Warum die Dänen das glücklichste Volk Europas sind

Glaubt man den Statistik Experten der EU-Kommission oder dem World Happiness Report der UNO, sind die Dänen im Schnitt nicht nur die größten, sondern, dicht gefolgt von ihren skandinavischen Nachbarn, auch die glücklichsten Europäer…

Das verdanken sie - trotz oftmals zweifelhafter Wetterverhältnisse und langer, dunkler Wintermonate - neben gut bezahlten Jobs und einem hohen Maß an sozialer Sicherheit offenbar nicht zuletzt auch einer ganz besonderen Lebenseinstellung. Und die macht unter dem Schlagwort "hygge", das es 2016 sogar ins Oxford Dictionary geschafft hat, seit einiger Zeit auch hierzulande Furore. Denn – so die Theorie – "hygge" kann im Grunde jeder. So listet Amazon mittlerweile rund ein Dutzend deutschsprachiger Titel, die dabei helfen sollen unser Leben mit Schurwollpulli, selbstgekochter Marmelade, dicken Socken und entrümpelten Regalen in jeder Hinsicht hyggeliger zu machen.

Ja gerade erschien bei G&J gar die erste Ausgabe eines Hygge-Magazins. Hier erfährt man dann mehr oder manchmal auch weniger erhellendes zu Themen wie: Warum gemeinsam musizieren mehr Spaß macht, wie man als Stadtneurotiker in freier Wildbahn Blaubeeren aufstöbert, formvollendet Stockbrot zubereitet ohne es dabei in Briketts zu verwandeln oder einen ansehnlichen Wildblumenstrauß pflückt. Nun ja, eine gewisse Naivität gegenüber den Realitäten des Alltags war dem Lebensglück sicher noch nie abträglich.

Einfach mal alle Fünfe gerade sein lassen

Anreise: hyggelig!
Anreise: hyggelig!

 

Doch was verbirgt sich tatsächlich hinter dieser dänischen Glücksfromel? Fragt man Einheimische auf der Straße, beschreiben die "hygge" als tiefes, warmes Gefühl von Geborgenheit, als entschleunigtes Miteinander von Familie oder mit Freunden und die Kunst das besondere im Augenblick zu genießen, ja einfach mal alle Fünfe gerade sein zu lassen. Slow living sozusagen. Das kann eine heiße Tasse Tee in gemütlicher Runde vor einem prasselnden Kaminfeuer sein, während der Wind vor der Haustür das Herbstlaub durcheinanderwirbelt, oder ein schöner Abend mit einer Flasche Wein an den Ufern eines Sees während über einem die Sterne blinken oder auch ganz schnöde auf der heimischen Couch. Und – für uns Kulinariker besonders wichtig – gutes und vor allem reuefreies Essen und Genießen gehört auch fast immer mit dazu! Damit liegt hygge aber auch voll im globalen Megatrend des Cocooning, ist es doch ein probates Mittel, um sich ganz im Stile eskapistischer Lebensphilosophie vom Lärm der Welt zurückzuziehen und einfach mal den Stecker zu ziehen. Sprich nicht alle fünf Sekunden aufs Handydisplay zu starren oder unentwegt sinnfreie Botschaften über Facebook und Twitter zu verbreiten.

Längst haben auch Marketingstrategen das Schlagwort für ihre Kampagnen rund um alles Made in Denmark entdeckt – egal, ob es um Klamotten, Möbel oder die neue nordische Küche geht. So gibt es mittlerweile u.a. auch einschlägige Hotlists der hyggeligsten Hotels, Friesennerze oder Apfelkuchenrezepte. Wir haben uns deshalb selbst in die dänische Kapitale aufgemacht, um diesem Lebensmotto vor Ort nachzuspüren.

Natürlich kommt eine Anreise per Flugzeug dabei nicht in Frage. Fliegen, zumal in der Economy Class schließlich in den seltensten Fällen gemütlich und damit von vorne herein unhyggelig. Stattdessen entscheiden wir uns für Zug und Fähre, frei nach dem Motto: auch der Weg gehört zum Ziel. Am bequemsten geht das auf der Vogelfluglinie von Scandlines über den Fehmarnbelt von Puttgarden nach Rødby und ohne Umsteigen weiter nach Kopenhagen.
Wer unbedingt das Auto mitnehmen will, um neben Dänemarks Hauptstadt auch Ziele im Umland oder entlang der Küste anzusteuern, kann alternativ auch die Berlin oder Copenhagen besteigen, Scandlines zwei nagelneue Hybridfähren, die Gäste im Zwei-Stunden-Takt in rund 100 Minuten vom Seehafen Rostock nach Gedser bringen. Von hier aus erreicht man die Dänenmetropole in gut 1,5 Stunden.

Hygge-style

Einmal angekommen, muss natürlich auch die heimelige Unterkunft nahtlos ins Wohlfühlkonzept passen. So gehören die aktuell vielleicht "hyggeligsten" Hotels Kopenhagens zur Guldsmeden-Gruppe – allen voran das erst im April 2017 eröffnete, ebenso stylische wie urgemütliche Manon les Suites und das Axel Hotel. Hier verbinden sich gradliniges dänisches Design, ein überzeugendes Nachhaltigkeitskonzept, urige Details und entspannter Service zu einer typisch skandinavischen Melange, so dass es am Ende auch nicht stört, dass draußen seit Stunden fieser Nieselregen fällt.

Einmal hyggelig bitte...
Einmal hyggelig bitte...

 

Ja eigentlich wollen wir das Hotel und die großzügigen Zimmer mit den unverschämt bequemen Himmelbetten und Marshall-Amplifiern für den richtigen In-Room-Sound nach der langen Anreise gar nicht mehr verlassen, bieten der offene Poolbereich im Zentrum des sechsstöckigen Atriums oder die schicke Rooftop-Bar samt Restaurant doch Grund genug zu bleiben. Am Ende greifen wir dann aber doch zum Schirm, denn das nur wenige Straßenzüge entfernt liegende, nicht minder individuell gestylte Axel Hotel lockt mit einem hervorragenden Organic-Restautrant, das auf simple und ehrliche Speisen aus lokalen Zutaten setzt, die in der Regel als Sharing-Gerichte aufgetischt werden.

Auch das ist natürlich typisch hygge-style, denn weniger ist auch hier mehr. Wir probieren hervorragenden, lokal produzierten Burata mit aromatischen Datteltomaten und frischen Kräutern, ein köstliches Rote Beete Carpaccio mit Ziegenfrischkäse und Milleniumsardienen als Vorspeise, während wir uns als Hauptgang fangfrischen Kabeljau, leckeres dänisches Organic-Beef aus Minelsund und saftige Bio-Maishähnchenbrust aus Sødam teilen, die von einem knackigen Grünkohlsalat mit frischen Äpfeln begleitet werden.

Dazu serviert der aufmerksame wie unprätentiöse Service italienische Hausweine von San Salvatore aus autochthonen Rebsorten wie Aglianico oder Falanghina – beide natürlich ebenfalls Bio - die sich vor großen Labels nicht zu verstecken brauchen. Im Gegenteil. Danach spazieren wir bestens gelaunt zurück ins Manon les Suites und genießen in der Bar noch einen Absacker.

Hyggeliger geht es kaum

Langsam beginnen wir zu begreifen, was hygge in der Praxis bedeutet. Übrigens: im Spätherbst 2017 eröffnet die Guldsmeden-Gruppe an der Potsdamer Straße mit dem Lulu auch eine hygge urbane Oase mitten im Herzen Berlins. Kulinarisches Highlight dort: ein buntes Potpourri an Smørrebrød – den kleinen und raffinierten Brotkunstwerken aus Roggensauerteig, üppig garniert mit kreativen Kombinationen unterschiedlichster Zutaten.

Doch zurück nach Dänemark. Am frühen Morgen verlassen wir Kopenhagen und fahren in gemütlichem Cruisingtempo entlang der mondänen Küstenstraße 52, dem legendären Strandvej, in Richtung Helsingør mit Schloss Kronborg – in Shakespeares gleichnamigen Drama Heimstatt des tragischen Dänenprinzen Hamlet. Dabei führt die Straße durch eine Vielzahl sehenswerter kleiner Örtchen wie z.B. das knuddelige Fischerdörfchen Spletten. Dort kaufen wir am Hafen beim lokalen Fischhändler in einer würzigen Sherry Marinade eingelegte Heringshappen, die wir noch vor Ort aus der Hand verdrücken, während ein stürmischer Nordwind unser Haar zerzaust – auch das ist natürlich hygge in Reinkultur.

Hyggelig speisen...
Hyggelig speisen...

 

Ebenfalls in der Nähe liegt das sehenswerte Kunstareal Louisiana u.a. mit einer bedeutenden Sammlung moderner Skulpturen. Als wir am späten Vormittag schließlich Helsingør erreichen, besteigen wir gleich die nächste Scandlines Fähre, die Fußgänger für grade mal 35 Kronen – etwa 4,50 Euro – in einer halben Stunde hinüber ins schwedische Helsingborg bringt. Vom Wasser aus hat man dabei einen fantastischen Blick auf Schloss Kronberg. Am Abend nehmen wir schließlich Quartier im nur wenige Minuten vom Fährhafen entfernt liegenden Hotel Maryenlist. Wer mag, kann sich direkt vor dem schneeweißen Hotelpalast an einem der typisch dänischen Badestege in die Mitte September grade mal noch 16 Grad "warmen" Fluten der Ostsee stürzen und sich anschließend am prasselnden Kaminfeuer in der Lobby bei einer Tasse heißem Tee wieder aufwärmen.

Sie ahnen es schon – hyggeliger geht es kaum. Nach diesem maritimen Intermezzo lockt am Abend dann noch die hoteleigene Brasserie 1861, in der der Küchenchef seine Gäste mit einer angenehm zurückhaltenden Interpretation der New Nordic Cuisine begeistert, in den hier und da auch französische Einflüsse durchblitzen. So probieren wir u.a. konfierten Lachs mit Zitronengel, Kresse Eis und hauchfeinem Glaskohl oder frischen Glattbutt mit Ochsenmark, sautierten Trompetenpilzen und feinsäuerlich-cremigem Kartoffelstampf.

Ich glaube wir haben verstanden, worin das Geheimnis dänischer Zufriedenheit liegt......

Weitere Infos:
www.scandlines.com  
www.guldsmedenhotels.com 
www.brasserie1861.dk  
www.marienlyst.dk 

Fotos: Guldsmeden Hotels, Thomas Høyrup Christensen, Visit Copenhagen - Ulf Svane, Scandlines - Lars Sørensen

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Zuletzt bearbeitet am 26/09/2017

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Autor

Thomas Hauer

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