Die Geschichte Galways, der Kulturhauptstadt 2020

Galway, Irlands wichtigster Westküstenort, wird 2020 mit Rijekas (Kroatien) Kulturhauptstadt Europas sein...

Eigentlich schien 1911 bereits alles gelaufen zu sein. Galways Einwohnerzahl war auf mickrige 13.255 Menschen geschrumpft – ein Aderlass, der schon 1831 eingesetzt hatte, als Galway mit 33.120 Einwohnern seine letzten prosperierenden Jahre erlebte. Seit dem 13. Jh. hatten die "Tribes of Galway", 14 reiche Kaufmannsfamilien mit anglonormannischen Wurzeln, die Hafenstadt regiert, deren Namen auf "Dun Bhun na Gaillimhe", das Fort an der Mündung des Gaillimh zurückgeht.

Das hatte 1124 der damalige König bzw. Häuptling von Connacht, Tairrdelbach Ua Conchobair (1088 – 1156) gegründet. Doch schon in den 1230er Jahren hatte die Normanneninvasion einen neuen Herrscher, Richard Mor de Burgh an Land gespült. Fortan regierten in Galway die Normannen. Iren, deren Namen ein "O" oder "Mac" vorausging, durften sich in der Stadt nur mit besonderer Erlaubnis blicken lassen.

Einer aber durfte hinein: Kolumbus, wohl auf großer Fahrt nach Island oder zu den Faroer Inseln, besuchte Galway 1477. 1992 stiftete seine Geburtsstadt Genua Galway ein Denkmal, das bis heute an der Spanich Arch Parade an den vermeintlichen Amerika-Entdecker erinnert. Galway muss damals als privilegierter Ex- und Importhafen mit Spanien und Frankreich nicht nur reich, sondern ziemlich international gewesen sein. Denn der gute Christopher hatte 1485 in seinem Werk "Imago Mundi" für die Nachwelt in weiser Voraussicht der Ereignisse von 1492 notiert: "Männer aus Cathay (also China) kamen aus dem Westen hierher. Wir haben von ihnen viele Zeichen gesehen. Und speziell in Galway, strandeten ein Mann und eine Frau von außergewöhnlicher Erscheinung, auf zwei Baumstämmen".

Nun, der gute Kolumbus mag 1477 in Galway auf zwei Inuit aus Grönland getroffen sein, die eventuell die Strömung des Nordatlantik hierher verschlagen hatte. Unwahrscheinlich, aber möglich. Gut möglich auch, dass Kolumbus in Galway von jener mythischen Atlantikfahrt des Hl. Brendan aus dem 6. Jh. erfuhr, die ihn zu seiner Reise 1492 nach Hispaniola antrieb. In jedem Fall spielt Galway damit auch eine gewichtige Rolle bei der Entdeckung Amerikas. Und das alte Stadttor, der Spanish Arch, legt Zeugnis für die Zeit ab.

Ein weiteres Mal wurde Galway berühmt durch einen der tribalen Bürger, den Bürgermeister James Lynch. Der überaus sture und vor allem rechtstreue Mann trat 1493, da war Kolumbus schon zurück in Spanien, in einem Mordprozess gegen seinen Sohn als Ankläger und Richter auf. Der soll – womöglich aus Eifersucht – einen spanischen Kaufmann und Rivalen um die Gunst einer jungen Dame – ins Jenseits befördert haben. Als sich niemand zur Vollstreckung des Urteils fand, wurde Vater James persönlich Henker seines Sohns. Seither geistert durch die Annalen, dass Galway der Geburtsort des Wortes "Lynchjustiz" sei.

Tatsächlich aber gab es weitere Lynchs, die in den USA nach dem Bürgerkrieg 1861 – 1865 mit teils unbeschränkter Macht ausgestattet Urteile vor allem gegen Afroamerikaner fällten. Und auch der Ku-Klux-Klan praktizierte diese Form der Nicht-Justiz. Aber das letzte Wort über die sturen Lynchs ist noch nicht gesprochen. Zumal auch das Elternhaus eines gewissen Che Guevara reklamierte, väterlicherseits von den Lynch aus Galway abzustammen.

Nur hatten die als Anglo-Normannen eher kein "irisches Rebellenblut" in ihren Adern, wie Vater Ernesto Guevara 1969 meinte. In jedem Fall hat Che Guevara Irland besucht: Am 13. März 1965 legte er auf dem Flug Prag – Kuba auf dem Shannon Airport einen Zwischenstopp ein, gelangte aber wohl nicht bis Galway. Immerhin war er in Limerick und ließ sich dort interviewen. Tatsache bleibt: Ein Patricio (also Patrick) Lynch wanderte 1715 aus Galway nach Argentinien aus und begründete den dortigen Familienzweig.

Lynch`s Window an der Market Street, wo der Vater den Sohn gehängt haben soll, ist neben dem Lynch`s Castle an der Shop Street, heute eine Bank, denn auch eine der Hauptattraktionen Galways. Dies, obschon kaum 25 Meter weiter in einer Seitengasse jenes schmucklose Häuschen steht, in dem Nora Barnacle, Gattin von James Joyce, aufwuchs. Es wird einfach übersehen! Ein gänzlich anderer Joyce, mit Namen Richard (ca. 1660 – 1737) und ebenfalls aus einem der lokalen "Tribes", sorgte dann als Erfinder des Claddagh-Rings für die zweite Haupttouristenattraktion in Galway.

1675 verließ er Galway in Richtung West-Indien, also die Karibik, wurde aber von algerischen Piraten gefangen, verkauft und in Tanger versklavt. Dort soll er mit großem Erfolg das Goldschmiedehandwerk erlernt und betrieben haben, wurde 1689 freigekauft, kehrte nach Galway zurück und schenkte hier seiner treu ausharrenden Braut Sarah Curran jene Ring, dessen Nachbildungen heute viele Galway-Besucher kaufen. Im neuen Claddagh Ring Visitor Centre kann man die Geschichte hautnah auf Video nacherleben.

Information:
Galway Discover Ireland Tourist Information Centre (ganzjährig), Forster Street, Tel. +353 (0)91 53 77 00, www.wildatlanticway.com/directory/galway/eat-drink-nightlife/cafes-restaurants/details/galway-discover-ireland-centre , www.galwaytourism.ie
Wild Atlantic Way: www.wildatlanticway.com

Irland Information/Tourism Ireland, www.ireland.com/de-de/
Fáilte Ireland, 88-95 Amiens Street, Dublin 1, www.failteireland.ie

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 01/09/2017

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