Weiße Rosen, Wiesen bunter Kräuterblüten

Vorab: Die überraschendste Attraktion in der touristisch lange übersehenen Kleinstadt Viljandi (17.960 Einw.) ist die Statue eines Ringers an der Vaksali tn 4!

Lebensgroß dargestellt ist Martin Klein (1884 – 1947), der im nahen Ort Tarvastu (deutsch: Tarwast) das Licht der Welt erblickte und auch dort begraben liegt. Er gilt heute als Estlands erster olympischer Medaillengewinner, obschon er diese 1912 für das russische Zarenreich gewinnen musste. Seinerzeit gewann er bei den Sommerspielen in Stockholm Silber – nach einem denkwürdigen Halbfinale, das der damals 27-Jährige gegen den 23-jährigen Alfred Asikainen nach unglaublichem Kampf für sich entschied: Die sportliche Auseinandersetzung im Mittelgewicht, griechisch-römischer Stil, dauerte elf Stunden und 40 Minuten, ehe Klein zum Sieger und ganz Großen der Ringergeschichte wurde.

Dieser längste Ringkampf nicht nur der olympischen Sporthistorie ziert bis heute das Guinnessbuch der Rekorde. Fast schon Nebensache ist da, dass Martin Klein damals aufgrund völliger Erschöpfung nicht mehr zum Finale um Gold antreten konnte und sich mit Rang 2 zufrieden gab. Freunde des Ringkampfs und vor allem von Ordensburgen könnten nun zwar auch nach Tarvastu aufbrechen – denn auch dort steht eine Burgruine. Die flog aber Ende des 16. Jh. In die Luft, als sich zwei unschuldige Soldaten der Bestrafung ihres Burggrafen entzogen und kurzerhand die Pulverkammer sprengten.

Nur 81 km sind es bis Tartu, ins alte Dorpat, nur 160 km nach Tallinn, das einstige Reval. Busse und die Bahn stellen rasche Verbindungen auch für Tagesausflügler her, die nun auch auf ein großes Übernachtungsangebot zurückgreifen können. Anders sieht es mit dem Dörfchen Vihi nördlich Viljandi/Fellin aus. Um den 2018 sogar von Estlands junger Präsidentin Kersti Kaljulaid (Jahrgang 1969) ausgezeichneten Hof Energia (Energia Talu) zu erreichen, braucht es den PKW. Dann aber locken dort nicht nur Übernachtungen, fachkundige Seminare und einmalige Führungen durch die Welt der heilenden Kräuter. Man trifft auch auf zwei estnische Persönlichkeiten: Da ist einmal die "Hofdame", die sich ganz unprätentiös höchstpersönlich und mit Stolz als "Hausfrau" vorstellt: Tiiu Siim! Und da ist ihr Gatte, der große Kräuter-Zampano Aivar Siim.

Umgebung bei dem Hof Energia in Vihi.
Umgebung bei dem Hof Energia in Vihi.

 

Am besten parkt man direkt vor der Tourismusinformation Viljandi, die mit allem Nötigen zur Stadterkundung samt wunderbarem Viljandi-See und dem bis 146 m hohen, waldreichen Sakala-Höhenzug versorgt. Direkt über dem bis 11 m tiefen, fischreichen Viljandi-See, der erst durch Aufstauung entstand und nun ein eiszeitliches Urstromtal von 4,3 km Länge und bis zu 435 m Breite füllt, errichteten schon vor den Ordensrittern estnische Stämme eine erste Festung. Die mächtigen Ruinen der heutigen Ordensburg sind ebenso wie Viljandis Altstadt vom Parkplatz bestens zu erreichen. Denn nicht nur Blumenfreunde müssen natürlich unbedingt erst einmal zu Viljandis weißem Rathaus und zum Rathausplatz, wo rund um die Mittsommernacht nun jährlich 720 weiße Rosen blühen und Viljandis Tag der weißen Rose gefeiert wird. Auch das Stadtwappen ziert die weiße Rose.

Wer sich einer Stadtführung etwa mit der jungen Kaisa anschließt, wird aber erst einmal vorbei an der historischen lutherischen St.-Johanneskirche (Jaani kirik) und der großen überdachten Chortribüne zum Denkmal an der Talli tn 5. Es präsentiert einen Esten, den man sonst eher nicht kennt: Die von Terje Ojaveer geschaffene Reiterstatue zeigt den General Johan Laidoner, höchster Militär der estnischen Truppen im Unabhängigkeitskrieg 1918 – 1920). Der im Kreis Viljandi geborene eiserne Kommandant ist Ehrenbürger der Stadt – und trägt bei unserem Besuch stolz einen Wollschal in Estlands Nationalfarben um den Hals.

Reiterstatue General Johan Laidoner.
Reiterstatue General Johan Laidoner.

 

Den hat ihm wohl ein Verehrer oder eine Verehrerin verpasst. Auch sonst sind auf der City Tour viele kleine und große Geheimnisse des alten Fellin zu entdecken. Zunächst einmal gilt es, jene rotweiß gestrichene eiserne Brücke über den ersten Burgwallgraben zu passieren, die 1879 die in Riga beheimatete Firma Felser & Co. schuf. Danach aber tut sich nicht nur der herrliche Blick auf den Viljandi-See auf, über den einmal Hanseschiffe von Pärnu, dem alten Pernau, bis nach Tartu, dem alten Dorpat schipperten. Hier mussten im Jahr 1223 die in einer Holzfeste lebenden Esten von Viljandi endgültig dem deutschen Schwertbrüderorden weichen. Seit 1238 hieß der Ort nun Velyn, abgeleitet von estnisch "vili" (Getreide), woraus Fellin wurde.

In zwei Jahrhunderten entstand hier dann eine der mächtigsten Ordensburgen im Baltikum. Ganz kurz lief die Burg Fellin sogar mal dem alles überragenden Hauptsitz der Ordensritter, der Marienburg, den Rang an, wurde dann aber ab 1560 durch Krieg zum Trümmerfeld. Staunend steht man heute vor den gut beschilderten Ruinen des einstigen Koloss, entdeckt die mächtige Wand des Konventgebäudes, in dem sich unten auch die Küchenräume befanden. Sogar das alte Burgverlies ist markiert, ebenso die Reste der Burgkapelle. Heute finden hier open air Konzerte, Feste wie die Hansetage oder das berühmte Viljandi Folkfestival, Theater- und Puppentheateraufführungen statt – ein magischer Ort, vom dem Viljandis vom Krieg zermürbte Bürger dann gerne Steine für ihren eigenen Hausbau wegschleppten.

Ab 1878/79 wurden die heute zu sehenden Ruinen rekonstruiert. Und 1936 sollte das Burgareal sogar Zoo werden. Ein Hirschpaar und Juku, der Elch waren die Topattraktionen. Heute lockt gleich außerhalb des Burgtores eine mächtige Schaukel, die Estlands lange untersagten Nationalsport repräsentiert. Dahinter erhebt sich das neue Zentrum für traditionelle estnische Musik mit Café und Dachterrasse. Auch in Viljandis Altstadt mit noch viel prächtiger alter Bausubstanz samt Fachwerk zieren Baufunde aus der Burg die Bürgersteige entlang der Kopfsteinpflasterstraßen. Im Kondase Keskus huldigt man nun der naiven Kunst mit Ausstellungen. Und von der guten alten Zeit kündet vor allem der Wasserturm von 1911. Doch gegenüber tut sich Neues: Hier öffnet nun wieder das Park Hotel Viljandi mit dem guten Restaurant Ormisson und Hotelcafé. Angesagt und von den Einheimischen rege besucht ist aber das Rohelise Maja Pood ja Kohvik, das "Gewächshaus-Café", das eigentlich ein seit dem 21.2.2018 sehr gut sortierter Ökoladen mit eigener Bäckerei, Café, Restaurantbetrieb und sehr gemütlichem Terrassengarten ist.

Das Gewächshaus-Café.
Das Gewächshaus-Café.

 

Hier sollte man einkehren, um leckeres Brot, Kuchen, Suppen und kleine Gerichte zu ordern oder im Sommer ein kühles Bier zu trinken. Und natürlich lohnt auch der Blick in die Verkaufsregale, um estnische Bio-Spezialitäten zu ergattern. Zweite gute Adresse im Ort ist das Café Fellin, das lange zu den besten 50 Restaurants in Estland zählte und 2017 Aufnahme in den White Guide Nordic fand. Nun beschränkt man sich erst einmal auf den reinen Cafébetrieb.

6,9 Hektar Träume: Im Energia Talu

Das die verschlafene Landgemeinde Suure-Jaani nördlich Viljandi eng mit ihrer Kreisstadt verknüpft ist, beweist auch ein Denkmal im alten Fellin, das der Künstler Edgar Viies nach einem Entwurf von Rein Luup schuf: An Viljandis Lossi tänav, der Burg- bzw. Schloßstraße, wird Johann Köler (1826 – 1899) und sein 150. Geburtstag geehrt. Köler kam in Suure-Jaani zur Welt studierte später in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Frankreich und in Italien, um dann als Kunst- und Zeichenlehrer der Zarentochter am Zarenhof in Sankt Petersburg zu reüssieren. Köler war der erste estnische Maler, der rundweg von und durch seine Kunst leben konnte.

Heute sind Estlands Künstler, allen voran die erfolgreichen Musiker und Komponisten, bestens international vernetzt und auf allen Kontinenten daheim. Gut daher, dass sich für das Dörfchen Vihi in de Gemeinde Suure-Jaani neue, andere, sogar Lebenskünstler fanden. Und dies schon direkt nach Estlands Unabhängigkeit 1991. Fröhlich erzählt Aivar Siim an der Einfahrt zu seinem Hof Energia, wie damals alles begann. Die Menschen Estlands mussten sich einfach neu erfinden, neue Ideen waren angesichts tausender wegbrechender Jobs mehr als gefragt. Und natürlich Unternehmungs- und Unternehmergeist!

Da hatten Aivar und Gattin Tiiu Siim die Idee ihres Lebens. Kräuteranbau! Denn einerseits hatten sie erkannt, dass die Esten große Teetrinker sind, insbesondere Heiltees aus der Apotheke schätzen. Andererseits wollten beide raus aufs Land, selbst Frieden und Ruhe in der Natur finden. Dass dies prächtig geklappt hat, beweisen nach 21 Jahren harter Arbeit und auch ein wenig EU-Förderung zur ländlichen Entwicklung die schmucken, heute zur Übernachtung bereitstehenden Holzblockhäuschen und die 2011 eröffnete wunderbare Öko-Spa samt Villa am Navesti-Fluss, wo nun Stressgeplagte etwa aus Tallinn, aber auch schon aus Finnland, ihr Nervenkostüm richten. Und Aiwar macht es ihnen einfach.

Aivar Siim.
Aivar Siim.

 

Nicht nur ist hier auf dem "Energie-Hof" alles bis ins Kleinste "öko"! Er hat auch an beeindruckende Details gedacht. So kann man aus seiner Öko-Sauna in der Öko-Spa natürlich direkt in den träge und noch natürlich dahin mäandernden Navesti-Fluss steigen, ohne auszurutschen. Aiwar hat einfach Platten im Flussbett verlegt, die sicheren Stand auch bei größerer Fließgeschwindigkeit ermöglichen. Das große Pfund des Hofes sind natürlich die Kräuterfelder, die nun von im Winter vier, im Sommer acht Mitarbeitern gepflegt werden. Über 40 Kräuterarten werden hier angebaut, allen voran Kamille, Pfefferminz, Oregano, Johanniskraut. Natürlich alles im Bio-Verfahren. Gleich am Hofzugang kann man in hübsch dekorierten Beeten einen raschen Überblick über die Pflanzen- und Kräuterwelt erfahren, Wildrosen und tiefblaue Kornblumen entdecken und auch einer Kräutertrocknung beiwohnen.

So werden aus 140 kg frischer Minze bei Trocknung um 30°C am Ende nur 30 – 40 kg Minztee. Da ist es schon erstaunlich, das der Energie-Hof heute jährlich 2,5 Tonnen getrocknete Kräuter herstellt. Ein wenig wird auch im Wald ringsum gesammelt. Der Hauptteil stammt aber von den Kräuterfeldern, die besonders im Juni und Juli einen betörenden Duft von sich geben und deren Blüten in allen Farben schillern. Da ist es prima, dass Aiwar auch einen hohen Aussichtsturm direkt am Kräutercafé gebaut hat. Die ganze Pracht und Herrlichkeit, vor allem aber der Duft, ist dann in den Sommermonaten in luftiger Höhe von diesem "Aroma-Turm" aus besonders intensiv visuell wie olfaktorisch zu erleben. Esten lieben Pflanzen- und Kräutertees.

Und so kommt seine Ware vor allem in Estlands Apotheken und einigen ausgewählten Ökoladen in dene Verkauf. Die eigentlich größere ökonomische Chance, etwa Absatz in den neuen Top-Gourmet-Restaurants in Tallinn zu suchen, ist Aiwars Sache nicht. Zur Zeit kommen aber schon einige Cafébesitzer her, um sich einzudecken. Vielleicht, so Aiwar, sei der Weg von Tallinn hierher einfach zu weit für die Spitzenköche.

Einige Produkte, die auf dem Hof produziert werden.
Einige Produkte, die auf dem Hof produziert werden.

 

Dafür reisen nun auch viele Incentive-Teilnehmer an, wandern auf den angelegten Barfuß-, Antistress-, Relax- und Energiepfaden und bewundern das Kräutermeer. Schwer angesagt sind z. B. die Ringelblume (Calendula officinalis), englisch Marigold, dazu Aronia (Apfelbeeren), sogar Malve und Hopfen! Größter hit ist aber Aiwars neueste Idee, uralte Energiepflanzen nordamerikanischer Indianer, exakt aus Kanada, hierher zu verpflanzen. Größten Erfolg hat er dabei mit der Roten Monarda (estnisch Aedmonarda), deutsch auch Goldmelisse genannt. Weitere Monarda wie die für Tee geeigneten Blätter der Pferdeminze könnten folgen. Staunend stehen wir dann in Aiwars Teehaus am Flußwehr, dessen Theke sich binnen Minuten in ein Kräuterlabor verwandelt. Blaue Malve, rote Monarde und gelber Mullein- (Königskerzen)-Tee zeigen ihre Power. Auf Aiwars Energie-Hof gibt es eben – Gesundheit und Energie pur! Und deren Nutzung in der Küche zeigt anschließend Gattin Tiiu Siim. Daher: Auf zum Aromaturm von Vihi!

 

Impressionen:

Information:
Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de
Viljandi Tourist Information Centre, Vabaduse plats 6, 71011 Viljandi, Tel. +372 433 04 42, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/en/viljandi-tourist-information-centre , https://visitviljandi.ee/en/; 15.5. – 14.9. Mo – Fr 10.00 – 17.00, Sa, So 10.00 – 15.00, sonst nur Mo – Fr 10.00 – 17.00 Uhr geöffnet; Information, Souvenirs, Zimmervermittlung, Postkarten, Briefmarken, Landkarten, Führungen, Events, Aktivurlaub
Programm "100 Jahre Estland" im In- und Ausland: www.ev100.ee/en ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland
Estnische Kulinarische Route (Estonian Culinary Route): www.toidutee.ee/en

Essen und Trinken:
Rohelise Maja pood ja Kohvik, Koidu 2, 71004 Stadt Viljandi, Kreis Viljandimaa, Tel. +372 434 43 07, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://visitviljandi.ee/en/toitlustus/Roheline+Maja+shop+and+caf%C3%A9; Mo – Sa 9.00 – 17.00, So 10.00 – 16.00 Uhr geöffnet

Zu empfehlen:
Café Fellin (Kohvik Fellin), Tasuja plats 1, 71011 Viljandi, Tel. +372 43 5 97 95, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://kohvikfellin.ee; Di – Do 12.00 – 22.00, Fr, Sa 12.00 – 23.00, So 12.00 – 19.00 Uhr

Übernachtung/Attraktion:
Energia Talu (Energie-Hof), 71402 Vihi küla (Dorf Vihi), Gemeinde Suure- Jaani, Kreis Viljandimaa, Tel. +372 510 61 93 (Aivar), Tel. +372 435 85 90, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.energiatalu.ee/EN/ ; mit Aussichtsturm, Teeverkostung, Führungen, Kräuterseminaren, Öko-Spa, 6 Apartments/Zimmern und Saunahaus/Flussvilla für exklusive Übernachtungen.


Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 14/03/2019

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