Russland? Nur eine Nussschale... (Teil 2)

Die Bahnstation Sviyazhsk liegt ca. 10 km westlich in der Siedlung Nischnije Wjasowyje an der Eisenbahnstrecke Moskau – Kasan. Kein Problem für Revolutionäre!

Zur Not richtete man, wie Trotzki, einfach eine Läufer-/Ruderer-Staffel zwischen Bahnhof und Wohnhaus ein, in diesem Fall zu diesem Kaufmannshaus, um ihn rund um die Uhr mit wichtigen Nachrichten zu versorgen. Exakt am 7.8.1918 war Trotzki von Moskau aufgebrochen, um "the grave weeks of 1918", die schwerwiegenden Todeswochen der Schlacht vor den Toren Kasans 1918 zu bestehen. Er fuhr im Zug des Predrewojensowjet, dem Zug des Vorsitzenden des Revolutionären Militärrates.

Erfreulicherweise war Trotzki dies selbst, und er hatte als Kommandeur der Bolschewiken höchstpersönlich für die sagenhafte Ausstattung dieses Luxuszuges gesorgt: Dieser besaß, so Trotzki in seinen Memoiren "Mein Leben", Kap. 34, "Der Zug": zwei Zugmaschinen, Sekretariat, Druckerei, Telegrafen- und Radiostation (damals gab es gerade 12 Sender in Europa, der nächste in Moskau), Elektrizität, Bücherei, Autos samt Garagen, eine Tankstelle (Benzintanks), Bäder, und, und, und! Die rollende Kommandozentrale stoppte am Bahnhof Sviyazhsk, Trotzki übernahm das Kaufmannshaus gegenüber Konstantin und Helena, und blieb gleich eine ganze Zeit im Ort. Kap. 33 der Trotzki-Memoiren, "Ein Monat in Sviyazhsk", machte Weltgeschichte. Gerade erst war das Territorium des Zarenreichs unter den Bolschewiken bis auf die Größe des Bojarenreiches des schrecklich gerechten Iwan von 1551 geschrumpft. Doch ermöglichte die Eroberung Kasans unter Trotzki und der aus Kronstadt (!) über die Wolga herbeigeeilten Matrosen die Errichtung des neuen Bolschewiken-Imperiums. Der russische Bürgerkrieg 1918 – 1922 kippte zu Gunsten Lenins und Trotzkis.

Judas und Zaren, Jugendliche und die Wende

Für die eher weniger von Trotzki begeisterte, konservativ religiöse Dorfbevölkerung von Sviyazhsk bedeutete dies vor allem: das Ende der Eparchie von Kasan und Swijaschsk, wie es Trotzki lauthals vom Hausbalkon verkündet haben soll. Die russ.-orth. Kirche soll er gar mit der Aufstellung einer mitgebrachten Judas-Statue aus Gips mit dem Titel "Patriot Nummer1" geschmäht haben. Frau Sinitschkina kann aber nur die Kopie einer Kohlezeichnung als Beleg vorzeigen. Legende wohl auch, dass die Dorfbewohner den verräterischen Judas nur Tage nach Trotzkis Abreise rigoros zerstörten. Trotzki schwärmte hingegen von Sviyazhsk, der Treue seiner Soldaten, der aufopferungsvollen Revolutions-Schriftstellerin Larissa Reissner (samt Liebe zum Kommandanten der Matrosen von Kronstadt), der Kontrolle über die einzige Wolga-Brücke im nahen Selenodolsk samt Eisenbahnkrieg á la Doktor Schiwago bis hin zum Baikalsee und seinem kommenden Propaganda-Feldzug mit tausenden Zugtelegrammen und Bordradiosendungen gegen das "Opium fürs Volk".

Türbeschlag in russisch-orthodoxer Kirche.
Türbeschlag in russisch-orthodoxer Kirche.

 

Sehr real hingegen sind die Denkmäler am alten Gostiny Dwor, wo einst zwei Jahrmärkte, am 8.7. sowie am 25.9., zu Ehren der Ikone der Muttergottes von Kasan stattfanden und berühmt bis Wladiwostok waren: schwarze orthodoxe Kreuze für die unter Stalin zerstörten Kirchen, Denkmäler für gefallene und hingerichtete Rotarmisten.

Dann, nach kurzem Gang über Grasnarben und Lehmboden, vorbei an schlichten, einfachen Gärten mit blühenden Gemüsebeeten, hinein in die vom Wolga-Ufer nicht zu sehende Dreifaltigkeitskirche des Täuferklosters: Dort wartet die Begegnung mit einer ganzen Heerschar von Romanow-Zaren, die Sviyazhsk ihre Aufwartung machten, es zum Juwel im Zarenreich erhoben.

Schließlich das Herz, vielleicht auch Menetekel von Sviyazhsk: das Uspenskij-, Himmelfahrtskloster: gegründet 1555 durch Erzbischof Goury. Heute mit zwei Hauptkirchen, der St. Nikolas-Kirche, in einem Jahr ab 1555 erbaut, rechterhand der Marien-Himmelfahrtskathedrale von 1560, im Inneren mit einzigartigen Fresken der Pskower Künstler Postrik Yakovlev und Ivan Shiryai. Früher war diese Kirche auch außen komplett bemalt! Doch nichts blieb, außer weißer Farbe.

Dann gegenüber die lange Reihe der Mönchszellen, zunächst ab den 1920er Jahren als Gefängnis genutzt, dann Umerziehungslager für obdachlose bzw. renitente Jugendliche, ab 1953 auch Psychiatrie, heute in Ruinen. Gut möglich, dass hier auch einige jener Teens landeten, die ab 1969 in Gruppen organisiert in Kasan für Unruhe sorgten. Als Kasan-Phänomen ging diese ungezielte, eher gegeneinander gerichtete Jugendrevolte in die Soziologie-Geschichte ein. Dem Archipel Gulag indes entging Sviyazhsk, das schon zu Zarenzeiten Tausende Verbannte, darunter die Dekabristen 1826/27, gen Sibirien ziehen sah, ganz knapp. Eine Lagerabteilung war 1947/48 kurz, so die seriöse russische NGO Memorial, am Bahnhof Sviyazhsk, bei (Nischnyje Wasowyje). Den 70 verstorbenen Gefangenen und auch den toten Mönchen von Sviyazhsk wurden Gedenksteine gesetzt.

Sviyazhsk – Na`Sdarowje auf die Nussschale

Seit 1997 regieren wieder Abt Kyrill und seine Brüder über dies gerade 170 Hektar große Eiland, eine Nussschale im russischen Riesenreich, in der sich aber wie im Brennglas die Geschichte des Giganten aufs Extremste bündelt. Heute kommen wieder Scharen Gläubiger mit ihren Popen zu Besuch. Sie haben die Ära der Politkommissare und Propaganda-Kommunisten längst abgelöst. Geblieben sind friedliche, überaus gastfreundliche russische Insulaner und eine einmalige Stille, die Sviyazhsk unvergesslich machen.

Gläubige mit ihrem Popen.
Gläubige mit ihrem Popen.

 

Auch wenn Toiletten fehlen und das Café zu ist, auch wenn die Kirche aller Religionen, die wir spät nachmittags im Wolga-Dörfchen Staroje Arakschino, einem Vorort Kasans, besuchen, nun doch nicht das Highlight war, das sich viele versprachen. Immerhin: Hier hat der frühere Architekt, Bildhauer und Wunderheiler Ildar Khanov ab April 1994 im eigenen Garten eine Kirche samt Kuppeln für 16 Weltreligionen erbaut. Und er und seine Mitstreiter planen ein großes Reha-Zentrum für Drogenabhängige und andere gefährdete Jugendliche. Eine Wasseraufbereitungsanlage an der Wolga ist bereits im Bau. Es gibt Jesus-, Buddha- und Dschingis-Khan-Säle, einen Theaterraum und angeblich 1000 Besucher pro Tag.

In jedem Fall wird Linderung versprochen, denn Ildar Khanov soll schon die Furunkel am Allerwertesten von Leonid Breschnew geheilt haben. Massagen finden von der Fußsohle bis zur Nackenkrause statt. So fährt gern eine Art Schleifmaschine der Profimarke Hilti über menschliche Rücken und Schultern. Solch Vibrations-Kokolores geht, ganz ohne Göttergunst, wenn das rotierende Schleifpapier mit Paketband abgeklebt ist. Der Erfolg bleibt allerdings mäßig in Erinnerung. Kribbeln kann man auch auf der Wolga selbst verspüren, z.B. vor dem obligatorischen Trinkspruch an der breitesten Wolgastelle vor Kasan: "Auf das Fahrwasser". Gut auch, wenn dann – wie bei uns – für alle Fälle ein Arzt, am besten aus Moskau, mit an Bord ist. Fürs Nachschenken...

Touristische Information:
Information und Tourbuchungen vor Ort: Kazan Tourist Information Centre, Kremlyovskaya ul. 15 – 25, Kasan, Tel. +7 (843) 292 97 77, Tel. +7 (843) 29 2 30 10, http://kazantravel.ru/en/, www.tatar.ru

Anreise: Lufthansa ( www.lufthansa.com ) fliegt regelmäßig direkt Frankfurt/Main – Kasan.

Hotels:
Tipp: Hotel Giuseppe, 420111 Kasan, Kremlovskaya ul., Tel. +7 (843) 292 69 34, 292 09 38, 292 69 44, 292 69 54, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.giuseppe.ru
Der Sizilianer Giuseppe Sparta bietet im restaurierten Kaufmannshaus an der Kremlstraße elegantes Interieur, Ruhe und Atmosphäre. Ideale Lage in der historischen Altstadt. Fremdenverkehrsbüro Kasan im Haus, ital. Restaurant und Eis-Bar.
Korston Club Hotel & Mall, 420061 Kasan, Tel. +7 (843) 279 30 00, Fax 279 31 00, http://www.korston.ru/en/kazan/
Hotelprachtbau eines Moskowiter Geschäftsmanns am Rande der Kasaner Altstadt. Internationales Niveau, Zimmer mit Komfort und digitalem Medienservice. Metalldetektorschleusen an der Rezeption, Lobby, Bars, Bowling und Snooker, Wellness.
Shalyapin Palace Hotel, Universitetskaja ul. 7, Kasan, Tel. +7 (843) 238 28 00,
Tel./Fax (843) 231 10 00, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://shalyapin-hotel.ru/de
Ideale Lage, direkt an der Fußgängerzone der Baumana. Guter Service, Bar, Restaurant, großes Frühstücksbuffet.
Hotel Riviera, F. Amirkhana ul. 1, Kasan, Tel. +7 (843) 511 21 21, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.hotelriviera.ru/en/
5 Sterne, mit Rest. "Amore”, Bar "Metropolis”, Lobby-Bar, Nachtclub Hermitage, Bowling, Fitness-Center, Spa, Panorama-Balkon (25. Etage), Sonnenbaden (Kazanka-Strand). Riviera-Wasserpark (größter Russlands) mit 50 Attraktionen (10 Rutschen, Flow rider für Surfer, Piratenfestung für Kids, Saunen, Hammam); ganzjährig Eislaufen auf dem Riviera-Eislaufring.

Insel Sviyazhsk: Sehr schlichte Pension (Mehrbettzimmer) im historischen Dorfhospital (ca. 12 Euro); derzeit auch von Kasaner Kunststudenten genutzt.

Am Sviyaga-Ufer: Kazan Ski und Golf Komplex, 422595 Sviyazhsk, Tel. +7 (843) 570 43 91, Fax +7 (843) 570 44 13, www.ski-kazan.ru  (russisch)
18-Loch-Golfgelände an Sviyaga- und Wolgahängen, ca. 5 km von Sviyazhsk; Skipiste mit Lift (ca. 150 Höhenmeter Differenz) hinab zum Flussufer. Geräumige Holzbungalows in traditionellem Stil, jeweils mit Sauna.

Fotos: Jürgen Sorges

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