100 Jahre Ende Erster Weltkrieg! Gemeinsam für den Frieden: Darum Europa! (Teil 2)

Für den 1919 als eine Art frühe Bürgerinitiative gegründeten Volksbund ist der Erste Weltkrieg, dessen enorme, eine Zäsur setzende Bedeutung das englische "The Great War" und das französische "La Grande Guerre" deutlicher illustrieren, mindestens seit 2014 zentral.

Besonders das seit fünf Jahren laufende Projekt "Europa – der Krieg und ich" verbindet international Schulklassen und Jugendgruppen. 18000 junge Menschen haben an den Work Camps des Volksbundes teilgenommen, die auch Themen wie Flucht und Vertreibung beinhalten: Denn schon das 20. Jh. war ein Jahrhundert der Migration. Und mit der 2017 gestarteten Volksbund-Initiative "Darum Europa" soll auch Flagge gezeigt werden: Nur Frieden und ein gemeinsames Europa sind die Antwort auf die katastrophalen Kriege im letzten Jahrhundert!

Schon im Vorab-Pressegespräch betonte Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan die Notwendigkeit, die sich aus der deutschen Geschichte ergebende Verantwortung anzunehmen: "Die Geschichte ist nur dann eine gute Lehrerin, wenn wir auch gute Schüler sind." Und er forderte – wohl auch mit Blick auf die Weimarer Republik – mehr Mut: "Als Demokraten müssen wir für die Demokratie kämpfen. Das kann die Demokratie nicht alleine." 

"Wie können wir Erinnerung lebendig halten?" fragte Moderator Dr. Beil die Teilnehmer der ersten Diskussionsrunde des Abends. Heinrich Deichmann, ebenfalls im Kuratorium der Nationalstiftung, verwies auf die Geschichte seiner Familie und thematisierte, welche Auswirkungen Gedenken und Erinnern auf unternehmerisches Handeln haben. Ein Unternehmen benötige einen Anker aus Werten und Normen. Das Leitbild führe dazu, dass sich Menschen mit der Firma identifizieren können. Übernahme von Verantwortung in der Gesellschaft ist für ihn selbstverständlich. 2018 stiftete die Deichmann-Gruppe zehn Förderpreise für Integration.

Fritz Bauer! Und "Bildung, Bildung, Bildung!"

"Gegen das Vergessen!" "Aus der Vergangenheit lernen!" "Die Erinnerung wachhalten!" "Haltung zeigen! Denn aus der Haltung ergibt sich die Möglichkeit, auch Halt zu sagen!" Vielfältig sind die Vorschläge in den zwei Diskussionsrunden des Abends zum Thema Erinnerungskultur, deren Stärkung und Verbesserung. Am prägnantesten bringt es Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan auf den Punkt: "Wir haben keinen Fluchtweg aus der Verantwortung vor dem Hintergrund unserer Geschichte."

Und mit Blick auf die populistischen Bewegungen in Europa hofft er auf frühzeitigeres Engagement: "Mir geht es um Rechtzeitigkeit – bevor sich kleine und große Diktatoren wieder breit machen." Und: "Hier ist noch Raum!" Schneiderhan zitiert Fritz Bauer (1903 – 1968, jenen hessischen Generalstaatsanwalt, Strafrechtler und Verfolger von im Nationalsozialismus begangener Verbrechen, der 1921 am altehrwürdigen, 1686 aus der Lateinschule des 14. Jh.s hervorgegangenen Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium das Abitur bestand. Dies Bauer-Zitat schmückt seit 2013 den Treppenabgang der Lehranstalt: "Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird." An diesem Gymnasium drückten nicht nur Hegel (1777 bis 1778), Loriot oder der Nobelpreisträger Hans Spemann (1869 – 1941; Abitur 1888) die Schulbank. Hier machte 1912 auch Prof. Kurt Huber (gest. 1943) Abitur, einer der Köpfe der Widerstandsgruppe "Weiße Rose".

Und hier waren auch Widerstandskämpfer des 20. Juni, für deren Rehabilitierung Fritz Bauer sich nach dem 2. Weltkrieg als einer der Ersten einsetzte: die Brüder Berthold und Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Abitur 1926).

Das Credo von Frau Zypries hieß "Bildung, Bildung, Bildung!" Sie verwies aber auch auf die Pflicht des Staates, Anlässe zu schaffen, um jungen Menschen zu zeigen, wie wichtig es ist, aus der Erinnerung zu lernen.

Zypries (r.): Bildung, Bildung, Bildung!
Zypries (r.): Bildung, Bildung, Bildung!


Erinnerungskultur neu und anders: Es helfen auch Fußball und Comics...

Spannend sind daher die neuen Volksbund-Projekte, etwa "Fußball und Gedenken": Vom 29.10. bis 31.10.2018 besuchten Nachwuchsspieler von Hertha BSC Berlin, dem FC Liverpool, Schalke 04 und weiterer internationaler Top-Vereine ausgewählte Kriegsgräberstätten in Belgien. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Kasseler Friedrichsgymnasiums und der Gesamtschule Berger Feld (Gelsenkirchen) nahmen sie an Gedenkveranstaltungen teil und gedachten mit Empathie und Feingefühl auch jener im Ersten Weltkrieg gefallenen Vereinsspieler, deren Biographien schon auf einer Reise 2016 recherchiert worden waren.

Höhepunkt war der gemeinsame Besuch des Christmas Truce Memorial bei Arras. Es erinnert an jenen verbürgten Moment an Weihnachten 1914, als junge Soldaten des British Empire und des deutschen Kaiserreichs, oft nicht älter als die heutigen Besucher, die Waffen niederlegten und im Niemandsland zwischen den Schützengräben gemeinsam Weihnachtslieder sangen und Fußball spielten. Im Rahmen der internationalen Gedenkwoche erinnert daher am 16.11. ein Fußballmatch zwischen den U17-Auswahlen des FC Liverpool und Hertha BSC in Berlin an dies Ereignis. Einige dieser jungen Fußballer werden am 18.11.18 zur zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Bundestag sein, auf der Frankreichs Präsident Macron und Bundespräsident Steinmeier sprechen werden. Die Präsidenten zeichnen zudem die jungen Preisträgerinnen und Preisträger des vom Volksbund und seiner französischen Partnerorganisation ONACVG initiierten ersten deutsch-französischen Comic-Wettbewerbs aus.

Wie gelingt europäische Erinnerungskultur?

Moderatorin Daniela Schily konstatierte in der zweiten Diskussionsrunde, um eine Haltung zu haben, müsse man sich seiner Identität sicher sein. Cem Özdemir, der mit 18 Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit annahm und für sich persönlich nie eine doppelte Staatsbürgerschaft anstrebte, meinte zu seiner Identität: "Ich bin Deutscher mit türkischen Wurzeln. Aus der türkischen Staatsbürgerschaft bin ich entlassen. Ich bin diesem Deutschland verbunden, das so ein großartiges Grundgesetz hat." Auf die Frage nach der spezifischen deutschen Erinnerungskultur antwortete Özdemir "Ein Land kann daran reifen, sich den dunklen Flecken zu stellen." Und wie Integration funktioniert, erklärte er so: Durch Arbeit, durch Sprache, durch Kultur und die Anerkennung der Werte des Grundgesetzes."

Clara Mokry von Pulse of Europe, wo zur positiven Förderung des Europa-Gedankens nun "Haus-Parlamente" zur Stärkung der Demokratie beitragen sollen, verwies auf das Haus der europäischen Geschichte in Brüssel, in dem europäische Geschichte aufgearbeitet werde. Und regionale, nationale und europäische Identität könnten durchaus neben- und miteinander bestehen. Zum Gedenken gehören auch Gedanken: Der 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, fixiert auf den 11.11.1918 und den Waffenstillstand von Compiègne, steht in Deutschland ein wenig im Schatten des fast zeitgleich stattfindenden 9.11.: Zurecht wird am 9. November an die Ausrufung der Republik 1918, die fürchterliche Reichspogromnacht 1938, die sich zum 80. Mal jährt, und den Mauerfall 1989 erinnert.

Doch ist der 9.11. tatsächlich der "Schicksalstag der Deutschen?" Schon ein Blick nach Frankreich zeigt: Auch dort ist der 9.11. ein besonderer Tag: Am 18. Brumaire (Nebelmonat) VIII des Französischen Revolutionskalenders, dem 9. November 1799, erhob sich Napoleon Bonaparte als Erster Konsul zum Alleinherrscher. Und als "18. Brumaire des Lous Bonaparte" wurde jener Staatsstreich vom 2.12.1851 berühmt, der Napoleon III. bis 1870 auf den französischen Thron hievte.

Der 11.11. hingegen und damit das Ende des Ersten Weltkriegs – er forderte ab Beginn (28.7.1914) bis zu 17 Mio. Todesopfer – verdient mehr Aufmerksamkeit. Die internationale Gedenkwoche des Volksbundes, der zudem zahlreiche Diskussionsrunden in Kooperation mit deutschen Botschaften im Ausland und ausländischen diplomatischen Vertretungen in Berlin zu Erinnerung und Erinnerungskultur durchführt, stellt sich der vielfältigen europäischen Erinnerungskultur zu jenem Tag. Dazu darf Erinnerungskultur eines sicher nicht: Schlafwandeln! Den Beginn dieser "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" hat u.a. der australische Historiker Christopher Clarke im Bestseller "Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" analysiert. Und der bundesdeutschen Erinnerungskultur stünde es gut an, an diesem historischen Tag nicht nur den Beginn der Karnevalssaison zu memorieren.

100 Jahre Ende Erster Weltkrieg: Erinnern – Begegnen - Lernen

Internationale Gedenkwoche in Berlin (11.11.2018 bis 18.11.2018)

Zwischen dem Jahrestag des Waffenstillstands und dem Volkstrauertag finden in Berlin Jugendbegegnungen, ein Fußballfreundschaftsspiel und Gedenkveranstaltungen statt. Junge Menschen aus ganz Europa entwickeln eigene Friedensbotschaften oder verarbeiten die historischen Erfahrungen künstlerisch. Am Volkstrauertag wird im Deutschen Bundestag sowie auf Berliner Kriegsgräberstätten der Kriegstoten öffentlich gedacht. Gottesdienste, Gedenkkonzerte und eine Fachkonferenz rahmen das Programm ein.

"Erinnerungskulturen im Gespräch" – 2018 europaweit und in Berlin

Historiker, Schriftsteller und junge Menschen diskutieren in Berliner Botschaften sowie in deutschen Auslandsvertretungen in ganz Europa: Wie wirkt dieser Krieg in unserer Gesellschaft nach? Wie wird er von wem erinnert? Und welche Konsequenzen ziehen wir heute daraus – in einem vereinten und friedlichen Europa? Nicht alle Länder konnten in dieser Reihe erfasst werden, doch bietet sie ein vielstimmiges Gedenkforum: von Tallinn bis Belgrad und von Paris bis Moskau.

Weitere interessante Termine:
16.11.18, 18.15 Uhr, Berlin, Amateurstadion im Olympiapark: Friendship Cup! Hertha BSC U17 – FC Liverpool U17; Eintritt frei
17.11./18.11.18: Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen in Berlin, z. B. am Sowjetischen Ehrenmal Pankow (10.00 Uhr), in der Gedenkstätte Plötzensee (12.00 Uhr), und dem ehem. Standortfriedhof Lilienthalstraße (Internationale Gedenkveranstaltung; 16.30 Uhr). Am 18.11.18 findet eine Kranzniederlegung auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee (8.30 Uhr) statt.
18.11.18, 20.00 Uhr: Berliner Dom: Gedenkkonzert mit dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr
21.11.18, 20.00 Uhr, Berlin, Konzerthaus: Konzert 100JAHREKRIEGSENDE mit Berliner Cappella und Kammersymphonie Berlin (allg. Vorverkauf; www.berliner-cappella.de); gefördert vom Berliner Senat für Kultur und Europa
22.11.18, 18.00 Uhr, Berlin, Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz: "Der erste Weltkrieg in der serbischen und deutschen Erinnerung": Anmeldung: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
23.11.18, 20.00 Uhr, Berlin, Philharmonie: "Missa Solemnis" von Ludwig van Beethoven (Belgisch-deutsches Gedenkkonzert zu 100 Jahre Ende Erster Weltkrieg). Karten (begrenzt): This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.

Information für Interessierte:
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Bundesgeschäftsstelle, Werner-Hilpert-Str. 2, 34117 Kassel, Tel. 0561 7009 0, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.volksbund.de/Europa 
Volksbund-Angebote für Schulklassen, Jugend- und Erwachsenengruppen: www.volksbund.de/jbs 

Deutsche Nationalstiftung, Feldbrunnenstr. 56, 20148 Hamburg, Tel. 040 41 33 67 53, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.nationalstiftung.de 

Pulse of Europe e. V., Wolfsgangstr. 63, 60322 Frankfurt/Main, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://pulseofeurope.eu/de/

Fotos: Jürgen Sorges, Simone Schmid für Volksbund

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Zuletzt bearbeitet am 11/11/2018

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