RAW WINE Berlin 2018: nun XXL und ohne "pizzo"!

Weine mit Emotion und Charakter, vor allem aber Naturweine, deren Anbau und Keltermethoden "lebendigen Wein überhaupt erst möglich macht", präsentierte in diesem Jahr erneut wieder die Weinmesse RAW WINE in besonderer Location, der längst in allen Reiseführern als Gourmetkultadresse vermerkten Markthalle 9 in Berlin-Kreuzberg.

Im so geadelten Standort, immerhin steht er dank der RA WINE auf einer Stufe mit den weiteren RAW WINE-Messeevents in London, New York und Los Angeles, konnten sich RAW WINE-Gründerin Isabelle Legeron und Besucher am 13.5./14.5.2018 über insgesamt 161 Aussteller freuen. Nicht genug damit: Erstmals sorgte auch ein breitgefächertes Rahmenprogramm mit insgesamt elf Mini-Events vom 9.5. bis zum 16.5.18 dafür, dass während dieser #rawwineweek eine Woche lang Naturwein in aller Munde war. Ob mit Blindverkostungen und Sonderpräsentationen in der Markthalle 9 oder bei Gastgeber dieser Events wie Berlins Kultrestaurant Nobelhart & Schmutzig: Die Naturweine überzeugten – und brachten manche bisher unbekannte Überraschung ans Tageslicht, die zu merken sich mehr als lohnt.

Gut, dass Isabell Legeron mit ihrem mittlerweile in sechs Sprachen erhältlichen Wein-Guide "Natural Wine" auch gleich das passende Handbuch zum Event verfasst hat: Zwar fehlt noch eine deutschsprachige Ausgabe, doch kann man sich bestens mit der neuesten, englischsprachigen Edition von "Naturwein" behelfen, die als Einführung zu natürlich hergestellten Bio- und biodynamischen Weinen schon fast Fibel der Biowein-Enthusiasten ist (Verlag Cico Book, London, www.rylandspeters.com). Noch spannender ist es natürlich, den direkten Kontakt zu jenen Winzern zu suchen, deren Weine sich vor allem durch eines auszeichnen: Sie sind biologisch angebaut und oft schwefelfrei, oder doch zumindest schwefelarm. Die Webseite der Messemacher (www.rawwine.com) listet alle Zusatzstoffe und Herstellungsverfahren der Aussteller, die wichtigsten Daten versammelt auch der Katalog.

RAW WINE: gut besucht...
RAW WINE: gut besucht...

 

Weinproduzenten aus 19 Ländern waren versammelt, aus deutschen Landen bis nach Südafrika, aus den USA bis nach Ungarn, aus Österreich, der Schweiz und den aufstrebenden südost- und osteuropäischen Staaten, seien es nun Tschechien, die Slowakei, Kroatien, Griechenland oder das alte Weinland Rumänien. Dazu kamen Exoten mit ebenso langer, wenn nicht längerer Weinbautradition wie Chile, die Türkei oder Georgien. Vorneweg waren natürlich die drei Großen mit den meisten Ständen präsent. Denn auch in Italien, Frankreich und Spanien boomt Biowein. Dazu gab es auch Bio-Fruchtweine und Cider aus Schweden (Fruktstereo) und Polen (Kwasne Jablko), Cognac aus FranrkeichMery-Melrose9 und Sake-Reiswein aus Japan (Ueno Gourmet und Yoigokochi).

Aber das Hauptinteresse galt natürlich jenen Winzern, die sich der Qualitäts-Charta von RAW WINE unterstellten: Die Weingärten bzw. Weingüter müssen biologisch oder biodynamisch bewirtschaftet werden, die Trauben müssen handgelesen werden, bei der Gärung sind nur natürliche Hefen erlaubt, Additive in der Weinbereitung sind nicht erlaubt. Eine Ausnahme bildet Schwefel, der mit einem Maximalgehalt von 70 mg/Liter des gesamten SO2 erlaubt ist, weit unter der EU-Norm. Tatsächlich waren auf der RAW WINE Berlin 36 Hersteller versammelt, die gänzlich auf Sulfite verzichten, also ohne jeden Schwefelzusatz auskommen. Hinzu kamen 45 Güter, deren Produktion im gesamten Sortiment unter maximal 35 mg/Liter Schwefel liegt. Eine beeindruckend hohe Zahl! Zu diesen gehört beispielsweise die Casa Raia aus der Toskana. Einen Kilometer von der Burgruine von Montalcino entfernt warten Pierre-Jean Monnoyer und Kalyna Temertey-Canta mit terrassierten Weinhängen, Oliven und Waldflächen auf. Sie produzieren ihren Bevilo, einen IGT Toscana Rosso (20 mg/l), vor allem aber einen wunderbaren Brunello 2012 und auch 2013 (www.casaraia.com). Großartig wäre, wenn sie bald einen Importeur für die deutschsprachigen Länder fänden.

Brunello 2012.
Brunello 2012.

 

Auch die das kleine Weingut Casa Wallace (14 ha), hart an der Grenze zu Ligurien gelegen und in den Seealpen von Mittelmeerbrisen wie Alpenluft verwöhnt, wäre beinahe in diese Kategorie gerutscht. Seit 2001 produzieren Claudio, Sarah und Elena Roveta mittlerweile zertifizierten Biowein in biodynamischem Anbau und laden Gäste in ihr B&B. Großartig ist ihr Dolcetto2015 (21 mg/l), und auch der Rosso Monferrato DOC 2015 ist mit 20 mg/l eine schwefelarme Leckerei. Am besten und für jeden Sommerabend ein Genuss ist aber der Rosé "Pink 2016", wenn auch mit 41 mg/l belastet. Das Schlachtschiff der Casa Wallace, der Ovada DOCG 2011, ein Dolcetto Superiore, ist dann sowohl vom Geschmack als auch der Schwefelbelastung her im Bereich der Extraklasse (36 mg/l).

Der Clan der guten Sizilianer: "Addiopizzo" bei Valdibella

Eine echte Entdeckung ist dann Valdibella aus Sizilien (www.valdibella.com): Die Kooperative in und um Camporeale südwestlich Palermo und noch im weiteren Bereich der Hügel von Monreale besteht heute zehn Bio-Weingütern, existiert aber schon seit 1988. Dies nicht nur für Sizilien einzigartig frühe Projekt des Bioanbaus setzt mit Winzern wie Gioacchino Accardo, Massimiliano Solano oder Luigi Montalbano auf Nachhaltigkeit, Direktvermarktung und eine neue Herangehensweise an die kommerzielle Welt. Dazu gehört die Verbindung von Ethik und Ökonomie: Kein Wunder daher, dass Valdibella, im Tal des Schönen, schon seit 1998 mit dem Projekt Jonathan neue Wege geht. Schon 1854 hatte Don Bosco in Turin den Salesianerorden gegründet, der sich seither – und sehr erfolgreich in und um Palermo – für die Hilfe benachteiligter junger Menschen mit Handicap einsetzt. D1972 hatte Maria Saladino in Camporeale eine Salesianergemeinschaft begründet, die Comunitá Itaca. In der viele Junge eine Heimstatt nach möglicherweise langer Odyssee fanden. 1998 bot Direktor Don Fabio den Bauern und Winzern von Valdibella an, den gleichen Arbeitsraum und die Flächen gemeinsam zu nutzen –was bis heute erfolgt und ein Vorzeigebeispiel für Inklusion wurde. Nicht genug damit: 2004, als Jugendliche in Palermo die Bewegung "Addiopizzo" gründeten, eine Protestbewegung gegen Zahlung von Schmier- und Schutzgelder, die die lokale Mafia einheimste, war Valdibella unter den ersten, die sich der Bewegung anschlossen. Denn das "No" zum Pizzo, dem sogenannten Schutzgeld, bedeutet für die Biowinzer auch, das soziale Gleichgewicht und die moralische Würde in Sizilien aufrecht zu halten. Und so ziert das Logo "Certificato Addiopizzo" alle von Valdibella produzierten Produkte. Welche önologischen Schätze das Valdibella zu bieten hat, wussten schon die Jesuiten, die zu siebt im Jahr 1642 hierherkamen und deren Nachfolger mit großem Erfolg bis 1767 blieben.

Ein passendes Motto...
Ein passendes Motto...

 

Durchaus auch in deren Geist und Tradition verstehen sich die Mitarbeiter der Cantina Valdibella. Mit Erfolg, denn heute werden ihr Weine z. B. von den Cantine Sant`Ambroeus, vom Fair-Handelszentrum, von Assello, der Weingalerie Tafel, Marxen Wein oder dem Weinkombinat Hugel auch nördlich der Alpen vertrieben. Qualität ist das oberste Gebot. Dies sticht schon beim ersten verkosteten Weißwein, dem DOC Sicilia "Munir" aus der autochthonen Uralt-Traube Cataratto ins Auge (12,5 %), der die Tradition des Weinbaus rund um Camporeale mit großer Verantwortung fortsetzt und mit leichten Noten und Blüten- und Vanillenoten Siziliens Frühling evoziert. Vielleicht noch einen Tick besser ist der aus purem Cataratto extra lucido gekelterte DOC Sicilia Isolano 2016 854 mg/l), der seinen Namen einem Wortspiel verdankt. Denn begründet hat den Wein vor zwei Generation Vincenzo Solano, als er in den 1950er Jahren die ersten Weinstöcke pflanzte. Nun hat es ihm Enkle Massimiliano Solano mit 500 weiteren Cataratto–Rebstöcken nachgetan. Eine Verbeugung in die Vergangenheit ist auch der weiße DOC Sicilia "Ariddu" (13,5 %), benannt nach dem lokalen Spitznamen für die Grillo-Traube, die aus Apulien nach Sizilien kam, vorwiegend zur Marsala-Produktion eingesetzt wurde und nun eigenständig reüssiert. Mit großartiger Farbe und makellosem Geschmack wartet dann der DOC Sicilia "Memorii" (13 %); 60 mg/l Schwefelgehalt) auf. Der Blend aus Grillo- (65 %) und Castaratto extra lucido-Trauben (35 %) darf für sich in Anspruch nehmen, Sizilien "at its best" zu repräsentieren. Mein Favorit bei den Weißen! Dass es auch (nahezu) gänzlich ohne Schwefel geht, beweist der DOC Sicilia "Ninfa" 2017!

Eine Entdeckung unter den Roten ist der DOC Sicilia "Respiro", ein Nero d`Avola, auch er ohne Sulfite (13,5 %). Ein kleiner Hit ist dann Valdibellas DOC Sicilia "Acamante" von 2015 aus der Perricone-Traube. Hier wird nicht nur Sizilien, sondern sogar das alte Trinacria der antiken griechischen Kolonien lebendig. Acamante (Akamas), Sohn des Theseus, kehrt aus dem Krieg zurück und entdeckt, dass sein Geliebte, Fillide, Phyllis, thrakische Prinzessin und Tochter des Königs Sithon, aus Gram über die lange Abwesenheit des Helden verstorben, von Göttin Athene aber in einen blattlosen Mandelbaum verwandelt worden war. Diesen umarmte dann Akamas aber so inniglich, dass die ersten Blüten aus dem Mandelbaum sprossen und Sizilien und der Welt die Mandelblüte bescherte. Grund genug also, nicht nur der Messe RAW WINE, sondern auch Sizilien und seinen schwefelarmen Weinen mal zur Mandelblüte die Aufwartung zu machen.

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 18/05/2018

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