Ich schlafe heut‘ in der ,Prinzenrolle‘

Europas erstes und einziges Supermarkt-Themenhotel in Neuwied hat ungewöhnliche Zimmer. So etwas wie eine Junior- oder Deluxe-Suite sucht man in dem Vier-Sterne-Haus vergeblich. Vielmehr mieten sich die Gäste in der Süß-, Herzhaft- oder Spritzig-Kategorie ein. Woran man sieht: Das Foodhotel zwischen Bonn und Koblenz ist immer für eine kleine Überraschung gut...

Dieses Hotel erzählt Geschichten. Viele Geschichten. Storytelling und Marketing gehören zusammen, weiß man ja. Doch in dieser Unterkunft geschieht dieses Geschichtenerzählen zur Abwechslung mal wieder analog statt digital. Offline statt online sozusagen.

Denn das Hotel nahe der Innenstadt kooperiert mit Paten aus der Lebensmittelbranche. Für eine Dauer von mindestens fünf Jahren sind Firmen die Sponsoren für eines – oder gleich mehrere – der insgesamt 113 Zimmer und gestalten sie nach ihrem Gusto. So sind bis jetzt 47 individuell designte ,Themenzimmer‘ entstanden. Was ganz originell ist, denn so können Gäste im Rewe-, Real- oder Edeka-Zimmer schlafen. Oder sie betten ihr Haupt auf die Kissen des Raffaelo-, Coca-Cola- oder heißbegehrten Chio-Chips-Raumes.

Edeka-Zimmer...
Edeka-Zimmer...

 

Heiße Beats & Krönchenbett

Wenn sie in letzterem überhaupt dazu kommen: Schließlich gleicht der Raum einer Disko. Kaum ist ein Schritt hineingesetzt, schon wummern einem dunkle Bässe entgegen. Eine Lightshow taucht die Szene ins passende, in kurzen Rhythmen wechselnde Licht. Mal flackert es knalliges Pink, dann Grün, Rosa oder Blau. Eine Glitzer-Spiegelkugel dreht sich an der Decke. Schließlich wird erst so das Nachtschuppen-Flair perfekt, das auch vor dem komfortablen Bad nicht Halt macht. Und dann diese riesigen Boxen direkt über dem Bett! Sie entpuppen sich zum Glück als Fototapete, sonst würde bei der Dimension wahrscheinlich die ganze Etage wackeln.

Ein zweiter Star unter den Zimmern – jedenfalls wenn es nach der Beliebtheitsskala der Gäste geht – ist die Prinzenrolle, mit Krönchen-Bett und Nackenkissen im Schokodoppelkeks-Format. Man ahnt, wer dahintersteht…

Chio-Chips Zimmer, Kategorie Herzhaft...
Chio-Chips Zimmer, Kategorie Herzhaft...

 

Paula Kuh verzaubert Kinder

Und weil die Foodhotel-Macher um Direktor Jörg Germandi schon mal an die Kunden von morgen denken, kam der Einfall eines Bielefelder Produzenten sicher auch ganz recht. „Sein“ Zimmer ist Familien mit Kindern gewidmet. In dem kunterbunt-zauberhaften Ambiente macht Comic-Rindvieh Paula Kuh nicht nur Muh, sondern stellt bildlich gesehen auch so allerlei Unsinn an. Die Figur, die für Schoko-Pudding wirbt, lugt um jede Ecke, klebt unter der Decke, findet sich an der Duschtür. Kurzum: Ein Paradies für die Kleinen, inklusive Hochbett, Kuscheltieren und Bauklötzen.

Einkaufswagen für die Koffer

Und dann ist da noch die „Nonfood-Kategorie“, in der es ein wenig ernsthafter zugeht. Dazu gehört der gerade neu eingerichtete Fairtrade-Raum ganz im afrikanischen Stil. Gestaltet mit Antilopenschädeln (unecht) als Lampenständer, handgewebten Teppichen und Fotos der Kakaobäuerin Beatrice Boakye aus Ghana. Man sieht die Frau lächelnd bei der Arbeit. Und in großen Lettern an den Wänden erzählt sie, wie die Zusammenarbeit mit der Organisation für den fairen Handel ihre eigenen Lebensbedingungen und die der anderen im Dorf positiv verändert hat. Durch stabile Mindestpreise zum Beispiel. „Das Zimmer sollte so persönlich und authentisch wie möglich gestaltet werden“, sagt Foodhotel-Marketing-Chefin Vera Schmidt. Eine riesige Landkarte gibt zudem Auskunft, welche Länder weltweit in welchen Branchen mit Fairtrade kooperieren. Es reicht vom Zucker- bis zum Kaffeeanbau…

Fairtrade-Raum ganz im afrikanischen Stil...
Fairtrade-Raum ganz im afrikanischen Stil...


Die Unternehmen aus dem Lebensmittelbereich nutzen die Zimmer als Werbeplattform und haben freie Hand bei der Einrichtung. Nur eine Bedingung gilt es einzuhalten: Sie muss dem Vier-Sterne-Niveau des Hauses entsprechen.

Supermarkt-Flair raffiniert variiert

Der Foodhandel ist aber nicht nur in den Zimmern präsent. Schon an der Rezeption fängt es an. Wozu braucht man Kofferwagen, wenn man Gepäck auch in original Einkaufswagen aus dem Supermarkt transportieren kann? Dazu findet man viele Gestaltungselemente aus dem Ladenbau. Die Böden sind komplett in schwarz oder braun gehalten, was an den Belag in den Feinschmecker-Ecken der Supermärkte erinnert. Über den Köpfen der Gäste lassen sich so genannten Odenwalddecken entdecken. Typisch, diese Faserplatten. Und in den Zimmern finden sich Supermarkt-Regale. Raffiniert variiert, versteht sich.

Relaxen am Camenbert-Tisch

In den Fluren entspannen Gäste in den ‚Patenecken‘, etwa in derjenigen der ,Initiative Lebensmitteldose‘ oder am Tisch des Käseherstellers Rotkäppchen. Er hat die Form eines angeschnittenen Camenberts. Darüber hinaus verfügt das Hotel über sechs Tagungsräume, die selbstredend ebenfalls einem Thema gewidmet sind und Namen wie Gewürzkammer oder Kaffeekontor tragen.

Pausenbereich vor Tagungsraum.
Pausenbereich vor Tagungsraum.

 

Auch Nachhaltigkeit ist ein Thema. So führte dieses Hotel als erstes in Rheinland-Pfalz digitale Meldescheine ein, um den Papierverbrauch zu reduzieren. Auf den Tischen in Bistro und Restaurant liegen Stoff-, statt Papierservietten. Die Lebensmittel stammen vornehmlich aus der Region, der Strom kommt aus Wasserkraft. Und um die Gäste zum Fahrradfahren zu animieren, können sie sich für 5 Euro pro Tag die diversen E-Bikes des Hauses ausleihen. Ein Angebot, was übrigens auch für die Einheimischen gilt.

Die Bundesfachschule des Lebensmittelhandels gleich nebenan

Das Schöne: Das moderne Hotel liegt nur einen Katzensprung von Rhein und Zentrum entfernt. Und gleich nebenan erhebt sich das Gebäude der Bundesfachschule des Lebensmittelhandels, die jetzt den schönen Namen food akademie trägt. Ohne sie wäre ohnehin die Hotelidee wohl nie entstanden. Denn die Einrichtung, die seit über 80 Jahren jährlich bis zu 5.000 Wissensdurstige aus ganz Deutschland in Sachen Fort- und Weiterbildung im Lebensmittelhandel auf den neuesten Stand bringt, benötigte stets Unterkünfte.

Außenansicht des food hotel Neuwied.
Außenansicht des food hotel Neuwied.

 

Zwar gab es ein Studentenheim. Doch Plätze dort waren rar. So kam der Gedanke auf, das Gute mit dem Nützlichen zu verbinden. Und dabei im Thema zu bleiben. Nach der Devise: Lebensmittel, Hotel und Gastronomie sind ein gutes Team. Also wurde die Studentenunterkunft umgebaut, ein Neubau hinzugefügt – fertig war das food hotel.

Schmankerl zum Nulltarif

2020 feiert es sein zehnjähriges Bestehen. Eine Win-Win-Situation auf breiter Ebene. Die Gäste übernachten in kreativ gestalteten Räumen, genießen gratis kleine Firmengeschenke vom süßen Betthupferl von Zentis bis zur Trüffelsalami von Bedford. Und umgeben sich dafür freiwillig mit Produktreklame. Doch es ist noch mehr. Denn je origineller ein Zimmer designt ist, desto öfter wird es von den Gästen in den Social-Media-Kanälen von Facebook bis Instagram gepostet. Sie werben somit auch noch selbst kostenlos für Paten und Hotel...

Weitere Informationen unter: https://www.food-hotel.de/

Fotos: food hotel Neuwied, Kirsten Lehmkuhl

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