Roero zwischen Bienen und Piedebus

Jeder kennt im Piemont die Langhe, das Schlemmerland um die Weinkathedrale Barolo und die Trüffelhochburg Alba oder den echten Robiola aus Ziegenmilch aus Roccaverano. Doch umso weniger Menschen kennen ihr Partnergebiet, das sich kaum 10 km nördlich Alba und 50 km südlich Turin anschließende Gebiet Roero…

Dabei haben die 24 Gemeinden, 23 gehören zur Provinz Cuneo, eine, Cisterna, zur Provinz Asti, westlich des Roero und Langhe trennenden Tanaro-Flusses allerhand zu bieten. Und sie sind seit 2014 wie Langhe und Monferrato UNESCO-Welterbegebiet. Allem voran ist da natürlich der Wein, ob nun der weiße Roero Arneis DOCG oder der rote Roero DOCG, ein 100 %-Nebbiolo, die beide auch im gereifteren Alter für Entzücken sorgen. Prickelnde Frische garantiert der Arneis Spumante.

Doch im gemächlichen, bis 400 m aufsteigenden Hügelland des Roero stößt man auch auf Zigtausende Obstbäume, auf über 400 Imkerbetriebe, auf Kulturland mit Trüffeln und Haselnüssen, Käsedelikatessen und Torrone-Herstellern. Längt nicht nur in den Hauptorten Bra oder Canale stößt man auf Sternerestaurants, auf den Rocche, den Hügelkuppen, auf Burgen und Schlösser, die, teils nun zu Hotels umgewandelt, auch von der langen Geschichte des Landstrichs erzählen. Die wurde von der Adelsfamilie Roero geprägt, die dem Gebiet bis heute seinen Namen gibt.

400 Imkerbetriebe befinden sich im Roero.
400 Imkerbetriebe befinden sich im Roero.

 

Möglicherweise stände es um das touristisch noch etwas stiefmütterlich behandelten Roero, im Piemontesischen kurz "Roé genannt, etwas besser, hätte jener Karren, der im Jahr 1099 in Jerusalem einzog, noch alle vier Räder an den zwei Achsen gehabt. Tatsächlich hatte ein Kreuzritter, ein gewisser Ghilione, auch Gillone genannt und aus Flandern stammend, damals einen hochrangigen islamischen Kontrahenten im Kampf auf dem Schlachtfeld geköpft. Dessen Leichnam wurde zu Gillones Ehren dann im Triumphzug in die Stadt der drei Weltreligionen geführt – allerdings mit einem Manko: Das Transportmittel hatte nur drei Räder. Bis heute prangen daher nicht nur auf dem Familienwappen der Roero drei Räder. Auch das Gebiet ziert seien Fahnen mit diesem schon damals etwas holprig wackligen Dreirad-Muster. Wie Gillone dann nach Asti, direkt nördlich des Roero, gelangte, ist unklar.

Doch schon im 13. Jahrhundert stellte die Familie Roero, die auch Rotari, Roverio bzw. Roue genannt wurde, in Asti Bürgermeister und hohe kommunale Würdenträger. Vor allem aber gehörte sie zur Klasse der "Casane astigiane", den frühesten Bankern und Fernhandelskaufleuten des damals sehr potenten Asti, die mit Geldwechsel und Handelsgeschäften enorme Reichtümer erwarben. Die Roero waren z. B. mit Niederlassungen auch in Flandern und Brabant, in Köln, Bonn, Freiburg im Breisgau und Luzern aktiv. Gut auch, dass sie sich aus dem unendlichen Kampf zwischen Ghibellinen und Guelfen, Papst- und Kaisertreuen heraushielten. Das ersparte Kummer, füllte die Geldkatzen und zum Erwerb vieler Ländereien und Burgen, die später das Gebiet Roero ausmachen sollten.

Weinberg im Roero Gebiet.
Weinberg im Roero Gebiet.

 

Monteu Roero

Der berühmteste Roero war indes einer der ersten Alpininsten. Bonifacio Roero, der gegen Ende der Kreuzzugszeit bei den Türken in Gefangenschaft geriet, erfüllte nach seiner Rückkehr 1358 ein Gelübde. Er schleppte – naturgemäß mit Helfern – ein bronzenes, möglicherweise flämisches Madonnen-Triptychon auf den Gipfel des Rocciamelone in 3538 m Höhe, das dort bis ins 18. Jh. neben einer Einsiedelei verblieb, ehe es in den Dom von Susa gelangte und im Jahr 2000 in Susas Diözesanmuseum überführt und restauriert wurde. Diese verbürgte Tat machte den guten Bonifatius zu einem der ersten Hochgebirgsbergsteiger von Weltrang.

Die Bonifaz-Tat kann man bis heute bewundern, z. B. als Deckenfresko in einem kleinen Studio der Burg von Monteu Roero (1660 Einw.). Mit zwei weiteren trägt diese kleine Gemeinde Roero sogar auch im Stadtnamen, hieß aber einst mal Mons Acutus. Denn hier waren schon die Römer zuhause. 1041 schenkte Kaiser Heinrich III. das Dörfchen dem Bischof von Asti, dessen Nachfolger es 1299 an die Familie Roero veräußerte. Für damals satte 48.000 Florin. Aus dem neuen Mons Acutus Rotarianum wurde dann später Monteu Roero. Man kann das Kastell, heute in Privatbesitz, drei bis viermal im Jahr besichtigen. Die Sage will, dass hier Kaiser Friedrich I., der berühmte Barbarossa, den Winter 1167/1168 verbrachte, als er wieder einmal auf glückloser Oberitalientour war. Damals wird er sich indes den Zorn der Bergdörfer zugezogen haben, die sich gerade erst als freie Gemeinden konstituiert und vom Adelsjoch befreit hatten. Barbarossa setze den alten Adel wund dessen Rechte wieder ein – und aus war es mit dem neuen Aufschwung. Dafür bluteten Barbarossas Soldaten. Das nahe Valle dei Morti, das Tal der Toten, soll nach den Gefallenen dieser mittelalterlichen Kriegskampagne benannt sein.

Open air-Museum Roero – auch im "Piedebus"

Wegweiser zur Santuario dei Piloni.
Wegweiser zur Santuario dei Piloni.

 

Heutzutage ist das Roero-Gebiet längst nicht so kriegerisch, und hoch hinaus wie Bonifaz muss auch niemand. Stattdessen kann man die sanften Hügel des Roero gemächlich zu Fuß, im flotten Laufschritt, auf Fahrrädern und sogar E-bikes erkunden, die vermietet werden. 23 Rundwanderwege wurden angelegt, die nun das Ecomuseo delle Rocche del Roero, das Open air-Ökomuseum des Roero erschließen. Mit Erfolg: Immerhin 600.000 Touristen zählt Roero nun jährlich, zuletzt sogar viele radelnde Australier. Die kommen auch nach Montá, wo vor der Dorfkirche in diesem Jahr die jährliche Buchmesse des Roero stattfindet. Auf der werden nur Publikationen zum Roero angeboten – historienverdächtig und einzigartig wie jener Band, der alte Gesetzestexte veröffentlicht. So wurde Anfang des 15. Jh.s jedem, der eine Nonne belästigte, der Kopf abgehackt. Die Sensation in Montá ist aber direkt an der Kirche die "Haltestelle" des "Piedebus". Ein "Füßebus"? Ja, denn hier halten weder Vier- noch drei- noch Zwei- nicht mal Einräder. Hier trifft man sich und geht gemeinsam zu Fuß. Exakt: Eltern bringen ihre Kinder bis zu diesem Punkt, wo andere Eltern sie übernehmen und zu Fuß weiter zum nächsten Halt laufen, bis alle Kids heim in Schule oder Kindergarten sind. Natürlich funktioniert das Ganze auch retour. Roero-Bürgersinn vom Feinsten!

Montá hat auch eine Sehenswürdigkeit, das wohl bis ins 6. Jh. zurückdatierenden Santuario dei Piloni. Die Kreuzwegkapellen am Wegesrand, die Piloni, sind indes vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier treffen wir Claudio Cauda, einem jener 400 gewerblich arbeitenden Imker des Roero, di aus einem schlichten Nebenerwerbszweig des 19. Jh.s eine heute florierende Exportindustrie geschaffen haben. Wir besichtigen einige seiner Bienenstöcke, fachsimplen unter rosaroten Pfirsichblüten.

Claudio Cauda, einer jener 400 gewerblich arbeitenden Imker des Roero.
Claudio Cauda, einer jener 400 gewerblich arbeitenden Imker des Roero.

 

Ein Drittel, 15 kg, benötigt ein Bienenvolk zum Überleben im Winter. Und die Erntesaison der Imker ist nur im Frühjahr und Sommer. Gut, dass Claudio Cauda gleich 2000 Stöcke besitzt. Seine Firma stellt heute 100 Tonne Honig her, der vor allem nach Deutschland exportiert wird: Leckeren Akazien- und viel nachgefragten, Roero-typischen Kastanienhonig, vor allem aber auch leckeren Hochgebirgs- bzw. Berghonig. Und die Chinesen? Was machen die nun ohne Bienen? Nun, ein chinesischer Arbeiter benötigt heute einen Tag, um 15 Bäume zu bestäuben. Es werden nun aber auch Drohnen – künstliche und brummende – eingesetzt, um den Verlust an Bienenvölkern in China auszugleichen.

Information:
Tourismusinformation Region Piemont: www.piemonteitalia.eu 
Tourismusinformation Roero:
Ente Turismo Alba Bra Langhe Roero, Piazza Risorgimento 2, 12051 Alba, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 358 33, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.langheroero.it 
Roero Turismo, c/o Enoteca Regionale del Roero, Via Roma 57, 12043 Canale Roero, Gebiet Roero, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 978 228, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.roeroturismo.it ; Mi zu

Weininformation Roero:
Consorzio di Tutela Roero, Via Sersheim 2, 12043 Canale Roero, Gebiet Roero, Region Piemont, Tel. +39 0173 979 441, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.consorziodelroero.it 
Kostenloser Buchungsdienst (auch Wein- und Trüffeltouren)
Consorzio Turistico Langhe Monferrato Roero, Piazza Risorgimento 2, 12051 Alba, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 362 562, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.tartufoevino.it 
Kostenlose Buchung von Kellereibesuchen:
Piemonte On Wine, Piazza Risorgimento 2, 12051 Alba, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 635 013, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.piemonteonwine.it 

Weingutbesuch:
Cantina/Az. Ag. Negro Angelo & Figli di Giovanni Negro, Frazione S. Anna 1, 12040 Monteu Roero, Gebiet Roero, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 902 52, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.negroangelo.it 

Museen/Aktivitäten:
Ecomuseo delle Rocche del Roero, Piazzetta della Vecchia Segheria 2 b, 12046 Montá, Gebiet Roero, Provinz Cuneo, Region Piemont, Italien, Tel. +39 0173 976 181, www.ecomuseodellerocche.it 
Museo Naturalistico del Roero, Via Fissore 1, 12040 Vezza d`Alba, Gebiet Roero, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 639 856, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. 
Pinacoteca Comunale, Via Paoletti 16, 12050 Guarene, Gebiet Roero, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 611 900, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. 

Weitere Delikatessen:
Honig:
Apicoltura Caudamiele, Claudio Cauda, Via Cavour 14, 12046 Monta, Gebiet Roero, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 975 219, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.caudamiele.it 

Schinken (Prosciutto Crudo di Cuneo):
Carni Dock, Strada Manta 5 a, 12030 Lagnasco, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0175 282 033, www.carnidock.it 

Käse (u. a. Robiola):
Assopiemonte DOP & IGP, Via Silvio Pellico, 10022 Carmagnola, Provinz Turin, Region Piemont, Tel. +39 011 056 59 85, www.assopiemonte.com , www.produttorilattepiemonte.com 
Robbiola di Roccaverano DOP: Consorzio per la Tutela del Formaggio Robiola di Roccaverano, Via Roma 8, 14050 Roccaverano, Provinz Asti, Region Piemont, Tel. +39 0144 884 65, www.robioladiroccaverano.com 
Robbiola di Morazzano DOP: Consorzio di Tutela del Formaggio Murazzano DOP, Via Umberto I°, 12060 Bossolasco, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 799 000, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. 

Hotels/Restaurants:
Hotel Castello Guarene, Via Alessandro Roero 2, 12050 Guarene, Gebeit Roero, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0173 441 332, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.castellodiguarene.com 
Castello di Santa Vittoria d`Alba, Via Cagna 4, 12069 Santa Vittoria d`Alba, Gebiet Roero, Provinz Cuneo, Region Piemont, Tel. +39 0172 478 198, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.santavittoria.org ; mit Ristorante "Al Castello"
La Madernassa Resort, Localitá Lora 2, 12050 Guarene, Tel. +39 334 829 93 39, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.lamadernassa.it 
Osteria La Madernassa, Localitá Lora 2, 12050 Guarene, Tel. +39 0173 611 716, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.lamadernassa.it 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 27/05/2018

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