Saaremaa: Abenteuer auf dem "Inselland" (Teil 1)

1300 km Küste, 2672 km² Inselfläche, 90 km von Ost bis West, ca. 88 km an der größten Nord-Südausdehnung: Das Saaremaa, die größte der ca. 1500 Inseln Estlands und viertgrößte Insel im Mare Baltikum, der Ostsee, die in Estland – man bedenke die geographische Lage – aber Westsee heißt...

In Deutschland ist die Riesenfläche, die übersetzt schlicht "Inselland" bedeutet, historisch als Insel Oesel bekannt. Verantwortlich dafür soll ein Isländer gewesen sein: Der legendäre Snorri Sturluson (1179 – 1241), Historiker, Dichter und Verfasser der Prosa-Edda, nannte sie in seiner Heimkringsla-Saga "Eysysla", "Inselbezirk". Latinisiert Osilia, schwedisch Osala, wurde daraus Oesel. Im 2. Weltkrieg schwer heimgesucht, war das heute wieder von 36 000 Insulanern, darunter 98 % Esten, bewohnte Saaremaa bis 1989 ein ziemlich abgeschottetes Sperrgebiet der Sowjetarmee. Mit Folgen: Denn so hat sich auf Oesel/Saaremaa auch eine großartige Natur entwickeln können, die den heutigen Bauern und Kleinproduzenten großartige Früchte ihrer Arbeit und den Hotelliers und Restaurants vor Ort üppige Speisekarten beschert. Beeren, Wild und andere Öko-Köstlichkeiten von Saaremaa sind in – auch in Estlands Hauptstadt Tallinn, das alte Reval. Und die Touristen kommen nun in Scharen, schätzen die langen, warmen Inselsommer und milden Winter. Denn Saaremaa ist ideal- sei es für Radtourenfahrer, Wanderer oder Badeurlauber, sei es für Kur- und Wellnessaufenthalte in der alten Inselhauptstadt Arensburg, die heute wieder Kuressaare heißt.

Orissaare: Baum des Jahres und Maasilinn, die alte "Soneburg"

Nur der Damm verbindet Muhu, die Mohninsel, mit der zweitgrößten Stadt Orissaare (deutsch Orrisaar) auf dem "Inselland" Saaremaa, die bis zum Dammbau 1896 über Jahrhunderte wichtigster Inselfährhafen war. Ein Stopp in einer der Parkbuchten auf dem Damm lohnt, nicht nur um das wild wuchernde Schilf zu bewundern und die Meerenge zu bestaunen, die im 1. Weltkrieg mit dem Muhu-Sund Schauplatz einer veritablen Seeschlacht zwischen Zaren- und Kaiserreich war. Beide gingen für immer unter! Hier plädieren Naturschützer für die Rettung der sich auf dem Wasser tummelnden Schwäne.

Orissaare markiert dann jenen Ort, an dem ab 1227 die Eisenmänner erst des Livländischen, dann des Deutschen Ordens – nach 20 Jahren Auseinandersetzung mit den estnischen "Inselheiden" – die Herrschaft übernahmen und Oesel mit Kreuz und Schwert kolonisierten. Erst einmal beeindruckt der Ort aber mit dem Kulturhaus samt Bibliothek und dem 1946 in einem perfekt renovierten neoklassizistischen Bau eröffneten Gymnasium. Gleich gegenüber der Prachtschule lockt dann ein natürliches Kuriosum auf die Aschebahn. Denn inmitten der Laufbahn, auf der Schülerinnen und Schüler gegen die Lehrerstoppuhr um die Wette rennen, befindet sich Orissaares Fußballplatz. Und der wartet mit einer Einmaligkeit auf: Im Anstoßkreis in Höhe der Mittellinie wächst eine mehrhundertjährige Eiche.

Fußball mit einer uralten Eiche als Gegner…
Fußball mit einer uralten Eiche als Gegner…

 

Nur einmal, 1951, wollten russische Gärtner den Trumm kappen, scheiterten aber am wuchernden Wurzelwerk und gaben auf. Seither haben sich die Kicker an die munter gedeihende Eiche gewöhnt, umdribbeln sie als zwölften, zählt man den Schiedsrichter mit, gar als dreizehnten Gegner (oder Gegnerin) und verschafften so der Eiche weltweite Resonanz. Sie schaffte es sogar, zum "europäischen Baum des Jahres 2015" gekürt zu werden.

Überhaupt ist Orissaare ein Ort zum Anhalten. Denn für die Bestellung im allerersten Inselcafé, dem 2017 für beste Inselküche ausgezeichneten Café Maru (www.marufood.com), reichen die ersten erlernten Brocken der estnischen Sprache allemal. "Ein Kaffee, ein Kuchen", "Üx Kohv, üx Kook", kommt jedem über die Lippen, etwa im Gartencafé von Good Kaarma (deutsch: Gut Kermel), wo auch Bioseifen hergestellt werden, am Eisstand des Meteoritenkrater in Kaali, oder in dem mit EU-Geldern aufgebauten Angla-Besucherzentrum Angla, das von historischen Bockwindmühlen umstanden ist. Und das Estnische hält viele deutsche Sprachreste wach: so ist die Stunde eine "tund", ein Stück schlicht "tükk", das Schloss ein "Loss".

Erst einmal geht es aber ins zu Orissaare gehörende 53-Seelendorf Maasi, wo der Livländische Orden 1345 den Bau der Ordensburg Maasilinn (estnisch Maasilinna ordulinnus), die einst "Soneburg" hieß, weil sie tatsächlich sonnig liegt. In der auch um Untergeschoß aufwändig restaurierten Ruine kann man ihrer Geschichte anhand der Fotoausstellung nachspüren und erlebt die Maßnahmen von Ordensmeister Burchard von Dreileben nach: Der hatte den Bau, erst einmal aus Holz, nach dem letzten militärischen Mucks der Esten, der Zerstörung der Ordensburg im Inseldorf Pöide befohlen, wo heute leckeres gleichnamiges Inselbier gebraut wird. Ihr folgte die rächende "Nacht der langen Messer", der Georgsnacht 1343, als alle renitenten Esten niedergemacht wurden.

Alte Kirche auf der Insel.
Alte Kirche auf der Insel.

 

Ordensbruder Goswin von Herike (1345–1359) baute dann die Steinburg und erweiterte sie. 1518 erhielt sie eine Vorburg, weitere Türme und Kanonenrampen. Dann aber kam das Jahr 1564 mit dem Burgverkauf vom Orden an die Dänen, die die Burg schon 1666 schleiften. Zweimal noch, 1568 und 1575, wurde sie reaktiviert, ehe 1576 auf Befehl von Dänenkönig Friedrich II. durch Sprengung alles in Dutt war. Seit 2001 wird hier nun rege restauriert und geforscht, auch, weil man schon 1987 das sog. Maasilinn-Schiff nahe der Burg fand. Der zehn Meter lange Kahn aus Ahornholz stammt vermutlich von 1550, wurde restauriert und ist einziges Beispiel spätmittelalterlicher Schiffsbaukunst in Estland. Seit 2010 ist es in Tallinns Meeresmuseum im alten Wasserflugzeughafen der Sowjetzeit zu bestaunen.

Varjala, Karja, Kaarma, Kaali, Pilguse – Dörfer zum verlieben

Natürlich wird um die Sonnenburg auch in Estlands Nationalepos "Kalevipoeg" gerungen. Und wie sich zeigt, ist kein Ort, keine Kirche auf Saaremaa ohne Bezug: So steht die älteste Inselkirche in Valjala, einst Wolde, nahe einer uralten Wallanlage und birgt zahlreiche Kleinodien und Fresken. Noch beeindruckender ist das nahezu gleichzeitig entstandene Kirchlein in Karja (deutsch: Karrishof), die heutige evangelisch-lutherische St. Katharinenkirche (ab 1254). Die einschiffige gotische Wehrkirche, Sakristei und Chor dienten als Schutzraum, besitzt zahllose gotische Steinmetzarbeiten jener Zeit, aufwendigen Kapitellschmuck und an der Apsisdecke über dem Altar geradezu magische Zeichen: Die wunderbaren Deckenfresken zeigen eigenartig dreibeinige, fast eulenspiegelhafte Figuren, sogenannte Triskelen, dazu Pentagramme, Labyrinthe, Sterne: christliche wie heidnische Symbole brav nebeneinander vereint, die wohl gegen böse Geister schützen sollten. Sie sollte man bei einer Inselrundfahrt ebenso nicht verpassen wie die vielen kleinen Häfen und Anlegestellen entlang der Nordküste und die nahen fünf Windmühlen von Angla.

Einst standen hier mal neun Mühlen, bei gerade 13 Bauernfamilien ringsum. Bis vor kurzem waren hier auch historische Schaukeln die Attraktion. Denn Kiiking, Stehschaukeln mit Überschlag in bis zu 10 oder gar 20 Metern Höhe, ist Nationalsport in Estland. Natürlich auch, weil es zu Sowjetzeiten verboten war. Denn Kiiking galt als subversiv, weil die Jugend einst so auf den Dorfplätzen Freundschaften, Liebeleien und Ehen ausschaukelte. Esten lieben, wie die Finnen, auch weitere skurrile Sportarten. Etwa wenn Ehemänner ihre Gattinnen schnell, huckepack und trockenen Hauptes über Schlammlawinen tragen. Oder ihr Faible für den Gummistiefel-Weitwurf!

Kein Inseldorf, in dem nicht rätselhafte Mythen und Sagen auf Besucher harren, nahebei z. B. der einmalige Kaali-Meteoritenkrater, um den gleich acht weitere Einschläge gruppiert sind. Die Weltalleisenladung soll ca. 7600 Jahre v.Chr. als Feuerball herabgeregnet sein. Doch andere behaupten stur, dies sei 900 v.Chr. passiert. Dabei hatte Alfred Wegener, verschollener Grönlandforscher und weltberühmt für die Entdeckung von Plattentektonik und Kontinentalverschiebung, bei seinem Besuch am Krater im Jahr 1927 als erster den richtigen Riecher! Grabungen in den siebziger Jahren förderten aber auch zutage, dass dieser Ort lange vor und lange nach der Ordenseroberung befestigt war und heidnischer Verehrung diente. Ganz nebenbei ist der Kratersee einer jener 50 Süßwasserseen, die Saaremaa besitzt. Wohl berühmtester ist der Karujärv, der Bärensee bei Kärla (deutsch: Kergel), wo sich einst sieben Zottelpetze heftig gebalgt haben sollen. Dann ließ es der uralte estnische Donner- und Inselgott Taarapita so heftig regnen, dass die Bären auseinander stoben. Geblieben ist der See.

Die Natur bestimmt die Landschaft…
Die Natur bestimmt die Landschaft…

 

Und natürlich kann man in der Gaststätte am Meteoritenkrater auch Saaremaa-Spezialitäten genießen, etwa Saaremaa Juust, den Inselkäse. Leckeres Roggenbrot und Eiscreme hat die Kaali-Bäckerei, ringsum gibt es Buchweizenprodukte und Leindotteröl vom Laratsi-Hof in Pähkla. Im Gasthof locken Salate mit kaltgepresstem Rapsöl von Saaremaa, man prostet sich mit lokalem Pithla- und Pöide-Bier oder Estlands goldenen Gerstensaft Nummer Eins, Saku Kult, zu und schlemmt Räucherfisch aus dem Dörfchen Nasva oder Bio-Lamm und Fleisch von Hochlandrindern aus Mustjala.

Und natürlich hat auch der äußerste Westen Saaremaas einiges zu bieten. So Klippen und unberührte Natur im Viljandi-Nationalpark inklusive der vorgelagerten Insel Viljandi. Oder Pilguse Manor, den Gutshof Pilguse, einst Wohnhaus jenes Fabian Gottlieb von Bellinghausen, der hier nach 1778 aufwuchs, ehe er mit seinen Antarktis-Expeditionen auf der Wostok 1819 – 1821 weltberühmt wurde.

Information
Vor der Reise:

Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.visitestonia.com/de 
Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1 
Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en 

Vor Ort:
Saaremaa Tourist Information Centre, Tallinna tänav 2, 93813 Kuressaare, Saaremaa, Tel. +372 4 53 31 20, www.visitSaaremaa.ee 
Anreise:
Nordica: www.nordica.ee ; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. ; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More); sehr günstige Flüge von Tallinn nach Kuressaare

Reiseveranstalter:
Sehr zu empfehlender Veranstalter "Estland – kulinarische Spurensuche" (1.9. – 8.9.2018): Entdeckertouren, c/o Reisebüro Klingsöhr, Oberföhringer Str. 172, 81925 München, Tel. 089 9 57 00 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.entdeckertouren.com/67249 
Übernachten/Essen:
Georg Ots SPA Hotell, Tori 2, 93810 Kuressaare, Saaremaa, Tel. + 372 4 55 00 00, +372 4 55 01 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , https://gospa.ee/ ; 85 DZ, 4 Suiten, 3 Familienzimmer, mit SPA, Pool und Saunen, Restaurant mit Terrasse
Chef Alar Aksalu
Saaremaaaa Veski (Saaremaaa Windmühle) Restaurant, Pärna 9, 93814 Kuressaare, Saaremaa, Tel. +372 4 53 37 76, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , http://Saaremaaveski.ee/en/ ; So – Do 12.00 – 22.00, Fr, Sa 12.00 – 0.00 Uhr
Kohvik Retro (Retro-Café), Lossi 5, 93819 Kuressaare, Saaremaa, Tel. +372 56 83 84 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , http://kohvikretro.ee ; Mo – Do 12.00 – 22.00, Fr., Sa 12.00 – 0.00, So 12.00 – 20.00 Uhr

Attraktionen:
Burgmuseum Kuressaare, 93810 Kuressaare, Saaremaa, www.saaremaamuuseum.ee/en ; 1.5. – 1.8. tgl. 10.00 – 19.00, sonst Mi – So 11.00 – 19.00 Uhr; Eintritt: 6 €
Kaali Meteoritenkrater/Museum für Meteoritik, 94102 Dorf Kaali (Kaali küla), Pihtla vald, Saaremaa, Tel. +372 4 59 11 84, http://kaali.kylastuskeskus.ee/ger/index.php; Eintritt: 1,50 €; auch Übernachtung (DZ 47 €) und Sauna (Std. 15 €), Essen im Dorfkrug (www.kaalitrahter.ee)
Angla Windmühlenmuseum, Angla küla, Leisi vald, Karja kihelkond, Saaremaa, Tel. +372 5 05 04 34, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.anglatuulik.eu; 1.5. – 3.8. tgl. 9.00 – 20.00, 1.9. – 30.9. tgl. 9.00 – 18.00, sonst bis 17.00 Uhr; Eintritt frei
Panga Klippen: Eintritt frei
Vilsandi Nationalpark:   

Estnische Spezialitäten:
Hää Eesti Asi (Goods of Estonia), Aia 1/Viru 23, Tallinn, Tel. +372 56 97 64 11, https://et-ee.facebook.com/heaeestiasi ; tgl. 10.00 – 20.00 Uhr
Filiale Flughafen Tallinn: Goods of Estonia, Lennujaama tee, 11101 Tallinn, Tel. +372 56 97 64 12, www.tallinn-airport.ee/en/shops/ ; Öffnungszeiten: tgl. 40 Minuten vor erstem Abflug bis zum Abflug des letzten Fliegers

Fotos: Jürgen Sorges

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 08/02/2018

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.