Flanderns Land Art Projekt "ComingWorldRememberMe!"

Erinnern, helfen, reflektieren und verbinden! Im 100. Jahr des Endes des 1. Weltkriegs 1914 – 1918 hat sich ein besonderes Land Art Projekt im belgischen Flandern diese vier Ziele gesetzt. 

"ComingWorldRememberMe" ist ein Werk des Künstlers Koen Vanmechelen, kuratiert von Jan Moeyaert. Doch ohne die Mithilfe von tausenden Helfern aus aller Welt in den Jahren 2014 bis 2018 wäre dieses Mammutwerk als grenz- wie generationenüberschreitendes Symbol des Frieden nie entstanden. Am 29.3.2018 eröffnet, wird die Installation aus 600.000 kleinen Tonskulpturen ab Karfreitag, dem 30.3.2018, für Publikum frei zugänglich sein, und bis zum 11.11.2018, dem Gedenktag zum Ende des 1. Weltkriegs, zu sehen sein.

Die Namensliste

Eigentlich ist Belgiens Provinz Westflandern heute eher berühmt für ihre Küche, grandiose Kunstausstellungen und Kulturschätze sowie seine friedlich stimmungsvolle Natur. Doch wer genauer hinschaut, findet natürlich auch jene 350 Gedenkorte, die in Flandern an die Gräuel und Opfer des Ersten Weltkriegs erinnern. Flandern 1914 bis 1918, das heißt vier gewaltige, unmenschliche, die Sinnlosigkeit des Krieges festschreibende Flandernschlachten, verbunden mit Schreckensorten wie Ypern, historisch gänzlich falschen Mythengebern wie den "Studentengräbern" von Langemarck, den ersten Giftgasangriffen der Geschichte, Ernst Jüngers hier verorteten Stahlgewittern, aber auch jenen legendären "Fußball-Matches" zu Heiligabend 1914, als sich verfeindete Soldaten aus Schützengräben, Bunkern und Stollen trauten und mitten im Niemandsland, den Killing Fields des festgefahrenen Stellungskrieges, zumindest für kurze Zeit fraternisierten.

Auch Kinder helfen bei dem Aufstellen der Skulpturen...
Auch Kinder helfen bei dem Aufstellen der Skulpturen...

 

Ein zentraler Gedenkort in Flandern ist seit 2012 das "In Flandern Fields Museum" (IFFM) in Yperns historischer Tuchhalle. Im wiederaufgebauten größten Profanbau der mittelalterlichen Gotik Europas wird indes nicht nur der fürchterlichen Kriegstage gedacht. Das angeschlossene Wissenschaftszentrum hat in den zurückliegenden Jahren eine "Namensliste" aller bekannten 600.000 auf belgischen Boden Gefallenen und Vermissten zusammengestellt. Sie umfasst auch Zivilisten – und lässt doch jene 200.000 "unbekannten" Opfer aus, die es mindestens zusätzlich zu beklagen gab und gibt. Natürlich lässt sich vom über 230 Stufen zu erklimmenden Belfried des Museums ein erster Blick über die heutige "Landschaft der Erinnerung" werfen. Doch spannender und beeindruckender ist es, sich direkt zur Provinzdomäne "De Palingbeek" zu begeben.

3 ha Kunst in Niemandland und "The Bluff"

Vermutlich darf als Glücksfall gelten, dass mit Koen Vanmechelen und seinem Team Künstler gefunden wurden, die dieses gewaltige, auch noch das 21. Jahrhundert prägende, weithin anonyme Massensterben mit der Kreation einer respektvollen künstlerischen Erinnerung begegneten. Entstanden sind nun – auf Basis der Namensliste – in unzähligen, weltweit organisierten Workshops und mit Hilfe tausender Freiwilliger, tatsächlich 600.000 kleine Tonskulpturen. 

Dank täglich bis zu 4000 Freiwilliger vor Ort kann nun am Gründonnerstag, dem 29.3.18, der Öffentlichkeit dies komplett aufgestellte Gesamtkunstwerk übergeben werden und ist ab Karfreitag, 30.3.18, für das Publikum frei begehbar. Eine Skulptur für jedes Opfer auf belgischem Boden, jenseits aller Nationalitäten – eine Sisyphusarbeit, die nur dank vorgefertigter Model zu bewerkstelligen war. Die Skulpturen stellen hockende Trauernde dar, deren einer Arm jeweils das gesenkte Haupt verbirgt. Aufgestellt sind die 600.000 Skulpturen in Form jenes mythischen Kontinents Panagl, den einst sämtliche heutigen Erdteile bildeten. Jede Skulptur ist zudem mit einer "Dog Tag", einer historisierenden Erkennungsmarke versehen, die den Namen eines der Opfer und den Namen jener Patinnen und Paten trägt, die eine der Skulpturen zum Symbolpreis (5 €) erwarben. Das so eingenommene Geld wird nach Ende der Aktion weltweit in Friedensprojekte, z. B. in Zimbabwe fließen. Es kommt vor allem Kindern zugute, die unter Kriegssituationen leiden. 

Bei Wind und Wetter wird an dem Gedenken gearbeitet.
Bei Wind und Wetter wird an dem Gedenken gearbeitet.

 

Im Zentrum dieser Land Art-Installation, die sich im Niemandsland zwischen den einstigen Fronten befindet und sich bis in das The Bluff genannte Areal ausweitet, wo einst blutigste Kämpfe stattfanden, findet sich dann eines der zwei zentralen Kunstobjekte von Koben Vanmechelen.

Zwei Installationen mit Ei

Kunstwerk Eins, "The Coming World", ist ein riesiges Beton-Ei als Metapher und Symbol der Geburt einer neuen Menschheit, installiert auf einer Plattform, die die heutigen Umrisse der Erdkontinente zeigt. Die zweite Skulptur "Remember Me" am Ende des Parcours ist ein bronzenes Ei, das von bronzenen Hühnerkrallen eingefasst ist. Hier werden am 11.11.2018 alle 600.000 personalisierten "dog tags", die Erkennungsmarken, als Hommage an die 600.000 Opfer deponiert werden. Zudem führt ein Poetry Walk durch den einst blutigen Kriegsschauplatz The Bluff bis hin zum Cosmo Golem, eine Holzskulptur von Koen Vanmechelen. Aktuell sind weltweit 36 dieser Cosmo Golems aufgestellt, die den Schutz der Kinderrechte symbolisieren.

Gesamtsicht auf das Feld mit den Skulpturen.
Gesamtsicht auf das Feld mit den Skulpturen.

 

Natürlich hat Flandern nicht nur Kriegsschauplätze zu bieten – aber diese Land Art, noch dazu mit österlichem Touch und auch unterstützt vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (www.volksbund.de), sollte man 2018 aufsuchen. Sodann bietet Flandern natürlich auch mehr: etwa die Kunst-Triennale in Brügge (5.5. bis 16.9.2018), das neue Diamantenmuseum in Antwerpen, die Königlichen Gewächshäuser in Brüssel oder – ganz profan Leuven, als inoffizielle Bierhauptstadt der Welt. Aber Flandern ist eben auch ein Ort der Erinnerung - gerade auch für deutsche Besucher.

Information: Visit Flanders: www.visitflanders.de "Coming WorldRememberme" Land Art: Domäne De Palingbeek, Palingbeekstraat 128, 8902 Zillebeke bei Ypern, www.cwrm.be , www.comingworldrememberme.be , www.koenvanmechelen.be , www.gonewest.be

Fotos: Harold Naeye

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Zuletzt bearbeitet am 30/03/2018

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