Craigievar Castle: Vorbild für Walt Disneys Märchenschloss

Zwischen den Flusstälern des Dee im Süden und dem Don im Norden, die beide in den Highlands entspringen und in Aberdeen in die Nordsee münden, und ihren Seitentälern liegen wie aneinandergereiht Burgen und Schlösser.

Mit 140.000 Hektar zählt das wohl bekannteste Schloss Balmoral, traditionelle Sommerresidenz der Queen seit Königin Victoria und ihr deutschstämmiger Gatte Prince Albert (1842) Schottland für sich entdeckten, längst nicht zu den größten Besitztümern der Region.

Von Aberdeen aus führt der "Castle Trail" – über eine Strecke von 400 Kilometern mit insgesamt 19 Burgen und Schlössern – zu den Highlights der Grafschaft Aberdeen, seien es nun architektonische Sehenswürdigkeiten oder spektakuläre Landschaft und Natur sowie kulinarische Schmankerl. Zum Craigievar Castle führt die Landstraße durch Felder, Wiesen und Wälder, vorbei an Schaf- und Kuhweiden, Gehöften, Steinwällen durch die Ortschaft Kenmay mit dem "Little Wood Court" (wörtlich Holzplatz) schlängelt sich die einstige britische Militärstraße, die ehemals Kampf- und Besatzungstruppen zur Befriedung der aufsässigen Schotten diente. Nach der Hälfte der Strecke (25 Meilen) mit wunderbaren Alleen sind die Ausläufer der Bergkette Grampian Mountains bereits in Sichtweite, ein Abzweig führt zu "Castle Frazer" - dem typischen einerseits konservativen und andererseits kreativen schottischen Schlossbau des 17. Jahrhunderts, meisterlich ausgeführt von der einheimischen Steinmetzfamilie Bell.

Die Straße verengt sich, es geht bergauf, Verkehrsschilder warnen vor passierenden Reitern, Kurven. Dann wieder in der Ebene ist die "How von Alford", namentlich abgeleitet von "auld ford" (schottisch) Furt (Furt am Don-Fluss). Alford liegt südlich des Don, es lockt heute Besucher mit seinem Grampian Transportmuseum an, das die Geschichte der Mobilität in dem Hauptgebirgszug in Schottlands Nordosten, den Grampians erzählt. Nahe Alfords auf halber Höhe vor einem bewaldeten Hang mit Koniferen, zwei Silbertannen eine über 45 m hoch, 39 m hohe Redwood und Affenschwanzbaum (Araucaria araucana), ist das Märchenschloss in Sicht: Craigievar Castle.

Wallanlage Craigievar Castle.
Wallanlage Craigievar Castle.

 

Mit seinen rosafarbenen Mauern gilt es als Vorbild für Walt Disneys Märchenschloss, hier und nicht im weißen bayerischen Neu-Schwanstein soll Schneewittchens zu Hause sein, erklärt humorig Schlossführer John Lemon später eloquent und mit besonderer Freude, wie er betont, gegenüber deutschen Besuchern. Das 1610-26 erbaute fünfgeschossige Schloss genießt den Ruf Schottlands beliebtestes und besterhaltendes tower house (Turmhaus) zu sein. Im guten alten Kunstreiseführer (DuMont) findet sich die vortreffliche Überschrift "Craigievar: Ein Turm flippt aus". Die Burg erwecke den Eindruck wie ein Baum "unmittelbar aus der Erde zu wachsen, ein mächtiger kahler Stamm, der plötzlich ausschlägt und eine Krone bildet aus Türmchen, Erkern, Giebeln und Konsolen".

Funktional zweigeteilt: oben für ein verschwenderisches Leben mit Räumlichkeiten für Tanz, Kunst bohemienhaftes Vergnügen, unten militärisch, diszipliniert für Stechschritt der Wachmannschaft. Verantwortlich für diese architektonische Mischung war John Bell, der auf einem L-förmigen Grundriss ein komplexes, teils spielerisch anmutende Resultat erzielte. Schilderhäuschen schützen wachende Soldaten vor Regen. Rundungen und Kurven in der Fassade und weit oben an den Fenstern heben das harte und kantige des Granitbaus auf, das massive Mauerwerk unten – zum Schutz gegen Angreifer unentbehrlich – verjüngt sich nach oben.

Bauherr und Schlossherr war William Forbes, kein schottischer Clan-Chef, sondern ein gut situierter Bürger Aberdeens, der mit Fortune im Handel mit baltischen Ländern Reichtum erlangte, was ihm den Spitznamen Danzig Willie eintrug. Gebaut in Friedenszeiten während der Personalunion (1603), jener goldenen Ära vor dem Bürgerkrieg 1642, entstand ein Wohnturm und kein Wehrturm. Über die Jahrhunderte erlebte Schloss Craigievar, das über Generationen in den Händen der Forbes-Familie blieb - Sohn William kaufte sich 1630 von Charles I den Adelstitel, wurde Baron Neu Schottlands, einige Aufs und Abs. Im 19. Jahrhundert fanden entscheidende Renovierungs- und Umbauarbeiten statt unter dem berühmten Stadtplaners Aberdeens und königlichen Schlossarchitekten John Smith.

Parkanlage Craigievar Castle.
Parkanlage Craigievar Castle.

 

Erst 1962 ging das Märchenschloss aus privater Hand in den National Trust Schottlands über und kann heute besichtigst werden. Durch einen schmalen kleinen Eingang treten Schlossbesucher ein, in der Hall mit riesigem Kamin beeindrucken vor allem die Stuckdecke im Renaissancestil samt der Gesichtsprofile römischer Herrscher und original Jacobinische Holzschnitzereien, die die Zeiten überlebten. Im ersten Geschoss wartet "The Ladies´ Withdrawing Room" – die archaische Raumbezeichnung des Salons für die Damen des Hauses mutet sehr eigen an – mit einem Portrait Königin Margrets von Schottland, einem barocken Spieltisch und drei Chippendale Stühlen auf. Ein Stockwerk darüber liegen die Schlafzimmer "Prophet´s Chamber" und "The Tartan Bedroom" – eine Hommage an schottische Highlandkultur: Boden und Gardinen sind in den typischen Schottenmusterstoffen gehalten, sechs Familienportraits u.a. von Danzig Willie, seinem Sohn William und Patrick Forbes, Werke des renommierten schottische Portraitmaler George Jamesone (1590-164), schmücken den Raum.

Größte Neugier unter den insgesamt 19 Räumen des Schlosses weckt das großzügige Gästezimmer "The Queens Room" im 3. Stock. Sein Prunkstück ist das frühbarocke Himmelsbett, als "Angels" Bed (Engelsbett) bezeichnet: nur zwei Pfosten halten den frei schwebenden Baldachin, den Rest besorgen die unsichtbaren Engel. Warum Queen´s room? Die Erzählung Schottlands Königin Mary habe hier genächtigt, kann nicht zutreffen, denn sie saß bereits im Kerker. Queen Victoria besuchte Craigievar drei Mal, doch das Schloss war für ihre Ansprüche viel zu klein und sie übernachtete niemals hier. "Die Queen habe sich hier im angrenzenden Bad die Hände gewaschen" behauptet forsch Guide John Lemon und hat wieder Mal die Lacher auf seiner Seite. Enge Wendeltreppen führen von Stockwerk zu Stockwerk. Im 5. Stock überrascht ein lichtdurchfluteter "Long Room", einst beheimatete er die "Long Gallery", die Bildergallerie, war Tanzsaal, Bellevue und Salon. Später diente er vornehmlich als Dienstbotenraum, als Schlafkammer für Köche und als Wäscheboden. Eine weitere Wendeltreppe noch und wir sind auf dem Dach: Von hier erblickt man ganz in der Ferne den höchsten Berg der Grampians, den Ben Machui, mit 1309 Meter ist er der zweithöchste Berg der britischen Inseln.

Info Aberdeenshire:
VisitAberdeenshire, Amicable House (1st Floor), 252 Union Street, Aberdeen, AB10 1TN, tel. +44(0)1224 900 483; +44 (0) 7714 059 984, www.visitabdn.com

Sightseeing
Craigievar Castle, South Mains Cottage, Craigievar, Alford AB33 8JF, Tel. +44 (0) 33 9883
www.visitabdn.com/what-to-do/castles/view/craigievar-castle-national-trust-for-scotland ; www.nts.org.uk/visit/places/craigievar

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 22/05/2019

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