Saaremaa: Abenteuer auf dem "Inselland" (Teil 2)

Häufig direktes Besucherziel auf Saaremaa ist die Inselhauptstadt Kuressare, das alte Arensburg, längst wieder ein Kurort, an dessen schick hergerichteter Yachthafenpromenade bis hin zur Hafenbar am äußersten Ende sich hochmoderne Spa- und Wellnesshotels reihen...

Prima ist das Georg Ots SPA Hotell, wo Hotelchef Alar Aksalu neben Zimmern und vier Suiten, SPA, Pool und Saunen auch ein wunderbares Café-Restaurant mit Terrasse bereithält. Hier wird sogar – ganz traditionell – frischer estnischer Birkensaft angeboten. Hier kann man die Seele im Winde baumeln lassen und erfährt Heilung ohne jede Hexerei! Dafür amüsiert vor der Tür direkt an der Kurpromenade der Bildhauer Tauno Kangros mit seiner 2002 aufgestellten Skulptur "Suur Töll und Piret" ("Töll ja Piret"). Er nahm ironisch wohl auch "tragende Rollen" zwischen den Geschlechtern auf die Schippe. Dabei stehen der Riese Töll und Frau Pirit für das Gute auf Saaremaa, stehen für Warmherzigkeit, Fleiß und Gerechtigkeit.

Wahrzeichen von Kuressare (16.000 Einwohner) ist natürlich die perfekt restaurierte mittelalterliche Ordensburg, einst auch Bischofssitz, umzingelt von Riesen-Erdwällen und Wassergraben: Im Innenhof reihen sich historische Meilensteine mit Werst-Angaben, die prallgefüllte Inselgeschichte präsentiert das Burgmuseum mit zig Sagen um die Eisenmänner, mit einer unglaublichen Burgküche, einer Violinistin im ersten Stock und einer Burgfee, der zuzuhören sich stets lohnt. Geschlemmt wird hier natürlich auch: Die Mittelalterbankette auf der Burg sind wie die Burgkonzerte regelmäßig ausgebucht. Eine Sonderausstellung beleuchtet indes auch den Widerstand der Esten zu Zeiten der sowjetischen und deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg – und deren bis 1989 bitteren Folgen, die nun überwunden sind.

In Kuressaare ist alles gut erreichbar, ob nun zu Fuß, per Rad oder im günstigen Mietwagen. Manche kommen zum Wellness-Weekend sogar von Tallinn per Flugzeug hierher. Die Tickets sind günstig, und es locken moderne Anlagen, aber auch Strände, Meer und gute Küche.

Schön auch, dass Kuressaare/Arensburg als florierende Kurstadt die restliche historische Bäderarchitektur perfekt restaurierte. So beeindrucken alte Bürgervillen und das Kurhaus, vor dem nun der Europaradweg 1 direkt vorbeiführt. Im Kurhausladen werden auch zahlreiche Bio-Lebensmittel von Saaremaa angeboten.

Eine kulinarische Topadresse ist das in einer alten, siebenetagigen Windmühle eingerichtete Restaurant Saaremaa Veski (Saaremaa Windmühle). Hier kümmert man sich – auch in historischem Kostüm, um den Erhalt historischer estnischer Rezepte. Fünf der sieben Etagen kann man bei einem Rundgang ersteigen. Am beeindruckendsten ist aber die Bar im ersten Stock. Hier sitzt man zum Frischgezapften stilecht auf historischen Mehlsäcken!

Kulinarische Topadresse: Saaremaa Veski.
Kulinarische Topadresse: Saaremaa Veski.

 

Manager Kaupo empfiehlt natürlich den Signature dish: Wildschwein, etwa mit Pilz-Orsotto (aus Graupen), schwarzen Johannisbeeren und Weinsauce. Oder aber einige Scheiben Wild. Lecker ist der Räucherkäse vom Rautsi-Hof mit Roter Bete und grünem Salat. Dazu darf es ein Saarema ölu, ein Bier von Saaremaa sein (4,7 – 7,6 %; 3,50 bis 5,50 €). Die Windmühle von 1899 an der orthodoxen Kirche war bis zur Ankunft der Deutschen 1942 in Betrieb.

Ein gänzlich anderes Konzept fahren die Mitarbeiter des Kohvik Retro, des Retro-Café an der Schloss- bzw. Burgstraße 5 (Lossi 5). Hier nimmt man sich und vor allem die Sowjetzeit gern auf die Schippe, jährlich auch mit Korsofahrten, in alte uniformen kostümiert und in uralten Ladas. Unprätentiös geht es zu, die ausgezeichnete Küche, sie zählt zu den besten 50 in Estland, wird noch von der unbekümmerten Freundlichkeit der Kellnerin in den Schatten gestellt. Gemütlich ist der kleine Innenhof – ein Besuch lohnt.

Ausflug auf die Halbinsel Sörve

Eigentlich hat die sich südwestlich Kuressaare anschließende Halbinsel Sörve, wo sich Wehrmachts- und Sowjettruppen – mit Esten auf beiden Seiten – im Oktober und November 1944 einen mörderischen Kampf lieferten, eine komplett andere, friedfertige Geschichte, fast wie Tolkiens Hobbits: Einst wohnte hier ein Völkchen im winzigen Königreich Torgu, das mit selbst gemachtem Holzgeld zahlte und zufrieden auf das Baltische Meer schaute. Aber oft genug wollten dies andere nicht. So trifft man im kleinen Dörfchen Salme, hart an der engsten Stelle zur sich weitere 30 km nach Süden bis zur unbewohnten, aber ausgeschilderten Siedlung Sääre ausdehnenden Halbinsel, auf jene Grabungsstellen, an denen Archäologen 2008 und 2012 zweiuralte Wikingerschiffe ausbuddelten. Schiff Salme 1 barg die Überreste von 7 Toten, das 30 m entfernt entdeckte Boot Salme 2 sogar 33 Tote. Beide Schiffe werden auf 700 bis 900 n. Chr. datiert, gelten als älteste Wikinger-Segelschiffe überhaupt. Da außer Kämmen aus Elchgeweih auch Waffen und Tieropfer entdeckt wurden, darf man davon ausgehen, dass die Damen und Herren damals nicht nur zum Handel anstrandeten – und ihre Gefallenen in diesen Schiffsgräbern zurückließen. Eigentlich war der 469-Seelenort Salme bisher nur dafür bekannt, dass hier Dorfpfarrer Martin Körber (1817 – 1893) am 21. Mai 1863 eines der ersten Sängerfeste in Estland veranstaltete. Wer weiß, das Estland bis heute die Singende Revolution von 1989/1991 und die damit einher gegangene erneute Unabhängigkeit feiert, mag die Bedeutung ermessen.

Aber Salme hat auch noch ein weiteres Denkmal. In Salmes Vorort Tehumardi erinnern ein Betondenkmal der Sowjetarmee in Form eines abgebrochenen Schwertes und 60 Gedenksteine mit Namen Gefallener an eine weitere, fürchterliche "Nacht der langen Messer", die sich hier am 8.10.1944 ereignete. Damals zogen sich deutsche Truppen hier auf die Halbinsel Sörve zurück, wurden aber von der Vorhut der ebenso nichtsahnenden Sowjettruppen überrascht. In absoluter Dunkelheit entwickelte sich ein Kampf Mann gegen Mann, der nach drei Stunden mindestens 750 Tote forderte. Die sich bis zum Abzug der Wehrmacht am 24.11.44 anschließende Schlacht um die Halbinsel Sörve, das Ende des "Unternehmens Aster" zur Begradigung des Frontverlaufs und Rettung der Nordarmee der Wehrmacht, forderte das mindestens zehnfache an Opfern. 3500 der Wehrmachtsopfer sind auf dem Kriegsgräberfriedhof von Kuressaare bestattet, der offenbar regelmäßig besucht wird. Wie viele Tote die Erde der Halbinsel noch birgt, ist kaum zu schätzen.

Betondenkmäler der Sowjetarmee.
Betondenkmäler der Sowjetarmee.

 

Heute ist das einstige totale Sperrgebiet indes wieder offen. Man fährt auf der Küstenstraße durch dichten Wald und vorbei an den Panki, den Inselklippen, bis nach Sääre, das deutsch mal Zerell hieß. Hier ragt am Wärterhaus der 1960 aus Stahlbeton erbaute, 52 m hohe Leuchtturm auf. Das ganze Areal bis zum Ufer vor dem Ausflugsyachten ankern, ist nun Museum. Ringsum stehen noch Relikte vergangener Kämpfe, aber auch früherer Leuchtfeuer, deren erstes 1646 brannte. Am Eingang werden sogar authentische Kriegstrophäen zum, Verkauf angeboten, darunter Stahlhelme mit Einschusslöchern. Nebenan öffnet ein privates Militärmuseum und zeigt Relikte der jüngsten Vergangenheit. Wo heute Füchse hoppeln, waren vor 1989 auf Westeuropa gerichtete Sowjetraketen stationiert, einige Hüllen sind noch da. Wenig weiter findet sich noch eine russische Batteriestellung aus dem 1. Weltkrieg. Und auf Sörve waren auch Sowjet-Fliegerhorste. Von denen starteten im August und September 1941, kaum jemand weiß es, Sowjetflieger schon kurz nach Beginn des Unternehmens Barbarossa (Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion) im Juni 1941 zu Feindflügen bis in die Vororte Berlins.

Dann aber zeigt sich Sörve an ihre Westküste von ihre allerschönste Seite. Hier zeugen zahlreiche neue Wohnhäuser, auch mit traditionellem Reetdach davon, dass Sörve längt auch urlaubsparadies ist. Umgebaute historische Windmühlen wurden zu B&B, eine alte lutherische Kirche samt Uralt-Friedhof kann besichtigt werden, sommertags öffnen Strand- und Klippencafés. Keine Frage: Sörves Zukunft kommt – in raschen Schritten. Und wird vielleicht wieder ein kleines Königreich Torgu, nur dann mit Euro, und ohne Holzgeld.

Information
Vor der Reise:

Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.visitestonia.com/de 
Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1 
Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en 

Vor Ort:
Saaremaa Tourist Information Centre, Tallinna tänav 2, 93813 Kuressaare, Saaremaa, Tel. +372 4 53 31 20, www.visitSaaremaa.ee 
Anreise:
Nordica: www.nordica.ee ; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. ; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More); sehr günstige Flüge von Tallinn nach Kuressaare

Reiseveranstalter:
Sehr zu empfehlender Veranstalter "Estland – kulinarische Spurensuche" (1.9. – 8.9.2018): Entdeckertouren, c/o Reisebüro Klingsöhr, Oberföhringer Str. 172, 81925 München, Tel. 089 9 57 00 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.entdeckertouren.com/67249 
Übernachten/Essen:
Georg Ots SPA Hotell, Tori 2, 93810 Kuressaare, Saaremaa, Tel. + 372 4 55 00 00, +372 4 55 01 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , https://gospa.ee/ ; 85 DZ, 4 Suiten, 3 Familienzimmer, mit SPA, Pool und Saunen, Restaurant mit Terrasse
Chef Alar Aksalu
Saaremaaaa Veski (Saaremaaa Windmühle) Restaurant, Pärna 9, 93814 Kuressaare, Saaremaa, Tel. +372 4 53 37 76, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , http://Saaremaaveski.ee/en/ ; So – Do 12.00 – 22.00, Fr, Sa 12.00 – 0.00 Uhr
Kohvik Retro (Retro-Café), Lossi 5, 93819 Kuressaare, Saaremaa, Tel. +372 56 83 84 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , http://kohvikretro.ee ; Mo – Do 12.00 – 22.00, Fr., Sa 12.00 – 0.00, So 12.00 – 20.00 Uhr

Attraktionen:
Burgmuseum Kuressaare, 93810 Kuressaare, Saaremaa, www.saaremaamuuseum.ee/en ; 1.5. – 1.8. tgl. 10.00 – 19.00, sonst Mi – So 11.00 – 19.00 Uhr; Eintritt: 6 €
Kaali Meteoritenkrater/Museum für Meteoritik, 94102 Dorf Kaali (Kaali küla), Pihtla vald, Saaremaa, Tel. +372 4 59 11 84, http://kaali.kylastuskeskus.ee/ger/index.php; Eintritt: 1,50 €; auch Übernachtung (DZ 47 €) und Sauna (Std. 15 €), Essen im Dorfkrug (www.kaalitrahter.ee)
Angla Windmühlenmuseum, Angla küla, Leisi vald, Karja kihelkond, Saaremaa, Tel. +372 5 05 04 34, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.anglatuulik.eu; 1.5. – 3.8. tgl. 9.00 – 20.00, 1.9. – 30.9. tgl. 9.00 – 18.00, sonst bis 17.00 Uhr; Eintritt frei
Panga Klippen: Eintritt frei
Vilsandi Nationalpark:   

Estnische Spezialitäten:
Hää Eesti Asi (Goods of Estonia), Aia 1/Viru 23, Tallinn, Tel. +372 56 97 64 11, https://et-ee.facebook.com/heaeestiasi ; tgl. 10.00 – 20.00 Uhr
Filiale Flughafen Tallinn: Goods of Estonia, Lennujaama tee, 11101 Tallinn, Tel. +372 56 97 64 12, www.tallinn-airport.ee/en/shops/ ; Öffnungszeiten: tgl. 40 Minuten vor erstem Abflug bis zum Abflug des letzten Fliegers

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 08/02/2018

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