Estlands Insel Muhu, die Mohninsel

1517 Inseln liegen vor Estlands Küste in der Baltischen See. Die viertgrößte Insel im Mare Baltikum, der Ostsee, die Esten Westsee nennen, ist Saarema, Estlands "Inselland" bzw. "Landinsel". Ihr vorgelagert und mit einem Damm verbunden ist Muhu, die die 198 km² große Mohninsel...

Vom neuen, hochmodernen, auch mit EU-Mitteln hergerichteten Festlandfährhafen in Virtsu, deutsch Werder, ist es nur eine knappe halbe Stunde Fahrt hinüber zum Inselhafen Kuivastu, in dem ein alter hölzerner Lastensegler, die "Moonland", noch Atmosphärische aus guter alter Zeit versprüht. Sonst herrscht hier das 21. Jh., nicht nur, was die modernen Fährschiffe, ihre Taktung und Effizienz angeht. Die Nummernschilder der vorher gebuchten Autos werden per Video eingelesen, das Verladen kommt zügig voran. Im Winter kann man hier, 134 km von Tallinn, sogar die 8 km lange "Eisstraße" benutzen. Dann ist der Moonsund, deutsch Mohn-Sund, zugefroren, die Pistenfahrt ein abenteuerliches Vergnügen. Doch stets ist Vorsicht geboten, die markierte, ständig überprüfte Piste darf nicht verlassen werden, Vom winterlichen Eis ließen sich auch schon früher einige raue Gesellen verführen. So trabten im Januar 1227 Ritter des Schwertbrüderordens hinüber nach Muhu und besiegten mit ihrer christlichen Eisarmada von über 20.000 "Eisenmännern" die heidnischen Esten, die sich auf ihrer Inselfeste verschanzt hatten. Bis heute sind Überreste dieses letzten Bollwerks erhalten – und eine der größeren Inselattraktionen. Die Kapitulation der Inselesten nahm der Kommandant und päpstliche Legat für Preußen, die eroberten Baltenländer und einige skandinavischen Inseln, Wilhelm von Modena (ca. 1184 – 1251) an. Mit der wenig später erfolgten Eroberung von Saaremaa endete der Estnische "Kreuzzug", die Kolonisierung dieses Gebiet begann.

Doch nur wenig später ging es den Rittersleut in ihrem neuen Herrschaftsgebiet an Rüstung und Kragen. Am 16. Februar 1270 ließen sich von litauischen Heer auf das Eis des Moonsunds locken. Die Reiter stürmten in eine Falle aus Barrikaden und wurden mit Speeren niedergemacht. Hochmeister Otto von Lutterberg und 51 weitere Ritter verloren ihre Leben ebenso wie 600 Soldaten, angeblich zählte der überlegene litauischer Sieger 1600 Gefallene. Nur der Bischof des neuen Bistums, Hermann von Oesel-Wiek, entkam schwerverletzt, Diese historische Eisschlacht von Karuse ging als fünftgrößte Niederlage des Deutschen Ordens auf eigenem Territorium in die Annalen ein. Und auch der Rachefeldzug im Sommer 1270, angeführt von Interimshochmeister Andreas von Westfalen, ging schief. Er und 20 weitere Ritter starben in der Schlacht von Padaugava, die zentgrößte Niederlage der deutschen Ordensritter auf ihrem Territorium.

Brot für Estland: im Hauptinseldorf Liiva

Die Hauptinselstraße durchquert im Inselzentrum das Dörfchen Liiva, wo ein Gutteil der 1900 Insulaner lebt. Hier trifft man sich z. B. zum Schnack im Kalakohvik, dem "Fischcafé", kauft Kama-Mehl für Estlands Nationaldessert im kleinen Supermarkt, der hier gern nach Finnlands (und Helsinkis wie Tallinns) größtem Warenhaus "Stockmann" genannt wird, schaut im Kunsthandwerksladen von Ain Kollo vorbei oder lässt sich um die Ecke auf einen Kaffee oder Tee mit frischen Backwaren im Café Muhu Pagarid nieder. Das ist eine gute Wahl, denn gleich gegenüber der Eingangstür arbeitet Martin Sepping mit seinen Mitarbeiterinnen in der Muhu-Bäckerei. "Tere hommikust! Tere tulemast", "Guten Morgen! Willkommen", heißt es in der kleinen Backstube, in der täglich 700 bis 800 Brote gebacken werden. Die Muhu-Bäckerei ist eine sagenhafte Erfolgsgeschichte, denen Filialen existieren nun auch in und bei Tallinn und in Tartu. 70.000 Brote backt man in Tallinn im Monat, über eine Million sind pro Jahr. Dabei setzt Martin Sepping auf nur ein einziges Brotrezept: Roggenbrot, mit bestem Korn von Muhu und Saaremaa. So ganz geheuer ist Martin der der Erfolg dennoch nicht. Und so versucht er sich nun auch an Schwarzbrot mit einem Stich Knoblauch (Küüslaaga leiba), abgebacken als Chips – lecker!

In der kleinen Backstube werden täglich 700 bis 800 Brote.
In der kleinen Backstube werden täglich 700 bis 800 Brote.

 

Etwas weiter die Straße hinauf zeigen aus dem Kirchhofrasen ragende kreuz- und trapezförmige Grabsteine mit heidnischen und christlichen Symbolen und die Kirche St. Katharinen von 1267, dass die Ordensleute trotz mancher Rückschläge dennoch sehr erfolgreich waren. Trapezförmige christlich-heidnische Grabsteine wurden auch als Türsturz über dem Aufgang zur Orgelempore verbaut. Das der Heiligen Katharina von Alexandria geweihte frühgotische Gotteshaus erwähnte erstmals ein Hermann von Wartberge (1330 – 1380). Bedeutend im 1994 renovierten Bau sind die in der Reformation überputzten, erst 1913 wiederentdeckten Freskenfragmente von ca. 1280 (Szenen aus dem Leben Jesu, 12 Apostel, 12 Propheten, Engel, Petrus, Johannes der Täufer).

Liiva eignet sich besonders gut als Startpunkt zur Erkundung der Insel, die man auf dem 80 km langen Rundkurs per Rad in zwei Tagen erfahren kann. Gerade die Nordküste ist mit steilen Kliffen, den "Panki", schmuck restaurierten Bauernhöfen und vielen B&B ein Ort für Stille Suchende. Schläfrige Fischerdörfer, Estlands letzte noch betriebene Eemu-Windmühle, Landhäuser mit Schilf- und Reetdach säumen die Wege, auf Muhu sind Wildschweine, Rehe, Elche und zig Vögel heimisch. Sogar eine Straßenfarm öffnet ihre Gatter. Ein übereifriger Schmied, der im 19. Jh. beim Wildern erwischt wurde, sorgte als Buße für das Kunstwerk auf Liivas Friedhof. Dazu locken Ufer und Haff, Nadelholz, Wacholder, zahllose Orchideenarten und reich blühender Klatschmohn. Ein Naturparadies! In Koguva erinnert das Fischereimuseum in einem alten Reusenschuppen am Hafen an die Bedeutung der Fischerei. Und das wichtigere Freilichtmuseum Koguva existiert eigentlich nur dank jenes Bauern Hanske, der 1532 Ordensmeister Wolter von Plettenberg aus eisigen Fluten rettete.

Zum Dank wurde Hanske Freibauer und durfte das neue Dorf für freigelassene Leibeigene, Koguva, gründen. Hinter den moosbewachsenen, mit aufgestülpten Kähnen und Booten geschmückten Feldmaurern des Open air-Museums erinnert man auch an den Schriftsteller Juhan Smuul (1921 – 1971), der hier im Tooma-Haus aufwuchs. Lange war Koguva Fähr- und Poststation, ehe es 1968 unter Denkmalschutz geriet. 105 Gebäude sind insgesamt zu bestaunen, z. B. Schulhaus, Rauchsauna, alte Schmiede, das Netzhaus der Fischer, dazu Ziehbrunnen, Stubenmobiliar und eine für Estland unvermeidliche Hochschaukel. Schließlich ist Kiiking, Schaukeln, Nationalsport.

Auf dem ganzjährig öffnenden Reiterhof Tihuse bietet Martin Kivisuu ein- bis fünfstündige Reitausflüge (ab 20 €), im Winter auch im Schlitten, vor allem aber den Ancient Culture Trail mit Geschichten und Legenden zu Elfen und übernatürlichen Wesen aus Estlands heidnischer Vergangenheit. Auf Ausflügen geht es zu Fuß oder zu Pferde zu frühen vorchristlichen Kultorten. Dann serviert er auf dem Hof über Nacht frisch gezapften Birkensaft und beschwört die Kraft seines Weltenbaums, der in seiner guten Stube aufgestellt aber keinen Kontakt mehr mit Mutter Erde besitzt. Schön allerdings, dass hier auch B&B (ab 28 €) und Radverleih (10 €/Tag) geboten werden.

Auf zu Sikke und Albert: Nami Namaste!

Wichtigstes Kulturereignis auf Muhu ist aber das Jazzfest "Juu Jäbb", das jährlich Ende Juli auf Muhus stattlichem Gutshof Nautse stattfindet. (www.nordicsounds.ee; www.juujaab.ee). Der Trubel zieht sogar Politprominenz an. Estlands Präsident war schon da und urlaubte und wohnte auf Gut Nami Namaste, in der Siedlung Simiste, in deren winzigem schlauchförmigem, von Schilf überwuchertem Hafen einige Motorboote dümpeln und ein Campingplatzbesitzer an Land einen umgebauten Kutter als Arche Noah-B&B feilbietet. Die "Presidential Suite" von Nami Namaste, im 1. Stock des historischen Wohnhauses mit Treppenzugang von außen und herrlichem Blick ins Inselinnere, kann nun jeder beziehen, samt Großmatratze auf dem Teppich! Ein Glücksfall, das die finnische TV-Journalistin und Kochbuchautorin Sikke Sumari nach der Wende mit ihrem Gatten, dem Reisejournalisten und Globetrotter Toni Ilmoni, dies Gut erwerben konnte.

Das Gut Nami Namaste.
Das Gut Nami Namaste.

 

Auf Nami Namaste ist der bekannte Hindu-Gruß aber nicht unbedingt Programm. Einerseits rührt er wohl daher, dass Toni Ilmoni Asien von Osh in Kirgisistan bis Beijing zu Pferd ertrabte und so in Finnland berühmt wurde. Andererseits ist Sikke selbst durch ihre Kochshow im finnischen TV eine Celebrity, und ihre Kochkurse auf Nami Namaste sind gut gebucht. Guter Geist des Hauses ist aber seit einer Dekade der Holländer Albert Veenendaal. In jedem Sommer kommt der 52-jährige Koch hierher und verwöhnt Gäste mit herausragender estnischer, teils auch italienischer Küche. Jährlich entwickeln die beiden neue Rezepte aus dem unerschöpflichen Fundus der estnischen Natur, die zudem gleich vor der Tür wächst und gedeiht. Ganzer Stolz von Nami Namaste ist der sich stetig erweiternde Blumen- und Gemüsegarten. Hier findet Albert täglich frische Salate und Kräuter. Im kleinen Treibhaus pflückt Albert sogar noch im September wunderbar schmackhafte Tomaten. Und auch der alte Eiskeller aus Feldsteinmauerwerk hält manches superfrisch. Estlands Nationaldessert Kama reicht er als Option schon zum Frühstück mit hervorragendem estnischem Rauchkäse, backt exzellentes Brot und bringt die Köstlichkeiten der Insel- und Landwelt auf den Tisch. Sie Gemüse und Fisch-Quiche sind ein Gedicht! Dazu wird ein Poide-Bier aus der Mikrobrauerei auf der Nachbarinsel Saaremaa. Gäste können in der Sauna schwitzen und anschließend im fünf Meter entfernten Holzbottich ausspannen, im Garten stehen neue Hütten, deren schmucke Fenstergiebel Sikke aus vermeintlich abbruchreifen Gebäuden rettete. Nami Namaste und Tere tulemast! Willkommen auf Muhumaa, Estlands Wunderinsel Muhu.

 

Impressionen:

 

Information vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.visitestonia.com/de 

Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1 
Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en 

Vor Ort:
Muhu Tourist Association: www.muhu.info , www.muhu.ee 
Saaremaa Tourist Information Centre, Tallinna tänav 2, 93813 Kuressaare, Tel. +372 4 53 31 20, www.visitsaaremaa.ee 
Anreise:
Nordica: www.nordica.ee ; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. ; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More)

Sehr zu empfehlender Veranstalter "Estland – kulinarische Spurensuche" (1.9. – 8.9.2018): Entdeckertouren, c/o Reisebüro Klingsöhr, Oberföhringer Str. 172, 81925 München, Tel. 089 9 57 00 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.entdeckertouren.com/67249 

PKW-Fähre Virtsu (Festland) – Kuivastu (Insel Muhu): tgl. 5.35 – 0.00 Uhr (ca. 25 Min.); www.tuulelaevad.ee/index.php?lang=en ; www.praamid.ee/wp , www.laevakompanii.ee 

Übernachtung/Essen Muhu:
Hotel/Rest. Nami Namaste, Dorf Simisti (Simisti küla), 94719 Muhu (Mohninsel), Tel. +372 5 15 28 08 (Besitzerin Sikke Sumari), www.naminamaste.com/en/ ; 5 DZ und Suiten

Shopping:
Bei Nami Namaste und hier:
Muhu Leib (Bäckerei Muhu Brot), Café Muhu Pagarid, Liiva küla, 94730 Muhu (Muhu vald), Tel. +372 56 21 20 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , https://muhuleib.ee 
Muhu Handicrafts, Dorf Kuivastu, 94711 Muhu, Tel. +372 4 59 84 45, www.muhukasitoo.ee ; Velli Saabas öffnet ihren Laden 15.5. – 15.9. tgl. 9.00 – 17.00 Uhr und sonst n. V.
Muhu Puidukoda Shop (Holzarbeiten, Textilien), Liiva, 94730 Muhu, Tel. +372 4 54 57 77, www.puidukoda.ee ; Ain Kollo öffnet 1.5. – 15.9. tgl. 11.00 – 18.00 Uhr

Museen:
Muhu Museum, Koguva küla (Dorf Koguva), 94724 Muhu (Muhu vald), Tel. +372 4 54 88 72, www.muhumuuseum.ee ; 15.5. – 15.9. tgl. 9.00 – 18.00, 16.9. – 14.5. Di bis Sa 10.00 – 17.00 Uhr; Eintritt: 3 €
Fischereimuseum Koguva, Koguva küla, 94724 Muhu, Tel. +372 5 13 34 46, www.koguva.ee ; Mai – Sept. n. V.
Katharinenkirche, Dorf Liiva (Liiva küla), 94730 Muhu, www.eelk.ee/muhu/ ; 1.6. – 31.8. tgl. 10.00 – 18.00 Uhr sowie n. V. und zur Messe jeden So 10.00 Uhr geöffnet

Aktivitäten:
Hof Tihuse, Hellamaa, 94741 Muhu, Tel. +372 5 14 86 67, www.tihuse.ee/en 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 25/01/2018

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