Belfast: Mount Stewart House and Gardens

Bis 2020 will Belfast, Nordirlands Hauptstadt, seine ohnehin nicht geringe Hotelkapazität um satte 30 Prozent erhöhen. Der Tourismus boomt, nicht nur wegen des Titanic Quarter und der unendlichen Geschichte um das Schiffsdrama von 1912...

Nur eine gute Autostunde von Belfast erreicht man – vorbei an Nordirlands neuerdings wieder sehr wichtigem Parlament, dem Stormont, östlich nicht nur die Irische See mit Belfast Vorzeige-Seebad Bangor. Etwas südlich schließt sich auf der Ards Peninsula das Örtchen Newtownards an, das mit einer der zehn schönsten, prächtigsten Parkanlagen weltweit aufwarten kann: dem Mount Stewart House and Gardens.

Drei Jahre haben eifrige Spezialisten mit Millionenaufwand an dem Ensemble herum restauriert und auch die Gartenanlagen rund um den berühmten Tempel der Winde (Temple of the Winds) hergerichtet, um diesem einzigartigen Ruf auch in Zukunft gerecht zu werden. Doch ohne Volunteers, mehr als 400 Freiwillige, wäre das riesige, 80 Hektar große Anwesen nicht zu führen. Meist aus der direkten Umgebung kommend, unterstützen sie die 46 Festangestellten vor allem bei der Gartenarbeit, aber auch bei Führungen durch das Herrenhaus, das auf 1744 zurückdatiert. Damals erwarb ein Alexander Stewart (1699 – 1781) das Anwesen. Der reiche Leinen- und Textilhändler nannte es "Mount Pleasant". Schon sein Sohn Robert führte einen Adelstitel und wurde Marquess of Londonderry. Alexanders Enkel, erneut ein Robert, und wurde als Viscount Castlereagh sogar Außenminister im aufstrebenden British Empire. Mount Pleasant aber fiel an einen Halbbruder, Charles Vane (1778 – 1854), der mit seiner zweiten Gattin Lady Frances Anne Vane-Tempest die reichste Erbin jener Zeit heiratete. Ausgerechnet zur großen irischen Hungersnot ließen sie das Anwesen für damals satte 150.000 £ ausbauen.

Mount Stewart House.
Mount Stewart House.

 

Läuft man heute geführt durch die riesigen Flure und Salons des Herrenhauses, sind aber nicht diese zwei die Hauptprotagonisten, die Guide Lynne Sanderdon in den Vordergrund rückt. Es ist Lady Edith Vane-Tempest-Stewart, 7. Marchioness of Londonderry (1878 – 1959), die Haus und Garten erst ab 1921 ihren überaus bemerkenswerten Stempel aufdrückte. Natürlich ist sie im Manor House präsent – mit Gemäldeportraits, aber auch an ihrem Schreibtisch, an dem die Landschafts- und Gartenbau-Autodidaktin hunderte Gartenbücher verschlang und grandiose Farbzeichnungen fertigte, die alles, was nun außerhalb blüht und gedeiht, als vorausgedachtes Paradies erscheinen lassen.

Und so ist nicht der Schreibtisch vom Wiener Kongress 1815, an dem ein diplomatischer Stewart saß, die wichtigste Sehenswürdigkeit: Es sind die teils auch in tiefem Rot – keineswegs selbstverständlich – leuchtenden Bäume und Pflanzenarrangements der Parklandschaft, die Lady Edith ab 1921 mit ihrem Gärtner Thomas Bolas, dem örtlichen Baumeister Thomas Beattie, Steinmetz Joe Girvan und 21 Kriegsveteranen anlegen ließ.

Lady Edith, geboren als Edith Helen Chaplin und Tochter des 1. Viscounts Chaplin und damit in Britanniens Hochadel, heiratete 1899 ihren Charles Vane-Tempest-Stewart und hatte fünf Kinder. Spanender war indes, dass sie zumindest in London zu Britanniens Society Queen Number One aufstieg. Leicht war es für sie dennoch nicht: Londons Lästermäuler sagten ihr eine unziemliche Freundschaft mit dem damaligen Premier Ramsay McDonald nach – doch war der Tratsch überflüssig, die Beziehung war platonisch.

Teil der Gartenanlage mit See.
Teil der Gartenanlage mit See.

 

1914 wurde sie zum Ehrenoberst der Women`s Volunteer Reserve WVR ernannt, die die Arbeit der an die Front gegangenen Männer in der Heimat ersetze. Als erste Frau im Empire erhielt sie 1917 den Titel Dame Commander of the Order of the British Empire – und man darf getrost annehmen, dass sie ab 1921 ihren Gartenausbau ähnlich resolut anging. Mit Lisa Risse-Robertson hat es eine ebenso resolute Frau vom westfälischen Möhnesee hierher verschlagen. Es war die Liebe, die sie zuerst nach Nordirland und dann – nach Umschulung zur Gärtnerin – hierher nach Mount Stewart brachte. Seit 1957 ist das Anwesen – Kandidat für das UNESCO-Welterbe – in der Hand des National Trust.

Und so müssen die Parkanlagen von Lisa und fünf weiteren festangestellten Gärtnern gepflegt werden. Eine Mammutaufgabe, die nur mit Volunteeers und einer eigenen Gärtnerphilosophie zu bewerkstelligen ist: Man muss auch mal was stehen lassen! Denn Lady Edith und Helfer haben ganze Arbeit geleistet bei der Anlage des italienischen und spanischen Gartens, beim Kleeblatt-Garten und dem landschaftsarchitektonischen Schatz des "versunkenen Garten", beim Herrichten des Parkteichs, des Mausoleums oder des Areals um die Mammutbäume.

Und so wandert man dann vorbei an Eukalyptus und Rhododendron, seltensten Lilien wie der Riesen-Himalaya-Lilie im Liliengarten, Orchideen und schließlich im Shamrock Garden, dem der irischen Mythologie gewidmeten Kleeblattgarten, bis hin zur legendären "roten Hand" von Ulster, die hier ganz unblutig aus Blumen gebildet wird. Natürlich darf auch eine Harfe aus perfekt gestutztem Strauchwerk nicht fehlen. Und im italienischen Garten vor dem Haupthaus, für den Lisa zuständig ist und der nach dem Original-Farbenspektrum – Goethe wäre neidisch – aus Ediths Notizbuch von 1922 angelegt wurde, kann man manchmal heute durchaus Ediths Nachfahren auf der Terrasse sitzen sehen, die bis heute einen Teil des Palastes bewohnen.

Regenbogen und Hexenmeister in Circes Garten

Am spektakulärsten ist schließlich die Dodo Terrace. Die mit mächtigen Statuen von Dodos, den auf Mauritius ausgestorbenen flugunfähigen Vögeln, dekorierte Terrasse benannte Lady Edith nach ihrem Vater, Lord Chaplin, der 1895 von der Westminster Gazette ironisch als Dodo verspottet worden war.

Statue auf der Dodo Terrace.
Statue auf der Dodo Terrace.

 

Hier scharte sie auch Statuen vieler weiterer Mitglieder jener Gemeinschaft "The Ark", die ebenfalls dargestellte Arche, um sich, die sie 1915 als "Honourable Order of the Rainbow" gegründet hatte. Jeden Mittwochabend trafen sich die Regenbogenbrüder und -schwestern zu Soirees und frönte der Welt von Homers Odyssee. Edith, vorneweg als ungezogene, Männer konsequent in Schweine verwandelnde, wahrsagende "Circe the Sorceress" (Circe, die Zauberin), verteilte Spitznamen auch an die anderen hochwohlgeborenen Anwesenden. So wurde Winston Churchill wurde zu "Winnie the Warlock", Winnie, der unüberwindliche schwarze Hexer, der spätere Appeasement-Premier Neville Chamberlain, wurde zum teuflischen "Neville the Devil", Gatte Charles zu "Charlie the Cheetah" (Karlchen, der Gepard).

Nach so viel Arche-Noah wird es Zeit, Abschied von Lisa zu nehmen und zum Afternoon Tea zu schlendern. Den gibt es natürlich im Café des Mount Stewart House, samt frischen, selbstgebackenen Scones und Clotted Cream auch an Tischen draußen vor der Tür...

Weitere Informationen:

Belfast: Visit Belfast Welcome Centre, 9 Donegall Square North, Belfast, Tel. 077 98 60 24 01, http://visitbelfast.com 

Tourism Northern Ireland, Bedford Square, Belfast, Tel. +44 (0)28 90 23 12 21, www.discovernorthernireland.com 

Mount Stewart House and Gardens, Portaferry Road, Newtownards, Ards Peninsula; Haus: Führung alle 15 Min. tgl. 11.00 – 12.30, 13.00 – 16.30 Uhr; Garten, Tea Room, Trails: tgl. 10.00 – 17.00 Uhr; Tempel oft he Winds: nur So. n. V.; www.nationaltrust.org.uk/mount-stewart; Eintritt: 9,50 £ (inkl. Spende)

 

Lage Mount Stewart House and Gardens:

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Impressionen:

 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 23/11/2017

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