Padise Manor: Schmuckstück am Blaubeerwald

Das Kloster Padis, estnisch Padise klooster, liegt inmitten Wäldern und Feldern nur 48 Kilometer von Tallinn entfernt...

Wenn auch seit langem eine gewaltige, nun perfekt restaurierte Ruine, steht das Wehrkloster auf dem Burgberg im Landkreis Harju wie kaum an anderes Gotteshaus für die Geschichte und Entwicklung Estlands. Ihm direkt gegenüber leuchtet nun auch Padise Manor, das alte Herrenhaus der Famile von Ramm, in neuer Pracht. 1997 ergab sich für Olaf Thomas von Ramm und Cousin Clas Marten von Ramm die Möglichkeit, das Herrenhaus Padise zu kaufen und in historischen Familienbesitz zurückzuführen. Sie bauten einen Südflügel an, wo bis 1956 Küche, Backhaus und Personalräume standen.

Nun lockt das exklusive Anwesen im Schatten der Mönchsburg mit 15 herrlichen Zimmern, wunderbaren Tapeten und Mobiliar, dazu einem großartigen A-la-Carte Restaurant und neuer, schöner Terrasse am Teich heraus aus Estlands Hauptstadt Tallinn in die nur vermeintliche »Provinz«. Hier locken sommer- wie wintertags Angebote, seien es nun Wellness-Schwitzen in der historischen estnischen Tonnensauna, Brotbackkurse, Skiausflüge oder sogar Rockkonzerte. Über allem stehen aber Wanderungen in den riesigen Blaubeerwald.

Selbstverständlich prangt auch wieder das alte Wappen derer von Ramm an vielen Orten im Herrenhaus. Das Emblem, ein Widder mit einem Pfeil durch den Bauch, findet sich auch in Stein gemeißelt am Haupteingangs. Es wurde 1766 aus den von einem verheerenden Brand endgültig zerstörten Klosterruinen geborgen. Da waren die von Ramms schon einige Zeit vor Ort. Ein Thomas von Ramm, Burggraf und Münzmeister von Riga, erhielt Padise bzw. das Kloster Padis 1622 von Schwedenkönig Gustav II. Adolf nicht zuletzt für seine Hilfe im Jahr zuvor. Da hielt er Rigas Tore mitten im Dreißigjährigen Krieg und während der polnisch-schwedischen Auseinandersetzungen für die Schweden offen – und wurde belohnt.

Andererseits dürfte Padise auch eine Art Kompensation für den Verlust jener von Ramm`schen Güter bei Riga gewesen sein, die damals bei Gefechten zerstört wurden. Man darf getrost annehmen, dass die Renovierung des Anwesens bis 2001 und über die letzten zwei Dekaden ein Vermögen kostete. Doch Olaf Thomas von Ramm, Professor für Biomedizinische Technik an der Duke University in Durham, South Carolina (USA), und Cousin haben es gestemmt. 1622 dürfte alles weit günstiger ausgefallen sein. Denn erst einmal wohnten die von Ramms über 140 Jahre quietschfidel im alten Kloster.

Dann, nach dem alles verzehrenden Feuer von 1776, musste ein neues, barockes Herrenhaus her. Man konnte sich mühelos aus dem riesigen Fundus der Klostertrümmer bedienen, die Steine auf kurzem Wege über den Hof zur Baustelle tragen und neu schichten. 1848 wurde dem nun klassizistisch umgebauten Haus dann ein Stockwerk aufgesetzt. Da waren die von Ramms auch schon mit Herrenhäusern ringsum, in Vichterpalu, Hatu und Vasalemam präsent. 1920 wurde alles verstaatlicht, ging mit der Unabhängigkeit in den Besitz Estlands.

Die Klostertrümmer dienten mit Material für das neue Herrenhaus.
Die Klostertrümmer dienten mit Material für das neue Herrenhaus.

 

Die von Ramms blieben, bis Hitler kam. Dann, nach 1945 wurde das Herrenhaus zur Schule und später Fabrik. Auch die ringsum im 19. Jh. entstandenen Gutsgebäude stehen noch – mit Ausnahme der alten Brennerei, die 2001 abbrannte. Nahebei steht auch eine Wassermühle, weiter am Klosterbach, der auch Padischer Bach genannt wird, entlang führt ein 1,5 km langer Weg sogar zu einer uralten estnischen Wallburganlage: Padise, das deutsche Padis, war wohl seit je ein äußerst attraktiver Ort! Die rückwärtigen alten Gutsgebäude nutzt heute das örtliche Tourismusbüro, wo das Museum auch Sonderausstellungen präsentiert. Auch die Gemeindeverwaltung ist präsent, ebenso öffnen eine Kneipe mit Restaurant und sogar ein Hofladen, der auch leckere lokale Waren bietet.

Blick in die Klosterannalen...

Das Kloster selbst geht wohl auf mindestens 1220 zurück, als Zisterziensermönche aus Dünamünde (Lettland) 30 Pflüge Land in Padise erhielten, um die estnische Landbevölkerung zu christianisieren. Dabei war anfangs keineswegs selbstverständlich, dass sich das Kloster zu einem der wichtigsten geistigen (und natürlich auch wirtschaftlichen) Zentren nicht nur in Estland, sondern dank vieler neuer Besitzungen auch in Süd-Finnland entwickeln würde.

Denn nachdem das Kloster Dünamünde 1305 an den Deutschen Orden gegangen war, zogen die Mönche, deren Mutterhaus ab 1317 das heute ebenfalls in Ruinen liegende Kloster Stolpe bei Anklam in Vorpommern war, 1310 hierher. Ab 1317 wurde das Kloster auch wehrhaft befestigt. Die Blütezeit begann mit riesigen Neubesitzungen in Estland und Finnland. Dann aber kam die Georgsnacht, der 23.4.1343, als 28 Mönche, Laienbrüder und Ritter getötet wurden und das noch überwiegend hölzerne Kloster nieder brannte. Die Esten zeigten sich also renitent, gegen Kreuz wie Schwert. Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands begann dann ab 1370 der eigentliche Klosterneuaufbau. Zuvor hatte man bereits das Recht zur Lachsfischerei 1351 erhalten, das dann 1428 vom Domkapitel in Turku für viel Geld erst einmal für die finnischen Besitzungen zurückgekauft wurde.

Um 1400 war Kloster Padise ein bedeutender Machtfaktor im östlichen Mare Baltikum. Dann aber begann der Niedergang im 16. Jh. mit dem Höhepunkt, dem Klosterende 1559 bei der Auflösung des livländischen Zweigs des Deutschen Ordens. Schon 1561 kamen die Schweden, 1576 dann russische Truppen. Das mochten die Schweden nicht auf sich sitzen lassen und eroberten das Kloster – mit Schäden- 1580 zurück. Wenn das Kloster im Jahr 2020 seine 800-jährige Existenz begeht, darf also auf eine extrem ereignisreiche Geschichte zurückgeblickt werden. Wer heute durch die rtiesige Ruinenanlage mit der auch von Graffitti überzogenen Klosterkirche oder durch die Gewölbekeller und uralten Brunnenhöfe stromert, erhält einen bemerkenswerten Einblick zurück in die einstige Blütezeit, die vom Abt Johannes (1317 – 1320) bis Georg Conradi reichte, der 1555 bis 1559 die Klostergeschicke lenkte. Doch ein Klostergespenst gibt es nicht. Das soll – in Form des Stöhnens einer Frau, die im 18. Jh. im Herrenhaus lebte, eher dort zu finden sein.

Innenhof des alten Klosters.
Innenhof des alten Klosters.


Ferienhof Kallaste (Kallaste Talu): Backen mit Ülle Kuningas

Nur wenig entfernt – und doch nicht leicht zu finden – präsentiert sich der Ferienhof Kullaste in gänzlich anderer Tradition. Hier, um die mitten im Wald stehende alte Gemeindeschule von Kloostri-Aruküla in Padise, haben Ülle Kuningas und Familie ein wahres Freizeitparadies in die Natur gebaut. Das hier früher auch anderes stattfand, beweist der gelblackierte historische Traktor vor der Tür.

Aber nun geht es lieber von hier auf Wanderungen in den märchenhaften Blaubeer- Kiefernwald, wo man auf den Wegen bis hin zu den Ruinen des Klosters Padise auch überwachsene Bunker, unbemerkt vor sich hin schlummernde prähistorische Burgen und vieles mehr entdeckt. Letzter Schrei sind Nachtwanderungen zum Kloster Padise – mit Taschenlampe! Die Leute kommen, um die günstigen Hütten im Wald zu mieten, den Kleintierzoo mit Kamerun-Ziegen, Gänsen und Kaninchen zu bestaunen, um in der estnischen Traditions-Tonnensauna zu schwitzen und den Badebesen zu bedienen, zu Bogen- und Armbrustschießen, um am Lagerfeuer zu singen und rustikale Schmaus-Events zu erleben. Und sie kommen zur Brotbackschule, in der sie Ülle Kuningas erleben, ihren Brotteig samt Himalaya-Salz, Malz, Leinsamen, Roggen- und Flachsmehl, Hanf- und Zedernsamen, Kürbis- und Sonnenblumenkernen, Rosinen, Honig oder Brotsiurp backen und mit leckerem Käse verkosten können. Auch dies ist alte estnische Tradition – und ein Grund mehr, nach Padise zu reisen.

Die meisten kommen aber für die Open air-Konzerte. Denn hier findet jährlich das Rockfestival »Kalju-lava« statt, wohin Tausende aus Tallinn strömen. An diesen Konzertabenden sollte man eher nicht zum Übernachten oder Brotbacken kommen. Es sei denn, man möchte anschließend die derzeitigen estnischen Top-Bands »Tane Padar and the Sun« oder »Terminaator« im Wald erleben.

 

Impressionen:

 

Information

Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.visitestonia.com/de 
Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1 
Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en 

Nordica: www.nordica.ee; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. ; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More); sehr günstige Flüge von Tallinn nach Kuressaare

Reiseveranstalter:
Sehr zu empfehlender Veranstalter »Estland – kulinarische Spurensuche« (1.9. – 8.9.2018): Entdeckertouren, c/o Reisebüro Klingsöhr, Oberföhringer Str. 172, 81925 München, Tel. 089 9 57 00 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.entdeckertouren.com/67249 

Übernachten/Essen:
Padise Manor (Padise mõis), 76001 Dorf Padise (Padise küla), Harjumaa, Padise vald, Tel. +372 6 08 78 77, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , https://padisemois.ee/de/ ; 15 DZ und Suiten; A la carte-Restaurant

Ferienhof Kallaste (Kallaste Talu), 76001 Padise, Harjumaa, Tel. +372 5 07 61 38, Tel. +372 55 51 30 02, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , https://kallastetalu.ee/?lang=en 

Estnische Spezialitäten:
Hää Eesti Asi (Goods of Estonia), Aia 1/Viru 23, Tallinn, Tel. +372 56 97 64 11, https://et-ee.facebook.com/heaeestiasi ; tgl. 10.00 – 20.00 Uhr
Filiale Flughafen Tallinn: Goods of Estonia, Lennujaama tee, 11101 Tallinn, Tel. +372 56 97 64 12, www.tallinn-airport.ee/en/shops/ ; Öffnungszeiten: tgl. 40 Minuten vor erstem Abflug bis zum Abflug des letzten Fliegers

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 18/02/2018

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