Auf den Spuren des weiblichen Krakau

So männlich-rustikal die tragisch-bewegte Geschichte Polens und Krakaus auf den ersten Blick daherkommen mag, weibliche Herrschaft, Autorität, Intelligenz und natürlich Schönheit spielen nicht erst in moderneren Zeiten eine entscheidende Rolle…

Darüber erfahren Besucher mehr im Zuge der ausgezeichneten und dazu humorvollen Stadtführung von Sylvia, einer Kunsthistorikerin, im Universitätsviertel, auf der Königsburg und im Nationalmuseum. Krakau wartet mit zwei Königinnen auf, die als "Rex" (König) gekrönt wurden und eine dritte, die die italienische Renaissance, Architektur und Lebensstil in der Stadt einführte.

Da kein männlicher Erbe zur Verfügung stand, wurde im 14. Jahrhundert der Adel bestochen und Jadwiga (Hedwig) von Anjou im Alter von zehn Jahren zum König von Polen gekrönt. Mit zwölf Jahren erfolgte die strategische zweite Heirat mit einem 24-jährigen litauischen Fürsten (nachdem die erste im zarten Alter von vier Jahren mit einem Habsburger nach einem Jahr annulliert wurde). Ausgestattet mit einer starken Persönlichkeit stiftete König Hedwig als junge Frau von 18 Jahren ihr Erbe an die 1364 gegründete Universität (Collegium Maius).

Hedwig von Anjou, die 1997 von Papst Johannes Paul II heiliggesprochen wurde – sie ruht in einem Sarkophag auf der Königsburg (Wawel) -, starb früh mit nur 25 Jahren (1399). Ein Jahr nach ihrem Tod konnte die Krakauer Akademie, an der später Nicolaus Kopernikus studierte, erneuert und erweitert Wiedereröffnung feiern. Im Zuge des Kults um Jadwiga erlaubte sich eine kühne junge Frau in Männerkleidern das Grundstudium "artes liberas" zu betreiben. Ein Skandal! Sie wurde 1417 entdeckt und verraten und kam zur Strafe ins Kloster.

Im 16. Jahrhundert ereignete sich die zweite Krönung einer Frau zum "Rex" von Polen. Anna Jagiellonica, die polnisch-litauische Prinzessin, Schwester Sigismund II August bestieg mit 53 Jahren den Thron, nachdem sich Polens König, Heinrich von Valois, 1547 auf französische Weise aus dem Staub machte, da er kurzerhand den durch Tod vakant gewordenen begehrten französischen Königsthron besetzte.

Zum Gemahl und König an Annas Seite wurde Fürst Stephan von Siebenbürgen auserkoren. Sie ging als großzügige Stifterin und Mäzenin in die Geschichte ein. Die goldene Kuppel der Königsschlosskapelle auf dem Wawel, das Fotomotiv schlechthin, geht auf ihr Konto. Überliefert ist, dass zu ihren Zeiten die Dachziegel der Kapelle aus purem Gold waren.

Allegorie der Poesie am Denkmal des polnischen Nationaldichters.
Allegorie der Poesie am Denkmal des polnischen Nationaldichters.

 

Annas Mutter, Bona Sforza d´Aragona, brachte es "nur" zur Königin über Heirat. Die Tochter des Herzogs von Mailand ehelichte König Zygmunt I. Krakau profitierte von ihrer hohen Bildung und gutem Geschmack aus dem reichen Italien der Renaissance. Auch aus Heimweh legte sie die großzügigen königlichen Gärten am Schloss an, sorgte als Mäzenin für architektonische Neuerungen und führte neue Nutzpflanzen (Gemüse, z.B. Blumenkohl "Kalafior") nebst Nudeln und Weine bei Hof ein.

Das absolute Highlight weiblicher Präsenz, Tugend und Schönheit in Krakau findet sich im Nationalmuseum: Die Dame mit dem Hermelin von Leonardo da Vinci. Mit dem Kauf des Meisterwerks der Renaissance (ca. 1490), das Cecilia Gallerani, die Geliebte des Herzogs von Mailand Ludovico Sforza ("Il Moro"), genial portraitiert, begründete Fürstin Izabela Czartoryska (sie erhielt das Gemälde von ihrem Sohn als Geschenk) 1801 das erste polnische Museum (in Pulawy).

1880 kam die schöne Dame als wichtigstes Bild der fürstlichen Sammlung neben Rembrandt und Raffael nach Krakau, nachdem es Jahre im Pariser Exil verbrachte. (Zwangs-)reisen folgten, so ging das Gemälde 1939 als Beutekunst der Nazis an das Berliner Bode-Museum, 1940 zurück ins besetzte Krakau um dann 1944 wieder nach Deutschland verbracht zu werden. Erst durch die Alliierten gelang es wieder nach Krakau. 2016 kaufte der polnische Staat Die Dame mit dem Hermelin und die Sammlung Czartoryska für 2,5 - 3 Milliarden Euro an, weitere 100 Millionen wurden für die Umbauten des Museums investiert. Seit einem Jahr ist Krakaus schönste Dame mit dem Hermlin - das emblematische Tier steht für Reinheit, gilt aber auch als Symbol der Schwangerschaft (Cecilia gebar dem Herzog einen Sohn) – im Nationalmuseum wieder dauerhaft zu bewundern.

In einer Zweigstelle des Nationalmuseums (Szolayski-Haus) in der Altstadt (pl Szczepański 9) setzt die Stadt ihrer Literaturnobelpreisträgerin, der Dichterin Wislawa Szymborska, in einer gleichermaßen lockeren wie tiefsinnigen permanenten Ausstellung ein Denkmal. "Szymborska-Schublade" stellt Collagen aus der poetischen Werkstatt neben Gedicht-Zitaten, persönlichen Gegenständen und Sammlungen (Masken, Postkarten, Cartoons, Souveniers, Kuriositäten) aus. Darunter auch eine kleine Kommode, die ihr Czeslaw Milosz, ihr Dichterfreund und Nobelpreiskollege, geschenkt hat (Krakau darf den Titel UNESCO-Literaturstadt" tragen). Der Eintritt zur Ausstellung ist frei und im Museumshop finden sich schöne Ausgaben ihrer Gedichte.

Zur Kosmetik-Ikone Helena Rubinstein

Von der Altstadt sind es 20 Minuten zu Fuß ins südöstlich gelegene jüdische Viertel Kazimierz - oder man fährt zwei Stationen mit der Straßenbahn. Dass Krakau bereits 1978 in die erste Liste des UNESCO Welterbes aufgenommen wurde, begründet sich auch auf das dortige jüdische Viertel. Bis Ende des 19. Jahrhunderts teilte ein Weichselarm das orthodoxe Viertel von der Stadt wie auf der alten Karte im Flur des Klezmer-Hois (Hotel, Restaurant, Musikbühne) zu sehen ist. 1497 wurde die erste von später sieben Synagogen gebaut, Kazimierz bildete das Zentrum jüdischen Lebens in Polen. Beim Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen lebten 64.000 Juden in Krakau, mehr als 60.000 wurden 1941-42 in die Konzentrationslager nach Plasow, Ausschwitz und Belzec deportiert und ermordet.

Mitten im jüdischen Viertel.
Mitten im jüdischen Viertel.

 

Die nach 1945 nach Krakau zurückgekehrten Juden verließen wegen eines Pogroms die Stadt. Kazimierz blieb (wie Krakau) weitgehend in Takt, galt als das Armenviertel bis zum Aufschwung insbesondere durch die Dreharbeiten von Steven Spielbergs Schindler´s Liste (1993). Seit 1988 findet jährlich ein großes jüdisches Kulturfestival in Krakaus ehemaligen jüdischen Viertel statt.

An der Breiten Straße liegt auch das Wohnhaus Chaja (Helena) Rubinsteins (1872-1965). Heute ist das restaurierte Haus "Chrystal Suites chez Helena" ein Boutique Hotel. Auch hier gilt es die märchenhafte Lebensgeschichte auf die Füße zu stellen, ihr "Studium in Krakau" etwa ist reine Erfindung, denn Chaja konnte damals in Polen gar kein Studium absolvieren, da Frauen keinen Zugang zur Bildung hatten (die erste orthodoxe Mädchenschule in Polen öffnete 1917). Sie musste sehr hart arbeiten, verdiente sich lange Zeit ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen. Ihr schillernder und geschäftlich erfolgreicher Lebensweg zur Kosmetik-Queen, der über Wien, Australien, Paris, London in die USA führte, wurde überwiegend von Männern gelenkt und protegiert. Nach Krakau oder Polen kehrte sie nie zurück.

Kulinarisches in Kazimierz

An der "Breiten Straße Nr. 3" lässt sich vorzüglich im Restaurant Miodova speisen. In modernem Ambiente (auf zwei Etagen) servieren charmante junge Kellner polnische und internationale Gerichte: "Krem z Topinamburo, Palone Maslo, Kawa" (eine Jerusalem-Artischoken-Creme mit gebräunter Butter und einem Hauch von Kaffee) oder "Barszcz Czewony" – die Typische tiefrote Suppe aus (jungen) Roten Beten, entscheidend ist es, die kleinen zarten Blätter dazuzugeben!

Statt Fisch oder Fleischgerichten, entscheiden wir uns für die "Homemade Pierogi i Kopytka", die "Pirogen", die halbrunden Teigtaschen haben verschiedene Füllungen: klassisch mit Kartoffeln, goldgelb geschmelzten Zwiebeln und Weißkäse oder mit Kraut, Zwiebeln und Pilzen. Kopytka sind Kartoffelnudeln (in Ravioligröße), serviert in einer kleinen Pfanne mit einem in Weißwein gedünsteten Kaninchenschenkel, Karottengemüse und Erbsen.

Seit 2002 bietet Bacówka (deutsch: Käsealmhütte), eine kleine Lebensmittelkette, regionale Produkte an. In der ul Bonifraterska 1, die Straße an der Kirche und Spital der Barmherzigen Brüder liegen, findet sich eine Dependance. Angeboten wird vor allem Fleisch und Wurst (glutenfrei): die leckeren Krokiety (Kroketten) und Kabanos (eine polnische Kabanossi). Auch verschiedene Käsesorten, z. B. der geräucherte Schafskäse "Oscypek", der auch gern in Scheiben gegrillt und mit Beerenmarmelade als Vorspeise serviert wird. Auch Marmeladen, Piroggen und Süßes gibt es in der Bacówka.

Südlich der Kirche fließt die Weichsel. Seit 2010 verbindet eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke – benannt nach dem Gründer des Krankenhauses "Barmherzige Brüder", dem Mönch Pater Bernatek – Kazimierz mit dem Stadtteil Podgórze. Neben der Brücke entstand ein 2014 eingeweihter aufsehenerregender Museumsneubau, das Tadeusz-Kantor-Museum als Hommage an den Theaterregisseur und Künstler. Die Architekten Agnieszka Szultk und Piotr Nawara und Stanislaw Deńko schufen über dem ehemaligen Kraftwerk Podgórze eine rostig rote Brückenkonstruktion. Podgórze mit seinen in den vergangenen Jahren neu eröffneten Restaurants, Bars, Bistros, Galerien, Designläden entpuppt sich zunehmend als Hot Spot Krakaus.

Informationen:

Polnisches Fremdenverkehrsamt Berlin:
Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin, Tel. 030 210 092-0
www.polen.travel 

Krakau:
www.krakow.pl 

Anreise:
Direktflüge nach Krakau gibt es von vielen deutschen Städten aus, mit Lufthansa von München und Frankfurt, mit Ryanair von Dortmund, Nürnberg und Berlin Schönefeldt, mit easyjet von Hamburg und mit LOT von Berlin-Tegel.

Restaurant:

Restaurant Miodova, ul. Szeroka 3, 31-053 Krakau (Stadtteil Kazimierz), Tel. +48 12 432 50 83, www.miodava.pl 

Regionale Produkte:

Bacówka, ul. Bonifraterska 1, Krakau (Stadtteil Kazimierz), www.bacowkatowary.pl 

Krakowski Kredens, ul. Grodzka 7, Krakau, (mit Dependance am Flughafen) www.krakowskikredens.pl 

Polnisches Design:

Rzeczy Same, ul. Nadwiślańska 11, Krakau (Stadtteil Podgórze), Tel. +48 12 784 506 604, www.RzeczySame.pl

 

Impressionen:

Fotos: Ellen Spielmann

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 26/07/2018

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

Mit der Anmeldung zu unserem Newsletter erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen (s.l.) einverstanden. Eine Bestätigungsmail mit einem Aktivierungslink wird nach der Anmeldung an die angegebene Mailadresse versendet. __________________________
KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.