"Die Luft muss raus" - Coravins Einsteigermodell 3 im Praxistest

Passionierte Weinfreunde kennen das Dilemma. Man hat aus einer spontanen Laune heraus eine kostspielige Flasche eines namhaften Winzers erworben und der Weinfachmann gibt einem noch den gut gemeinten Rat mit auf den Weg, den edlen Rebensaft doch besser noch ein Weile in den Keller zu legen, bevor man ihn entkorkt...

Ist der Korken erstmal gezogen, gibt es schließlich kein Zurück mehr. War man zu früh dran – Pech gehabt, jetzt hilft – wenn überhaupt – oft nur noch stundenlanges Dekantieren. Spontaner Genuss? Fehlanzeige. Hat man dagegen zu lange gezögert, hat der Wein seine besten Zeiten beim Öffnen womöglich schon hinter sich.

Als ambitionierter Food- und Weinredakteur hat man, Corona geschuldet, momentan allerdings ganz andere Probleme und muss aufpassen, nicht von turmhohen Musterflaschenstapeln erschlagen zu werden, die fast täglich als Orchestrierung diverser Online-Verkostungen via Zoomkonferenz ins Haus flattern. Nur wer soll die ganzen angebrochenen Bouteillen am Ende alle austrinken, bevor der Wein umkippt? Wäre es nicht großartig, man könnte sich durch einen kleinen Probeschluck vom Reifegrad des Weines überzeugen oder ein schönes Glas zu Verkostungszwecken aus der Flasche abzapfen, ohne gleich den Korken ziehen zu müssen und sie danach einfach wieder in den Keller legen, wo ihr verbliebener Inhalt weiter seiner optimalen Reife oder auch nur dem nächsten Wochenende entgegen schlummert? Doch wie soll man das anstellen, wenn man nicht gerade David Copperfield heißt?

Diese Frage stellte sich auch der US-amerikanische Tüftler und Erfinder Greg Lambrecht, da seine Frau während ihrer Schwangerschaft keinen Alkohol trank. Trotzdem wollte Greg nicht darauf verzichten, hin und wieder ein schönes Glas Wein zu genießen, aber ohne gleich die ganze Flasche leeren zu müssen, die er sich früher mit seiner Frau geteilt hatte. Seine geniale Lösung ließ er sich unter dem Markennamen Coravin patentieren. Dabei wird mit Hilfe einer mit Teflon beschichteten Hohlnadel neutrales Argon-Gas in die Flasche gefüllt. Der erhöhte Innendruck treibt anschließend ein kleine Menge Wein auf umgekehrtem Wege durch die Nadel in den integrierten Ausgießer. Voilà. Der Wein ist im Glas, die Flasche noch zu. Will man mehr Wein abzapfen, drückt man eben nochmal aufs "Gaspedal". Entfernt man die Nadel wieder, verschließt sich der Korken wieder ganz von selbst und das in der Flasche verbliebene Argon schützt den Wein vor Oxidation.

Weinsaver: Set von Coavin.
Set von Coavin.

 

Laut Firmenangaben können "angebrochene" Flaschen mit Hilfe des Coravin-Systems problemlos Wochen und Monate in unveränderter Qualität gelagert werden. Einzige Krux: das funktioniert aktuell nur mit Natur- und Presskorken. Für Kunststoffkorken ist das System nicht geeignet, weil ihnen die "Selbstheilungskräfte" des Naturkorks fehlen. Und auch bei Schaumweinen muss das Coravin-System – bisher jedenfalls – passen. Aber hey, eine Flasche Champagner geht doch immer – auch wenn man alleine ist!

Für die gerade in Übersee auch für hochwertige Weine verwendeten Drehverschlüsse hat Coravin dagegen eine Lösung parat. Dazu muss die Flasche allerdings kurz geöffnet werden, wird aber sofort wieder mit einer Coravin-Kaspsel verschlossen, die mit einer selbstheilenden Membran versehen ist. Ansonsten ist das Anwendungsprinzip gleich. Allerdings lassen sich Drehverschlussweine anschließend nicht ganz so lange lagern wie ihre regulär verkorkten Vettern.
Wir wollten nun ausprobieren, ob Coravin tatsächlich hält, was es verspricht und bekamen von der Amsterdamer Europazentrale des erfolgreichen StartUps ein Coravin Winelover Pack zugesandt, um das System ausgiebig zu testen. Eines vorweg: günstig ist Coravin nicht gerade. Immerhin werden für das aktuelle Einsteigermodell 199 Euro fällig. Unser Testkit, das Winelover Pack für 249 Euro, enthält neben dem Coravin-System, zwei Argon Kartuschen sowie einem wiederverwendbaren Coravin Drehverschlussaufsatz zusätzlich einen Coravin Weinbelüfter – und der hat es in sich. Doch dazu später mehr. Ersatzkartuschen belasten das Budget mit 8-10 Euro pro Stück. Eine Kartusche reichte bei unseren Tests für das Ausschenken von ca. 2.5-3 kompletten Flaschen. Für die Hohlnadeln werden als Ersatzteil rund 30 Euro fällig. Allerdings können die an den Spitzen messerscharf geschliffenen Hightech-Kanülen problemlos mehrere Hundert Korken durchstechen, bevor sie getauscht werden müssen. Für Ungeduldige gibt es außerdem Versionen mit leicht vergrößertem Durchmesser, was den Ausgießvorgang beschleunigt, eine besonders dünne Spezialnadel für ältere, gereifte Weine, sowie eine knapp 60 Euro teure Premiumkanüle für absolute Spitzentropfen. Kurzum: für einfache Weine, die selbst nur wenige Euro kosten, ist das System weniger geeignet bzw. überflüssig.

Hält man im privaten Weinkeller dagegen die ein oder andere Preziose vor, möchte besonders gute und ausgereifte Flaschen ohne Qualitätsverlust über mehrere Tage hinweg genießen oder hat einfach Spaß daran zu erleben, wie sich ein Wein im Lauf der Zeit in der Flasche weiterentwickelt, ist das System – so viel sei schon mal verraten – eine fast perfekte Lösung. Und auch in der Gastronomie hat Coravin mittlerweile zahlreiche Anhänger, erlaubt es Sommeliers doch den Gästen hochwertige Weine auch glasweise anzubieten, ohne gleich befürchten zu müssen, hinterher auf der "angebrochenen" Flasche Lafitte und Co. sitzen zu bleiben. Doch nun zum Praxistest.

Weinsaver: klein, handlich, gut.
Weinsaver: klein, handlich, gut.

 

Das mit einer Standardnadel bestückte Modell 3 aus stabilem Kunststoff ist im Handumdrehen ausgepackt und nach dem kinderleichten Einsetzten der Argon Patrone in den Handgriff bereits eine halbe Minute später einsatzbereit. Leichtes Zischen nach einem kurzen Druck auf den Gashebel zeigt, dass die Kartusche richtig eingesetzt wurde und entfernt ggf. noch vorhandene Luft aus dem System. Nun muss man das Gerät nur noch auf die Flasche setzen. Dabei rasten die ab dem Modell 3 verbauten Smartclamps ein und halten den Flaschenhals bombensicher fest. Durch leichten Druck auf den Handgriff gleitet die scharfe Hohlnadel dann fast mühelos durch den Korken. Anschließend kippt man die Flasche und hält sie mit dem Ausgießer über das Glas. Dabei muss darauf geachtet werden, dass Korken bzw. Nadel stets von Wein bedeckt bleiben. Durch erneutes kurzes Drücken auf den Gashebel strömt nun Argon in die Flasche und nach dem Loslassen beginnt der Wein tatsächlich ganz von selbst zu fließen. 2-3 kurze Gasstöße haben bei unserem Test genügt, um etwa 100-125ml Liter Wein ins Glas zu befördern. Nach dem Entfernen der Nadel bleibt allenfalls ein winziger Tropfen an der Einstichstelle zurück, den man einfach abwischen kann. Anschließend wird der Coravin kurz unter etwas fließendem Wasser abspült. Fertig. Eventuell im Laufe der Zeit in der Nadel stecken gebliebene kleine Korkstückchen oder verfestigte Weinsedimente lassen sich übrigens mühelos mit einem mitgelieferten Nadelreinigungstools entfernen. Neben der mehrsprachigen Gebrauchsanweisung gibt es auf der Webseite des Herstellers bzw. bei YouTube übrigens zahlreiche Videos, die die Anwendung von Coravin demonstrieren.

Wir haben das System 4 Wochen lang mit je 2 Rot- und Weißweinen mit Naturkorkverschluss sowie einem Weißwein mit Schraubverschluss getestet. Darunter ein 1999er Château D'Yquem, ein Barrique gereifter 2015er Weißburgunder Centgrafenberg von Rudolf Fürst, eine kraftstrotzende kalifornische 2016er Cabernetbombe vom Napa Kultweingut Steag´s Leap und schließlich ein filigraner 2018er Ahr-Spätburgunder von Meyer-Näkel. Dazu noch die 2018er Riesling Auslese vom Würzburger Stein des Juliusspitals. (Schraubverschluss)

Jeden Wein haben wir einmal pro Woche – also insgesamt 4-mal – probiert und entsprechende Verkostungsnotizen gemacht. Das Ergebnis war eindeutig. Zumindest auf Sicht von 28 Tagen zeigen die Weine absolut keine Veränderung. Sowohl der üppige Weißburgunder als auch der nicht minder voluminöse Château D'Yquem - hier handelte sich um ein 0,375l Kleinformat – zeigten sich von der wiederholten Probenentnahme gänzlich unbeeindruckt in ihrem Dornröschenschlaf. Auch der breitbrüstige 2016er Artemis von Steag´s Leap präsentierte sich vom ersten bis zum letzten Tag gleich gut gelaunt und zugänglich, ohne gegen Ende auch nur die leichtesten Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Ein echt kalifornischer Sonnyboy eben. Nur beim vergleichsweise jungen 2018er Spätburgunder "S" von Meyer-Näkel zeigte sich ein Problem, das auch der Coravin (zunächst) nicht lösen kann: entwickelt sich ein junger Wein, der normalerweise noch Zeit bräuchte, in einer geöffneten Flasche in der Regel über zwei, drei oder vier Tage oft positiv weiter, blockt der Coravin die Oxidation so zuverlässig, dass der Wein auch bei der zweiten und dritten Verkostung schlicht unreif wirkt. Deshalb haben wir bei der letzten Probe parallel den mitgelieferten Belüfteraufsatz eigesetzt, der einfach auf den Ausguss des Coravin aufgesteckt wird – und siehe da: plötzlich präsentiert sich der Wein im Glas deutlich zugänglicher. Tatsächlich haben wir bisher kaum einen Weinbelüfter gesehen – das Coravin Modell erinnert an eine Art winzigen Duschkopf, der den Wein durch den Gasdruck extrem fein vernebelt und damit tatsächlich ausgesprochen effektiv belüftet - der beeindruckendere Ergebnisse geliefert hat. Selbst ein absoluter Weinlaie hätte die beiden Probengläser spielend auseinanderhalten können.

Wir meinen: Coravin ist ein effektives Weinsaver-System für Privatanwender.
Wir meinen: Coravin ist ein effektives Weinsaver-System für Privatanwender.

 

Nicht ganz so gut funktioniert hat dagegen die Variante mit dem Drehverschluss. Hier haben offenbar geringe Mengen Sauerstoff, die beim Ersetzten der Originalkappe unweigerlich in die Flasche eindringen, ausgereicht, um eine Art "Mikrooxidation" in Gang zu setzen. Hier aber paradoxerweise mit dem positiven Effekt, dass das letzte Glas der 2018er Auslese am Ende der Testphase auch ohne den Weinbelüfter deutlich besser - sprich entwickelter - geschmeckt hat, als der erste Schluck.

Das Kulinariker Fazit: Coravin ist ein effektives und absolut praxistaugliches Weinsaver-System für Privatanwender (Modelle 3, 6 und 11) wie Gastroprofis (Modell 5). Mit seinem Einstiegs-Preis von 199 Euro (Modell 3) ist das tadellos verarbeitete Gerät zwar kein Schnäppchen, aber ein großartiges und hochwertiges Geschenk für ambitionierte Weintrinker. Besonders gut hat uns die exzellente Gebrauchsanweisung inkl. Videos gefallen, die die Anwendung wirklich kinderleicht

Fotos: Coravin

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Zuletzt bearbeitet am 08/07/2020

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Autor

Thomas Hauer

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