Nordirlands St. Tropez: Portstewart und die spektakuläre Causeway Coastal Route (Teil 2)

Wer in Belfast startet, kann die Küstentour bis Portstewart gut und gern in einem Tag bewältigen – muss aber nicht...

Denn es locken zahllose Attraktionen, die längere Aufenthalte verdienen. Schon im nahen Carrickfergus lohnt mit dem Carrickfergus Castle nicht nur die prächtige Ausstellung in der altehrwürdigen Burg direkt am Wasser, wo einst die Oranier landeten. Schräg gegenüber vom großen Parkplatz öffnet auch das Restaurant "Swift" mit Sonnenterrasse. Der Name wurde nicht umsonst gewählt, holte sich Swift doch nahebei, im alten Urlaubsstädtchen Whitehead und auf der Halbinsel Islandmagee Inspiration für "Gullivers Reisen".

In Whitehead muss man die Phalanx der buntbemalten Häuser am Strand gesehen haben. Und sollte im knallroten Kubus des Old Tea House Café & Deli einkehren, wo Fotos Whitehead auch als ersten wichtigen Urlaubsort der Wende um 1900 zeigen. Auch vor der Tür sitzt man dort ganz nett. Nur fünf Kilometer weiter kommt dann mit den Gobbins jene Attraktion zu der Whitehead-Urlauber schon seit 1902 pilgerten. Damals wurde der Traum des Ingenieurs Wise wahr. Der hatte überlegt, eine touristische Eisenbahn entlang der 60 m tief in die irische See abfallenden Klippen von Islandmagee zu bauen – was gelang. Schon 1909 pilgerten Urlauber aus ganz Europa hierher. Erfolgreich wurde damals in Berliner Tageszeitungen geworben.

Zuletzt war die über Jahrzehnte verlassene Strecke beinahe in Vergessenheit geraten. Heute sorgen ein neues Visitor Centre und die mit Millionenaufwand zum Wanderweg umgebaute alte Bahnstrecke dafür, das The Gobbins zu der neuen Walking-Attraktion Irlands aufgestiegen sind. Aber Vorsicht: Das Auf und Ab der 2,5 Std. langen, einzigartigen, aber nur geführt zu absolvierenden Tour verlangt gute Kondition. In jedem Fall ist allein schon der Weg zum Einstieg am Wise`s Eye, dem "Auge" des weitsichtig weisen Ingenieurs Wise, die nur 32 km von Belfast wert. Dann folgen wunderbare Buchten und Strände, Küstendörfchen mit perfekt eingerichteten Panoramapunkten und Picknickplätzen, immer wieder vom gelben Ginster überwachsene Felsen und natürlich das Meer mit Aussicht bis nach Schottland.

Im Hinterland locken Rundtouren in die Glens mit Wasserfällen und Wäldern. Ein perfekter Stopp an der kurvenreichen, aber Bus- und LKW-freien Route, die natürlich auch Radler und Motorradfahrer schätzen, ist das Harbour Lights Café an der Harbour Road in Carnlough. Das alte, niedrige Eisenbahnviadukt über die Straße direkt am Café ist einer der Gründe für das Verbot der Busse und LKW – sie passen einfach nicht hindurch und somit bleiben Touristenmassen außen vor. Damit ist die kürzlich auch als Etappe des Giro d`Italia geadelte Causeway Coastal Route perfekt für Individualtouristen.

Höchst angenehm ist dann auch der sogar für Wohnmobile gesperrte Abstecher auf dem 20 km langen Fair Head Drive. Vorbei am Leuchtturm von Fair Head bieten sich immer wieder spektakuläre Ausblicke – aufs Meer wie auf landwirtschaftliche Gehöfte, denen demnächst wohl bis zu 50 Prozent der Belegschaft abhandenkommen wird. Denn in Nordirlands Landwirtschaft arbeiten vorwiegend EU-Ausländer auf den Feldern. Wer nach dem Brexit die Arbeit erledigen soll, steht in den Sternen. Überhaupt fürchten Nordirlands Bauern den Brexit, da ihnen dann auch 50 % der Subventionen fehlen und es gibt Bedenken, dass London auch noch den Rest der Hilfen kappen könnte.

Der Hafen von Ballycastle.
Der Hafen von Ballycastle.

 

In Ballycastle kehrt dann wieder die Zivilisation zurück. Eine schöne Promenade mit Strand, ein großer Jachthafen, dazu Ausflüge auf die Vogelinsel Rathlin Island, wo sich Papageientaucher tummeln. Kurz vor dem Geheimtipp an der Küstenroute, dem Dörfchen Ballintoy, machen Familien einen Abstecher zur früher jährlich erneuerten Carrick-a-Rede-Rope-Bridge. Erstmals 1755 bauten Fischer hier eine Hängebrücke, um ihre Lachsnetze leichter kontrollieren zu können. Die vom National Trust betreute Seilbrücke überwindet einen über 30 Meter tiefen Schlund.

Von der Küstenstraße eher ein wenig enttäuschend und allenfalls mit Pensionen werbend entpuppt sich dann der unterhalb liegende Hafen von Ballintoy als ein kleines Ausflugswunder. Natürlich wurden auch hier Szenen des Mega-Blockbusters "Game of Thrones" gedreht, nicht weit entfernt sind auch jene "Dark Hedges", eine Weidenbaumallee, zu bewundern, die beinahe zur Ikone der TV-Serie wurden. Auf dem Rückweg – vorbei an der Dorfkirche mit hübschem Friedhof – sollte man im sehr populären "Red Door" einkehren. Hier bieten Nigel und Joann McGarrity und weitere Familienmitglieder im Tea Room und Bistro seit 2013 bukolische Nordirland-Genüsse. Ob nun Fish Chowder, frische Makrele oder Irish Stew: Alle Zutaten sind lokal und werden auch im Garten serviert. Bei Regen wird drinnen das Torffeuer entzündet. Wanderer stoppen dann wenig später an den Zahnruinen von Dunseverick Castle, historisch Interessierte spüren dem Wrack der "Girona", des einstigen spanischen ARMADA-Flaggschiffs in Port-na-Spaniagh nach, das 1588 mit Mann und Maus und vielen Schätzen versank.

Whiskey-Gourmets müssen natürlich zur Old Bushmills Distillery. Und alle anderen dürfen sich noch kurz vor Portstewart auf die Basaltmonster und wunderschöne Klippenwanderwege freuen. Allerdings kommt im UNESCO-Welterbe Giant`s Causeway dann auch der Massentourismus mit jährlich Tausenden Besuchern wieder hinzu. Doch das große, mit EU-Geldern errichtete Visitor Centre schluckt die Massen ebenso wie das weitläufige Gelände mit den steil aufragenden Basaltformationen an der Küste. Gerne werden weniger geologische als mythologische Erklärungen für dieses Naturwunder herbeigezogen.

60 Mio. Jahre sollen die hier 6 km langen Formationen alt sein. Die größte der zumeist sechs-, aber, auch vier-, fünf-, sieben- und gar achtflächigen Säulen ist zwölf m. Insgesamt sind es 37.000, die stufenförmig aus dem Erdreich ragen. Die Sage will, dass der Riese Finn Mc Cool hier sein Werk tat, denn auf der anderen, schottischen Küstenseite finden sich auf der Insel Staffa ähnliche Basaltformationen. Der Riese verlegte hier also einen Weg bis nach Staffa, um trockenen Fußes bis Schottland zu kommen und dann den dortigen Heroen und Rivalen Benandonner zu besiegen. Wenn man so will, ist Giant `s Causeway ein mythischer urzeitlicher Riesen-Kriegspfad. Am schönsten sind die vier farbig markierten Küstenwanderwege.

Der Bischof und die Nichte: Mussenden

Jenseits aller Mythen, Fischerdörfer, Klippen und Piratennester sind es am Ende eine Burg, Dunluce Castle, und ein in Ruinen stehender Bischofspalast, die die größten Attraktionen rund um Portstewart sind. Im Downhill Demesne residierte einst sommertags der Bischof von Derry-Londonderry. Der soll sich in seien Nichte verguckt haben und ihr – am äußersten Ende seines Besitzes und hoch auf den Klippen jenen Mussenden Temple errichtet haben, der der Nichte als Bibliothek dienen sollte. Sie aber übernachtete hier wohl auch, was zu allerhand Tratsch Anlass gab. Das angebliche Techtelmechtel mit dem Bischof machte dem hohen Herrn nichts aus, bekam aber der Nichte nicht. Nur zwei Jahre nach dem Bau des Tempels starb sie – wohl aus Gram über die Unterstellungen.

Mussenden Temple.
Mussenden Temple.

 

Information:
Causeway Coastal Route: 160 Mains Street, Bushmills, www.causewaycoastalroute.com, https://discovernorthernireland.com/about-northern-ireland/destinations/causeway/causeway-coastal-route/causeway-coastal-route-destinations/ 

Tourism Northern Ireland, Bedford Square, Belfast, Tel. +44 (0)28 90 23 12 21, www.discovernorthernireland.com 
Irland Information/Tourism Ireland, Gutleutstr. 32, 60329 Frankfurt/Main, Tel. 069 9 23 18 50, www.ireland.com/de-de/ 
Fáilte Ireland, 88-95 Amiens Street, Dublin 1, www.failteireland.ie 

The Old Tea House Café & Deli, 36 Cable Road, Whitehead, Carrickfergus, Tel. +44 7540 567003, tgl. 10.00 – 16.30 Uhr
The Red Door Tearoom & Bistro, 14a Harbor Road, Ballintoy, Ballycastle, Tel. +44 (0)28 20 76 90 48, tgl. 11.00 – 16.30 Uhr; https://de-de.facebook.com/pg/thereddoortearoom/about/?ref=page_internal 
Harbour Lights Café, 11 Harbour Rd, Carnlough, Ballymena, Tel. +44 (0)28 28 88 58 68; http://theglensofantrim.com/wp/item/harbour-lights-cafe/; tgl. Frühstück, Lunch, Afternoon Tea

Carrickfergus Castle, Marine Hwy, Carrickfergus, Tel. +44 28 93 35 12 73, Mo. – Do. 9.30 – 17.00, Fr. – So. 9.30 – 16.30 Uhr; https://discovernorthernireland.com/Carrickfergus-Castle-Carrickfergus-P2814; Eintritt: 5 £

The Gobbins Visitor Centre, Middle Road, Islandmagee, Tel. (028) 93 37 23 18 (Buchungen tgl. 9.30 – 16.30 Uhr), www.thegobbinscliffpath.com 
Visitor Centre tgl. 9.30 – 17.30 Uhr geöffnet; geführte Klippentouren (2,5 Std.) Juli, Aug. tgl. jede halbe Stunde 10.00 – 18.00, September bis 16.00 Uhr; Ticket. 10 £

Carrick-a-Rede-Rope-Bridge, 119a Whitepark Road, Ballintoy, Tel. +44 (0)28 20 76 98 39, tgl. 9.30 – 18.00 Uhr; www.nationaltrust.org.uk/place-pages/407/pages/opening-times-calendar; Eintritt: 7 £

Giant`s Causeway Visitor Centre, 44 Causeway Rd, Bushmills, Tel. +44 (0)28 20 73 18 55, tgl. 9.00 – 18.00 Uhr; www.nationaltrust.org.uk/giants-causeway; Eintritt: 10,50 £ (online 9 £), Walking Trails (rot, blau, gelb, grün) frei; Cliff Top Experience Walk 30 £ (Online-Buchung einen Tag im Voraus)

Dunluce Dastle, 87 Dunluce Rd, Bushmills, Tel. +44 (0)28 20 73 19 38; tgl. Feb. – Nov. 10.00 – 17.00, Dez./Jan. bis 16.00 Uhr; https://discovernorthernireland.com/Dunluce-Castle-Medieval-Irish-Castle-on-the-Antrim-Coast-Bushmills-P2819/; Eintritt: 5 £

Old Bushmills Distillery, 2 Distillery Road, Bushmills, Tel. +44 (0)28 20 73 32 18, März – Okt. Mo. – Sa. 9.15 – 16.45, So. 12.00 – 16.45, sonst Mo. – Sa. 10.00 – 16.45, So. 12.00 – 16.45 Uhr; www.bushmills.com/distillery; Führung: 8 £

Mussenden Temple & Downhill Demesne, 107 Sea Road, Castlerock, Tel. +44 (0)28 70 84 87 28, Gelände Sonnenauf- bis –untergang, Museen tgl. 10.00 – 17.00 Uhr; www.nationaltrust.org.uk/downhill-demesne-and-hezlett-house; Eintritt: Gelände frei, Museen 5,50 £

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 05/12/2017

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