Biowein vom "Land der Träume"

Keine Frage: Das toskanische Licht hat schon Generationen sehnsuchtsvoller Italieneisender glückselig gemacht. Doch nur wenigen ist es vergönnt, ihre im Laufe der Zeit entflammte Liebe zum Land umzusetzen und etwa das Gebiet des Chianti Classico zur zweiten Heimat zu machen.

Dabei ist es ganz einfach: Man muss nur König, besser noch Königssohn sein! Wie etwa jener Ildebrando (Hildebrand), Sohn des Langobardenkönigs Berengar (Berengario), der vor den Toren von Castellina in Chianti das uralte Weingut Gagliole im Jahr 994 n. Chr. seiner Braut als Hochzeitsgeschenk vermachte. Der Nachweis ist aktennotorisch und im Staatsarchiv von Siena hinterlegt.

1990 folgten die Schweizer Monika Bär-Bettschart und Thomas Bär den Spuren der berühmten Langbart-Royals und taten es ihnen gleich. Anfangs nur als Ferienwohnsitz gedacht, entdeckten die Bärs die herausragende Qualität ihre Weinberge erst per Zufall. Ein Winzer hatte aus dem Traubengut ihrer Ländereien einen exzellenten Tropfen gekeltert. Und so schritten sie 1994 selbst zur Tat, anfangs mit drei Hektar Rebfläche, heute sind es schon 20 Hektar. Gut Gagliole ist nun ein wahres Schatzkästchen, wächst und gedeiht prächtig und wurde nach und nach zum Vorzeige-Biogut im Chianti Classico.

Antico Podere Gagliole..

Eigentlich war es Monika Bettschart, die ein Auge auf das "Land ihrer Träume" geworfen hatte. In jungen Jahren urlaubte sie regelmäßig in der Nachbarschaft des Gutes, dessen Name Gagliole wohl vom lateinischen "galule", "kleines Gut" herrührt. Regelmäßige ausgedehnte Spaziergänge führten sie immer wieder in diesem sich zum Amphitheater formenden Talbogen unterhalb Castellina in Chianti.

 

Thomas Bär.
Thomas Bär.

 

 

In Thomas Bär, Sohn eines Physikprofessors und einer Violinistin und Bildhauerin, der lange Jahre in der privaten Familienbank Julius Bär und in seiner Anwaltskanzlei arbeitete, fand sie die große Liebe und den adäquaten Partner zur Verwirklichung des großen Traums. Thomas Bär ließ nach und nach alle Bankaktivitäten hinter sich, beschränkte sich auf die Förderung des Museum of Fine Art in Zürich und widmete sich fortan Gagliole.

Wer vom ausgeschilderten Abzweig auf der Zypressenallee den Halbkreis hinauf zum versteckt liegenden Gutshaus hinauffährt, wird die beiden sofort verstehen. Die uralten Trockensteinterrassierungen der Weinberge, das Licht, dazu überall Rosen, die Lieblingsblume Monika Bär-Bettscharts. Eine Rose ziert auch das Etikett eines der Topweine aus dem Hause, des Rubiolo. Dazu gehört zudem das alte Familienzeichen der Bettschart, ein Zirkel mit horizontalem Waagbalken, das nun als Wappen des "Landes der Träume" dient. Thomas Bär: "Es ist unsere Vorstellung, im Wein die kulturelle Synthese zwischen unserer persönlichen Geschichte und der des Chianti Classico-Gebiets zu finden, die Tradition und die italienische Kreativität mit der Schweizer Präzision zu vereinen".

Doch wer mit Alessia Riccieri, der Sales & Marketingmanagerin des Gutes, zur Kellerführung aufbricht, wird rasch feststellen, dass nicht helvetische Strenge und Ordnung, sondern vor allem viel Intelligenz und Knowhow den Erfolg ausmachen. Im Schatten des Gutshauses, dessen Fundamente wohl mindestens ins 12. Jahrhundert zurückreichen, sind selbst Details perfekt. Dafür sorgt das Technikteam um Cesare Panti und Giulio Carmassi. Und bei der Wahl der Fässer und beim Weinbau berät der Önologe Stefano Chioccioli. Basis ist daher nicht Glück, sondern Können. Und die Entscheidung für "Bio": Die optimale Balance der Weinberge ist eine direkte Folge des Bioanbaus, der in Gagliole bei der Bodenbearbeitung wie im Pflanzenschutz praktiziert wird. Das bedeutet: keine Verwendung von Unkrautvernichtungsmitteln, Kunstdünger oder sonstiger chemischer Produkte. Für den Pflanzenschutz werden nur natürliche Substanzen eingesetzt. Dieser einmal eingeschlagene Weg wird schon in naher Zukunft zur offiziellen Zertifizierung führen. Für Weinliebhaber, die auf Gagliole setzen, ist dies eine weitere Sicherheit.

Stefano Chioccioli.
Stefano Chioccioli.

 

Die Trauben wachsen heute in drei Rebgebieten. Vier Hektar Weinberge finden sich in 450 Meter Höhe direkt rund ums Gutshaus: in dem Halbkreis mit West-, Südwest-, Südost- und Ostausrichtung gedeihen Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Malvasia Bianca. Auf weiteren sechs Hektar wird einen Kilometer entfernt vorwiegend Sangiovese angebaut. 2011 kauften die Bärs sich zudem mit zehn Hektar Land, bestockt mit Sangiovese, Merlot und Cabernet Sauvignon, rund um die Villa "La Valletta" an der berühmten Conca d`Oro, dem "Goldenen Becken" von Panzano in Chianti ein, wo seit 1979 Bioanbau betrieben wird.

Ein großer Schritt, doch mittlerweile stehen schon drei Generationen der Bär-Familie bereit, Gagliole auch in die Zukunft des 21. Jahrhunderts zu führen. In jedem Fall goutiert die internationale Weinkritik die Entwicklung. So wurde gerade erst der Pecchia 2013, ein reinsortiger Sangiovese von den Weinbergen in Panzano in Chianti, mit 95 von 100 Punkten bewertet. Weinguru James Suckling zählt ihn sogar zu den 100 besten italienischen Weinen überhaupt.

Noch vor der Weinprobe entdecken wir dann aber gemeinsam auch die Olivenölproduktion. Nicht ohne Stolz erzählt Alessia, dass viele aus der Nachbarschaft und aus Castellina alljährlich bei der Ernte mithelfen: ohne Lohn, sie werden in Naturalien bezahlt. Und alle, aber auch wirklich alle bestehen dann darauf, das gewonnene herausragende Olio di Oliva extra vergine ungefiltert mit heim zu nehmen. Denn das ist schließlich Tradition im Chianti Classico-Gebiet. Für alle anderen Verbraucher wird aber gefiltert…

Garfield und Olivia: in der Villa La Valletta

Welches Produktionspotential dank Ausrichtung und Lage möglich ist, erfahren wir dann bei der Weinprobe, die wie für alle anderen Gutsbesucher und Gäste auch samt Abendessen in der Villa "La Terrazza" stattfindet. Allenfalls die Anfahrt auf dem 900 Meter langen, holprigen Schotterweg stört ein wenig, man sollte also bei Tageslicht anreisen. Dann steht da oberhalb des sich ausbreitenden Pesa-Tals mit Blick bis nach Tavarnelle und manchmal sogar bis San Gimignano ein Landhaustraum der 1920er Jahre! 2012 perfekt restauriert, in bietet das Gutshaus inmitten von Weinbergen höchst komfortable, stilvoll möblierte Zimmer, einen neuen Pool und die großartige Haushälterin Eli Carli. Der gute Geist des Hauses sorgt auf Wunsch auch fürs leibliche Wohl (3-Gänge-Menü 45 Euro) und in jedem Fall für das Verkostungsdinner sorgt.

 

Weingut Gagliole.
Weingut Gagliole.

 

 

Mit von der Partie sind zudem Cosimo Soderi, der auch fließend Englisch und ein wenig Deutsch spricht, sowie Tullio Chimini, der Gutsverwalter. Unumschränkter Herrscher im Haus sind aber Katze Olivia und Kater Garfield! Zum Start des Willkommensmenüs wird der speziell für den Schweizer und deutschen Markt entwickelte Gagliole Biancolo 2015 (im Verkauf ca. 15 €) gereicht. Er ist ein perfekter Apero-Wein, 50 Prozent Trebbiano, 50 Prozent Chardonnay, neun Monate im Edelstahltank, ein echter Weißwein für die sonnenüberflutete Terrasse. Nicht umsonst führt ihn das Edelrestaurant "La Leggenda dei Frati" in der Florentiner Villa Bardini auf der Weinkarte. Es ist berühmt für seinen Terrassenblick auf die Arnostadt. Bei zehn Grad Celsius und "wine by glass" serviert, verwöhnt er mit Vanillearomen und großer Mineralität, schmeckt sehr gut und ist ausgesprochen süffig. Dazu passt dann z. B. Elis Kürbiscremesuppe mit Olivenöl von Gagliole.

Gediegener ist dann der Gagliole Bianco I.G.T. 2014: 30% Chardonnay, 10% Malvasia und 60% Trebbiano, serviert bei 16°C, machen ihn zum Gedicht! Der 13-Prozenter, im Verkauf ca. 22 €, reifte zudem neun Monate im Barrique-Fass (französische Eiche) und ist natürlich perfekt etwa zum Risotto mit Funghi Porcini. Gagliole wählte extra dunkleres Flaschenglas, weil man dem Wein sogar 6 bis 7 Jahre Lagerung zutraut! Wohl dem, der dann zu den Tagliolini con tartuffi, Trüffeln aus den Crete Senesi, einen Rubiolo 2014 Chianti Classico DOCG erhält. 13,5%, sehr lebendig, viel Mineralität, da aus 10% Merlot und 90% Sangiovese hergestellt. Ideal zur Pasta.

Zum Hauptgang muss natürlich die Hausmarke her, ein Gagliole I.G.T. 2013: 90% Sangiovese und 10% Cabernet-Sauvignon, gereift im französischen Barrique, machen den 14-Prozenter zum Vergnügen. Und natürlich kann auch niemand zum Dessert nein sagen: Birne in Rotwein, natürlich eine Rubiolo-Sauce, dazu Bio-Ricotta und Mandeln! Perfekt und nur noch mit einem Gläschen Grappa aus dem Hause Gagliole zu toppen!

 

Der Bianco 2014 im Glas.
Der Bianco 2014 im Glas.

 

 

Natürlich kann man bei einem solchen Menü auch draufsatteln und etwa einen Rubiolo 2012 (wunderbar) oder einen Gagliole 2011 wählen. Aber eigentlich ist das für die nahe Zukunft nicht nötig. Denn der 2015er gilt sowieso schon jetzt als der Jahrhundertwein, und auch die Ernte 2016 besticht: Das Wetter in der Toskana spielte bis zum Schluss mit, so dass die Natur hervorragende Trauben bescherte. Die Weinlese begann auf Gagliole am 22. September und endete Mitte Oktober! Das war nicht überall so. Viele italienische Weinbaugebiete sahen sich mit schwierigen Wetterverhältnissen konfrontiert, um gar nicht erst von Frankreich zu sprechen, das einen echten Produktionseinbruch hinnehmen musste. Doch die Toskana war 2016 eine "Insel der Glückseligen"!

2017 wird La Valletta zudem den Bau des neuen Weinkellers erleben, der die Gagliole-Weine insbesondere aus dem Conca d'Oro von Panzano sicher noch berühmter machen wird. Schon jetzt setzt Gagliole Meilensteine.

Information:
Antico Podere Gagliole, Località Gagliole 42, 53011 Castellina in Chianti, Provinz Siena, Tel. +39 0577 74 03 69, Tel. 331 6 12 08 56, Tel. 334 1 20 91 85, Tel. 0577 74 05 19, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.gagliole.com; Weingutführungen n. V.
Tenuta "La Valletta", Via Case Sparse 3/5, Loc. Panzano in Chianti, 50022 Greve in Chianti, Provinz Florenz, Tel. 0577 74 03 69, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.lavallettahospitality.com; Ferienwohnungen L’Uva, la Rosa, Lavanda, Studiowohnung L’Ulivo und 2 DZ im renovierten Landhaus aus den 1920er Jahren, neuer Swimmingpool

 

Lage des Weinguts:

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Fotos: Ellen Spielmann, Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 13/03/2017

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