Von Korn, Gold und freien Geistern

Nörten-Hardenberg: nicht der Nabel der Welt, aber Ort mit viel Geschichte. Das Burghotel steht im Schatten der Burgruine für eine gehörige Portion Tradition. Ein Artikel über Gastronomie, Brände und Neuausrichtungen...

Im April 2004 kam Katja Burgwinkel so ein wenig ihrer namentlichen Bestimmung nach. Im Hardenberg-Burghotel heuerte sie zunächst als Sous Chefin an, ehe bereits ein halbes Jahr später das Gourmetrestaurant "Novalis" unter ihre Leitung fiel. Eine lange Zeitspanne liegt nunmehr hinter der Chefköchin – gerade in diesem Job nicht gerade die Regel. Die gebürtige Kölnerin, die einst im Maritim Hotel ihrer Heimatstadt in die Lehre ging, zieht es nun nach ziemlich genau dreizehn Jahren wieder nach Nordrhein-Westfalen zurück.

Damit geht nach langer Zeit eine kulinarische Institution, die über viele Jahre gleichbedeutend für Genuss und französisch orientierte Küche stand und dem Gourmetrestaurant einen festen Stempel aufgedrückte. Doch dies scheint mehr als passgenau gewesen zu sein, denn Tradition und Verbundenheit werden im Hardenberg-Burghotel groß geschrieben. Seit mehr als 300 Jahren weht der Duft der angeschlossenen Hardenberg Brennerei nunmehr über die Region, versorgte unzählige Generationen Menschen mit Spirituosen, die stets den Keiler als Emblem trugen und die sich national einen Namen machte.

Erfolgsprodukt seit 300 Jahren: Kornbrand von Hardenberg.
Erfolgsprodukt seit 300 Jahren: Kornbrand von Hardenberg.

 

Das Markenzeichen des Ebers soll zurückgehen auf die Zeit der Ritter und Burgen. Einst hätten Wildschweine durch ihr Grunzen die Burgherren vor feindlichen Angriffen der nahenden Plesseritter gewarnt. Nun, Wahrheit oder Sage – oder vielleicht einem trunkenen Traum aus Kornbrandzeiten entsprungen: nebensächlich. Fakt ist, dass der Kopf des Wildschweins Markenzeichen und Gütesiegel zugleich geworden ist. Natürlich: gerade in der Region ist die Spirituose fest verankert und bekannt. Allerdings hat sich das Unternehmen der Familie Hardenberg trotz der regionalen Bekanntheit in den letzten Jahrzehnten durchaus Herausforderungen stellen müssen, die einen Strukturwandel und ein Umdenken der Firmenpolitik folgerten.

Korn im Wandel

Denn Korn ist wahrhaft nicht das Trendgetränk der letzten Jahre, oder gar Jahrzehnte, gewesen. Auch wenn es eine Diversifikation der Brände um den Keilerkopf gab (Weizenkorn, Hochzeitsweizen, Hardenberg Gold, Wacholder, Persico usw.), würde allein ein Verweilen auf diesen Bränden vielleicht nicht den sicheren Untergang, aber zumindest einen Stillstand bedeuten. Doch dem stellte sich die Unternehmensführung schon früh entgegen, suchte Synergien und die Anbindung anderer Marken. Bereits 1971 übernahm Hardenberg Anteile des Likörfabrikanten "Der Lachs" (Danziger Goldwasser), einem bereits 1598 gegründeten Traditionsunternehmens. Nach der Wiedervereinigung erfolgte dann der Kauf der sächsischen Brennerei in Wilthen (Kleinstadt in der Oberlausitz), woraus 1998 die Umwandlung in die Hardenberg-Wilthen AG resultierte.

Heute erfolgt die Produktion im Werk in Hardenberg. Der Zylinder mit dem nötigen beigefügten Blattgold wird immer noch regelmäßig genutzt. Na klar, Danziger Goldwasser ohne die goldenen Flitterteilchen wäre ja auch kein originales Goldwasser. Allerdings dürften auch die Produktion und der Vertrieb des Goldwassers nicht der Stein des Weisen sein. Darum kam es 2006 zu der Gründung einer Produktionsgesellschaft mit Underberg und 2012 zur Übernahme der Marke Original Lehment Rostocker (Küstenbrise, Aquavit, Kümmel). Man blieb sich also treu.

Immer ein paar Gramm Gold am Start für die Produktion des Danziger Goldwassers.
Immer ein paar Gramm Gold am Start für die Produktion des Danziger Goldwassers.

 

Auf den Gin gekommen

Fernab dieser korn- und kümmellastigen Tradition hat das Unternehmen, wenn auch spät, jüngst den Gin-Markt für sich entdeckt. Mit der Aufnahme von Carl Graf von Hardenberg junior in das operative Geschäft als Vorstandsassistenten, erfolgte die Lancierung des "Von Hallers" Gin. Eine flüssiggewordene Reminiszenz an den Physiker und Poeten Albrecht von Haller aus Göttingen, der aus der Heimat der Hardenberg-Wilthen AG stammte. Auch wenn einige Botanicals aus dem botanischen Garten in Göttingen kommen, gebrannt wird der Gin jedoch in Irland.

Um ein wenig marktkonform zu erscheinen, hat das Unternehmen einen kleinen "Trick" angewendet. Eines der erfolgreichsten Gin-Produkte auf dem Markt kommt aus der Laverstoke Mill in England: Bombay Sapphire. Das Getränk hat nicht zuletzt wegen seines Erscheinungsbilds, der blau schimmernden Flasche, international Erfolge feiern können (siehe auch unsere Artikel: Bombay Hampshire und Gin-Reise). Warum also nicht, zumindest farblich, adaptieren? Ein wenig erscheint der "Von Haller" Gin somit als kleine Kopie einer Weltmarke – mal abgesehen von der Größe und Form der Flasche. Denn die fielen dann eher traditionell aus: 0,5 Liter im angenehm kantigen Design.

Von Hallers Gin: 0,5 Liter gibt’s für etwa 30 Euro.
Von Hallers Gin: 0,5 Liter gibt’s für etwa 30 Euro.

 

Aber zu spät kommt ein solches Produkt unter dem Strich eigentlich nie. Sicher, der Gin-Hype hat sich zu einer Gin-Selbstverständlichkeit gelegt. Allerdings dürfte das Wacholderprodukt noch einige erfolgreiche Jahre vor sich haben. Was dann kommt? Wir werden sehen, was uns Bacardi, Diageo & Co. dann weismachen wollen, was Trend ist oder Trend zu sein hat. Verschiedene Versuche, zum Beispiel Tequila En Vogue zu machen, wurden in den letzten Jahren ja bereits mehr oder weniger erfolglos gestartet. Aber warten wir es mal ab.

FREIgeist

Doch nicht nur die Spirituosen formten das Unternehmen Hardenberg-Wilthen in den letzten Jahren. Im November 2015 öffnete in Einbeck im Landkreis Northeim (Kenner dürften das hier produzierte Bier kennen) mit dem FREIgeist Hotel ein weiterer Meilenstein im Geschäftsbetrieb der Aktiengesellschaft. 63 Zimmer im Baustil eines "freien Geistes": Design meets Motorsport. Denn neben den zahlreichen Utensilien wie an der Wand hängende Motorräder oder zu Tischen umfunktionierte Zylinderköpfe, befindet sich in direkter Nachbarschaft der PS.Speicher, in dem 130 Jahre motorisierte Fahrzeugentwicklung aus der Sammlung des Kaufmanns Karl-Heinz Rehkopf (gleichzeitig Investor des Hotels) ausgestellt sind.

Im Foyer des FREIgeist Hotel in Einbeck: Motorroller mit Bremsspur an der Wand.
Im Foyer des FREIgeist Hotel in Einbeck: Motorroller mit Bremsspur an der Wand.

 

Das Hotel ist ein Unikat geworden, keine Frage. Ein scheinbar guter Schachzug vom geschäftsführenden Gesellschafter Georg Rosentreter, der neben dem FREIgeist Hotel in Northeim (eröffnet 2008) bereits im kommenden Jahr ein neues und damit das dritte Projekt FREIgeist in Göttingen präsentieren kann.

Ebenfall präsentieren kann Reorg Rosentreter einen neuen Chefkoch für das "Novalis" Burghotel. Ab dem 1. März 2017 wird Christian Grebenstein neuer Küchenchef des Gourmetrestaurants sowie der Hardenberg KeilerSchänke. Der 35-jährige Grebenstein war zuletzt an den Küchenkreationen im The Ritz in London beteiligt, die im Oktober 2016 mit einem ersten Michelin Stern belohnt wurden!

Weitere Informationen unter:
www.hardenberg-wilthen.de, www.ps-speicher.de, www.freigeist-northeim.de, www.freigeist-einbeck.de und www.burghotel-hardenberg.de

Fotos: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 14/02/2017

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