Irlands "schöne Helena" auf der heiligen "Wiese der Söhne des Nóise"

Im Zentrum der grünen Insel gelegen, gilt die Ruinenlandschaft des Klosters Clonmacnoise als geistliche wie geistige Wiege Irlands…

Doch nicht nur Mönche haben im Gefolge des Hl. Ciarán, der das Kloster wohl 548 n. Chr. mit sieben Getreuen gründete und schon 552, mit nur 33 Jahren an der Pest verstarb, im Kloster Historisches geleistet und auch niedergeschrieben. Immerhin entstand im berühmten Skriptorium des Klosters die älteste noch erhaltene Schrift in altirischer Sprache, das "Lebor na hUidre", das "Buch der dunkelfarbigen Kuh" (Book of the Dun Cow), das auch eine Fassung des berühmten Rinderraubs von Cooley beinhaltet. Früher sollen Sterbende auf dieser haut den direkten Weg ins Himmelreich gefunden haben. Doch es gab auch Frauen, Nonnen, im Klosterstift, die ebenfalls Gewaltiges bewegten. Und die Biographie einer von ihnen passt und geht gewiss nicht auf eine Kuhhaut: Denn die Biographie einer Dame, der berühmt berüchtigten Derbforgaill, legte auch Irlands Schicksal fest: für über 600 Jahre.

Könnten Kirchenmauern sprechen, Hochkreuze seufzen und Grabsteine aufstöhnen, Clonmacnoise, die "Wiese der Söhne des Nóise" (auch die Übersetzung "Wiese der Schweine des Nóise" existiert), wäre ein unentwegt brodelndes Stimmengewirr – mit einem Lärmpegel, der mühelos Presslufthammerstärke erreichen könnte. Heute sorgen vor allem täglich einfallende Touristenscharen für jenen Heidenlärm, den die Äbte des vom 10. bis ins 16. Jh. ständig erweiterten Klosterareals in jedem Fall untersagt hätten. Zumindest versuchsweise. Denn "Silentium", Ruhe, erlebte das Kloster, dem auch Papst Johannes Paul II. 1979 seine Aufwartung machte, eher selten in seiner Geschichte. Leicht oberhalb der Ufer des Shannons errichtet, war seine exponierte Lage Segen und Fluch zugleich. Einerseits Irlands Hoch- und Regionalkönige das an ihre jeweiligen Einflussgebiete grenzende Kloster. Doch der Reichtum des Klosters, es war berühmt für seine Werkstätten und erlebte seine Blüte im 12. Jh., weckte Begehrlichkeiten. So kam es immer wieder schon zu Wikingerzeiten zu Überfällen, die leicht per Schiff auf dem geradewegs hierher führenden Shannon zu bewerkstelligen waren.

Heute stehen Besucher staunend vor dem typisch irischen Rundturm des Klosters, den ein Turlough O`Connor mit Abt O`Malone 1124 erbauen ließ. Auch er wurde schon 1135 vom Blitze getroffen, beschädigt und erhielt dann einen neuen Oberbau mit acht Öffnungen. Ein zweiter Rundturm ist in den Temple Finghin eingebaut, er datiert wohl in die Jahre 1160 bis 1170. 1864 sorgte hier ein Mann für Schlagzeilen, der im Tempel eine "Pleasure Party" veranstaltete. Dem frühen Event Manager wurde zurecht Vandalismus vorgeworfen. Staunen erregen auch die draußen aufgestellten Hochkreuze: Es sind Kopien, die Originale sind fein ausgeleuchtet im angeschlossenen Museumstrakt zu bewundern.

Ausstellungsstücke im Kloster.
Ausstellungsstücke im Kloster.

 

Die "schöne Helena" und die Nonnen…

Den romanischen, teils im 19. Jh. wiederaufgebauten Hauptbau der Nonnenkirche (zu den Ruinen: 500 Meter über den Friedhof) schuf 1167 die eingangs erwähnte Derbforgaill. Die auch als Dearbhforgaill bekannte Dame königlichen Geblüts setze sich damit – ohne es zu ahnen – tatsächlich ein immerwährendes Denkmal. Denn der Bau steht nicht nur für den großen Anteil der Nonen am religiösen wie wirtschaftlichen Erfolg des Gesamtkunstwerks Clonmacnoise. In den bis 1408 geführten Klosterannalen taucht sie, Gattin des Tigernán Ua Ruaric, des lokalen Köngs von Bréifne (engl. Tiernan O`Rourke; vor 1124 – 1172), gleichzeitig auch als Oberin des Augustinerinnenstiftes auf. Geboren wurde diese Derbforgaill wohl 1108 als Tochter des Königs von Meath und seiner Frau Mor, die 1137 starb. Berühmt wurde sie – analog zu Homers Troja-Sage – als "Helena von Irland", weil sie 1152 als Gattin des Tigernán Ua Ruairc vom König von Leinster, Diarmait Mac Murchada (Dermot MacMurrogh), entführt wurde.

Ungewöhnlich für eine Frau jener Zeit wurde sie gleich fünf Mal in zeitgenössischen Werken aufgeführt. Die Annalen von Clonmacnoise bestätigen ihre Entführung, die aber bereits nach einem Jahr endete, als sie offenbar Leinster wieder verließ und nach Meath zu ihrer Familie zurückkehrte. 1157 verzeichnen die Annalen der vier Meister" ihre Schenkung von kostbaren Gewändern und Gold an das Kloster Mellifont und 11167 die Errichtung der Nonnenkirche von Clonmacnoise. Die Annalen von Ulster berichten von ihrem endgültigen Rückzug nach Clonmacnoise 1186 und ihrem dortigen Tod im Jahr 1193, den auch die Annalen der vier Meister, Mönchen aus Donegal, bestätigen.

Ursache der Entführung dürfte ein Kriegskonflikt des mit dem König von Leister verbündeten irischen Hochkönigs Tairdelbach Ua Conchobair (Turlough O`Connor) mit Derbforgaills Gatten, dem Provinzkönig Tigernán gewesen sein. Praktischerweise nahm der König von Leinster damals auch noch das gesamte Hab und Gut, Vieh und Möbel inklusive, der guten Derbforgaill an sich.

Die Shannonbridge...
Die Shannonbridge...

 

Vermutlich war Derbforgaill eine Kriegsbeute, denn ihr Gatte hatte den entscheidenden Waffengang gegen die zwei Widersacher verloren. Aber ein Jahr später floh sie, ob nun zurück in die Arme ihres Gatten oder in die ihres Vaters, ist widersprüchlich dokumentiert. Denn laut englischen Annalen, der Expugnatio Hibernica (Eroberung Irlands) des Gerald von Wales, suchte der Leinster-König Mac Murchada ein Liebes-Techtelmechtel mit Derbforgaill, um seine Position im Kampf um die Vorherrschaft in Nord- und Südirland zu festigen. Das aber kam den Gegner zu Ohren, die wiederum Mac Murchadas Verbündete dazu bewogen, wegen dieses Ehefrevels von ihm abzufallen. Mac Murchada verlor seinen Thron und wurde verbannt. Dabei hält die "Eroberung Irlands" auch fest, dass Derbforgaill eventuell sogar entführt werden wollte, da sie schon seit langem in Mac Murchada verknallt war. Nun, fährt Gerald von Wales fort, seien "nahezu alle der bekanntesten Katastrophen der Welt von Frauen verursacht wurden", dies bezeugten Mark Anton (mit Kleopatra) und Troja (durch die schöne Helena). Denn laut Gerald traf den Gatten, König Ua Ruairc, weniger der Verlust seiner Frau als das Gefühl der Rache. Laut Gerald war Derbforgaill freiwillig mit dem König von Leinster gegangen, weshalb sie auch Vieh und Möbel mitnahm. In jedem Fall soll Ua Ruairc noch 1167 satte 100 Unzen Gold als Kompensation von Mac Murchada gefordert haben. Das ging nicht gut!

Weitere Informationen unter:

Ireland`s Ancient East: www.irelandsancienteast.com 
County Offaly: Offaly Tourism, Charleville Road, Tullamore, Co. Offaly, Tel. +353 5793 46800. www.visitoffaly.ie 

Kloster Clonmacnoise, Clonmacnoise, Shannonbridge, Athlone, Co. Offaly, Tel. +353 (0)90 9 67 41 95; 1.11. – 15.3. tgl. 10.00 – 17.30, 16.3. – 31.5. tgl. 10.00 – 18.00, 1.6. – 31.8. tgl. 9.00 – 18.30, 1.9. – 31.10. tgl. 10.00 – 18.00 Uhr; www.heritageireland.ie/en/midlands-eastcoast/clonmacnoise/; Eintritt: 8 €
Mit Café, Museum, Multimedia-Präsentation

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 10/10/2017

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