Zartheit und Dämonie: Daniil Trifonov in Baden-Baden

Der russische Tastenzauberer Daniil Trifonov glänzte am Samstag gleich mit zwei Klavierkonzerten im seit Monaten ausverkauften Baden-Badener Festspielhaus.

Seine Fußverletzung scheint überwunden. Mit schnellen, weiten Schritten eilt Daniil Trifonov auf die Bühne. Im Juni hatte sich der Pianist bei einem Fahrradunfall in New York eine Fußverletzung zugezogen, die ihn daran hinderte, die Pedale am Flügel zu bedienen.

Fast hätte er sein Gastspiel im Baden-Badener Festspielhaus – wie manch andere Konzerte zuvor – absagen müssen. Glücklicherweise genügte nun eine kleine Programmänderung. Trifonov stellte am Samstag dem ersten und einzigen Klavierkonzert von Alexander Skrjabin das Pendant von Sergej Rachmaninows zur Seite. Das ursprünglich statt Skrjabin geplante zweite Klavierkonzert des „letzten Romantikers“ gab er am Sonntag im Festspielhaus.

Trifonov wirkt körperlich kuriert. Beim selten zu hörenden fis-moll Klavierkonzert von Alexander Skrjabin hebt es den Tasten-Titan bisweilen von der Klavierbank. An den Tasten präsentiert er derweil eine bewundernswerte Kombination aus Gefühl und virtuoser Musizierlust. Trifonovs Kunst spiegelt die Musik gewordenen Emotionen des Komponisten wider: von Verzweiflung über Trauer und Euphorie bis zum Triumph. In den subtilen Passagen scheint der Flügel unter seinen Händen zu singen, brillant seine Klang-Kaskaden über die gesamte Klaviatur im Schlusssatz.

Valery Gergiev und sein St. Petersburger Mariinsky-Orchester geben dem 27 Jahre jungen Ausnahmepianisten allen Raum zur Entfaltung. Nur im Fortissimo schießen sie bisweilen über ihr Ziel hinaus und unterminieren Trifonovs Spiel zum Nebenschauplatz.

Musikalisches Mysterium

Zur Hochform läuft Gergiev in der zweiten Sinfonie von Sergej Rachmaninow auf, die bis heute als Rachmaninows bedeutendstes Orchesterwerk gilt. Empfindsam zeichnet er die großdimensionierten, raumgreifenden Melodiebögen nach. Feingefühl verschmilzt mit großer Emphase. Neben der künstlerischen Leistung fällt besonders der hohe Frauenanteil im Mariinsky-Orchester ins Auge. Bei mindestens 40 Prozent dürfte der Anteil der Musikerinnen liegen. Weltklasse-Klangkörper wie die Berliner oder Wiener Philharmoniker kommen laut aktueller Besetzungsliste lediglich auf 14 bzw. nicht einmal zehn Prozent. Eine Quoten-Debatte ist in St. Petersburg offensichtlich kein Thema. Auch die Position des Konzertmeisters hat eine Frau inne. Die bildschöne erste Geigerin, die ihren Lebensunterhalt auch als Model bestreiten könnte, sitzt gar erhöht auf einem Podest.

Valery Gergiev und sein St. Petersburger Mariinsky-Orchester.
Valery Gergiev und sein St. Petersburger Mariinsky-Orchester.

 

Nach der Pause setzt sich Daniil Trifonov ein zweites Mal an den Steinway-D 274-Flügel. Dieses Mal mit dem ersten Klavierkonzert in fis-Moll von Rachmaninow, der dieses Werk im zarten Alter von 17 Jahren begann – noch während er am Moskauer Konservatorium studierte. Im Gegensatz zum zweiten und dritten Klavierkonzert ist es kaum präsent in den Konzertsälen. Trifinov bewältigt die extremen technischen Anforderungen meistert er scheinbar mühelos und schafft mit seinem reichen Spektrum an Anschlagsnuancen ein Gefühl von Raum, Weite und Sehnsucht. Sensibilität paart sich mit stupender Gewandtheit. Zwei Klavierkonzerte an einem einzigen Abend zu spielen ist eine absolute Rarität – dargeboten auf diesem Niveau grenzt es an ein musikalisches Mysterium.

Kaum Wunder, dass Trifonov im Januar für sein bei der Deutschen Grammophon erschienenes Album "Transcendental" mit einem Grammy in der Kategorie "Bestes klassisches Instrumentalsolo" geehrt wurde. 2011 gewann er als 20-Jähriger innerhalb von nur sechs Wochen den ersten Preis beim Arthur-Rubinstein-Wettbewerb, die „Goldmedaille im Fach Klavier“ beim internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb sowie den Grand Prix des Gesamtwettbewerbs. Als Achtjähriger trat er erstmals mit Orchester auf – und verlor mitten im Konzert einen Milchzahn.

Zu den Pianisten, die ihn besonders inspirieren, zählt Trifonov Grigory Sokolov, Radu Lupu und Martha Argerich. Für die schweizerisch-argentinische Starpianistin verfügt ihr junger Kollege über „alles und noch mehr. Sein Anschlag hat Zartheit und auch das dämonische Element Ich habe so etwas noch nie gehört.“ Begeisterter Applaus im ausverkauften Festspielhaus.

Fotos: Manolo Press/Michael Bode, Jessica Griffin, Deutsche Grammophon

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Zuletzt bearbeitet am 23/07/2018

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