Hopp und top: in Alta, Nord-Norwegens "Stadt der Nordlichter" (Teil 1)

Alta, mit 20.200 Einwohner größte Kommune der Finnmark und einer Fläche von 3849 km² siebtgrößte Norwegens, trägt seit 1999 den offiziellen Beinamen "Stadt der Nordlichter"…

Die eigentliche, 1704 von einwandernden Finnen gegründete Stadt (12 000 Einw.) an der Europastraße 6 wartet mit grandiosen Naturschauspielen, gleich zwei UNESCO-Welterbe-Stätten und seit 2013 mit einem spektakulären Sakralbau des 21. Jh.s auf. Am Flughafen Alta, den jährlich über 330.000 Passagiere nutzen, wartet aber erst einmal der berühmteste Sohn der Stadt: Bjørn Tore Wirkola.

Die Bronzestatue des fliegenden frühen norwegischen Superstars im Skispringen und Skifliegen, des 1943 in Alta geborenen Bjørn Wirkola, steht gleich an der Zufahrt zum Abfertigungsgebäude, gegenüber dem Car Rental-Parkplatz. Nur schemenhaft sind hinter den sich anschließenden Bäumen die Umrisse von Altas Sprungschanze zu erkennen. Denn Hopp, Skispringen, ist in Alta noch immer in, obschon nun der 1990 in Alta geborene Langlauf-Doppelweltmeister Finn Hågen Krogh neuer Star ist. Wirkola, mehrmals Skiflugweltrekord-Inhaber mit zuletzt 160 m, wurde für seinen Verein Alta IF Doppelweltmeister im Skispringen, dreimaliger Sieger der Vierschanzentournee und achtfacher norwegischer Meister.

Er war zudem erfolgreich in der Nordischen Kombination sowie – im Fußball. Im Sommer spielte er für Rosenborg Trondheim und errang 1971 das Double (Meisterschaft und Pokal). Wirkolas Erfolge, die ihn zu einem der größten in Norwegens Sporthistorie machten, sind umso erstaunlicher, als kurz nach seiner Geburt ungebetene Gäste Alta dem Erdboden gleichmachte.

Bronzestatue des 1943 in Alta geborenen Bjørn Wirkola.
Bronzestatue des 1943 in Alta geborenen Bjørn Wirkola.

 

In der am 4.10.1944 gestarteten, am 30.1.1945 beendeten "Unternehmen Nordlicht" machte die deutsche Wehrmacht auf Befehl des u. a. dafür in den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilten General Alfred Jodl die Finnmark platt. Alle Bewohner wurden deportiert (evakuiert), Jodls Taktik der verbrannten Erde legte Alta in Schutt und Asche. Einzig die 1858 geweihte, von Stephen Henry Thomas gebaute hölzerne Alta Kirke blieb stehen. Bis 2013 war sie Hauptkirche der Großgemeinde, dann wurde sie in dieser Funktion vom Wunderwerk der neuen Nordlicht-Kathedrale abgelöst.

Altas neues Wahrzeichen steht am Ende der schnurgeraden Fußgängerzone, die durch die hochmoderne, der nach dem 2. Weltkrieg entstandene Stadt bis zum Aurora-Kino führt. Auf dem Marktplatz an der Fußgängerzone erinnert ein Sami-Denkmal an die Beschwernisse des Schieferabbaus, zig Fahrradständer und Sitzbänke sollen für Geborgenheit sorgen. Gegenüber dem fixen Startpunkt zum jährlichen Hundeschlittenrennen von Alta steht nun das abends beleuchtete Denkmal für Steinar Jessen. Der 16-jährige aus Alta wurde am 22.7.2011 eines der 69 Opfer von Neonazi Anders Breivik auf der Insel Utøya. Norwegen und Alta vergessen dies nicht!

Alle Blicke – und auch wohl Hoffnungen – richten sich dann aber auf die 2012 in Anwesenheit von Kronprinzessin Mette Marit eingeweihte Wunderkirche aus Beton, die sich wie eine abgewickelte Küchenrolle gen Firmament erhebt. Außen mit Titan-Platten verkleidet, reflektiert sie nicht nur die Sonnenstahlen. Im Inneren mit 4,3 m hoher, bronzener Christusstatue des Dänen Peter Brandes sorgt auch ein Café dafür, dass der Bau der Architekten Schmidt, Hammer und Lassen aus dem dänischen Arhus heute spirituelles, kulturelles und soziales Zentrum der Stadt ist. Eine Ausstellung widmet sich auch dem Phänomen des Nordlichts, aber beeindruckend sind vor allem das Taufbecken in 32 Blautönen, die 7,5 m hohe Jakobsleiter im Innenturm, der stuckverzierte Altar, die goldenen Mosaiken der 12 Apostel im Lichttunnel und die Orgel.

Linkerhand der Kathedrale, die Gottes Segen über Berg und Tal bringen möchte, ist auch Kristian Olaf Bernhard Birkeland (1867 – 1917) gegenüber dem futuristischen Kinderspielplatz mit einer Bronzebüste geehrt. Der Naturwissenschaftler, er reichte im Laufe seines Lebens 59 Patente ein, eher er geistig umnachtet in Tokio verstarb, hatte ab 1899 das erste Nordlicht-Observatorium der Welt auf Altas Berg Haldde eröffnet und war dem Phänomen der Aurora Borealis auch mit magnetischen Messungen in der 1909 geschlossenen Kupfermine Kåfjord bei Alta auf die Spur gekommen.

Sami-Denkmal in der Fußgängerzone.
Sami-Denkmal in der Fußgängerzone.

Die Bergkulisse mit Haldde und davor der Nordlicht-Kathedrale erlebt man am eindrucksvollsten vom 6. Stock des Scandic Hotel Alta, direkt am Kathedralenplatz. Mit großem Restaurant, perfektem Frühstücksbuffett, Verkauf von Silberschmuck aus der Finnmark, Parkplatz vor der Tür und Raucherecke rechterhand draußen unter der Schildersäule mit Kilometerangaben in alle Welt ist es der perfekte Ort für den Alta-Aufenthalt. Noch dazu öffnet gegenüber Altas Hallenbad mit Sauna.

7000 Jahre Menschheitsgeschichte: im Alta Museum

Erstaunlich, dass auch das hervorragend hergerichtete Alta Museum 4 km außerhalb am Strand des Alta-Fjords das Nazi-Unternehmen Nordlicht nur peripher thematisiert. Es scheint in Alta nicht mehr virulent zu sein, sieht man einmal vom privaten Tirpitz-Museum ab, das die Geschichte des größten je in Europa gebauten Schlachtschiffs Tirpitz mit historischem Fotomaterial dokumentiert. Lange lag es im Alta Fjord, um den Seeweg der Konvois nach Murmansk zu blockieren, ehe es am 12.11.1944 vor Tromsø versenkt wurde. Umso mehr ist im Untergeschoss des Alta Museums Bjørn Wirkola mit seiner silbernen Trophäensammlung präsent – inklusive Pokal vom Neujahrspringen in Garmisch-Partenkirchen.

Das Hauptaugenmerk im Museum mit schöner Cafeteria (klasse Schokotorte, auch warme Küche) und riesigem Souvenirladen gilt aber der Kulturgeschichte am Alta Fjord – von der Stein- bis zur Jetztzeit. Natürlich ist auch die Kultur der Urbewohner, der Sami (Samen) präsent, etwa mit einer Sami-Trommel (17. Jh.), die einst mit dem daneben liegenden Rentierklöppel geschlagen wurde.

Diese Vardø-Trommel gehörte einst einem Anders Poulsson, der für ihren (verbotenen) Besitz die Todesstrafe erhielt und 1693 im Gefängnis von einem Mitinsassen ermordet wurde. Warum der arme Same verfolgt wurde, zeigt ein Blick auf die Zeichnungen auf die Trommel. Da sind fein aufgereiht zu sehen: oben in der ersten Reihe Bieggolmai, der Gott der Winde, daneben Donnergott Tiermes, dann ein Rentier, wohl Gott Sorves, in der zweiten Reihe dann die Darstellung des christlichen Heiligen Jahres, ein Kind mit Kreuz, dann ein "Mann der Erde", der den Kosmos hält, dann Fruchtbarkeitsgott Väraldenolmai, dann eine Kirche, schließlich die "Radienmutter" Radienakka, Herrscherin des Universums und Gattin des "Radien-Vaters".

Eingang zum Alta Museum.
Eingang zum Alta Museum.

In Reihe Drei folgen Geburtsgöttin Maddarakke, die Jungfrrau Maria (Jumul Enne) und drei Figuren, in Reihe Vier der Mond (Manno) und Kirchgänger neben einer Kirche, in Reihe Fünf nach zwei Figuren zur Linken Rota, Herr der Unterwelt, mit bösen Geistern, Feuer und Grab. Religionssynkretismus, den die um Christianisierung bemühten Kolonisten damals bei den Sami nicht duldeten.

Großartig ist auch die Dokumentation zum draußen vor der Tür harrenden UNESCO-Welterbe der bis zu 7000 Jahre alten Felsritzzeichnungen. Angefangen hat alles mit dem im Eingang ausgestellten "Pippistein" (Pippisteinen). Den Stein mit der seltsamen männlichen Figur fand Bauer Fredrik Falsen 1950 bei der Kartoffelernte. Er war erster Hinweis auf Prähistorisches am Alta Fjord. Tausende weiter sollten folgen. Großartig auch die 1991 von Jon Ole Anderson gefertigte Rekonstruktion eines Lederbootes mit hölzernem Elchkopf, wie man es später auf der mindestens dreistündigen Tour durch das Open air-Gelände in Ritzzeichnungen wiederfindet.

Im Felsenreich der Frühzeit

Das Alta Museum ist – wie vieles in Alta, etwa Alta Fjord, Alta-Fluss und der 10 km lange, bis 420 m tiefe sagenhafte Canyon Sautso – vor allem ein Outdoor-Erlebnis. Angefangen mit der Bepflanzung seltener Flora vor dem Museum, dem Blick auf den Alta Fjord, dem im Herbst buntschimmernden Laub und Flechtwerk zwischen den freigelegten Steinplatten des bestens gepflegten Museumsareals ist das UNESCO-Welterbe ein absolutes Muss. Zwei Wege erschließen das Gebiet, die ältesten Felsritzungen, bis 7000 Jahre alt, sind sogar rot markiert und damit gut zu erkennen.

Etwa an Platte 4, wo ein prähistorischer "Schattentanz" zur Aufführung kommt, Rentier, Elch, Heilbutt (!), Mensch und Boot abgebildet sind. Platte fünf führt zurück in jene Anfänge, als sich alles um den Bären drehte: Ein großer grüner Bärenkopf entstand wohl natürlich in einer Mulde, darum schufen die Vorzeit-Samen 65 Figuren und zig Bärenspuren. Im Kopf des Bären spielt sich ein Drama auf Leben und Tod zwischen Jäger und Bär ab.

Eine der zahlreichen Ritzungen im Museum.
Eine der zahlreichen Ritzungen im Museum.

Insgesamt wurden in Alta Ritzungen von 1725 Bärenspuren, 75 Bären und 15 Bärenhöhlen gefunden – sogar Bärinnen mit Jungen sind dargestellt. Die Platten 6 und 7 zeigen sogar ein kopulierendes Elchpaar, und "Eisenbahnschienen": Es sind Einzäunungen für die urzeitliche Jagd auf Rentiere – und ein Beweis früher menschlicher Intelligenz. Mysteriöse Fransenfiguren deuten auf kultische rituale. Die Platen acht und neuen zeigen auch Wale, Hund, Wolf, Hase, Fuchs und Biber, dazu Schwan, Ente, den ausgestorbenen Riesenalk und Kormorane, dazu Netze auswerfende Fischer und drei Fischer mit Angelhaken beim Heilbuttfang. Dargestellte Elchkopfstäbe dienten wohl rituellen Handlungen. In den Lederbooten saßen bis zu 32 Menschen, oft nur durch Striche dargestellt.

Insgesamt: ein Fest durch 5000 Jahre Menschheitsgeschichte in gerade einmal 180 Minuten. Schade nur, dass die jüngeren, um 500 v. Chr. endenden Felsritzungen nicht auch rot markiert wurden und auch sonst künstlerisch zu den älteren abfallen. Spannend ist Platte 14, wo die Felsenfarben fast ein Nordlicht imitieren und der Gang der Natur im Jahreslauf dargestellt ist. Mystische Symbole wechseln mit Bootsdarstellungen, auf Platte 18 entdeckt man ein Lock im Fels, wo einst ein Telefonmast in Unkenntnis der Ritzungen in den Boden gerammt wurde.

Ein Naseweis hinterließ im September 1993 dazu ein "Kilroy was here" - hier ist erfreulich, dass der vandalisierende Graffito-Schriftzug so gut wie nicht mehr erkennbar ist. Sensationell dann aber noch Platte 19, auf der eine Art Luftballon aufsteigt – vielleicht ein Komet? Die jüngsten Ritzungen zeigen neue Bootstypen, die wie eine Armada auf dem Fels beieinander liegen. Dann endete das Ritzen abrupt…

 

Impressionen:

 

Weitere Informationen:

Übernachtung:
Scandic Hotel Alta, Løkkeveien 61, 9509 Alta, Tel. +47 78 48 27 00, www.scandichotels.de/hotelsuche/norwegen/alta ; 241 Zimmer, 167 für Allergiker geeignet, gebaut 1976; Skandinavisches Umweltsiegel; mit Rest. und Gym, Sauna, Bar und Bio-Frühstücksbuffet; 2 Min. von der Nordlichtkathedrale entfernt; 4 km vom Alta Museum (Freilichtmuseum mit Felsritzungen)

Restaurant:
Mat Bar „Du Verden“ („Die Welt“ Essensbar), Markedsgata 21, 9510 Alta, Tel. + 47 45 90 82 13, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.duverden.no/alta ; Mo. – Sa. 10.00 – 24.00, So. 13.00 – 22.30 Uhr

Einkaufen:
Nordlysmat AS, Holmen 81, 9518 Alta, Tel. (mobil) +47 91 73 21 73, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.nordlysmat.no 
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Museen in Alta:
Alta Museum (UNESCO World Heritage Rock Art Centre), Altaveien 19, Hjemmeluft, 9518 Alta, Tel.+47 41 75 63 30, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.altamuseum.no/en , www.nordnorge.com/DE-vest-finnmark?News=60 ; 11.9. – 12.5. Mo. – Fr. 9.00 – 15.00, Sa., So. 11.00 – 16.00, 13.5. – 11.6. und 21.8. – 10.9. tgl. 8.00 – 17.00, 12.6. – 20.8. tgl. 8.00 – 20.00 Uhr; Eintritt: Mai – Sept. NOK 110, sonst NOK 75

Nordlichtkathedrale Alta-Kirche (Nordlyskatedralen Alta Kirke): Alta, www.nordlyskatedral.no ; Mo. – Fr. 9.00 – 15.00, So. 10.00 – 13.00, 15.6. – 15.8. Mo. – Sa. 11.00 – 21.00, So. 16.00 – 21.00 Uhr geöffnet; Eintritt: NOK 150; 2013 eingeweiht

Tirpitz-Museum: Kåfjord, 9518 Alta, Tel. +47 92 09 23 70, www.tirpitz-museum.no; nur 15.6. – 15.8. tgl. 10.00 – 17.00 Uhr geöffnet

Information:
Visit Northern Norway, +47 90 17 75 00, Büro Bodø: Tollbugata 13, 8001 Bodø; Büro Tromsø: Storgata 69, 9251 Tromsø; www.nordnorge.com/de, www.visitnorway.com/places-to-go/northern-norway ; Büro Alta: Visit Alta, Markedsgata 3, Alta, Tel. +47 78 47 70 31, www.visitalta.no/de 

Vor der Reise:
Visit Norway, P.O. Box 448 Sentrum, N-0158 Oslo, Norwegen, Tel. +47 22 00 25 00, www.visitnorway.com 
Innovation Norway (Norwegisches Fremdenverkehrsamt), Caffamacherreihe 5, 20355 Hamburg, Tel. 040 2 29 41 50, www.visitnorway.de 
Anreise:
Lufthansa (z. B. nach Tromsø), Norwegian (z. B. bis Oslo, dann Oslo – Alta) und SAS fliegen international nonstop oder onestop (über Olso bzw. Trondheim, Bodø oder Tromsø) zu Zielen in Nord-Norwegen, Widerøe ab Kopenhagen, Göteborg und Aberdeen (Schottland).

Flüge vor Ort:
Widerøe's Flyveselskap: www.wideroe.no/en  
Aurora Flüge: c/o Tromsø Budget Tours, www.budgettours.no/aurora/
Explore Norway Ticket: www.wideroe.no/en/tickets/explore-norway-ticket 
Fly & Bike: www.wideroe.no/en/tickets/fly-and-bike 

Währung (Stand Dez. 2017):
1000 NOK = 103,7 €; 100 € = 964,2 NOK

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 15/03/2018

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