Von Geistern, keltischer Harfenmusik und Zigaretten im Sarg

Die Unruhe nimmt zu. Mit jedem Tag, der sich der Reise nähert, steigt die Spannung. Wird es anstrengend? Ist die Besteigung des Gipfels problemlos möglich? Auf dem Plan steht eine Klettertour auf den höchsten Berg Irlands...

Der Carrauntoohill liegt im Reeks District in Kerry und ist mit 1041 Metern die höchste Erhebung des Landes. Trotz der vergleichsweise geringen absoluten Höhe ragt der Gebirgszug gut 900 Höhenmeter aus der Ebene empor. Seine Anstiege und Grate sind durchaus alpin. Guide Piaras Kelly blickt sorgenvoll nach oben: "Ich bin mir nicht sicher. Wir sollten keine Zeit verlieren. Ich hoffe, alle sind gut vorbereitet. Die Spitze des Berges liegt im Nebel. Heute Nachmittag wird es vielleicht regnen."

Vorerst fröhlich plaudernd schlendert die kleine Gruppe den Wirtschaftsweg entlang. Erfreuen sich an den gelben Blumen, dem plätschernden Bach und der bunt markierten Schafe. Die Tafeln am ersten Gatter, die an Opfer der Bergtouren erinnern, sind schnell vergessen. Langsam wird es sumpfiger. Piaras Kelly weicht vom bequemen Weg ab. "Ab jetzt müssen wir zusammenbleiben. Bald beginnt der Teil der Klettertour, den niemand allein meistern sollte. Der Carrauntoohill wird meist unterschätzt. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind Voraussetzung. Insbesondere der Faktor Wetter spielt in der schönen weitläufigen Wind- und Gletschergeformten Landschaft von Kerry eine wichtige Rolle", ergänzt der erfahrene Bergführer, der sechsmal wöchentlich die Tour geht.

Hinauf auf den Carrauntoohill.
Hinauf auf den Carrauntoohill.

 

Nach dem zweiten, so genannten "Hängenden Tal" mahnt der trainierte Ire ein drittes Mal. "Jetzt sind es noch weitere 700 Höhenmeter. Das wird mehrere Stunden dauern und wir benötigen meist unsere Hände, um uns festzuhalten". Fast die ganze Gruppe wagt den steilen Anstieg. Ein Einheimischer unternimmt sogar eine besondere Mutprobe. Er badet in Irlands höchst gelegenem See kurz vor dem Ziel. Das Gipfelkreuz liegt im Nebel. Das macht aber nichts. Es ist geschafft. Wer noch Kraft hat, genießt hoch oben für einen Augenblick den unbeschreiblich erhebenden Moment.

Piaras Kelly mahnt zur Eile. Der Regen setzt ein. Ein Abstieg ist über die Devil's Ladder vorgesehen. Der Name ist Programm. Rutschig, steil und über Schotterhänge sowie Geröllfelder zieht die Gruppe vorsichtig nach unten in das Tal. Der Nebel lichtet sich. Sekundenschnell gleiten die Sonnenstrahlen über die Wiesen und Seen, tauchen die Landschaft in leuchtend, schimmerndes Grün. Es hat sich gelohnt. Erschöpft aber glücklich feiert die Gruppe den Erfolg vor einem Torffeuer im Climbers Inn, dem traditionellen Treffpunkt der Bergsteiger.

In dieser Mischung aus Bar und Hostel kommen Touristen und Einheimische schnell ins Gespräch. "Sheila, die frühere Besitzerin ist leider von uns gegangen. Sie hatte Lungenkrebs, hat aber bis zum letzten Augenblick geraucht. So ist es verständlich, dass man ihr in den Sarg, der auf dem Billardtisch stand, als Beilage drei Schachteln Zigaretten legte", die Wanderer lauschen staunend der Geschichte, während sie Haare und Kleidung am Feuer trocknen. Und Geschichten gibt es so viele. Jeder bringt seine eigene mit, erzählt gern und interessiert sich für die des Gegenübers. “Es soll bei uns auch spuken, aber ich habe noch nichts davon gespürt", flüstert Irene Schmahl, Eigentümerin des benachbarten Anwesens "Glencar Resort Hotel" hoch über dem Tal vom Reeks Distrikt.

Vorbei an bunten Schafen...
Vorbei an bunten Schafen...

 

Der Reeks District an der Südwestküste Irlands befindet sich in einer atemberaubenden verwunschen wirkenden Landschaft. Er erstreckt sich vom höchsten Berg Irlands bis zu den mit der Blauen Flagge ausgezeichneten Stränden von Castlemaine Harbour. Das Gebiet stellt einen Spielplatz für Outdoor-Enthusiasten dar, denn das breite Angebot an Aktivitäten reicht vom Surfen, Reiten, Golfen über das Kayjaking bis hin zum Radfahren.

Die Heimat eines der ältesten Festivals Irlands, die Messe Puck Fair, bietet farbenfrohen Städten wie Killorglin und Milltown mit irischen Pubs und vielen wunderbaren Restaurants. Dort werden fabelhafte Gerichte, wie saftiges Kerry-Lamm und Cromane-Austern serviert.

So kocht schon seit 38 Jahren Michael Clifford im Bianconi, einer 150 Jahre alten ehemaligen Pferdewechselstation am Ring des Kerry. Schon als Zwölfjähriger stand er dort in der Küche auf einem kleinen Hocker und putzte Gemüse. "Angefangen hat meine Passion für das Essen aber schon als Kleinkind. Am Strand sammelte ich Muscheln und verzehrte sie sofort - mit Begeisterung", verrät der Küchenchef eine prägende Kindheitserinnerung. Heute gilt sein Restaurant als Geheimtipp, denn in einem Haus im Bistrostil würde man nicht vermuten, dass es dort zum Beispiel ein Duo der Krabbe Jaqueline geben würde. Delikat zubereitet mit rosa und gelber Grapefruit, an Avocado, kombiniert mit frischen Kräutern. Selbstverständlich ist auch immer frischer Lachs auf der Karte zu finden, denn nur ein paar Meter entfernt, auf der anderen Seite des Flusses Laune, befindet sich seit mehr als 100 Jahren die Lachsräucherei KRD Fisheries von Pat Griffin. Er holt seine Lachse direkt aus dem Fluss oder der Region Kerry.

Michael Clifford im Bianconi.
Michael Clifford im Bianconi.

 

Auf den Spuren des Gap of Dunloe

Entlang kleiner Seen sowie glasklarer, eiskalter Bachläufe und über verwunschene, alte Brücken führt eine der beliebtesten Radtouren des Landes durch ein Gebirge, das zeitweise beinahe unwirklich erscheint. Der Fluss, der durch den schmalen Gebirgspass zwischen den Mac Gillycuddy's Reeks und dem Purple Mountain fließt, heißt Loe und ist somit der Namensgeber des Gap of Dunloe. Schottische Pinien, die von Efeu überwuchert sind, bilden aparte Silhouetten vor kargen Bergrücken. Fuchsienhecken säumen sattgrüne Weideflächen und wechseln sich mit urwaldartigen Wäldern ab: die Tour am Carragh Lake wirkt wie ein einziges, bezauberndes romantisches Gemälde. Jonathan O`Connor steht auf der Black Stone Bridge über dem River Caragh. Unter ihm sprudelt das Wasser über Felsen, zwischen denen der Farn wächst.

Ein einsames Haus auf einer samtigen Wiese ist im Hintergrund zu sehen. Die Wasseroberfläche ist dort schon längst wieder spiegelglatt. Der Einheimische scheint die Schönheit der Landschaft mit jeder Faser seines Körpers aufzusaugen. "Den ganzen Tag könnte ich dem Wasser zuhören. Es ist hier so friedlich. Überhaupt ist hier alles so friedlich, beruhigend. Nur Ebbe und Flut bringen einen Unterschied. Hier wird vom Nationalpark geredet, aber in meinen Augen ist die gesamte Region ein einziger großer Park", erzählt der Austernfischer.

Nur sechs Tage in seinem Leben war er im Ausland. In England. Das habe ihm gar nicht gefallen. "Hier sieht alles aus, wie auf einem Gemälde. Bäume, Farn, Moos, Stromschnellen, Wasser, ein wundervolles Haus in einer Kurve am See. Man denkt, irgendwann hat man sich daran gewöhnt, aber man gewöhnt sich nicht daran. Es ist alles so unglaublich schön hier", beschreibt der Fischer seine Gefühle, die jeder schnell nachvollziehen kann. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob aus Sicht eines Abenteurers oder stillen Genießers. Vom Kajak aus, zeigt sich die liebliche Welt des Reeks District aus einer anderen Perspektive. Inmitten der wilden Natur sind auf einer kleineren Insel ein paar edle Ferienhäuser zu entdecken und das Hotel Ard Na Sidhe, ein charmantes Landhaus, das 1913 im Auftrag der Lady Gordon erbaut wurde. Teatime in dem Herrenhaus mit einem Platz in den weichen Polstersesseln bedeutet eine Zeitreise in das Erbauungsjahr. Wenn der Wind um die steinernen Hausecken pfeift, die Holzdielen etwas knarren und das gemütliche Kaminfeuer flackert, dann ist Geborgenheit garantiert.

Austern: Das kulinarische Gold der See...
Austern: Das kulinarische Gold der See...

 

Nur ein paar Minuten entfernt, befindet sich ein weiteres Kleinod. Die Klänge keltischer Harfenmusik dringen leise bis in das Kaminzimmer Carrig Country Houses. Hausherr Frank Slattery begrüßt seine Gäste persönlich und erzählt dann gern etwas über die Geschichte des Herrenhaues, das um 1850 als Jagdhütte für britische Aristokraten gebaut wurde, denn schon damals war die Gegend für seine Fischgründe und als Jagdgebiet bekannt. In der Tradition hoher Kochkunst erhielt das Haus 2015 den Preis als "Best Chef In Kerry".

Zu verdanken ist dies einer jungen Nachwuchsköchin, Patricia Teahan. Sie ist als jüngste von zehn Kindern aufgewachsen und entdeckte sehr früh ihre Leidenschaft für das Kochen. Bevor sie Küchenchefin des Carrig Country House & Restaurant, sammelte sie Erfahrungen bei renommierten Adressen wie dem Jack’s Restaurant oder den Sternerestaurants Chapter 1 und Patrick Guilbaud’s in Dublin. Außerdem gewann sie ein Stipendium für die Johnson & Wales Hospitality Academy in den USA. Zu einer der Köstlichkeiten, die von ihrem Können und ihrer Kreativität zeugen, gehört das Duo mit Garnele (pochiert und im Tempura-Teig), Avocado, Limettenpürree, Physalis und einer hauchdünnen Scheibe einer Wassermelone, die zuvor durch das Gewürzes Ras el hanout verzaubert wurde.

Stehend über den Fluss gleiten

Glücksgefühle der besonderen Art können genauso entstehen, wenn sich Wassersportler auf ein Surfbrett begeben, um nur mit Hilfe eines Paddels über den Fluss zu gleiten. Anfangs etwas wacklig, aber später immer sicherer ist es eine Freude, das Fließen des Wassers so direkt zu spüren und zu sehen. Die vielen Wasserpflanzen kurz unterhalb der Oberfläche bewegen sich mit ihren langen Trieben wie Tänzer, begleiten das Board beim Stand Up Paddeln (SUP) und bilden immer neue Muster und Formen.

Kanu-Tour durch die Natur Irlands.
Kanu-Tour durch die Natur Irlands.

 

Im Zeitlupentempo zieht die Landschaft mit der Lachsräucherei und der ehemaligen Eisenbahnbrücke von 1885 wie im Traum vorbei. Das besondere am SUP ist die Verbindung zur Natur, die beruhigende Wirkung des Wassers, das sanfte Schaukeln der Wellen, die frische Luft, die Schönheit der natürlichen Umgebung. Bei jeder Bewegung schaukelt das Brett. Um nicht ins Wasser zu fallen, werden mit dem Körper diese Schwankungen automatisch ausgeglichen. Jeder Muskel des Körpers wird trainiert. Höchste Konzentration ist gefordert, die aber gleichzeitig im Einklang mit dem eigenen Körper und der Natur tiefe Entspannung bedeutet.

Manche Touren führen sogar bis zur Austernfarm in Cromane von Benoit Cronier. Vor 21 Jahren wanderte der Franzose nach Kerry aus: "Hier ist keine Industrie angesiedelt. Das Wasser ist sauber. Für mich gibt es keine besseren Austern, als die aus dieser Region." Stolze 60 bis 80 Tonnen Austern produziert er jährlich. Seine Hauptabnehmer sind Noel und Patricia Riordan. Das Ehepaar liefert die erstklassigen Pazifischen Austern an die besten Restaurants. Der kürzeste Weg dürfte zu Jacks’ Coastguard Restaurant sein. In der ehemaligen Küstenwache von 1866 an einem idyllischen Strand im Atlantischen Ozean mit Panoramablick auf die McGillicuddy Reeks, die Halbinseln Inch Beach und Rossbeigh Halbinsel, wurde 1961 ein Pub eingerichtet.

Inzwischen hat sich daraus ein preisgekröntes Restaurant entwickelt, das 2017 den Titel "Bestes irisches Fischrestaurant" erhielt. "Unsere Credo lautet: Frisch und einfach - immer im Bewusstsein unserer Wurzeln", freut sich der bescheiden auftretende Küchenchef Jonathan Keary über die Auszeichnung. Wer heute das elegante Restaurant aufsucht, muss erst den Pub durchqueren. Das Interieur wirkt wie vor fast 60 Jahren. Ein paar Gäste sitzen an einer Holzbar, in der sich ein altes Klavier, ein paar Plakate, Postkarten und ein Wandtelefon mit Wählscheibe befinden. Im elegant eingerichteten Restaurant nebenan sind festlich eingedeckte große Tische mit weißem, gestärktem Leinen zu sehen. Während die Gäste Deliktassen, wie Seeteufel, Hummer, Austern oder Jakobsmuscheln genießen, untermalt ein Barpianist mit dezenter Musik die Szene.

Küchenchef Jonathan Keary.
Küchenchef Jonathan Keary.

 

Ganz andere Klänge produziert Geraldine Ahern im Aloha-Haus, oberhalb von Laune mit Blick auf ein "Fairy-Fort". "Das sind meist runde Erhöhungen, von Böschungen überwuchert. Sie sind wahrscheinlich sehr alt. Viele Legenden ranken sich um diese Fairy-Forts, sollen sie von der Magie der Druiden durchdrungen und die Wohnstatt für Feen sein. Alle Einheimischen sind sich einig, dort nichts zu berühren oder verändern zu wollen, sondern das Gebiet zu respektieren. Wer schon einmal etwas umgestalten wollte, hat das sofort negativ zu spüren bekommen. "Für mich sind es wunderbare, zauberhafte Landmarken", lächelt die Einheimische. Bei ihrer Klangmassage schlägt die Therapeutin verschieden große Messing-oder Kristallschalen in unterschiedlichen Rhythmen an. Volltönende, glockenartige Klänge erfüllen den Raum – und den Körper, denn die Schalen stehen auf dem Rücken. Den Klang im Körper zu spüren ist ein intensives Erlebnis. Was man hört und spürt sind feinste Vibrationen. Die Unruhe hat sich aufgelöst. Sanfte Schwingungen erfüllen den Körper und lösen Verspannungen. Gleichzeitig lauscht man dem sich entfernenden Klang nach und hört in die Stille hinein.

Tipp: Erstklassige Weine und hervorragende Speisen werden in der ehemaligen St. James Church Ireland in Killorglin serviert. In der Spanish Tapas Fusion Restaurant& Bar bietet Inhaberin Cliodhna Foley begeisternde Menüs, die von hoher Kunst der Tapaszubereitung und von fundierten Weinkenntnissen zeugen. Jakobsmuscheln mit Black Pudding, Seeteufel oder Rinderbäckchen sind nur Beispiele des kulinarischen Genusses.

Informationen

Reeks District, www.reeksdistrict.com 
Carrig Country House & Restaurant, www.carrighouse.com 
Kerry Climbing, www.kerryclimbing.ie 
Cappanalea Outdoor Activity Centre, www.cappanalea.ie 
Killorglin General Cycles, http://www.killorglingeneralcycles.com
Austern, www.glenbeighshellfish.ie 
Glencar Resort Hotel, www.glencarresorthotel.com 
ArdnaSidhe, www.ardnasidhe.com 
Jack’s Coastguard Restaurant, www.jackscromane.com 
Sol y Sombra, www.solysombra.ie 
Aloha House, www.alohahouse.ie 
Bianconi Inn, www.bianconi.ie 

 

Impressionen:

Fotos: Carola Faber

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Zuletzt bearbeitet am 13/10/2018

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Autor

Carola Faber

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