Poznań – Polens heimliche Metropole boomt (Teil 1)

1,5 Mio. Übernachtungen jährlich, davon allein 30 % von deutschen Besuchern, dazu starkes Wachstum im Tourismusbereich: Spätestens seit der Fußball-EM 2012 gelang Poznań, deutsch Posen, der internationale Durchbruch...

Denn zu den Geschäftsreisenden und Kongressteilnehmern, die die alte Messestadt Poznań seit je schätzen und besuchen, gesellen sich nun auch mehr und mehr normale Touristen! Und so glänzt Poznań nicht nur mit Megaveranstaltungen, etwa, wenn 16 000 Zahnärzte aus 150 Ländern zum Debattieren anreisen oder ein Weltcomputerkongress abgehalten wird. Die Zahl der z. Z. schon 7000 Hotelzimmer wird binnen innerhalb der nächsten 12 Monate auf bis zu 9000 Betten steigen – die Hotellerie boomt! Und dafür sorgen eben nicht nur Kongresse und Messen oder Poznańs florierende Wirtschaft und Industrie, allen voran der größte Arbeitgeber vor Ort, VW (12 000 Mitarbeiter).

Es sind Atmosphäre und vielfältige Angebote insbesondere in der nach dem Zweiten Weltkrieg akribisch wieder aufgebauten Altstadt, die die Gäste in diese weltoffene, traditionell europafreundliche Metropole an der Warthe (polnisch Warta) locken. Dabei gehen Poznańs Tourismusgewaltige ziemlich unabhängig von der Zentralregierung in Warschau vor. Wenn letztere sich eher um einen patriotischen Flair, sich um mehr Polen und noch mehr Polen aus dem Ausland als Gäste des Landes einsetzt, geht man in Poznań intelligente neue Wege, um die Attraktivität der aktuell mit 550 000 Einwohnern fünftgrößten Stadt Polens bekannter zu machen. Heute heißen die vier Top-Zukunftsziele der Tourismusmacher: Förderung von Nachhaltigkeit, der Zugänglichkeit für alle Bewohner und Gäste, der Digitalisierung und der Kreativität!

Eigentlich hätte man dies so nicht nötig: Denn der Tourismus macht derzeit nur 2 % der Wirtschaftskraft in Poznań aus. Die Stadt platzt aus allen Nähten, im Großraum Poznań leben schon 1,4 Mio. Menschen. Die Arbeitslosenquote ist extrem niedrig, nahe null Prozent. Und die Nachfrage nach Arbeitskräften wäre kaum zu decken, würden nicht vor allem Ukrainer als Gastarbeiter diesen großen Bedarf abdecken. Hinzu kommt, dass die alte Universitätsstadt heute längst wieder große internationale Anziehungskraft besitzt. Viele der 125 000 Studenten bringen internationales Flair in die Stadt.

Und auch aus weiteren guten Gründen lässt sich Poznań perfekt mit der Messemetropole Hannover vergleichen. Beide Städte liegen etwa 300 km von Berlin entfernt, Hannover westlich, die Warthe-Stadt östlich. Beide profitieren seit historischen Zeiten von ihrer ausgezeichneten Lage im wirtschaftlich bedeutsamen Korridoren, als Han wichtigen West-Ost- sowie Nord-Süd-Verkehrs- und Wirtschaftsachsen. Schließlich weiß Hannover mit den Welfen eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter in seinen historischen Mauern, was Poznań sogar zu toppen vermag!

Farbenfroh geht es zu in der Stadt...
Farbenfroh geht es zu in der Stadt...

 

Porta Posnania: auf der Kathedraleninsel

Denn auf der auch Dominsel genannten Kathedraleninsel, der Keimzelle der Stadt, wurde 968 n. Chr. nicht nur der erste polnische Bischofssitz errichtet. Hier liegt auch der Ursprung der Gründung Polens: Es war Fürst Mieszko I., der hier im 10. Jh. den ersten souveränen polnischen Staat gründete. Er ließ sich 966 taufen, Rudimente des Taufbeckens wurden im Untergeschoß der heutigen Kathedrale identifiziert und können bestaunt werden. Die Goldene Kapelle der Kathedrale birgt die älteste polnische Königsgrablege, darunter die Gebeine von Mieszko I. und Boleslaw dem Tapferen, dazu in der Königskapelle die wichtigsten Herrscher der Piasten-Dynastie des 13. Jh., u.a. Przemysl I. und Przemysl II., die den Wandel Poznańs von der Inselwehrburg zur Stadt sorgten und für Neubau von Poznańs heutiger Altstadt am linken Warthe-Ufer sorgten.

Hier gründeten deutsche Einwanderer eine Siedlung nach Magdeburger Recht. Przemysl II. regiert dann als König von Polen auf dem neuerbauten Posner Königschloss. Im Archäologischen Reservat Genius Loci auf der Dominsel lassen sich Reste jener ersten starken Mauerbefestigungen von Mieszko I. bestaunen, die – zehn Meter hoch und zwei km lang, die erste Siedlung umgürteten. Schließlich: Unter der gotischen Marienkirche (15. Jh.) vis-a-vis der Kathedrale entdeckten die Archäologen die Überreste des ersten polnischen Königspalastes. Mieszko I. ließ ihn nach Vorbild jener Kaiserpfalzen der deutschen Herrscher errichten, in denen die frühen "Reisekaiser" des Hochmittelalters wechselnd residierten.

Dieser "deutsche" Baustil war bis dato in Polen unbekannt. Schließlich ließ Dobrava, Gattin von Miezsko I., hier mit dem Bau der Palastkapelle das wohl älteste Gotteshaus Polens schaffen. Dies alles und natürlich auch die folgende, bewegte wie bewegende Geschichte Poznańs wird nun auch im neuerrichten architektonische Wunderwerk der Porta Posnania erzählt. Auf allerhöchstem Multimedialen Niveau und ausgestattet mit perfekt konzipiertem Informationsmaterial, kann anhand von Audio-Guides gleich auf mehreren Etagen Poznańs und auch Polens Historie perfekt nachempfunden werden. Hier sollte man seinen Posen-Besuch starten, den Von der Dachterrasse des Gebäudes hat man nicht nur einen perfekten Blick auf dies direkt gegenüber in der Zeit der Preußenherrschaft von 1793 bis 1918, unterbrochen vom Napoleon-Intermezzo bis zum Wiener Kongress 1815, angelegte Kathedralenschleuse von der aus sich das Gebiet um die Dominsel bei Bedrohung perfekt fluten ließ. Hier genießt man den Blick über Insel und Altstadt, ehe es über die über und über mit Liebes- und Treueschlössern geschmückte Bischof-Jordanes-Brücke, Jordan taufte wohl Mieszko I., zu den historischen, religiösen, architektonischen wie archäologischen Schätzen dieser Stadtkeimzelle geht.

Kulinarische Hauptstadt Polens: in den Restaurants "Autentyk" und "Brovaria"

Dass Poznań nicht nur historisch und wirtschaftlich auch heute wieder eine große Konkurrentin von Warschau und fast heimliche Hauptstadt Polens ist, beweist auch der Blick in die Gastronomie. Gleich 40 gastronomische Einrichtungen besitzen eine Bib Gourmand-Empfehlung, nicht wenige gleich mehrere Kochmützen vom polnischen Gault Millau. Noch dazu glänzt Polens Gourmet-Metropole nicht nur mit günstigen Preisen in den Restaurants und bei den Übernachtungspreisen – wenn man denn die Empfehlung der Tourismusorganisation beachtet: Man komme am Wochenende und gern auch im Sommer, also außerhalb der Messetage und Messesaison.

...und farbenfroh ist auch die Kulinarik im Brovaria...
...und farbenfroh ist auch die Kulinarik im Brovaria...

 

Und nutze dazu auch jene Rabattaktionen, die Stadt und Hotellerie schon seit einigen Jahren erfolgreich anbieten. Poznań ist auch ein Shopping-Paradies. Mit einer riesigen Shopping Mall vor den Toren der Stadt und der auch schon als schönster Einkaufstempel der Welt bezeichneten einstigen Stadtbrauerei im Zentrum, der sehenswerten Stary Browar, der alten Brauerei. Aber unschlagbar ist das gute, preiswerte Essen der Extraklasse. Dabei genießen die Posener und das Posener Land in Polen eher den Ruf als "deutsche Polen" bzw. als "Kartoffel-Land". "Sie sind nur eifersüchtig!" Wojciech Mania, Projektmanager der Tourismusorganisation Poznań und mit an der Tafel im Restaurant Autentyk, lacht.

Denn natürlich trifft dieses Klischee nicht im Entferntesten z. B. auf die Küche von Ernest Jagodzińki zu. Schon 2016 hatte der brillante, mit Talent und Hingabe arbeitende Koch im Restaurant "Cucina" in Posens Stadtpark gleich drei Kochmützen des polnischen Gault Millau erhalten. Nun hat er im Juli 2017 sein eigenes Restaurant namens "Autentyk" (authentisch). Untergebracht in den historischen Repräsentationsräumen einer ehemaligen Tierklinik, liegt es ein wenig außerhalb des Zentrums, ist aber mühelos per Taxi oder auch Straßenbahn zu erreichen, wo man am Ende der Linie 15, der Wendeschleife, aussteigt. Eigentlich sei das Restaurant vorwiegend für lokale Gäste konzipiert, die regelmäßig wiederkommen, erklärt die perfekt bei der Auswahl helfende Servicekraft.

Aber natürlich haben längst auch Messebesucher und Poznań-Gäste diesen kulinarischen Tempel für sich entdeckt. Am besten lässt man sich von Ernests Kochkunst einfangen, wenn man das Degustationsmenü ordert. Zu einem Glas Bier Marke "Lech Premium", Posens großer Brauerei-Hausmarke (natürlich darf es auch Wein sein), beginnt die Fünf-Gänge-Tour mit Ziegenkäse im Zucchini-Wickel mit roten Zwiebeln und Mango Chutney. Einfach köstlich! Und so geht es fort: Die phantastische Burrata, sie wird hier auch mit Brunnenkresse und grünem Spargel angeboten, wird vom Restaurant mit dem großen weißen "A" auf schwarzem Grund im Eingangsgiebel direkt aus Süditalien importiert. Hier passt sie ausgezeichnet zur Forelle auf Roter Bete.

Wahlweise hält das Degustationsmenü auch Räucherforelle aus Zielenica mit Mangold bereit. Jagodzińkis nächster Streich ist Thunfischtartar auf gedünstetem Paprika-Gemüse mit Qinoa, dem glutenfreien "Reis" aus dem Reich der Inka, und Ananas: vorzüglich. Schließlich darf es auch noch Dreierlei vom Lamm auf Sellerie-Püree im Kardamom-Jus sein, ehe zum Abschluss das Passionsblumendessert winkt. Dies alles passiert im angenehmen Skandinavien- Design des Interieurs: Nirgends überkandidelt, mit intimer Atmosphäre und durchschlagendem kulinarischem Erfolg: Diese neue polnische Küche, kombiniert mit italienisch-mediterranen, aber auch asiatischen Einflüssen, ist Spitze! Da heißt es: Unbedingt vorbestellen!

Sehr viel günstiger liegt eine mittlerweile schon zur Institution gewordene Einrichtung: Die Brovaria direkt am Alten Markt, im Herzen von Poznańs Altstadt. Schräg gegenüber dem einzigartigen Alten Rathaus und den Bauten des später wohl wegen Spielsucht verarmt verstorbenen Tessiner Baumeisters Gian Battista di Quadro (seine Fassadenstatue findet sich an der Platzecke), der Posens Antlitz von 1550 bis ca. 1560 entscheidend prägte und architektonisch die Glanzzeit der Stadt von Mitte des 16. Jh. bis zur Zweiten Polnischen Teilung 1793 einläutete, öffnet seit 2004 dies Haus. Mit überdachter Terrasse zum Platz und der Kombination aus Bar, Restaurant Brauerei! Kleine Brauerei – großartiges Bier!

Prost!
Prost!

 

Nun ist auch noch das Hotel hinzugekommen. Das macht die Brovaria in Polen einmalig. Großartig und in der Biermetropole Posen ein Hit ist die Bierhalle in den hinteren Räumen – echte Poznań-Atmosphäre mit herrlichen Bieren zu vernünftigen Preisen. Natürlich kann man auch im Restaurant zur Bierverkostung schreiten – und wählt zwischen den klassischen Bieren der Mikro-Brauerei und den saisonalen Optionen. Klassisch sind das sehr leckere Pilsener, das Honigbier und dem Wheat Ale, das das deutsche Hefeweizenbier zum Vorbild hat.

Alle Bier werden auch an der Bar serviert und als Take Away offeriert. Das Restaurant wartet mit europäischer Küche auf, startet aber zur Bier-Degustation erst einmal mit einer opulenten Platte leckerer Bier-Snacks, dazu Zwiebelringen, Grissini, Hühnchen und Käse-Häppchen, sogar Rippchen in Barbecue-Sauce (35 Zloty). Die Wahl hat man dann zwischen den klassischen Hausbieren und saisonalen Ergänzungen. Zum Klassikrepertoire zählen das leckere Pilsener, das Honigbier (Met) und das dem Hefeweizen ähnelnde Wheat Ale. Die drei Biere im Test-Set kosten nur 49 Zloty. Die Wahl hat man zwischen Pilz und Ingwersuppe, ehe es zu den Hauptgerichten übergeht. Ob vegetarische Tart, Kabeljaufilet oder die Grillplatte mit Schweinesteaks –alles ist prima! Ein Tipp: Hausspezialität ist das Low temperature beef (39 Zloty). Und wem das Testbier nicht reicht, der ordert einfach ein weiteres Pilsner (0,33 l für 8 Zloty, ca. 2 €).

Ist schon die Brovaria ein Klassiker, so darf man natürlich am Alten Markt auch nicht den Kauf der St. Martins-Croissants verpassen, die auch als "Posener Martinshörnchen" berühmt sind. Die werden sogar in Backshows gebacken und schmecken nicht nur am 11.11. jeden Jahres, sondern z. B. auch auf Posens Weihnachtsmarkt und zu vielen andere Gelegenheiten.

 

Impressionen:

Information:
Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin, Tel. 030 210 09 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.polen.travel
Tourismusinformation Poznań (Posen), Stary Rynek (Alter Markt) 59/60, 61-772 Poznań, Tel. +48 61 852 61 56, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.poznan.travel ;
Öffnungszeiten: Mo – Sa 9.30 – 18.00, So 9.30 – 17.00 Uhr

Weitere städtische Tourismusinformationsbüros:
Dworzec Główny PKP (Hauptbahnhof), ul. Dworcowa 2, 60-801 Poznań, Tel. +48 61 633 10 16, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.poznan.travel; Öffnungszeiten: tgl. 9.00 – 17.00 Uhr
Port Lotniczy Poznań-Ławica im. Henryka Wieniawskiego (Ławica Airport), ul. Bukowska 285, 60-189 Poznań, Tel. + 48 61 849 21 40, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.poznan.travel ; Öffnungszeiten: Mo, Do, Fr 10.00 – 18.00, Di, Mi 9.00 – 18.00, Sa, So 10.00 – 17.00 Uhr

Übernachten:
Novotel Poznań Centrum Hotel, Plac Andersa 1, 61-898 Poznań, Tel. +48 61 858 70 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.accorhotels.com/de/hotel-3376-novotel-poznan-centrum/index.shtml

Essen:
Restauracja Autentyk, Grunwaldzka 248, 60-205 Poznań, Tel. +48 666 400 419, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.restauracja-autentyk.pl/en/
Öffnungszeiten: Di – Fr 12.00 – 22.00, Sa 13.00 – 22.00, So 14.00 – 19.00 Uhr
Rest. Brovaria, ul. Stary Rynek (Alter Markt) 73–74, 61-772 Poznań, Tel. +48 61 858 68 68, Tel. +48 61 858 68 78, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://brovaria.pl/
Restaurant, Bar, Terrasse, Brauerei, Hotel

Attraktionen:
Porta Posnania, ul. Gdańska 2, 61-123 Poznań, Tel. +48 61 647 7634, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://bramapoznania.pl/en/
Öffnungszeiten: Di – Fr 9.00 – 18.00, Sa, So 10.00 – 19.00 Uhr
Rogalowe Muzeum Poznania (Poznan Croissant-Museum), Stary Rynek (Alter Markt) 41/2, 61-772 Poznań, Tel. +48 690 077 800, muzeum@rogalowemuzeum, www.rogalowemuzeum.pl ;
St. Martins-Croissants; Shows: 11.10, 12.30, 13.45, 15.00 Uhr

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 10/09/2019

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