Ausgetrunken: Der knüppelharte Weg des Sauternes

Während sich selbsternannte Gourmets nach getaner Arbeit liebevoll den eigenen Bauch streicheln, sind der Natur nahe stehende Personen mehr und mehr entsetzt.

Zu Recht meine ich, denn polarisierender könnten die Ansichten nicht sein. Als ob die Franzosen das Copyright auf die lukullische Kombination mit Gänselebervariationen in Verbindung mit edelsüßen Weinen, insbesondere aus dem südlichen Teil des Bordelais, weltweit lizenziert und niemand sonst auf der Welt das Recht hätte, den drohenden Finger gegen diese, unter fragwürdigen Bedingungen entstandene Genussmöglichkeit zu opponieren. Dabei kann die Produktion und somit die Basis für diese zum Himmel schreiende Gourmet-Wein-Delikatesse brutaler nicht sein: Da werden im Frühjahr zuerst die Reben mit einer großen Schere kurz geschnitten – ohne Betäubung. Kein Paravent schützt im Juni die zarte Blüte vor dem heftigen Wind.

Weinlese ohne lokale Anästhesie

Wachsen die Trauben einmal heran, sind diese ohne jegliche Sonnenschutzcreme (Faktor 30 wäre zu Beginn das Richtige) der gleißenden Hitze ausgesetzt. Einmal reif und durch Regenfälle zu feucht, macht sich manchmal Graufäule breit. Anstatt diesen Missstand mit Medikamenten zu korrigieren, tut der Weinbauer nichts. "Das würde der echten Botrytis schaden", erklärt er dann mit fadenscheinigen Argumenten. Ohne partielle, lokale Anästhesie werden von September bis Oktober die einzelnen Beeren (wie aus dem Mutterleib) aus der Traube heraus gerissen, brutal gepresst und dann die Schale achtlos weggeworfen. Unter schmerzhaften Bedingungen wird der himmlisch süße Traubensaft in aggressiven, fetten Wein gegoren; kaum Luft erhaltend und dann zuweilen noch eingeschwefelt. Anstatt sich im Eichenfass gemütlich erholen zu können, wird er brutal mit Hefe geschlagen.

Es wird noch schlimmer!

Niemals darf der Wein sesshaft sein, sondern muss alle drei, vier Monate an einen anderen Ort im Keller zügeln und dabei die Behausung wechseln. Nach fast zwei Jahren hat er dann das Gröbste überstanden, wird aber vom großen Behältnis schonungslos in eine kleine Flasche gepresst, wo er fast keinen Platz hat (Klaustrophobie-Gefahr!). Dort kriegt er dann noch eine leimige Etikette aufgeklebt und am Kopf wird ihm ein sperriger Korken eingehämmert. Damit dieser sich nicht herauspressen kann, bekommt er einen Metallverband in Form einer Kapsel. Dies ist nur eine grobe Zusammenfassung. In den Details, welche immer wieder von den Weinbauern vertuscht werden, ist der ganze Akt noch wesentlich brutaler. Doch wer dann einen Schluck von diesem göttlichen Gold trinkt, vergisst die ganze, grausame Prozedur leider nur zu gerne. Wer's ganz richtig macht, tröstet sich dabei mit einem schmelzigen Bissen einer traumhaften Gänseleber und lernt dabei vergessen, wie manchmal mit der Mutter Natur umgegangen wird – besonders in Frankreich.

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.weingabriel.ch.

Foto: Olivier Aumage (Wikimedia Commons)

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Zuletzt bearbeitet am 19/08/2016

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