Glücksmomente auf der zauberhaften Insel Gotland

Luqaz Ottosson hatte sich auf eine lange Reise begeben. Mit dem Fahrrad hat er Schweden von Süd nach Nord durchquert. Während der etwa 340 Meilen langen Tour suchte der gelernte Koch immer wieder verschiedene Landwirte und Produzenten auf, eröffnete für einen Abend ein Pop-Up-Restaurant...

"Ich befand mich auf der Suche nach einer neuen Perspektive für meinen Beruf. Wir führten viele Gespräche, ihre Interpretation von Lebensmitteln inspirierte mich. Irgendwann kam ich nach Gotland und fand den Flecken Norrlanda am gefühlten Ende der Welt", erinnert sich der Schwede an den Anfang einer ganz ungewöhnlichen Kooperation.

In Norrlanda traf er die Glasbläserin Jennie Olofsson. Ihre Suche nach einem Zukunftsprojekt liegt schon zehn Jahre zurück. Bei einer ihrer Weltreisen entstand die Idee, Glasbläserin zu werden. Die junge Frau lernte bei den traditionellen Glasbläsern in Smaland und erweiterte ihr Können mit dem Studium der Kunstglasbläserei - eine jahrelange Ausbildung, die sie bis heute nicht bereut hat. "I seriously believe that creating glass, hot glass, is the greatest art that has ever been made. That’s how crazy I am about glass. To create and get your hands dirty with ashes and your brow sweating and make something so crisp and crystal clear, to me it is the most beautiful thing", steht in Großbuchtstaben ihre Philosophie und gleichzeitig ihre Begeisterung in ihrem Studio mit dem Namen Big Pink.

Jenni Olofsson: Künstlerin bei der Arbeit.
Jenni Olofsson: Künstlerin bei der Arbeit.

 

Ihr Studio hat sie im ehemaligen Gemeindehaus in Norrlanda eingerichtet: "Damals haben viele gemeint, dass ich das nie schaffe und schon gar nicht als Frau". Heute funktioniert das Konzept mit Glasbläserei, Workshops und Restaurant. Die Einheimischen gehören genauso wie das New Yorker Designcenter und Schwedens Sterneköche zu ihren Kunden. Gut gelaunt berichtet die 32-Jährige von ihrer langen Reise, ihren Ideen. Während sie erzählt, öffnet sie zwischendurch den Ofen und bearbeitet ein Werkstück. "Auf Gotland sind Sie immer nah an der Natur. Einfach nach draußen zu gehen, gibt mir ein enormes Gefühl von Frieden und Ruhe. Es gibt so viele charmante Orte hier. Made By Gotland ist wunderbar. Diese Insel gibt uns so viel. Wir können jetzt etwas zurückgeben", schwärmt die Künstlerin, deren Inspiration und Design von den windschiefen Bäumen am Ufer geprägt ist.

In der Mitte der ehemaligen Scheune steht ein großer Holztisch mit einem bizarren Muster auf der Oberfläche. "Diese schwarzen Streifen sind entstanden, indem ich barfuß auf dem Tisch stand und das glühende Glas über das Holz gezogen habe", erklärt die Künstlerin die Entstehung des Designs. Der Tisch ist für 14 Personen eingedeckt, denn an den Wochenenden kocht dort Luqaz Ottosson jeweils für eine kleine Gästeschar. "In diesem Restaurant mit dem Namen ROT können sich die Gäste an einer Tafel kennenlernen und interessante Gespräche führen. Ein Abendessen bei ROT ist intim, stellt die Gemeinschaft in den Fokus. Ich möchte mich auf eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Bauern und Handwerkern konzentrieren. So viel wie möglich wird auf Gotland produziert. Von Möbeln, Tellern, Arbeitskleidung und Gläsern bis hin zu den für das jeweilige Menü eingesetzten Rohstoffen auf der Speisekarte", berichtet der Koch.

Luqaz Ottosson (r.): Ein Abendessen bei ROT ist intim, stellt die Gemeinschaft in den Fokus.
Luqaz Ottosson (r.): Ein Abendessen bei ROT ist intim, stellt die Gemeinschaft in den Fokus.

 

Ein paarmal im Jahr können Gäste ein ganz besonderes Ereignis erleben. Jennie Oloffson und Luqaz Ottosson kochen mit geschmolzenem Glas. Bei einer Temperatur von 1150 Grad Celsius wird das Lebensmittel vollständig vom flüssigen Glas, in mehreren Lagen umhüllt. Zu Beginn gießt die Glasbläserin das geschmolzene Glas auf einen Stahltisch. Der Koch drückt sofort anschließend mit einem Werkzeug einen Fisch, eine Zwiebel oder ein Hühnchenteil in die Masse. Es folgen weitere Lagen der heißen Flüssigkeit, bis das Lebensmittel vollständig vom glühenden Glas eingeschlossen ist. Schon bald beginnt der Abkühlungsprozess. Langsam wechselt die Farbe von leuchtend orange ins rot nach grau und wird schließlich klar. Risse entstehen. Es knackt laut. Jennie Olofsson hilft mit einem Hammer etwas nach. Zerteilt und garniert mit ein paar dezenten Gewürzen kann das noch heiße, äußerst zarte Gericht verspeist werden. "Das ist das verrückteste, was ich je an Kochkunst erlebt habe", beschreibt ein Gast das ungewöhnliche Erlebnis mit dem schlichten Titel "Cooking on Glass".

Einmal Gotland - immer Gotland

Der Trend hält an. Wer auf Gotland aufwuchs oder wer Gotland einmal für sich entdeckt hat, bleibt oder kehrt zumindest immer wieder zurück. Die geschichtsträchtige Insel mit seiner rund 800 Kilometer langen Küstenlinie hat viel zu bieten. Schon bei der Ankunft im Hafen fällt als erstes die drei Kilometer lange Mauer der mittelalterlichen Stadt Visby (UNESCO Weltkulturerbestätte) auf. Schmucke Häuser, Türme und Zinnen, verwinkelte, kopfsteingepflasterte Straßen, kleine Geschäfte sowie zahlreiche Cafés und Restaurants prägen das pittoreske Stadtbild. Ebenso zauberhaft ist die gesamte Insel mit einer abwechslungsreichen Landschaft sowie schmucken kleinen Orten mit rund 100 Kirchen und Fischerdörfern. Ein Abstecher lohnt sich nach Sudret und Fårö, um sich die gigantischen Kalksteinsäulen anzusehen. Gotland war ein wichtiger Handelsplatz der Wikinger, aber auch noch viel ältere Spuren und Funde, wie die einzigartigen Steinbilder aus der Eisenzeit, zeugen von der langen Besiedlung der Insel.

Schmuckes Haus, typisch für Gotland.
Schmuckes Haus, typisch für Gotland.

 

"Fast immer, wenn man hier irgendwo gräbt, sind Spuren der Historie zu entdecken", sagt Lars Kruithof. Als 14-Jähriger entdeckte er bei einem Radausflug einen Kriegshammer. Nicht ahnend, was er für einen Schatz gefunden hatte, fuhr er mit seiner Beute zu seiner Mutter, die das Werkzeug prüfen ließ. Heute liegt der Hammer in der Schatzkammer im Museum. "Das war für mich die Initialzündung, Archäologie zu studieren", erinnert sich der Museumsführer an den Beginn seiner Profession. Im Museum befindet sich unter anderem der weltweit größte Silberschatz der Wikingerzeit. Insgesamt wiegt er 67 Kilogramm.

Heute stellt Gotland mit den vielen spannenden kulinarischen Adressen auch ein Hotspot für Gourmets dar. Hinter dem Namen "G: a Masters" verbirgt sich ein charmantes, kleines Restaurant in Visby mit hohen Ambitionen in Bezug auf Qualität der Speisen, Getränke und dem Service. Das Haus gehört auch zum Netzwerk "Culinary Gotland" und ist beim White Guide gelistet. "Wenn möglich, kochen wir mit regionalen Produkte, aber die Saison muss stimmen und die Qualität auch", begründet Inhaber Gabriel Sahlin die Zusammenstellung des Menüs mit Hummer aus Maine und Lammfilet aus Schottland. Köstlich zubereitet und stimmig mit einer ganz lokalen Süßspeise komplettiert. "Die Hagebutten für die Suppe haben wir noch heute Morgen gesammelt. Zusammen mit dem Vanilleeis und der Mandelhippe kenne ich das Dessert aus meiner Kindheit", verrät der Einheimische. Als Aperitif bietet sich ein Bier aus der neuesten Brauerei Gotlands, der Barlingbo Bryggeri, an.

Frische Gotland-Kulinarik...
Frische Gotland-Kulinarik...

 

Nur ein kleiner Spaziergang ist es bis zum Minirestaurant "Bakfickan". Frischer und lokaler geht es kaum. Die Meeresfrüchte, wie der Brathering oder die geräucherten Garnelen kommen direkt aus dem Hafen und werden mit regionalen Zutaten, wie
beispielsweise Frühlingszwiebeln, serviert. Gleich gegenüber findet in der St. Karins Ruine eine private Feier statt. Der Duft von Rosmarin weht über die Straße, denn im Vorhof des ehemaligen Klosters wird über einem kleinen offenen Feuer das Lamm geräuchert. "Das dauert ein paar Stunden. Die Marinade mit den vielen Kräutern stellen wir natürlich selbst her", verrät einer der Köche.

Eine Prise Manhatten auf Gotland

Das Restaurant "Kitchen & Table" im Clarion Hotel setzt unter der Leitung von Ideengeber Marcus Samuelsson seinen Fokus auf das Gemüse. Marcus Samuelsson gilt als ein international renommierter Koch und Experte für Ernährungsfragen. Er hat die Welt mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit betäubt, kulinarische Einflüsse aus verschiedenen Kulturen zu mischen. Der viel gefragte Koch erregte schon im Alter von 24 Jahren im skandinavischen Restaurant Aquavit in Manhattan/ New York Aufsehen. Während seiner Zeit als Küchenchef erhielt er dort wiederholt vier Sterne von Forbes sowie zwei beeindruckende Drei-Sterne-Bewertungen von der New York Times, was ihn zum jüngsten Koch machte, der diese Auszeichnung jemals erhalten hat.

Und nur die besten Produkte auf dem Teller...
Und nur die besten Produkte auf dem Teller...

 

Zu den Topadressen dürfte Tuppens Krog gehören. Erst 2018 wurde das Restaurant in einem Gebäude aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eröffnet. "In diesem Bezirk St. Michael lebten damals Seeleute, Witwen und Arbeiter. Im Hinterhof gab es einen überdachten Stall und einen Springbrunnen", berichtet die Einheimische Lena Thorn. Chefkoch Marc Enderborg ist als Sternekoch bekannt, der in Stockholm, Griechenland, Dubai und London unter anderem mit Gordon Ramsay, arbeitete. Heute erfreut er mit seiner Kochkunst in Visby die Gäste. Auf den Teller kommt hauptsächlich das, was auf seiner Farm, im Wald und auf dem Feld wächst - auch Trüffel. Normalerweise sind Ligurien, die Toskana und Umbrien für ihre Trüffelspezialitäten weltberühmt. Schweden setzt mit Gotland nach. Fast jeder hat schon einmal auf seinem Grundstück Trüffel entdeckt. "Ich miete mir einmal jährlich einen Trüffeljäger, der mit seinem Spürhund kommt. Gefunden wurden bisher bei jeder Suche ein paar dieser Edelknollen, die wir natürlich auch den Gästen in unserem Restaurant anbieten", sagt Biolandwirtin Margareta Hoas. Zusammen mit ihrem Mann Göran und Tochter Elin bewirtschaftet die Familie einen Biobetrieb, zu dem sieben Hektar Fläche gehören.

Angepflanzt werden Spargel, Kartoffeln, Erdbeeren, Beerensträucher, Gemüse, Safran, Weihnachtsbäume und Getreide. Zum Betrieb gehören ein Hofladen und ein Biorestaurant. Chefköchin Hanna Lukowiesky (21) erhielt 2018 den Titel "Beste Bioköchin in Schweden". "Wir fühlen uns dem Land, der Insel sehr verbunden. Unsere Familie ist hier aufgewachsen. Auf einem Feld haben wir vor einigen Jahren Spuren einer 10.000 Jahre alten Kochstelle entdeckt. Das alles sind Zeichen", sagt Margareta Hoas. Auf der anderen Seite der Insel lockt das Restaurant Smakrike. Hier wird die Trüffelernte etwas opulenter zelebriert, denn im Herbst werden dort Trüffelsafaris veranstaltet. Was am Tag gefunden wird, bereitet Inhaber und Chefkoch Rickard Hasseblad als mehrgängiges Menü zu. Dass im Smakrike auch sonst mit Leidenschaft gekocht wird, kann schon bei einem normalen Lunch geschmeckt werden.

Hanna Lukowiesky.
Hanna Lukowiesky.

 

Ds Djupvik Hotel dürfte zu den zauberhaftesten Plätzen auf der Insel gehören. Lifestyle, eine qualitativ hochwertige Küche und ein fantastischer Panoramablick über eines der letzten romantischen Fischerdörfchen bis zu den Karlsinseln bescheren richtige Glücksmomente.

Informationen

Gotlands Museum, www.gotlandsmuseum.se  
Gamla Masters, www.gamlamasters.se 
Bakfickan, www.bakfickanvisby.se 
Tuppens Krog, www.tuppenskrog.se 
Big Pink, www.glasstudionbigpink.se 
Smakrike Krog, www.smakrike.se 
Kitchen & Table Visby, www.kitchenandtable.se 
Lilla Bjers, www.lillabjers.se  
Djupvik Hotel, www.djupvikhotel.com 
Barlingbo Bryggeri, www.barlingbobryggeri.se 
Clarion Hotel Visby, www.nordicchoicehotels.se/hotell/sverige/visby/clarion-hotel-wisby 

Anreise:

Mit der Fähre geht es ganz entspannt auf die Insel Gotland, www.ferryexperts.com/gotland_kombitickets?cookie-state-change=1536266614969 

 

Impressionen:


Fotos: Carola Faber

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Zuletzt bearbeitet am 25/10/2018

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Autor

Carola Faber

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