2005 endlich soweit: Das Viersterne-Hotel mit Restaurant konnte eröffnen.

Für die Eigentümer stand von Anfang an nie in Frage, dass ihr Hotel in einem historischen Gebäude eröffnen sollte. Und so kam es mit der Entdeckung der Klosterruine Zehden zum besonderen Glücksfall, dem sich ein zweiter, die ausgesprochen gute Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutzbeauftragten, hinzugesellte. "Andere Bauherren mögen über die Schwierigkeiten mit dem Denkmalschutz klagen", so Piotr Hrynkiewicz. Hier aber sei das Gegenteil der Fall gewesen. Denkmalschützer und Eigner gingen einen gemeinsamen Weg, ihre Vorstellungen vom besonderen Schutz der Anlage deckten sich von Beginn an.

Piotr Hrynkiewicz.
Piotr Hrynkiewicz.

 

Und so bewundern wir dann umgehend die am Klosterwestflügel wiedererstandene Backsteingotik, samt einstiger Zellenfenster der Zisterziensernonnen, deren Grundbesitz sich einmal über die Größe eines ganzen Landkreises erstreckte und deren Macht der des nur einen Tagesritt entfernten berühmte Klosters Chorin ebenbürtig war. Besonders der sorgfältig rekonstruierte Giebeltrakt und die gotischen Spitzbögen der historischen Zugänge sind eine Augenweide.

Vor dem Westflügel wurden die einzelnen historischen Schichten des Areals sorgsam freigelegt und sind als Stufen im Gelände bis heute erkennbar. Auch die von Blumenrabatten eingefriedeten Umrisse der alten Klosterkirche an der Klostermauer sind erkennbar. Vieles ist hier passiert, auch Blutiges. Denn Zehden ist nun schon seit über 550 Jahren bewohnt. Eine erste Burg soll es hier sogar schon 800 v. Chr. gegeben haben.

Im 12. Und 13. Jh. kam dann die Ostkolonisation. Das Kloster Zehden wurde zum Hauptsitz auch der Christianisierung der Neumark. 1378 verscherbelte die klamme Mark Brandenburg alles an die deutschen Ordensritter, ehe Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg im Jahr 1454 alles wieder zurück erwarb. 1555 schloss das Kloster nach der Reformation, 1611 verließen die letzten Nonen den Stift. 1631 befehligte kurzzeitig Schwedenkönig Gustav II. Adolf vom Kloster Zehden aus seine Truppen, doch wurden Zehden und Kloster 1637 komplett zerstört.

Die dicken Mauern des Klosters...
Die dicken Mauern des Klosters...

 

Schon 1641 ließ Kurfürst Friedrich Wilhelm nur den Westflügel als barockes Jagdschloss wieder aufbauen. Der ehemalige Speisesaal der Nonnen in diesem dann "Churfürstenhaus" genannten Bau, erbrannte 1699 erneut ab, beherbergt heute Kunstausstellungen und wird für wunderbare Kammermusikkonzerte genutzt. Überhaupt, die Kunst: In der ersten Etage zeigen das kunstsinnige Hotelier-Paar ihre außergewöhnliche, auf Auktionen zusammengetragene Kunstsammlung, darunter ein auf 1535 datierbares Gemälde aus Italien und – nur ganz vielleicht – ja auch ein Velazquez… Das ist schon etwas besser und mehr als jenes königliche Postamt, das hier 1850 eingerichtet wurde.

Schließlich wartet die Küche des Restaurants. Doch Piotr muss noch erzählen, dass die Besetzung Zehdens im Februar 1945 womöglich doch anders verlief, als bisher bekannt. Denn Hotelgäste, die ihn besuchten, entpuppten sich als Zeitzeugen. Damals sei im Restkloster ein Waisenhaus eingerichtet gewesen, in dem Kinder und junge Mütter wohnten. Die aber wollten vor der heranrückenden Roten Armee nicht fliehen. So soll ein SS-Mann den Klostergebäuden mit Handgranaten zu Leibe gerückt sein, um die Verzweifelten zur Flucht zu zwingen.

Dies alles ist heute Gottseidank Geschichte, und viel Wasser ist seither die Oder hinabgeflossen. Geblieben ist die uralte, seit je polnische wie deutsche Traditionen vereinende Küche. Da ist zum Beispiel Żurek, auch Żur genannt, oberschlesisch als Saurer Jur und hochdeutsch: als Sauermehlsuppe bekannt. Diese aus der altpolnischen Küche stammende saure Mehlsuppe auf der Basis einer Sauerteigbrühe trägt aber teils auch einen deutschen Namen. Denn "zur" bezieht sich auf Deutsch "sauer". Gereicht wird sie mit Pilzen, dem unbedingt und ganz am Ende der Zubereitung hinzu gegebenen gekochtem Ei sowie der regionalen Spezialität Weißwurst (wędlin regionalnych).

Schmackhafte Suppe stilecht im Brotmantel serviert.
Schmackhafte Suppe stilecht im Brotmantel serviert.

 

Dazu wird diese schmackhafte Suppe stilecht im Brotmantel serviert, dessen Deckel perfekt abgetrennt wurde und auch mitgegessen werden kann. Zudem handelt es sich um Zisterzienserbrot nach einem Rezept aus dem 17. Jahrhundert.

Auch sonst kann die Speisekarte mit allerhand Leckereien aufwarten: Angefangen bei der Rinderzunge (48 Zloty = ca. 12 €) bis hin zum Gänsefilet (66 Zloty/16,50 €) dominiert vor allem die fein zubereitete Traditionsküche. Ein Hit sind die Rehrückenmedaillons an Sauce Grand Veneur (Sauce nach Art des großen Jagdmeisters), mit Pommes Frites a la façon rustique, mit Weiß- und Rotkohl sowie Birne a la compote mit Moosbeeren (99 Zloty/24,75 €). Es dürfen aber auch Wildschwein (67 Zloty/16,75 €) oder Zander (54 Zloty/13,50 €) sein. Sogar Eisbein (39 Zloty/9,75 €) und das unverwüstliche Schweinekotelett mit Kohl und Salzkartoffeln (31 Zloty/7,75 €) sind Im Angebot. Zum Dessert wählt man z. B. Panna Cotta (18 Zloty/4,50 €) oder hausgemachtes Eis (17 Zloty/4,25 €).

Keine Frage, die Hrynkiewicz haben sich hier auch zur Freude ihrer Gäste einen Lebenstraum erfüllt, der nun allerdings mit einem kleinen persönlichen Wermutstropfen daherkommt. Aufgrund einer schweren Erkrankung überlegen die zwei nun, dies meisterlich restaurierte Hotel zu veräußern.

Veräußern sie bald das restaurierte Hotel?
Veräußern sie bald das restaurierte Hotel?

 

Übernachten/Essen und Trinken:
Klasztor Cedynia Hotel i Restauracja (Hotel und Restaurant Kloster Zehden), ul. M. Konopnickej, 74-520 Cedynia, Tel. +48 91 414 45 31, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.klasztorcerdynia.pl

Information generell:
Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin, Tel. 030 210 09 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.polen.travel
Infoline in Sicherheitsfragen in Polen: Tel. +48 608 59 99 99, Tel. +48 22 278 77 77
Regionale Tourismusorganisation West Pomerania/Westpommern ZROT (Zachodniopomorska Regionalna Organizacja Turystyczna ZROT), ul. Partyzantów 1, 70.-222 Szczecin, Tel. +48 91 433 41 26, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.zrot.pl

Vor Ort:
Tourismusinformation Cedynia (Zehden), pl. Wolnosci 4, 74-520 Cedynia, Tel. +48 91 431 78 31, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.cedynia.pl
Touristische Informationen zu Cedynia (Zehden), Chojna (einst Königsberg in der Neumark) und Umgebung: http://neumark.pl/main.php?miasto=chojna&lang=de

Natur und Kultur:
Internationalpark Unteres Odertal: z. B. auf www.unteres-odertal.de
In Polen: Landschaftsschutzpark Dolina Dolnej Odry (Unteres Odertal), www.zpkwz.pl/parki-krajobrazowe-de-de/park-krajobrazowy-dolina-dolnej-odry-de-de/
In Deutschland: Nationalpark Unteres Odertal, www.nationalpark-unteres-odertal.eu/de/

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 20/11/2019

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