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Dem Meer abgetrotzt

Fisch: für die meisten Menschen nur ein Griff ins Kühlregal. Für andere ein hartes Stück Arbeit.

Alpert van Slooten (50) sitzt seelenruhig auf seinem Sessel, vor ihm diverse Monitore. Striche, Kreise und Pfeile sind zu erkennen, für ungeübte Augen ein Wirrwarr an Formen und Farben. Für Alpert ein Wegweiser und Werkzeug die Weiten und Tiefen des Meeres zu lesen.

Als Kapitän des großen Fangschiffs ist er meist recht einsam. Nur eine Handvoll Männer tummeln sich auf und unter Deck. Die meisten Prozesse sind automatisiert, ausgerichtet, Zeit und Arbeitskraft werden am Ertrag gemessen. Und der unterliegt Schwankungen, ist abhängig von der Natur und den Routen, die von den Fischschwärmen gewählt werden.

Aber mit Erfahrung und der nötigen Portion Ruhe, die ein Fischer zweifelsohne haben muss, kommt er meist mit guten Ergebnissen zurück in den Hafen von Scheveningen. Doch, so erzählt er, die Zeiten haben sich geändert. Viele der Wege der Schwärme sind schwer anzusteuern, Windkraftanlagen queren die Routen, Gebiete, die er umschiffen muss. "Die Arbeit ist dadurch nicht leichter geworden", erzählt er weiter. "Doch mit der Erfahrung und dem nötigen Gespür, klappt es meistens", berichtet er lächelnd weiter.

Seebär Alpert van Slooten.
Seebär Alpert van Slooten.

 

Die See wenige Kilometer vor Den Haag ist in der Regel recht ruhig, die Sicht ist vielleicht mal schlecht. Doch unter Wasser kümmert das die Fische nicht. Die Netze rauschen ins Wasser. Zwei riesige Rollen lassen insgesamt sieben Kilometer Seil mit den Fangnetzen frei. "Drei bis vier Tonnen Fisch passen in ein Netz", so Alpert. "Das reicht für ein Abendessen", erzählt er lachend. Aber wenn die Netze voll sind, oder es zurück in den Hafen geht, ist es bis dahin noch weit. Denn eine gute Stunde dauert es, bis die Seile eingezogen sind und der Fang in die Frachträume verschwunden ist.

Gerade mal fünf Männer stechen täglich in See, trotzen der Kälte und ab und zu auch dem Wind. "Wenn die Wellen höher sind als drei Meter, haben wir Feierabend. Aber bis zu dieser Höhe können wir die Netze abrollen", erzählt er weiter. Auf seinem rechten Unterarm hat der Kapitän, fast klassisch, ein Segelschiff tätowiert. Auf dem linken Unterarm ein großer Frauenkopf. Am rechten Ohr wackelt eine große goldene Creole. Der in der Nähe von Amsterdam geborene Alpert van Slooten erfüllt wirklich fast jedes Klischee. Seit er 18 ist, befährt er das Meer. Ist Fischer aus Leidenschaft.

Vom Meer in die Auktion

Früh am Morgen steuert die niederländische Fischfangflotte, zu der auch Alpert van Slooten mit seiner Crew zählt, den Hafen an. Es ist noch dunkel, doch das Anlegen und das Löschen der Ladung erfolgen routiniert. Nur wenige Meter vom Anlegeplatz entfernt verschwindet der Fang hinter Rolltoren, wird sortiert und in Kisten verpackt.

Wenn der Fisch in die Hallen kommt, wird er sortiert und in Kisten verpackt.
Wenn der Fisch in die Hallen kommt, wird er sortiert und in Kisten verpackt.

 

Jetzt ist die Zeit der Fischhändler, Gastronomen und Großhändler gekommen. Die Kisten sind zu Hunderten gestapelt, hie und da fliegt eine Möwe durch die Halle, stets auf der Suche nach dem einen oder anderen Leckerbissen. Ebenso wie die Händler. Den besten Fisch suchen sie, um diesen entweder selbst zu verarbeiten oder an die Kunden weiter zu geben. Es ist ein wirres Treiben, das, verursacht durch die Maschinen und die lauten Rufe der Sortierer, durch die großen Hallen hallt. Doch gekauft wird hier zunächst nichts. Es ist eine Begutachtung, emsig notieren die Interessenten Kistennummern und deren Anzahl. Und dann geht es wieder ein paar Meter weiter in den eigentlichen Auktionsraum.

Wer jedoch auch hier ein illustres Treiben und Geschrei im Kampf um den Fang der Nacht erwartet, wird enttäuscht. Der Versteigerungsraum gleicht einer kleinen Arena mit steil aufeinander aufgesetzten Gängen, die jeweils nur einige Sitzplätze bieten. Ganz unten und über die gesamte Breite der Front erscheinen Zahlen, Uhren drehen sich und zählen rückwärts. Hier gilt es als Händler, die verteilt in den Reihen vor verschiedenen eigenen Monitoren sitzen, den richtigen Zeitpunkt zum Ersteigern der Ware abzupassen.

Allerdings gibt es kein gestikulieren, verhandeln um den Preis oder das Hochalten von Karten oder Schildern. Hier regiert die Computermaus, ein Klick und die Ware ist gekauft. Unter den Händlern sitzt in der vierten Reihe auch Arie Kuit. Er ist Koch, hat eine Kochschule und arbeitet mit Großhändlern wie dem Unternehmen Hanos zusammen, dass mittlerweile 19 Filialen in den Niederlanden hat und Hauptlieferant vieler gastronomischer Betriebe im Sternesegment ist.

Arie Kuit bei der Auktion.
Arie Kuit bei der Auktion.

 

Etwa 2000 Kilo Fisch ersteigert Arie täglich. Ob Sommer oder Winter, um sieben Uhr sitzt er in der Halle hinter den Monitoren und beobachtet auch Auktionen in anderen Teilen der Niederlande und Dänemark. Je nach Saison und Wochentag gehen die Auktionen bis zu zwei Stunden. Freitags, dem Tag mit dem meisten Umsatz, schließt die Halle erst um zehn.

Verarbeitung am Hafen

Aber natürlich bleiben nicht alle gefangenen Fische in den Niederlanden. Für die Verarbeitung und den Export haben sich verschiedene Firmen am Hafen angesiedelt. Die Bezugswege sind entsprechend kurz, fangfrische Ware kann innerhalb kürzester Zeit für den Versand in die LKWs geladen werden. Es sind Unternehmen wie zum Beispiel Den Heijer, die von der Garnele und Shrimps bis zum Hering alles verarbeiten. Ein Gang durch den Verkaufsraum zeigt: hier gibt es wirklich annährend jeden Fisch - frisch oder bereits gefroren und verpackt - zu kaufen.

Nur einen Steinwurf entfernt findet sich mit der Firma Jac den Dulk ein ganz besonderes Unternehmen. Hier werden alle Prozesse noch von Hand durchgeführt, das hier produzierte Matjesfilet sieht – mal abgesehen von der Verpackungseinheit – keine Maschine. Eine ganze Armada an Filetiererinnen steht an den Tischen und enthäutet, schneidet, filetiert und sortiert in einem unglaublichen Tempo. Der Boden ist bedeckt mit Fischresten und Blut, die Arbeiterinnen tragen Gummistiefel und Gummischürzen.

Filetieren im Akkord: Arbeiterinnen bei Jac den Dulk.
Filetieren im Akkord: Arbeiterinnen bei Jac den Dulk.

 

Jac den Dulk ist das einzige Unternehmen, das noch Matjes handfiletiert. Ein teurer Prozess, sicher. Aber der Erfolg gibt den Firmeneignern Recht. Ein Erfolg, gegründet auf Männer wie Alpert van Slooten, der täglich die See bezwingt und so die Grundlage für eine ganze Industrie rund um den Fisch in Scheveningen schafft.

Fotos: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 12/01/2022

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