Tatarstan: Boom in Kasan, dem "immerfort brodelnden Kessel"

Nach der Region Moskau gilt die Republik Tatarstan als wichtigste neue Wirtschaftszone des riesigen russischen Imperiums. Dank ergiebiger Erdöl- und Erdgasfunde hat Tatarstan, auf dessen Gebiet einst Wolgabulgaren und Goldene Horde herrschten, das große Los gezogen.

Nach Krasnodarsk und Kaliningrad rangiert die Hauptstadt Kasan auf Rang 3 der am meisten prosperierenden Städte des Landes. Doch Kasan hat weit mehr zu bieten als die hier produzierten legendären MI-8-Hubschrauber, Panzer, Flugzeuge und Raketen der Rüstungs- oder die lange Tradition der Chemieindustrie. Kasan ist Bildungs- und Kulturmetropole, die Uni geht zurück auf 1804. Und die Millionenmetropole selbst konnte schon 2005 ihr 1000-jähriges Jubiläum feiern.

Schließlich: Kasan, dieser rund um die Uhr quasi schlaraffenlandartig brodelnde "Kessel", der einst dank Zaubererhand am Zusammenfluss der Wolga mit Kasans "Ärmelkanal", dem Bulak, geboren wurde, investiert wie Tatarstan Millionen Euro zur Bewahrung und Neuerung des historisch-kulturellen Erbes dieser außergewöhnlichen Republik.

"Unser Problem ist, das die meisten bis heute Kasan mit Kasachstan verwechseln", äußerte sich Valeri Beresinski, stellv. Tourismusminister Tartastans. Und man kann ihm beipflichten. Denn ein gewisser Borat wohnte hier tatsächlich nie! Die berüchtigten Tatarenmeldungen, eben "fakes", erfand ein Londoner Times-Korrespondent im weit entfernten Krimkrieg 1853 – 1856, und auch kulinarisch darf mit hartnäckigen Zeitungsenten aufgeräumt werden: Tatar, noch dazu mit frischer Minze, ist in Kasan gänzlich unbekannt und stammt aus Paris. Und sogar das legendäre, unterm Pferdesattel mürbe gerittene riesige Rinderfilet ist den Wolga-Tataren gänzlich fremd. Dafür tafeln sie gerne und ausgiebig mit Messer und Gabel, gern auch auf Silber, bauen viele Luxushotels und eilen als neue Tataren wie "neue Russen" in Siebenmeilenstiefeln und gern auch im Mercedes zu neuen ökonomischen Rekorden.

Farbenfrohe Kirchen gehören zum Stadtbild...
Farbenfrohe Kirchen gehören zum Stadtbild...

 

Wie in ganz Russland geht offenbar auch in Kasan nichts ohne Modern Talking. Auf der Fahrt vom 25 km entfernten Flughafen ins Stadtzentrum dudelt der gefällige Ostfriesen-Diskorock samt kieksender Kehllautstimme aus dem Radio. Bis die Radarfalle kurz vor dem mächtigem "M" am Ortseingang Kasans auftaucht. Nein, hier sucht Fritz Lang keinen Mörder, es ist Kasans Wahrzeichen, die 2005 errichtete Millennium-Brücke. Mit Tempo 40 schleichen wir an den gestrengen Ordnungshütern vorbei, durchfahren den etwa 30 Meter hohen Buchstaben und sind dann auch schon mitten drin im Tatarischen. Ach, das "M" ehre nur den damaligen Präsidenten, kommt es gelassen von den Vordersitzen, dessen Vorname war Mintimer…

Kasan – am brodelnden Kessel

Tatsächlich steht seit 2005 auch ein riesiger, gusseiserner Kessel in Kasans Milleniumpark, eine Erinnerung an jene Uralt-Legenden, als noch Tangra, namensgleich mit dem Altai-Schamanengott Tengri, mit seinem Reittier "Windpferd" über die Steppe und die Flussläufe von Wolga, Kama und Kazanka hinwegfegte und die Geschicke der `Tartarei´ regelte. Aber dann kam das Jahr 1552 mit Zar Iwan IV., genannt "Grosny", der Gestrenge, aus dem der Volksmund später den Schrecklichen machte. Und da war es erst einmal vorbei mit den Nachfahren der Leibgarde Dschingis Khans, die als Da-Da, Ta-Ta, schließlich Tatar einst aus dem Nordosten der Wüste Gobi gen Westen aufgebrochen und sich mit den Wolgabulgaren rings um Kasan zur Goldenen Horde vereint hatten. Zar Iwan errichtete auf den Trümmern der alten Khanfestung den Kasaner Kreml, und Prinzessin Sujumbike, die letzte Khanin, stürzte sich vom damaligen Wahrzeichen der Stadt, dem nach ihr benannten Schiefen Turm im Kreml, weil sie angeblich den Wüstling von der Moskwa nicht ehelichen mochte.

Doch halt: Tatsächlich starb sie 1554 im Moskowiter Exil, und der Sujumbike-Turm in Höhe des alten russischen Gouverneurspalastes, in dem heute Tatarstans Präsident residiert, soll erst im 18. Jh. errichtet worden sein. Wie auch immer: Nahe dem 1,98 m aus der Vertikalen verrutschen siebenstöckigen Riesenwachtturm wurde kürzlich das Mausoleum der alten Herrscher des Khanats Kasan gefunden, mit dessen Eroberung Iwan den Siegeszug des russischen Imperiums begründete. Diesen Triumph krönte der vom Papst verdammte Schreckliche mit dem Bau der Basilius-Kathedrale am Moskauer Roten Platz. Kasan aber erhielt einen der schönsten und mächtigsten jener neun Kreml, die Russland bis heute kennt. Natürlich längst UNESCO-Welterbe, steht seit 2005 auf dem Areal auch Europas größtes islamisches Gotteshaus, die Kul-Sharif-Moschee.

Landestypische Trachten junger Mädchen.
Landestypische Trachten junger Mädchen.

 

Man muss den Kreml schon zweimal besuchen, bei Tag und bei Nacht, um die eindrucksvolle Wirkung dieses in schillernden Pastelltönen leuchtenden Gesamtkunstwerkes voll zu erfassen. Russen, etwa 42 % der Bevölkerung, wie Tataren, ca. 48 %, sind sich einig über die Schönheit auch des neuen Bauwerkes, dessen Farbwahl für das Dach sogar per Fernsehvolksabstimmung schlussendlich festgelegt wurde. Denkmalschutz von allen für alle, heißt in Kasan die Devise. Und so werden überall Moscheen und Kirchen, Museen und Fußgängerzonen runderneuert, die Tristesse der Kommunalkas aus dem sozialen Wohnungsbau durch schmucke Putinka-Neubauten der Ära Putin beseitigt, neue Shopping Malls (auch Ikea und OBI) und Villenviertel am Stadtrand errichtet. Im Sakralbaubereich scheint geradezu ein sportlicher Wettstreit ausgebrochen: 2000 Bethäuser zählen die moslemischen Baumeister, etwa 200 die russisch-orthodoxen, die aber die urbanen Zentren mit goldenen und bisweilen blauweiß gerauteten, geradezu bajuwarischen Kuppeln wie an Kasans Peter-und-Paul-Kathedrale dominieren.

Natürlich ist nicht alles, was im Schatten der wundertätigen Ikone der Gottesmutter von Kasan passiert, die im Wallfahrtsrang von Fatima oder Lourdes gehandelt werden muss, ist prächtig. So bettelt vor der Kirche ein gehörloses Mädchen um Almosen. Aber Vater Wsewolod, der das mächtige Kloster Raifa vor den Toren von Kasan mit Hilfe internationaler Sponsorengelder wiederaufgebaut hat, ist sich sicher, dass dies tatarisch-russische Herzland bald wieder zu alter Größe aufsteigt. Religiöse Spannungen verspürt man während eines Aufenthaltes in Tatarstan nicht, auch wenn allenthalben und wie im archäologischen Park von Bolgar an der Wolga das Jahr 922 n. Chr. als Datum der Einführung des Islam in der hiesigen Gegend protegiert wird. Dass hier mindestens zwei Jahrhunderte vorher Kultur entstand, auch mit einem Gott Tangra/Tengri, fällt ein wenig unter die Gebetsmatte. Andererseits beten Damen und Herren gemeinsam in der Kul-Sharif-Moschee, die heilige Quelle von Bilgar wird von allen Religionen besucht.

Und tatarische wie russische Mädchen wetteifern eher säkular um die Kürze der Miniröcke als um Kopftücher. Natürlich gilt es auch, das belastete deutsch-russische Erbe zu berücksichtigen. Deutsche Kriegsgefangene des Kama-Lagers 97 A bauten bis 1956 das Kasaner Opern- und Balletthaus mit auf, das nach Tatarstans Freiheitsidol Nummer 1, Musa Jelil benannt ist. Der wiederum saß in Berlin-Moabit ein und wurde 1944 in Berlin-Plötzensee geköpft. Am Kasaner Kreml wird er mit einer Monumentalstatue geehrt.

Freiheitsidol Nummer 1, Musa Jelil.
Freiheitsidol Nummer 1, Musa Jelil.

 

In Jelabuga

Stalingrad-Offiziere saßen auch im Klosterlager 97 B in Jelaboga an der Kama ein. Aber das ist nebensächlich. Nur eine Vitrine im stadthistorischen Museum dieses "Rothenburg an der Kama", der Wolga größtem Nebenfluss, erinnert heute noch daran. Spannender ist der Wiederaubau dieser Kleinstadt 200 km östlich Kasan, das historische Stadtensemble, eingebettet in die im Juni überbordend blühende Natur, mit Ausblicken, wie sie schon Russlands berühmtester romantischer Landschaftsmalerei Schischkin zu schätzen wusste.

Spätestens hier erleben Tatarstan-Reisende jenes prächtig restaurierte Bilderbuch-Wolga-Russland, dem man sich schwerlich entziehen kann. Musik, Tanz wie etwa zum Sabantui, dem jährlichen Pflug-Fest im Juni, dazu tatarische Küche und geräucherte Wolga-Störe, sibirisches Eisbär-Pilsener, Kaviar und der Reichtum der Steppe zieren die Tafel. Und den Deutschen wird freundlich begegnet, nicht zuletzt der deutschen Zarin Katharina II. wegen, die im Geiste Voltaires Toleranz predigte und Minarett- wie Moscheenbau ermöglichte. Nicht zuletzt auch eines deutschen Frauenarztes wegen, der in Tatarstan noch berühmter ist: Karl Fuchs, russ. "Fuks", wurde kürzlich in Kasan mit einem nagelneuen Bronzedenkmal geehrt, im Millenium-Museum gar ein Teil seiner Praxis nachgestellt. Spätestens auf einem der Wolga-Schiffe wird dann angestoßen. Natürlich mit Wodka. Trinkspruch: "Auf das Fahrwasser", stets mit Blick auf die grandiose Kulisse des Kremls von Kasan.

Keine Frage, Theodor Hertzens alter Spruch, nach dem Kasan die europäischste aller asiatischen und die asiatischste aller europäischen Städte sei, hat nichts an Bedeutung eingebüßt.

Steckbrief Kasan, Tatarstan:

Lage Kasan: 794 km östlich Moskau, 800 km westlich Orenburg/Ural.
Staat: Republik Tatarstan der Russischen Föderation; mit Sonderrechten.
Fläche: 67836,2 km² (etwas kleiner als Bayern)
Einw./Bevölkerungsdichte: Tatarstan 3,761 Mill. Einw., Hauptstadt Kasan 1,12 Mill. Einw.; 55 Einw./km²
Klima: strenges Kontinentalklima; Sommer max. + 35° C., Winter min. -36° C.
Minderheiten neben Tataren und Russen: Tschuwaschen, Udmurten, Ukrainer, Mordwinen, Mari, Baschkiren, fenno-ugrische Kleinvölker, Wolga-Deutsche.
Natur: Steppe, unterbrochen von 17 % Wald; Wolga, Kama und weitere Nebenflüsse, Kuibyscher Stausee (größter Europas, zweitgrößter weltweit)
Religionen: russ.-orthodox, moslemisch, jüdisch, Bahai, "Kriaschen" ("Getaufte", orthodoxe Tataren), Anhänger des Tengrismus, Atheisten.
Sprache: Russische, Tatarisch

Wirtschaft: Erdöl, Erdgas, Chemie- und Rüstungsindustrie, Flugzeug- und Hubschrauberbau in Kasan, Bildungssektor (Unis Kasan), Auto-Industrie (FIAT in Jelabuga), Textil, Landwirtschaft, Tourismus. BIP: 22 Milliarden Euro (2009)
Wichtigste touristische Orte: Kasan (mit UNESCO-Welterbe Kasaner Kreml, Tataren-Vorstadt, Altstadt, Uni, Parks, Kazanka, Millenium-Brücke), Jelabuga (russischer Tourismuspreis 2008, Intermuseum-2008), Bolgar, Bilar (Hauptstädte des alten wolgabulgarischen Reiches), Klosteranlage Raifa
Beste Reisezeit: Juni bis Sept., im Winter Eistouren
Zeit: MEZ plus 2 Std., GMT plus 3 Std. (wie Moskau).

Touristische Information:

Information und Tourbuchungen vor Ort: Kazan Tourist Information Centre, Kremlyovskaya ul. 15 – 25, Kasan, Tel. +7 (843) 292 97 77, Tel. +7 (843) 29 2 30 10, http://kazantravel.ru/en/, www.tatar.ru

Anreise: Lufthansa (www.lufthansa.com) fliegt regelmäßig direkt Frankfurt/Main – Kasan.

Hotels:
Kasan:
Tipp: Hotel Giuseppe, 420111 Kasan, Kremlovskaya str. 15/25, Tel./Fax +7 (843) 292 69 34, 292 09 38, 292 69 44, 292 69 54, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.giuseppe.ru
Der Sizilianer Giuseppe Sparta bietet im restaurierten Kaufmannshaus an der Kremlstraße elegantes Interieur, Ruhe und Atmosphäre. Ideale Lage in der historischen Altstadt. Fremdenverkehrsbüro Kasan im Haus, ital. Restaurant und Eis-Bar.
Korston Club Hotel & Mall, 420061, Kasan, Tel. +7 (843) 279 30 00, Fax 279 31 00, http://www.korston.ru/en/kazan/
Hotelprachtbau eines Moskowiter Geschäftsmanns am Rande der Kasaner Altstadt. Internationales Niveau, Zimmer mit Komfort und digitalem Medienservice. Metalldetektorschleusen an der Rezeption, Lobby, Bars, Bowling und Snooker, Wellness.

Bolgar:
Hotel Regina, Gorkogo Uulitsa (Gorky Street) 30, Bolgar, Tel. +7 (8247) 310 44, www.hotelregina.ru
Renoviertes Landhotel über der Wolga mit guter Küche, freundlichem Service, Fitnesscenter, Sauna.

Jelabuga:
Alabuga City Hotel, Kazan ul. 4a, Elabuga, 423600, Tel. +7 (85557) 260 00, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.alabuga-cityhotel.ru
Neues Edel-Designhotel mit zwei Bettentürmen und alkoholfreier Bar in der Lobby.

Raifa:
Schlichtes, sauberes Pilgerhaus am Klostersee Raifa, 25 km von Kasan, auch dank Sponsoring von E.On. nach russisch-orthodoxer Tradition ist die Übernachtung kostenfrei; eine Spende wird erwartet.

Dolmetscher in Kasan: über Tourist Information Centre oder Luba Feldmann, Tel. +7 (843) 263 90 68

Fotos: Jürgen Sorges

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