Russland? Nur eine Nussschale... (Teil 1)

30 km westlich Kasan, der Millionenmetropole und Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan, liegt am Zusammenfluss von Wolga und Sviyaga (deutsch auch Swiaja) die Insel Sviyazhsk (deutsch auch Swijaschsk)...

Sowjetplanung der 1950er Jahre wollte es, das Sviyazhsk, einst blühende Zarenstadt an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien, durch die Wolga-Aufstauung zum Kuibyschewer Stausee seit 1959 isolierte, denkmalgeschützte Insel ist. Genauer: seit 2008 ist sie eine Halbinsel, denn nördlich wurde ein 3,5 km langer Damm aufgeschüttet, der die Zufahrt von der Fernstraße M 7 (Moskau – Nischni Nowgorod – Kasan) nun auch per PKW und Bus ermöglicht. Eigentlich fehlen am Parkplatz nur Toiletten, um das touristische Glück zu vervollkommnen. Ein Tickethäuschen ist aber bereits vorhanden, ebenso ein mobiler Fischverkäufer, der manchmal sogar Flusskrebse oder geräucherten Wolga-Stör, eine wirkliche Delikatesse, verkauft.

Kein Wunder auch, dass man hier auch die Insel Sviyazhsk mit seinen einst mächtigen Festungsbollwerken auch aus den Wolken bewundern kann; schon seit 1998 bemüht man sich, das gesamte, einmalige Ensemble zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erklären. Und so bietet ein Pilot samt altertümlich knatterndem Motor-Aerogleiter seine luftigen Flugdienste an. Kaum jemand im europäischen Ausland kennt Sviyazhsk, doch viele Wege führen hierher. Und es lohnt!

Die Wolga stromaufwärts – "IKEA" schuf "Iwangorod"

Die einfachste und spektakulärste Annäherung startet im historischen Wolga-Dampfschiff in 2,5 Std. vom Kazanka-Hafen am runden Zoopalast und Stadion des Fußballklubs Rubin Kasan, gleich unterhalb des Kasaner Kremls. Immer am hohen, europäischen Westufer der Wolga entlang tuckert der Dampfer bis zur Inselanlegestelle unterhalb des zaristischen Gymnasiums von Sviyazhsk: 1913/14 als roter Klinkerbau gemauert, heute Grundschule für 17 Schüler und zwei Lehrer. Marode ragt ein Kran an der Hafenpier auf, während ein Baggerschiff in der Nähe unermüdlich feinen Flusssand ans Inselufer spült.

Die Kirche in Sviyazhsk.
Die Kirche in Sviyazhsk.

 

Linkerhand vor uns ragen die frisch renovierten Türme der Insel-Klosteranlage "St. Johannes der Täufer" (Ioanno-Predtechenscskij) auf, nur eines von einst drei Ortsklöstern: links die weiß-grün-goldene Kirche St. Sergius (Sergiewskaja) von 1604, rechts, rot mit Silberkuppeln, die jüngste dieses Klosterkirchenensembles, die Kathedrale der Ikone der Gottesmutter "Freude aller mühselig Beladenen", kurz "Aller Trauernden Freude", errichtet ab Mai 1898 vom Architekten Malinowsky, 1906 eingeweiht, pseudo-byzantinischer Stil.

Träge dümpeln Fährschiffe im Hafenbecken, während sich auf dem Hügel über uns eine Gruppe junger Russen gestiefelt und mit Rucksäcken beladen bereits zur Inselerkundung aufmacht. Anderthalb Kilometer entfernt erheben sich die grünen Hügel des Wolga-Westufers am Zusammenfluss mit der Sviyaga. Direkt vor uns ducken sich die alten Holzhäuser der alten Handwerkersiedlung von Sviyazhsk, das, so wusste Meyers Lexikon von 1905, damals 1400 Einwohner zählte, zwei Kirchen und ein Kloster besäße und vom "Kornhandel" lebe. In der Nähe sei gar eine alte Tatarenstadt: Aksak Temko. Richtig beschrieb das Lexikon Sviyazhsk als Hauptstadt des gleichnamigen Kreises im Zaren-Gouvernement Kasan, 800 km östlich Moskau, mit starken Fichtenwäldern, gutem Ackerland und ergiebigen Weiden am Wolgastrom: Viehzucht, Holz und Bienenzucht bildeten die Haupteinkommensquellen.

Und: Sviyazhsk sei 1551 erbaut, "auf einem hohen Berge" – eine eher nicht korrekte "Tatarenmeldung"! Tatsächlich betrug die Einwohnerzahl 1897 2365 (Volkszählung), es gab mal 16 Kirchen und bis zu fünf Klöster, und der "hohe Berg" ist nicht erst heute ein eher winziger Hügel, den wir, vorbei an einem listig äugenden, Sonnenstrahlen erhaschenden Großmütterchen vor einer Scheunenbretterwand in Richtung Kongregationskirche der Heiligen Konstantin und Helena (Konstantin i Elena) erklimmen. Jelena Michailowna Sinitschkina, unsere Inselführererin, wohnt seit drei Jahrzehnten auf Sviyazhsk. 2011 lebten hier noch 243 Menschen, die gemächlich unter Strohhüten als Selbstversorger ihre Gärten pflegten und geradezu Tschechowsche Kirschgarten-Idylle aufkommen ließen. Hier hat Frau Sinitschkina ihre Kinder aufgezogen, mit ihrem Mann, ein Zimmermann, nach und nach all jene Dächer instandgesetzt, die ihnen die einmalige Historie dieses Fleckens zur Reparatur überlassen hatte.

Nur wenige Holzhäuser stehen hier noch...
Nur wenige Holzhäuser stehen hier noch...

 

Denn nur 62 der einst 799 Holzhäuser und ein kleinerer Teil der Kirchen stehen noch. Nein, in ihre Geburtsstadt Kasan wolle sie nicht zurück, so Marat Muhammedow, unser Übersetzer, der trotz seines tatarischen Namens zahlreiche Wolgadeutsche als Vorfahren benennt. Ein Laden, ein Café (leider zu), eine Pension im alten Stadthospiz, die nun Kunststudenten der Uni Kasan nutzen. Dafür zeigt uns Frau Sinitschkina die rustikal mit rohen Baumstämmen eingerüstete Kirche aus dem 17./18. Jh.: Hier stand einst das erste Kloster von Sviyazhsk. Im Inneren die Ikone des Grabtuchs mit dem Antlitz Jesu, dann die Ikone der Heiligen Helena mit dem Stadtwappen des einstigen Sviyazhsk, das zur Blütezeit 4100 Seelen zählte und die Handelswege gen Sibirien komplett kontrollierte. Nicht nur das: In Händen hält Helena ein Wolgaschiff mit der Silhouette der Klostertürme von Sviyazhsk, Symbol auch der Eparchie von Kasan und Swijaschsk, des Bistum Kasan-Sviyazhsk.

Bis heute steht Sviyazhsk für die sechstwichtigste Klosteranlage der russisch-orthodoxen Kirche – wichtig genug, weil exakt noch 1105 Klöster existieren. Frau Sinitschkina weist auf den Grundriss der einstigen Wehr- und Klosteranlagen von Sviyazhsk. Sie sind – ab dem 24.5.1551 - Zar Iwan Grosny (dem "Schrecklichen", eher dem "Gestrengen") zu danken, der die Festung vor der zweiten Belagerung des tatarisch-islamischen Kasan in einer Art Nacht- und Nebel-Aktion mit einem Heer von 75000 Mann und 50000 Bauarbeitern in 24 Tagen als Fertigbausiedlung zusammenschrauben und -hämmern ließ. Iwan schuf sich sein Iwangorod, die Iwanstadt, wie Sviyazhsk anfangs hieß, wie später Ingvar Kamprad seine IKEA-Möbel: Alles wurde vorproduziert, von Norden per Schiff hierher transportiert und nur noch fleißig zusammengesetzt.

Danach blühte Sviyahzsk auf, wurde neue Hauptstadt des Gebietes, war bedeutsamer als Kasan. Von hier begann der Siegeszug der Eroberung Sibiriens, die Schaffung des zaristischen Großreiches. Von hier begann auch die religiöse Missionierung, die nicht nur Kasans Tataren in die Vorstädte zwang. Hier wurden Taiga- und Tundraschätze, Wolgafisch und Holz aus dem Ural, Zobelpelze, Gold, Silber, Schmuck, Porzellan gehandelt. 300 Handelshäuser, unten Läden, oben Wohnungen, standen einst um den Markt, auf dem heute ein Fußballfeld installiert ist und auf dem man allenfalls das Gras wachsen hört.

Gegenüber St. Konstantin und Helena weist Frau Sinitschkina auf ein gepflegtes Kaufmannshaus des 17. Jh. mit ausladendem Balkon. Hier, wo einst ein reicher Kaufmann seine Dependance besaß, quartierte sich im August 1918 ein Herr ein, der – so will es die Ortslegende – den Leibhaftigen ins heilige Sviyazhsk brachte: Leo Trotzki.

Grüne Landschaft...
Grüne Landschaft...

 

Touristische Information:
Information und Tourbuchungen vor Ort: Kazan Tourist Information Centre, Kremlyovskaya ul. 15 – 25, Kasan, Tel. +7 (843) 292 97 77, Tel. +7 (843) 29 2 30 10, http://kazantravel.ru/en/, www.tatar.ru

Anreise: Lufthansa ( www.lufthansa.com ) fliegt regelmäßig direkt Frankfurt/Main – Kasan.

Hotels:
Tipp: Hotel Giuseppe, 420111 Kasan, Kremlovskaya ul., Tel. +7 (843) 292 69 34, 292 09 38, 292 69 44, 292 69 54, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.giuseppe.ru
Der Sizilianer Giuseppe Sparta bietet im restaurierten Kaufmannshaus an der Kremlstraße elegantes Interieur, Ruhe und Atmosphäre. Ideale Lage in der historischen Altstadt. Fremdenverkehrsbüro Kasan im Haus, ital. Restaurant und Eis-Bar.
Korston Club Hotel & Mall, 420061 Kasan, Tel. +7 (843) 279 30 00, Fax 279 31 00, http://www.korston.ru/en/kazan/
Hotelprachtbau eines Moskowiter Geschäftsmanns am Rande der Kasaner Altstadt. Internationales Niveau, Zimmer mit Komfort und digitalem Medienservice. Metalldetektorschleusen an der Rezeption, Lobby, Bars, Bowling und Snooker, Wellness.
Shalyapin Palace Hotel, Universitetskaja ul. 7, Kasan, Tel. +7 (843) 238 28 00,
Tel./Fax (843) 231 10 00, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://shalyapin-hotel.ru/de
Ideale Lage, direkt an der Fußgängerzone der Baumana. Guter Service, Bar, Restaurant, großes Frühstücksbuffet.
Hotel Riviera, F. Amirkhana ul. 1, Kasan, Tel. +7 (843) 511 21 21, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.hotelriviera.ru/en/
5 Sterne, mit Rest. "Amore”, Bar "Metropolis”, Lobby-Bar, Nachtclub Hermitage, Bowling, Fitness-Center, Spa, Panorama-Balkon (25. Etage), Sonnenbaden (Kazanka-Strand). Riviera-Wasserpark (größter Russlands) mit 50 Attraktionen (10 Rutschen, Flow rider für Surfer, Piratenfestung für Kids, Saunen, Hammam); ganzjährig Eislaufen auf dem Riviera-Eislaufring.

Insel Sviyazhsk: Sehr schlichte Pension (Mehrbettzimmer) im historischen Dorfhospital (ca. 12 Euro); derzeit auch von Kasaner Kunststudenten genutzt.

Am Sviyaga-Ufer: Kazan Ski und Golf Komplex, 422595 Sviyazhsk, Tel. +7 (843) 570 43 91, Fax +7 (843) 570 44 13, www.ski-kazan.ru (russisch)
18-Loch-Golfgelände an Sviyaga- und Wolgahängen, ca. 5 km von Sviyazhsk; Skipiste mit Lift (ca. 150 Höhenmeter Differenz) hinab zum Flussufer. Geräumige Holzbungalows in traditionellem Stil, jeweils mit Sauna.

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 18/08/2019

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